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Samstag, 20. Juni 2015

Madonnenlilie































Du solltest niemals auf die Sonne warten,
sie kommt und geht und wartet nie auf Dich!
Gehe hinaus wo Lilien blühn im Garten
und warte dort auf mich.

Ich werde dort sein, jeden Tag,
sei Sonnenschein oder auch nicht,
ich warte dort ... weil ich Dich mag:
Du bist mein Sonnenlicht!

Wenn Du mich anschaust mit verklärtem Blick
und mehr als Weiß und Ocker in mir siehst,
dann flutet alles Licht in Dich zurück,
das aus der Sonne durch mich fließt.




















gelang 2015









Sonntag, 19. April 2015

Im Siebenmühlental - Ein Gedicht




























Noch lehnt die Sonne an den Tannenstämmen
die hangwärts Haupt in Haupt verschlungen stehn.
Sie ist bemüht die Strahlenflut zu dämmen, 
es ist schon spät, sie vor dem Untergehn.

Der Wind kommt leise, hier will er nicht stören,
und streift den Wald wie Saiten einer Harfe, sacht.
Da summt und tönt es in den Wipfeln ohne aufzuhören:
stumm geht der Tag und klingend naht die Nacht.

Das Firmament glüht auf in weiter Himmelsrunde,
die Sterne leuchten hell im Tannenreigenhaar.
Die bleichen Stämme schimmern selbst zur Mittnachtstunde
wie schlanke Kerzen, hoch und klar.

Steht dann der neue Tag, heut so wie gestern,
im Osten zitternd auf des Messers Schneide,
dann webt der Nebel Schleier für die Tannenschwestern
und streut Tauperlen auf die kühle Weide.

Ich will hier warten noch und träumen,
bis durch den Nebel Morgensonne bricht
und in den längst verstummten Bäumen
der erste Vogel einen Segen spricht.




















gelang 1964








Mittwoch, 12. November 2014

"Warten und hoffen und hoffen und warten"

Das ist ein, wahrscheinlich wenig bekannter, Schlager aus den 60er Jahren, als USAmerikanische und Englische Sangespersonen meinten, sie müssten die Hits ihrer Nationen mit deutschen Texten singen. Dieses etwas öde Liedchen trällerte Dusty Springfield.  Ein Hit war es wohl kaum.

Außer hoffen und warten muss man noch träumen vom Glück. Apropos Glück: Das suchte Johnny Cash damals auch, siehe oben rechts, da reimte sich "Gluck" mit "auf dem Weg zuruck." Süß!
Aber das ist natürlich nicht mein Thema, sondern, wie könnte es anders sein, wieder einmal meine Augen! Genauer gesagt: Diesmal mein linkes Auge. Gestern war es so weit.






















Als, bekanntlich, pünktlicher Schwabe, war ich schon um 10:15 in der Klinik. Der Warteraum war schon gut besetzt und es roch dementsprechend gemischt. Um 10:45 war auch der letzte Stuhl nicht mehr frei. Ich hätte nur noch einen Stehplatz bekommen!
Das Prozedere war wie immer.
"Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?"
"Ich habe einen Termin um 10:45 zum Lasern."
"Wie ist Ihr Name bitte?"
"Lang, Gerhard Lang."
"Augenblick ... Ah ja. Setzen Sie sich bitte noch, Sie werden dann aufgerufen."
Ich setzte mich. Wie gesagt, um 10:45 hätte sie sich den ersten Teil ihres letzten Satzes sparen können. Dann kam der Aufruf zur Sehstärke und Druck Messung. Sehstärke keine Verbesserung. Druck: Links 22, rechts 23.
"23?!"
"Ja."
"Das heißt, ich muss rechts auch wieder tropfen?"
"Ja."
Na, wenigstens wusste ich jetzt wo der Nebel vom Vortag her kam! Ein Trost war mir das allerdings nicht.
"Sie dürfen sich wieder setzen, Sie werden dann aufgerufen."
"Danke."




















Irgendwann setzte sich ein afrikanisch aussehender Mann, der sehr schüchtern war und höflich fragte, ob der Platz noch frei wäre, neben mich und versuchte das Anamnese Formular zu lesen und auszufüllen. Dazu nahm er seine Brille ab und musste nun seine Augen zu Schlitzen zusammenkneifen, um etwas entziffern zu können. Ich wusste schon, worauf das bei ihm hinauslaufen würde: Grauer Star. Operation. Später sah ich wie er sich seine OP Termine abholte. Ich hätte ihn warnen können, ihm sagen, dass er lediglich eine Lesebrille brauche. (Er hatte seine Brille auf den Tisch zwischen uns gelegt und war dann zum Telefonieren vor die Tür  gegangen. Ich setzte die Brille kurz auf, um zu sehen, ob sie zum Lesen überhaupt tauge. Es war aber eine Fernsichtbrille, allerdings nicht sehr stark, und für die Nähe wirklich nicht geeignet. Ich sah alles noch viel verschwommener als sonst.) Ich hätte sagen können, er solle sich eine zweite Meinung einholen. Aber ich schwieg.
Es wurde 11 Uhr. Es wurde 12 Uhr. Das Personal verabschiedete sich von den Kolleginnen zum Mittagessen. Die anderen Patienten hatten sich nach und nach in den anderen Wartebereich bei den Behandlungsräumen gesetzt und wurden dort aufgerufen. Der Flur leerte sich. Ich wartete.



Ein Mann, der sich zuvor geweigert hatte seine Augen zu öffnen, damit man die üblichen Messungen vornehmen konnte, wurde von seiner Frau, oder Mutter, wieder herein geführt und sie sagte zu der übrig gebliebenen Helferin (oder wie auch immer man sie nennt) dass man es jetzt noch einmal versuchen könne. Und tatsächlich, ich hörte ihn Zahlen und Buchstaben vorlesen und auch den Luftpuster beim Druck messen nahm er gelassen hin. Was sie ihm wohl gegeben hatten? Später hörte ich ihn lautstark mit seiner Frau/Mutter argumentieren, warum er denn zwei Termine für die Operation brauche. Sie versuchte ihm klar zu machen, dass er doch zwei Augen habe. Das sah er zwar ein. Die zwei Termine aber nicht. ...
Da war es allerdings schon beinahe 13 Uhr und ich wurde zu einer weiteren Voruntersuchung aufgerufen.
`Verdammt. Immer wenn es spannend wird!´ dachte ich.




























Meine Pupille wurde weit getropft und das Augeninnere durchleuchtet. Dann saß ich im anderen Wartebereich und wartete darauf, dass man meine Pupille noch weiter tropfte. Aber die Helferin, die das machen wollte, sagte, dass die Pupille noch weit offen sei. Ich hätte ihr ja sagen können, dass sich diese Pupille nicht mehr schließe seit der letzten OP, aber ich sagte nichts. Es stand doch alles in meiner Akte, oder etwa nicht? Dann setzte mich eine Helferin in den Behandlungsraum mit dem Laser Gerät und sagte: "Die Ärztin kommt gleich."
Das war gelogen. Mir blieb eine viertel Stunde, um den Apparat und die Umgebung auf mich wirken zu lassen. Das war ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte.










Der Sitz auf dem Platz zu nehmen ich gebeten wurde, war ein Hocker ohne Lehne. Nach einer viertel Stunde war mein Rücken völlig ange- und verspannt. Die Prozedur des Laserns dauerte weitere 15 Minuten. Während dieser Zeit lag mein Kinn in der dafür vorgesehenen Mulde und meine Stirn war gegen die Stirnstütze gedrückt und zwar so stark, durch Eigenanstrengung, dass mein Tremor nicht wirksam werden konnte.
(Hier muss ich einmal anmerken, dass ich jedes Mal auf den Tremor aufmerksam machen musste, dass man davon dann wohlwollend Kenntnis nahm, sich von dessen Auswirkung auf meinen Körper aber kein Bild machen konnte. Hätte man das gekonnt, wäre es sinnvoll gewesen, bei allen Eingriffen, meinen Kopf zu fixieren, so dass ich nicht gezwungen gewesen wäre die Operationen unter größter körperlicher Anspannung und Kraftaufwendung über mich ergehen zu lassen. Das wird bei der nächsten Sitzung nicht anders sein!) Sei's drum.
Über das Lasern lässt sich nicht viel sagen. Was genau da passiert wird einem ja nicht erklärt. Ein Arzt hatte das bei der, schon in einem anderen Kapitel beschriebenen, Voruntersuchung vage angesprochen, dass ca. 100 Impulse abgefeuert werden ... Wer es genau wissen möchte, kann danach googeln, ich habe allerdings keine aufschlussreiche Erklärung gefunden. Hier füge ich zwei Bilder ein, die den Stress für das Auge allein bei der Einstellung des Gerätes illustrieren sollen. Die Laserblitze sind dann grün und spitz wie Pfeile ...




























Das Auge wird mit Tropfen betäubt. Trotzdem ist es nicht ganz ohne Gefühl. Man spürt den Druck auf den Augapfel und manche der Laser Einschüsse. Und, wie gesagt, das dauert! Leider kann ich nicht meditieren, habe ich auch schon beschrieben, also fing ich nach zehn Minuten, als ich fürchtete die Beherrschung meines Körpers zu verlieren, an zu beten. Das Vater unser. Das Gegrüßet seist Du Maria. Das Ehre sei. Und zwischendurch immer wieder die Novene der `Wundertätigen Medaille´, die ich von der Pilgerfahrt nach Lourdes aus Paris mitgebracht habe ... aber das ist eine ganz andere Geschichte ... "O Maria, Du ohne Sünde empfangene, bitte für uns, die wir zu Dir unsere Zuflucht nehmen. Amen."
Es half bis zu dem Punkt an dem die Ärztin sagte: "So, fertig." und die Halterung aus meinem Auge nahm, durch die sie ihre Arbeit beobachtet und kontrolliert hatte.
(Ich habe in einem anderen Kapitel schon erwähnt, dass ein früherer Kollege, eigentlich der Betriebsleiter der Firma, zur Behandlung des Glaukoms gelasert wurde und beim zweiten Auge in Ohnmacht fiel.)
"Jetzt will ich nur noch einmal kontrollieren ob alles in Ordnung ist." hörte ich sie sagen.
Da stützte ich mich schon mit beiden Händen schwer auf den Gerätetisch und sah dass sich die Umgebung von hell- nach dunkelgrau färbte.
Zum Glück bemerkte die Ärztin meinen Zustand, stützte mich und sagte ich solle mich auf den Boden legen. Mir kam die Distanz dorthin sehr hoch vor und hielt mich auf den Beinen. Sie rief nach einer Helferin, aber die Tür zum Behandlungszimmer ist während des Laserns ja geschlossen, also hörte sie niemand. Einen Notknopf gab es nicht.
Dann sagte sie: "Setzen Sie sich in den Sessel da." und meinte den hinter dem anderen Gerät (siehe eine der Abbildungen weiter oben). Sie stützte mich und ich setzte mich in den Sessel. Sie schob mir den Hocker, auf dem ich zuvor saß, unter die Füße, so dass meine Beine hoch gelagert waren und lief dann hinaus auf den Flur und rief nach Hilfe. Aber da war das Dunkelgrau vor meinen Augen schon wieder heller geworden. Ich schaffte die Ohnmacht nicht. Habe ich übrigens noch nie geschafft, obwohl ich bei Blutabnahmen immer kurz davor bin, es sei denn ich darf mich dazu hinlegen.
Hilfe kam und brachte gleich ein Blutdruckmessgerät mit und die Ärztin holte einen Becher mit Wasser, das ich trinken musste, obwohl mir gar nicht danach war.
Die beiden sagten Dinge wie: "Er ist weiß wie Kreide."
"Aber er bekommt schon wieder ein bisschen Farbe."
"Trinken Sie noch einen Schluck."
"Jetzt messe ich Ihren Blutdruck."
"Er sieht aber schon wieder viel besser aus."
"Ja, wirklich. Ich glaube das Blutdruckmessen können wir uns sparen."
"Wie fühlen Sie sich jetzt?"
Ich fühlte mich schon seit längerer Zeit wieder so weit fit, dass ich meine Beine von dem Hocker nehmen wollte und mich wunderte, wen sie mit "er" meinten.
"Sie wollten doch noch kontrollieren ob alles in Ordnung ist." schlug ich der Ärztin vor.
"Ooooo nein!" rief sie.
Ich nehme an, dass ich ihr erster Beinaheohnmächtiger war.
Vielleicht wird ja jetzt in dem Raum ein Notrufknopf installiert?
Sie beobachteten mich besorgt auf meinem Weg aus dem Behandlungsraum zu einem Stuhl auf dem Gang. Ich schaffte es alleine und sie gingen beruhigt weg.
Jetzt entlud sich die ganze Anspannung meines Körpers in immer wiederkehrenden Tremorwellen, die mich schüttelten, als ob ich einen Epileptischen Anfall hätte. Kontrolle war unmöglich. Der Tremor findet normalerweise nur bei Anstrengung statt. Diesmal schien die Entspannung die Anstrengung zu sein. Irgendwann war es dann vorbei. Zeit nahm ich nicht wahr.
Schließlich kam eine sehr junge, hübsche Helferin und übergab mir den Brief für den Augenarzt. Sie sah mich mit einem Blick an, der sagen sollte, dass niemand über mich geredet habe, dass sie aber in Sorge um mich sei. Ich fand das sehr bewegend.
"Das ist der Brief für ihren Augenarzt." sagte sie und fügte ewas unbeholfen hinzu: "Sie dürfen jetzt gehen."
"Danke." sagte ich und meinte es so, setzte meine Sonnenbrille auf und ging.


Das Auge brannte als wäre es ein Feuer, aber wenigstens konnte ich noch sehen. Ich ging, auf dem Weg zum Augenarzt um den Brief abzugeben, über den Hoppenlau Friedhof und bemerkte, dass seit meinem letzten Durchgang viel Laub gefallen war. ...






Und im anschließenden Stadtgarten, wo ich als Lehrling, die Druckerei lag gleich um die Ecke, bei schönem Wetter meine Pausen verbrachte, hatte man angefangen die Gipsabgüsse der Figuren aus dem Lapidarium zu reinigen.
Ich wäre ungern blind. ...


Um 14:45 gab ich beim Augenarzt den Brief ab. Nächster Termin bei ihm am Di 18. Nov. um 14:15. Man sieht sich.


Freitag, 31. Oktober 2014

Mein Augenklinik-Jahr





























Hier hat es angefangen, ich weiß schon gar nicht mehr wann. Es war im März, denke ich, als ich zum Augenarzt ging, weil ich manchmal für kurze Zeit alles wie durch eine Milchglasscheibe sah. Glaukom, diagnostizierte dieser und gleich auch noch Katarakt, im Volksmund bekannt als grüner und grauer Star. Es sei nicht alarmierend, meinte der Arzt, man könne das eventuell mit Tropfen in den Griff bekommen. Das war am Montag oder Dienstag. Eventuell war dann am Freitag vorbei, als ich einen Glaukom-Anfall erlitt, der "Wurst Käs" (worst case) für das Auge und extrem schmerzhaft! Da meldete ich mich dann hier und ... Ja, steht alles in meinem Blog. Das Kapitel dazu, "Grau oder grün" überschrieben, mit dem alles anfängt. Veröffentlicht habe ich das am 9. April ... 
Heute ist der 31. Oktober. Gestern hatte ich einen Termin in der anderen Klinik, zu der ich wechselte, weil in der ersten ein Fernseher hoch oben an der Wand war und ich, nach 4 Tagen allein im Zimmer, einen `Zimmerkollegen´ bekommen sollte, der sich gleich bei seiner Ankunft freute, dass er dann  "Fußball kucken" könne. Noch bevor er das Gerät einschalten konnte, habe ich mich selbst entlassen ...
Zurück in die Zukunft.



























Ich war pünktlich, sogar eher zu früh, 7:40, und dachte schon, ich müsste vor verschlossenen Türen warten. Das Wartezimmer war voll! Ich nahm Platz und vor mir erstreckte sich wieder einmal die Öde eines Klinik Flurs. `Willkommen daheim.´ dachte ich.






Über das Warten in Augenkliniken habe ich schon in einem anderen Kapitel geschrieben. Daran hat sich nichts geändert, außer dass ich diesmal in dieser Klinik extrem lange warten musste, was ich nicht gewohnt war. 1 ½ Stunden bis ich in das erste Behandlungszimmer gerufen wurde, nachdem ich schon eine halbe Stunde in der Anmeldung, siehe oben, auf die obligatorischen Voruntersuchungen gewartet hatte. Es war also inzwischen 9:45.









Den Arzt kannte ich schon und er erinnerte sich sogar an mich. Mein Charisma? Kleiner Scherz. Er ist, oder wirkt zumindest, sehr jung. Ich bin in letzter Zeit immer wieder verblüfft, wie jung die Leute alle sind, die Berufe ausüben, die ich mit `Alter´ in Verbindung bringe. Mein Hausarzt ist zwar auch nicht übermäßig alt, hat aber schöne, weiße Haare. ... Der junge Herr Doktor rekapitulierte den Befund meiner Augen im Allgemeinen, nichts Neues, und meinte abschließend, dass man eine Gesichtsfeldmessung machen müsse und wir uns dann wieder sehen würden. Danke Herr Doktor.
In Shakespeare-Dramen folgt auf eine dramatische, schwere, oft eine komische, leichte Szene, um das Ganze aufzulockern. Das funktioniert sogar bei "Romeo und Julia".
Gesichtsfeldmessung ist anstrengend und dauert, gefühlt, recht lang. Danach ist man froh, wenn man wieder warten darf. Inzwischen war die Kapazität des Warteraums bis an seine Grenzen erschöpft. Sitzplätze mussten schon beinahe per Los vergeben werden. Da war man über jede/n Patient/in im Rollstuhl dankbar.



Die ältere Frau, ich schätzte sie allerdings auf Anfang 60, wurde von ihrer Tochter, so um die 35, und deren Sohn, etwa 16, begleitet. Wenn ein Migrationshintergrund vorlag, dann höchstens ein badischer. Die Kleidung war provinziell einfach und die Sprache laut und ... (Ich übersetze ins Hochdeutsche.)
Patientin zur Tochter: "Hast Du ein Bonbon?"
Tochter zur Mutter: "Nein, einen Bonbon habe ich nicht, aber einen Kaugummi. Möchtest Du einen Kaugummi?"
Mutter: "Nein, einen Kaugummi möchte ich nicht. Gibt es keinen Bonbon?"
Der Sohn der Tochter zur Mutter seiner Mutter: "Doch, da vorn in der Anmeldung gibt es Bonbons. Ich hole welche wenn ihr wollt."
Seine Mutter: "Ja, tu das. Geh shopping." Er geht.
Die Patientin, kaum dass der Sohn der Tochter fort ist: "Jetzt ist es in die Hose gegangen."
Tochter, holt tief Luft: "Warum hast Du denn nichts gesagt?!"
Ihre Mutter: "Das geht so schnell."
Anmerkung des Autors: Wo sie recht hat hat sie recht!
Tochter holt wieder tief Luft, bleibt aber sprachlos. 
Ihr Sohn kommt zurück mit Bonbons und wickelt schon eins für die Oma aus.
Tochter: "Lass das. Wir gehen jetzt erst einmal auf die Toilette. Setz Du Dich hier her und wenn wir aufgerufen werden, sagst Du, dass wir auf der Toilette sind." Sie schiebt die Mutter zur Toilette.
Es wir "Herr Piel" aufgerufen.
Die Dame neben mir: "Ja! Hier!"
Die Dame neben ihr: "Nein, das war doch Herr Piel."
Die Dame neben mir. "Ach so. ... Der gleiche Name ... Obwohl, ich heiße ja Pill. So können Verwechslungen entstehen, die verheerende Folgen haben können." 
Die Dame neben ihr: "Jaja."
Die Dame neben mir: "Es kommt auch auf die Aussprache an. ... Und wie der Name geschrieben wird. ... Der Herr könnte ja auch P i e h l heißen. ... Aber wenn es schlampig ausgesprochen wird, kann sich Piel wie Pill anhören."
Die Dame neben ihr: "Ja Frau Pill. Aber es hieß ja `Herr´ Piel."
"Herr Lang!"  wird aufgerufen. ... Ich gehe ungern.





Der junge Herr Doktor kommt mir entgegengeeilt (so ein langes Wort mit fünf "e" Buchstaben! WOW!) und sagt: "Setzen Sie sich doch bitte schon einmal in das Behandlungszimmer da vorne, links. Ich komme gleich. Und weg ist er. Ich setze mich. Auf den Monitoren sind Daten und Bilder und auf dem Tisch liegen meine Sehfeld-Aufzeichnungen. Soll ich mal ein bisschen blättern und scrollen? Bin doch ich. 


Macht man natürlich nicht! Und irgendwann kommt der Herr Doktor wieder. Jaaaaaaaa, also an Ihrem Gesichtsfeld hat sich nicht viel verändert. Genau gesagt: es hat sich gar nichts verändert. Aber sie sehen besser als vor der OP. War das die gute Nachricht? Anscheinend ja. Für den Rest möchte er den Chefarzt dazurufen. Der ist auch gleich da und bedenkt mich mit einem streifenden Blick.
Der streifende Blick von Ärzten ist wohl weltweit gleich. Ich nehme an, dass er ein Teil ihres Studiums ist. Er beinhaltet zuerst einmal allgemeines Anerkennen des Menschlichen, ohne dieses positiv zu klassifizieren. Gleichzeitig fragt der Blick: Wird der mich verklagen? und sagt synchron: Wehe Du verklagst mich.
Der Chef streift mich also mit diesem Blick, sieht dann meine Akte ein und sagt: "O Gott, das ist ..." Er erinnert sich und ich bestärke ihn in seiner Annahme, dass ich der Patient bin, zu dem er während der OP dringend gerufen wurde, nachdem der Chirurg gesagt hatte: "Das ist eine Katastrophe!" Das war immerhin schon vor beinahe zwei Monaten! Ich scheine einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Beliebt gemacht habe ich mich allerdings nicht.
Und dann kommt die schlechte Nachricht. Meine Iris ist permanent geschädigt. Beim Versuch sie wieder in den Griff zu bekommen und zu befestigen, entstanden kleine Löcher. Durch diese Perforationen fällt nun Licht in das Auge und produziert dort, neben dem Bild der Pupille, eigene Bilder. Deshalb sehe ich doppelt, oder versetzte Konturen. Auch die Strahlen und Lichtblitze werden dadurch verursacht. Und meine Pupille schließt sich nicht mehr über einen gewissen Punkt hinaus. Deshalb ist die Lichtempfindlichkeit auch unumkehrbar. Man könnte, sollte es mir wirklich, wirklich und absolut unmöglich sein, mit dieser Situation zu leben, versuchen die Regenbogenhaut zu nähen ... ABER ... Allerdings ist mein Augendruck immer noch zu hoch. Wenn ich nicht für den Rest meines Lebens meine Augen tropfen möchte, was wegen meines Tremors nicht gut möglich ist, sollte man da beide Augen noch einmal lasern ...
Ich erklärte mich damit einverstanden, unterschrieb und ließ mir Termine geben. Am 11. 11. ist der erste. Zum Glück sind wir nicht im Rheinland! Am 2. 12 wäre ich dann fertig. Da kann ich wohl mit Recht sagen: Mein Augenklinik-Jahr. Um 11:30 verließ ich die Klinik. Allerdings entschuldigte sich der junge Doktor dafür, dass es so lange gedauert hatte. 
Draußen ist Herbst und ich kann ihn sehen, was will man mehr?



Übrigens ist das mein zukünftiger Outdoor Look. Die Mütze brauche ich für die Licht- und Sonneneinstrahlung von oben. Von der Notwendigkeit gestylt kann ich da nur sagen.































Montag, 22. September 2014

Geduld und andere Tugenden


Man sollte, wenn man einen essentiellen Tremor hat, nicht versuchen gerade Linien, Kreise und Spiralen zu malen. Das geht schief, vielmehr wird wellig. Siehe oben.
Das sollte die "Goldene Faden Maschine" darstellen, die mir als Traumbild zum Thema geduldiges Warten (siehe das entsprechende Kapitel) durch den Kopf geisterte. Ging gehörig daneben. Jetzt fällt mir lediglich auf, dass sie einer liegenden Sphinx ähnelt. Oder einer Schnecke? Wobei ich bei der Geduld angekommen bin. (Da stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob Schnecken sich als geduldig empfinden, oder ständig mit ihrer Langsamkeit hadern.)
Die Geduld ist eine Tugend. Wobei dieses Wort von taugen abgeleitet ist ... aber das ist eine längere,   zwar auch spannende aber eben andere Geschichte. 
Es gibt sieben christliche Tugenden, die einerseits auf die biblischen Zehn Gebote, andererseits auf Jesus' Bergpredigt zurück gehen. Die Geduld steht bei den sieben in der Mitte. Typisch und logisch! Geduld ist der Mittelpunkt eines geduldigen Menschen, oder etwa nicht? (Man bewundert ja die Geduld von Katzen, die einer Maus auflauern, aber ich denke, dass sie eher ungeduldig sind, weil sie spielen wollen, oder schlichtweg Hunger haben.) 
Es gibt auch noch drei göttliche (theologische) Tugenden, deren mittlere die Hoffnung ist.
Seit beinahe vier Wochen hoffe ich, dass mein linkes Auge sich normalisiert und ich endlich wieder gut sehen kann!
Und mein Augenarzt sagt: "Geduld. Das kann auch sechs Wochen dauern." Jetzt soll ich also eine Tugend aufbringen, die den meisten Menschen nicht liegt. Womit ich geduldiges Warten meine. Normale Geduld? OK, kein Problem. Ich kann mit Sekundenkleber gut arbeiten. ("Scheiße!" artikuliere ich nur, wenn der zu klebende Gegenstand auseinander fällt, meine Finger aber innig verbunden sind.) 
Jetzt bleibt mir also nur noch die Hoffnung (die bei Sekundenkleber wenig taugt), die keinen all zu guten Ruf hat, von wegen sie stirbt. Zwar zuletzt, aber tot ist tot.
Soll ich mich zu Tode hoffen?
Dazu fehlt mir die Geduld!
Ich sehe schon: Ich bin ein wenig tugendhafter Mensch. Aber damit kann ich leben. Zumindest die nächsten zwei Wochen ...

Samstag, 13. September 2014

Warten - Zwischen Tag und Traum


Wohin gehen wir in den Sekunden die uns vom Schlaf trennen? Welcher letzte oder erste Gedanke schafft die Bilder, die sich so lebendig ins Bewusstsein drängen? In Fernseh-Dokumentationen heißt es nach solch grundsätzlichen Fragen, die unbedingt eine Antwort verlangen:
"Wir wissen es  nicht  und werden es wahrscheinlich nie erfahren."
Dieser frustrierenden Aussage habe ich nichts hinzu zu fügen.
Ich sah Figuren des Wartens. Dass mich das Thema "Warten" in letzter Zeit konkret beschäftigt ist ja bekannt, also ist der Anlass für die "Erscheinungen" zumindest geklärt. Allerdings habe ich nie über die Formen des Wartens nachgedacht, und diese drängten sich mir an diesem Morgen auf. Eine habe ich, noch im Halbschlaf, aufgezeichnet, dementsprechend sieht sie aus.


Es ist "Das ungeduldige Warten". Eine männliche Gestalt, ohne Gesicht, in ein schwarzes Gewand gehüllt, (auch der Kopf ist bedeckt) mit einem schwarzen Skateboard in der Hand. Er geht unruhig auf und ab, hin und her, das Board immer am ausgestreckten Arm. Er befindet sich auf einem weißen Hintergrund, als wäre er auf Papier unterwegs, (wie die anderen Erscheinungen auch) wirft keinen Schatten und redet ständig. 
Analog dazu fiel mir nachher der Mann ein, der im Wartebereich der Augenklinik mit seiner Frau telefonierte, es ging um "kleine, blaue Pillen", und kein Ende finden konnte, als hätte er große Angst vor der Einsamkeit danach.


Als nächstes erschien "Das geduldige Warten", dessen Sinn mir Anfangs nicht so richtig aufgehen wollte. Es war eine aus Golddraht ständig wachsende "Maschine" mit unendlich vielen Zahnrädern, wie die in einem Uhrwerk. Eine Frau, ganz weiß gekleidet, war mit der Maschine beschäftigt, ohne sie zu "bedienen", vielmehr beobachtete sie deren Wachstum und berührte sie nur hin und wieder ganz sanft, beinahe zärtlich. Der Gedanke ging mir auf: die Maschine ist die Geduld und nur das "ewig Weibliche" im Menschen bringt sie auf. Tut mir Leid, wenn das nicht allgemeine Zustimmung findet, aber, wie gesagt, es war ein Traumbild. Ich habe erst gar nicht versucht es zu malen. 
Aber ich musste an die Frau denken, die in der Augenklinik ständig mit sich selber sprach, als würde sie sich schützend in ein feingesponnenes Netz aus Worten hüllen.


Danach sah ich "Das hoffnungsvolle Warten". Es überraschte mich kein bisschen, dass es ein grünes Pflanzenwesen war, aus dessen üppigem Blattgeflecht sich ständig bunte Blüten hervorschoben, die rasch wieder verblühten und abfielen. Damit konnte doch nur mein Hibiskus gemeint sein, mit dem ich mich in den letzten Tagen mehr als sonst beschäftigt hatte. Mein Unterbewusstsein arbeitete auf Hochtouren! Wobei es der Pflanze mehr als schmeichelte!! Siehe unten.






























"Das verzweifelte Warten" erschien in Flammengestalt: zuckend, sich windend, tanzend, wachsend, schwindend, männlich und weiblich, jung und alt zugleich. Ich hatte den Eindruck, dass der weiße Papierhintergrund Feuer fangen und zu Asche zerfallen müsste, alles Existierende auslöschend. Es geschah nicht, aber das Gefühl der Erwartung und der Panik war spürbar. 
Vielleicht geisterte da das Bild einer rothaarigen Frau, die sich vor einer Tafel mit Hinweis auf das Rauchverbot eine Zigarette anzündete, das ich erst vor einigen Tagen fotografierte, durch mein Gedächtnis ... 


Dann schlug die Uhr im Schlafzimmer sehr laut und mahnend die zehnte Stunde und ich war endlich wach. 
Jetzt frage ich mich, ob es wirklich nur diese vier Formen des Wartens gibt. Und warten Tiere? Können sie `Warten´ empfinden, als frustrierendes Nichtereignis wie wir? Werde ich die Antworten jemals erfahren? Ich bin gespannt und warte.

Dienstag, 15. April 2014

Wer mit Allem rechnet, wird von nichts überrascht!

Aber was ist "Alles". Man kann nicht alles Wissen und deshalb auch nicht damit rechnen. Ich wusste, dass mein Augeninnendruck zu hoch ist. "Glaukom", sagte der Augenarzt, und "Grüner Star". Das war beunruhigend, Menschen mit grünem Star erblinden oft. Das will ich ja nicht! Aber der Arzt meinte ja auch, das "wir" das mit Tropfen in den Griff bekommen könnten. Siehe das vorhergehende Kapitel.
Ich "tropfte" also von Dienstag der vergangenen Woche bis zum Freitag. Alles Paletti, wie schon geschildert. Dann kam der "Schwarze Freitag" für mich. Na ja, nicht richtig schwarz, da hätte ich ja gleich voll Panik bekommen, eher weiß. Ich packte gerade meine Sachen zusammen für das Kieser Training, als ich rechts über dem Auge einen sehr starken Kopfschmerz bekam und gleichzeitig sah ich mit dem rechten Auge nichts mehr. Nur dass es hell war konnte ich sehen wenn ich das linke Auge mit der Hand bedeckte, und völlig verschwommene Konturen der Gegenstände ringsum. Ich stand, quasi, im Nebel. Der Schmerz kam im zwei Sekunden Takt pulsierend: stark, schwächer, stark ...  schwach wurde er nicht. Solche Kopfschmerzen hatte ich nie zuvor und hoffentlich nie wieder!
Was tun, wenn nichts falsches? Vielleicht geht es wieder weg, dachte ich, wenn ich ein Aspirin nehme und mich ein bisschen hinlege. Der Kopfschmerz wurde tatsächlich nach einer halben Stunde weniger, aber das Sehen verbesserte sich nicht. Also rief ich beim Augenarzt an. Freitag Nachmittag, 13 Uhr 30. Feierabend. Und jetzt? Ein Augennotfallproblem hatte ich noch nie zuvor. Ich entschied mich, meinen Hausarzt aufzusuchen, der arbeitet auch am Freitag Nachmittag noch. Zum Glück musste ich nicht lange warten. Rat wusste der Allgemeinarzt natürlich auch keinen anderen, als mir eine Überweisung in die Augenklinik im Katharinenhospital auszustellen.
An diese hatte ich keine sehr vorteilhafte Erinnerung. Mein Freund Walter hatte einmal eine Blutung im Auge, es sah schrecklich aus, als würde er jeden Augenblick Bluttränen weinen, und ich fürchtete, dass er einen Schlaganfall oder etwas ähnliches habe. Obwohl wir die einzigen Wartenden waren, dauerte es über eine Stunde, bis wir ins Behandlungszimmer gerufen wurden. Er, nicht wir. Ich motzte draußen die arme Sprechstundenhilfe an, die ja nun wirklich nichts dafür konnte. ... Es ging alles gut. Ein Äderchen war im Auge geplatzt, durch hohen Blutdruck vielleicht. Schwamm drüber.

"Hier also sind die Schreckenspforten, die Tod und Untergang mir dräun." hätte ich mit Mozarts Tamino aus der Oper "Die Zauberflöte" singen können. Aber danach war mir nicht zumute. Ich ging erst einmal einige Schritte daran vorbei, hielt mein linkes Auge zu, leider nur Nebel im rechten. Es musste also sein.

Dieser Flur war mir sogar noch in Erinnerung, aber schließlich hatte ich ja damals auch 1 ½ Stunden Zeit ihn auf mich wirken zu lassen. Beruhigendes Grün.



























Und das erwartete mich jetzt! Hatte ich mich eine unbekannte Versuchstechnik auf den Flughafen gebeamt? Was wollten alle diese Leute hier? War Besuchszeit in der Anmeldung der Ambulanz statt Sprechstunde? Und das am Freitag Nachmittag, an denen sonst nur die Züge nach Karlsruhe so voll sind. Ich war überrascht! Dass so viele Menschen Augenkrank sein können hätte ich nie gedacht. Und dass diese wirklich Beschwerden haben müssen, um sich diesem Andrang zu stellen, war mir schon klar. Niemand liefert sich ohne Not stundenlangen Wartezeiten aus.
Und es wurden Stunden!
Zuerst informierte mich allerdings die Empfangsperson, vom Stress schon etwas angenervt, dass meine Überweisung keine Gültigkeit habe. Nur ein Augenarzt, ("Sie sind doch bei einem in Behandlung?) sei ermächtigt, Patienten in eine Augenklinik zu überweisen.
Zum Glück senkte sich in diesem Moment ein Schleier undurchdringlicher Geduld auf mein Gemüt, dichter als der hinter meinem rechten Auge. Eingeschüchtert bekannte ich mich zur Unkenntnis dieser Regel.
"Dann nehme ich Sie eben jetzt als Notfall auf und sie erhalten die entsprechende Behandlung und auch eventuelle stationäre Einweisung." beschied sie mich. "Aber wenn sie zu Folgebehandlungen wieder zu uns kommen müssen, brauchen Sie eine Überweisung ihres Augenarztes, dass das klar ist."
Es war mir klar.
"Dann melden Sie sich jetzt im Behandlungszimmer an. Zimmer 3."
Ich meldete.
"Sie werden dann aufgerufen." sagte die Helferin und sah durch mich hindurch die anderen Wartenden an. 
Die müssen hier unter Sedativen stehn oder keine Nerven haben, dachte ich.
Warten will gelernt sein. Ich habe es schon als Kind gelernt, wenn ich mit dem Herr Doktor zu Krankenbesuchen auf dem Land in seinem Auto mitfahren durfte. Es war nach dem Krieg und Autos waren rar. In dem ländlichen Städtchen, in das wir evakuiert wurden als die Bomben Stuttgart immer unbewohnbarer machten, hatte nur der Herr Doktor eins. Also war ich immer glücklich, wenn ich auf dem Rücksitz mitfahren durfte. Seine Patienten waren weit verstreut auf den Bauernhöfen, und manchmal wurde es Mittagszeit und wir waren nicht zurück in der Gemeinde. Dann lud man den Herr Doktor natürlich zum Mittagessen ein und das konnte dauern! Er hatte längst vergessen, dass ich im Auto war. Aber das machte mir nichts aus. Ich wartete eben, stieg nicht einmal aus um eventuell mit den Kühen zu reden. Bei solch einer Gelegenheit meinte der Herr Doktor, als er wieder einmal feststellte, dass er einen Fahrgast hatte: "Ja Du bist ja immer noch da und wartest! Du wirst sicher einmal ein Philosoph." Er hat mich übrigens nie gefragt, ob ich denn keinen Hunger hätte. Ehrlich gesagt kann ich mich an kein Hungergefühl in diesen Stunden erinnern.
An diesen Freitag hatte ich aber nur früh morgens ein unbelegtes Croissant gegessen und zwei Tassen Kaffee mit etwas fettarmer Milch getrunken. Jetzt hatte ich Hunger. Aber die Augenklinik des Katharinen-Klinikums liegt abseits vom eigentlichen Krankenhaus, in dem sich Kiosks und eine Cafeteria befinden. Hier stand lediglich ein Automat mit Ritter Sport Schokolade, Snickers und Co. Nicht einmal ein Päcken gesalzener Erdnüsse war im Angebot. Ich zog, aus Versehen, ein Snickers, die Tafel Schokolade hatte eine andere Nummer.
Die Untersuchungen waren vielfältig, die Geräte zahlreich. 
Zwischendurch: warten. 
Augendruck messen ist immer unangenehm. Der Druck im rechten Auge war 60 mm H...
Also extrem hoch. Eigentlich hätte meine Linse quer durch den Raum katapultiert werden müssen.
Glaukom oder eine Arterienverengung? Glaukom wäre das geringere Übel. Die andere Variante ist ein entzündlicher Prozess im Schläfenbereich und muss durch eine Biopsie therapiert werden. 
"Das Dumme ist nur, dass der Arzt der sich damit auskennt nicht im Haus ist."
Man klärte mich auf, dass im Fall einer Entzündung, diese auch auf das linke Auge übergreifen könne und, im worst case, zu völligem Sehverlust führen würde.
Besorgte Gesichter vertieften den Eindruck der ernsten Lage.
Ich stimmte der, eventuellen, Biopsie zu. Das bedeutete sofortige intravenöse Gabe von hochdosiertem  Kortison und es bedeutete stationäre Aufnahme in der Klinik.
Inzwischen war es 19 Uhr. Der Hunger war mir vergangen, aber ich wollte doch noch einmal kurz nach Hause, um wenigstens etwas anderes anzuziehen. Kein Problem. Ich musste mich nur kurz auf der Station melden, damit die meine Akte schon hatten und alles vorbereiten konnten. Kein Problem. Aber ich solle dann um das Gebäude herum gehen und den Nachteingang benutzen, weil die Haupttüre demnächst abgeschlossen würde. Kein Problem.
Auf den Omnibus musste ich nur 8 Minuten warten und ich hätte ihn beinahe verpasst, weil ich solch kurze Wartezeiten nicht mehr gewohnt war.
Daheim zog ich mich um, packte noch extra Unterwäsche und Socken ein, im Fall es mehr als eine Übernachtung werden sollte. Es sollte! Dann aß ich einen Apfel, steckte zwei zu meiner Wäsche, nahm das Ladekabel für das iPad mit und, für alle Fälle, auch noch das iPad Mini. Man kann nie wissen.
Trotz meiner Beeilung war es beinahe 22 Uhr 30 als ich die Nachtglocke betätigte und die Treppe in den dritten Stock hochstieg zur Station K3.
Das nächste Kapitel ist überschrieben: Krankenhausaufenthalt. Es wird interessant. Und ganz am Ende werde ich meine wunderbare undurchdringliche Geduld verlieren ... Aber das eben ganz am Ende.

Montag, 6. Mai 2013

Das ist das dritte Kapitel, wenn ich mich nicht täusche

Der 25. Februar 2013 zieht sich dahin ...

Warum glauben die meisten Flugreisenden, sie würden keinen Platz im Flugzeug bekommen, wenn sie nicht beim Aufruf zum Boarding ganz vorn in der Schlange stehen? Jede/r hat doch einen registrierten Sitzplatz, die Bordkarte, der ihr/ihm von niemand auf Dauer streitig gemacht werden kann. Trotzdem springt der Großteil der Wartenden von den Sitzen auf, auch wenn nur ein Rauschen aus den Lautsprechern kommt. Es kann unmöglich Erbgut aus der Steinzeit sein. Das legt nahe, dass die Theorie vom Besuch Außerirdischer, die die Menschheit manipuliert haben sollen, nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Wer weiß was auf anderen Planeten alles passiert ist, von dem die Außerirdischen annahmen, dass es auf der Erde auch passieren könnte, weshalb sie dann die menschliche DNA so veränderten, dass sie ab einem gewissen Entwicklungsstadium auf bestimmte Reize mit Alarmbereitschaft reagieren. Es gibt ja immer noch Menschen, die den Krieg, den Zweiten Weltkrieg!, miterlebt haben und die beim Aufheulen von Sirenen beim Probealarm der Feuerwehr automatisch nach dem nächsten Luftschutzraum Ausschau halten, oder zumindest ein ungutes Gefühl irgendwo im Unterbewusstsein spüren.



Und dieses Gen ist dann auch dafür verantwortlich, dass Flugpassagiere beim Boarding sich wie Schafe vor dem Gatter zum Ausgang drängen. Eine andere Erklärung, auch wenn diese hier recht dürftig ist, gibt es nicht! Damit kann dieses Thema abgehakt werden. Oder hat jemand einen plausibleren Vorschlag?
Ein anderes ist das Wort "Boarding". Gibt es dafür keinen deutschen Begriff? Ich habe überlegt, dass man "Besteigen" sagen könnte, aber das hat irgendwie einen sexuellen Beigeschmack, der nicht unbedingt erfreulich ist. Wikipedia schlägt "Einsteigen" und "An Bord gehen" vor. Beim ersten denke ich allerdings an Einbrecher und beim zweiten an ein Schiff. Das würde nahe legen, dass man wieder "Luftschiff" in den Sprachgebrauch übernimmt, aber das ist irgendwie unwahrscheinlich. Außerdem finde ich den Begriff schlichtweg unzutreffend. Schließlich sagt man ja nicht, im Gegensatz zum Luft-, Wasserschiff. Ein Schiff schifft nun mal auf dem Wasser, notfalls auch unter, wenn es dafür von der Konstruktion her geeignet ist. Abgesehen davon sind nur zeppelinähnliche Fahrzeuge Luftschiffe. Ich habe das gegoogelt. Bleiben "Aeroplan" und "Flugzeug" übrig. Und da frage ich mich eben, warum man diese mit "Boarding" betritt. Wenn alles in das man einsteigt geboarded wird, dann müsste ich doch auch mein Bett boarden, statt zu sagen "Ich geh jetzt ins Bett". 
Diese und ähnliche Gedanken beschäftigen mich, während ich in der zugigen Halle sitze und darauf warte, dass ich als letzter das Gate passieren kann. Wer zuletzt den Flieger betritt, muss am kürzesten auf den Abflug warten, das ist meine Logik. Es ist die einzige Logik. 
Schließlich ist wirklich nur noch ein mickriges Häufchen Passagiere übrig, das leger und locker zum Gate schlendert, darunter auch ein Mann im Rollstuhl. Dieser wird geschoben. Da das Flugzeug auf dem Vorfeld parkt und wir nicht über die Fluggastbrücke boarden können, sondern den Vorfeldbus nehmen müssen, verzögert sich durch den Rollstuhlfahrer alles noch ein bisschen.
Ab hier wird es ungemütlich.
Es ist ein kalter, schneeregenreicher, windiger Morgen. Von meinem Wetter-App weiß ich, dass es in Antalya mittags, bei unserer Ankunft, 23 Grad warm sein wird. Also habe ich auf "zu viel" Kleidung verzichtet. Das bedauere ich jetzt! Es ist scheißkalt!! Der Wind peitscht die Mischnässe aus Schnee, Eispartikeln und Regen waagrecht über das Rollfeld, das durch die flugtechnisch bedingte offene Lage keinen Windschutz hat. Zum Glück dauert das Boarding des Vorfeldbusses nicht all zu lange, aber doch lange genug um die Restwärme, die der Bus vielleicht noch hatte, zu den Türen hinauszupusten, während vier starke Männer den Rollstuhl samt dessen Insassen umständlich an Bord hieven. Das war das einfache Manöver.
Das schwierige kommt an der Gangway. Natürlich soll der Rollstuhlfahrer zuerst an Bord, warum auch immer, wir sind nur noch vier Passagiere nach ihm. Ich denke, das Schicksal will mir hier klar machen, dass meine Logik, siehe oben, zwar stimmt, aber nicht unbedingt klug ist. 
Selbstverständlich kann man den schweren Mann nicht im Rollstuhl die Gangway hinaufschieben, schon wegen der Querleisten, die Treppen simulieren. Außerdem wiegt er mindestens zwei Zentner, vorsichtig unterschätzt. Und überhaupt muss der Rollstuhl in den Frachtraum. Drei Männer schieben und ziehen und halb tragen den Mann also Zentimeter um Zentimeter die Gangway hinauf, während der vierte den Rollstuhl wegrollt. Und wir vier, die wir am kürzesten auf den Abflug warten wollten, stehen in unseren antalyatauglichen Klamotten am Fuß der Gangway und müssen uns gedulden, bis der Rollstuhlfahrer im Flugzeug auf seinem Platz angeschnallt ist. Ich fühle mich fünf endlos lange Minuten wie Asmussen am Südpol. Ja, ich weiß, es muss Amundsen am Nordpol heißen, aber das ist mir in dem Augenblick scheißegal!
Wie erwartet ist mein Platz, dritte Reihe, Gang, nicht besetzt. Ich hätte sonst einen Schreikrampf bekommen, wenn auch noch der zweite Satz im  ersten Absatz dieses Kapitels ad absurdum geführt worden wäre.
Und noch etwas tröstet mich: Jonathan und seine Eltern sitzen nicht in meiner Hörweite. Dreieinhalb Stunden "Vater" und "Mutter" hätte ich nicht verkraftet!
Trotz des zeitraubenden Boardings des Rollstuhlfahrers startet die Maschine auf die Minute genau und bald sind wir über den Wolken, wo die Freiheit ... Aber das ist ein anderes Kapitel.