Aber was ist "Alles". Man kann nicht alles Wissen und deshalb auch nicht damit rechnen. Ich wusste, dass mein Augeninnendruck zu hoch ist. "Glaukom", sagte der Augenarzt, und "Grüner Star". Das war beunruhigend, Menschen mit grünem Star erblinden oft. Das will ich ja nicht! Aber der Arzt meinte ja auch, das "wir" das mit Tropfen in den Griff bekommen könnten. Siehe das vorhergehende Kapitel.
Ich "tropfte" also von Dienstag der vergangenen Woche bis zum Freitag. Alles Paletti, wie schon geschildert. Dann kam der "Schwarze Freitag" für mich. Na ja, nicht richtig schwarz, da hätte ich ja gleich voll Panik bekommen, eher weiß. Ich packte gerade meine Sachen zusammen für das Kieser Training, als ich rechts über dem Auge einen sehr starken Kopfschmerz bekam und gleichzeitig sah ich mit dem rechten Auge nichts mehr. Nur dass es hell war konnte ich sehen wenn ich das linke Auge mit der Hand bedeckte, und völlig verschwommene Konturen der Gegenstände ringsum. Ich stand, quasi, im Nebel. Der Schmerz kam im zwei Sekunden Takt pulsierend: stark, schwächer, stark ... schwach wurde er nicht. Solche Kopfschmerzen hatte ich nie zuvor und hoffentlich nie wieder!
Was tun, wenn nichts falsches? Vielleicht geht es wieder weg, dachte ich, wenn ich ein Aspirin nehme und mich ein bisschen hinlege. Der Kopfschmerz wurde tatsächlich nach einer halben Stunde weniger, aber das Sehen verbesserte sich nicht. Also rief ich beim Augenarzt an. Freitag Nachmittag, 13 Uhr 30. Feierabend. Und jetzt? Ein Augennotfallproblem hatte ich noch nie zuvor. Ich entschied mich, meinen Hausarzt aufzusuchen, der arbeitet auch am Freitag Nachmittag noch. Zum Glück musste ich nicht lange warten. Rat wusste der Allgemeinarzt natürlich auch keinen anderen, als mir eine Überweisung in die Augenklinik im Katharinenhospital auszustellen.
An diese hatte ich keine sehr vorteilhafte Erinnerung. Mein Freund Walter hatte einmal eine Blutung im Auge, es sah schrecklich aus, als würde er jeden Augenblick Bluttränen weinen, und ich fürchtete, dass er einen Schlaganfall oder etwas ähnliches habe. Obwohl wir die einzigen Wartenden waren, dauerte es über eine Stunde, bis wir ins Behandlungszimmer gerufen wurden. Er, nicht wir. Ich motzte draußen die arme Sprechstundenhilfe an, die ja nun wirklich nichts dafür konnte. ... Es ging alles gut. Ein Äderchen war im Auge geplatzt, durch hohen Blutdruck vielleicht. Schwamm drüber.
"Hier also sind die Schreckenspforten, die Tod und Untergang mir dräun." hätte ich mit Mozarts Tamino aus der Oper "Die Zauberflöte" singen können. Aber danach war mir nicht zumute. Ich ging erst einmal einige Schritte daran vorbei, hielt mein linkes Auge zu, leider nur Nebel im rechten. Es musste also sein.
Dieser Flur war mir sogar noch in Erinnerung, aber schließlich hatte ich ja damals auch 1 ½ Stunden Zeit ihn auf mich wirken zu lassen. Beruhigendes Grün.
Und das erwartete mich jetzt! Hatte ich mich eine unbekannte Versuchstechnik auf den Flughafen gebeamt? Was wollten alle diese Leute hier? War Besuchszeit in der Anmeldung der Ambulanz statt Sprechstunde? Und das am Freitag Nachmittag, an denen sonst nur die Züge nach Karlsruhe so voll sind. Ich war überrascht! Dass so viele Menschen Augenkrank sein können hätte ich nie gedacht. Und dass diese wirklich Beschwerden haben müssen, um sich diesem Andrang zu stellen, war mir schon klar. Niemand liefert sich ohne Not stundenlangen Wartezeiten aus.
Und es wurden Stunden!
Zuerst informierte mich allerdings die Empfangsperson, vom Stress schon etwas angenervt, dass meine Überweisung keine Gültigkeit habe. Nur ein Augenarzt, ("Sie sind doch bei einem in Behandlung?) sei ermächtigt, Patienten in eine Augenklinik zu überweisen.
Zum Glück senkte sich in diesem Moment ein Schleier undurchdringlicher Geduld auf mein Gemüt, dichter als der hinter meinem rechten Auge. Eingeschüchtert bekannte ich mich zur Unkenntnis dieser Regel.
"Dann nehme ich Sie eben jetzt als Notfall auf und sie erhalten die entsprechende Behandlung und auch eventuelle stationäre Einweisung." beschied sie mich. "Aber wenn sie zu Folgebehandlungen wieder zu uns kommen müssen, brauchen Sie eine Überweisung ihres Augenarztes, dass das klar ist."
Es war mir klar.
"Dann melden Sie sich jetzt im Behandlungszimmer an. Zimmer 3."
Ich meldete.
"Sie werden dann aufgerufen." sagte die Helferin und sah durch mich hindurch die anderen Wartenden an.
Die müssen hier unter Sedativen stehn oder keine Nerven haben, dachte ich.
Warten will gelernt sein. Ich habe es schon als Kind gelernt, wenn ich mit dem Herr Doktor zu Krankenbesuchen auf dem Land in seinem Auto mitfahren durfte. Es war nach dem Krieg und Autos waren rar. In dem ländlichen Städtchen, in das wir evakuiert wurden als die Bomben Stuttgart immer unbewohnbarer machten, hatte nur der Herr Doktor eins. Also war ich immer glücklich, wenn ich auf dem Rücksitz mitfahren durfte. Seine Patienten waren weit verstreut auf den Bauernhöfen, und manchmal wurde es Mittagszeit und wir waren nicht zurück in der Gemeinde. Dann lud man den Herr Doktor natürlich zum Mittagessen ein und das konnte dauern! Er hatte längst vergessen, dass ich im Auto war. Aber das machte mir nichts aus. Ich wartete eben, stieg nicht einmal aus um eventuell mit den Kühen zu reden. Bei solch einer Gelegenheit meinte der Herr Doktor, als er wieder einmal feststellte, dass er einen Fahrgast hatte: "Ja Du bist ja immer noch da und wartest! Du wirst sicher einmal ein Philosoph." Er hat mich übrigens nie gefragt, ob ich denn keinen Hunger hätte. Ehrlich gesagt kann ich mich an kein Hungergefühl in diesen Stunden erinnern.
An diesen Freitag hatte ich aber nur früh morgens ein unbelegtes Croissant gegessen und zwei Tassen Kaffee mit etwas fettarmer Milch getrunken. Jetzt hatte ich Hunger. Aber die Augenklinik des Katharinen-Klinikums liegt abseits vom eigentlichen Krankenhaus, in dem sich Kiosks und eine Cafeteria befinden. Hier stand lediglich ein Automat mit Ritter Sport Schokolade, Snickers und Co. Nicht einmal ein Päcken gesalzener Erdnüsse war im Angebot. Ich zog, aus Versehen, ein Snickers, die Tafel Schokolade hatte eine andere Nummer.
Die Untersuchungen waren vielfältig, die Geräte zahlreich.
Zwischendurch: warten.
Augendruck messen ist immer unangenehm. Der Druck im rechten Auge war 60 mm H...
Also extrem hoch. Eigentlich hätte meine Linse quer durch den Raum katapultiert werden müssen.
Glaukom oder eine Arterienverengung? Glaukom wäre das geringere Übel. Die andere Variante ist ein entzündlicher Prozess im Schläfenbereich und muss durch eine Biopsie therapiert werden.
"Das Dumme ist nur, dass der Arzt der sich damit auskennt nicht im Haus ist."
Man klärte mich auf, dass im Fall einer Entzündung, diese auch auf das linke Auge übergreifen könne und, im worst case, zu völligem Sehverlust führen würde.
Besorgte Gesichter vertieften den Eindruck der ernsten Lage.
Ich stimmte der, eventuellen, Biopsie zu. Das bedeutete sofortige intravenöse Gabe von hochdosiertem Kortison und es bedeutete stationäre Aufnahme in der Klinik.
Inzwischen war es 19 Uhr. Der Hunger war mir vergangen, aber ich wollte doch noch einmal kurz nach Hause, um wenigstens etwas anderes anzuziehen. Kein Problem. Ich musste mich nur kurz auf der Station melden, damit die meine Akte schon hatten und alles vorbereiten konnten. Kein Problem. Aber ich solle dann um das Gebäude herum gehen und den Nachteingang benutzen, weil die Haupttüre demnächst abgeschlossen würde. Kein Problem.
Auf den Omnibus musste ich nur 8 Minuten warten und ich hätte ihn beinahe verpasst, weil ich solch kurze Wartezeiten nicht mehr gewohnt war.
Daheim zog ich mich um, packte noch extra Unterwäsche und Socken ein, im Fall es mehr als eine Übernachtung werden sollte. Es sollte! Dann aß ich einen Apfel, steckte zwei zu meiner Wäsche, nahm das Ladekabel für das iPad mit und, für alle Fälle, auch noch das iPad Mini. Man kann nie wissen.
Trotz meiner Beeilung war es beinahe 22 Uhr 30 als ich die Nachtglocke betätigte und die Treppe in den dritten Stock hochstieg zur Station K3.
Das nächste Kapitel ist überschrieben: Krankenhausaufenthalt. Es wird interessant. Und ganz am Ende werde ich meine wunderbare undurchdringliche Geduld verlieren ... Aber das eben ganz am Ende.
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