Der Titel sagt alles. Eine Art Tagebuch ohne Datum, Erinnerung wie sie gerade daherkommt. Verschiedene Themen meine Befindlichkeit beschreibend ... Viel Spaß beim Lesen!
Als Phoenix aus der Asche stob, (wer weiß warum er Feuer fasste) war sehr viel Staub der an ihm hing und er hielt daran fest. Doch als er wieder Feuer fing, (obwohl er dieses hasste!) war Staub es der ihn aufwärts hob. Ein Staubkorn ist ein kleines Ding, es mag auch wenig wiegen: Wenn es den Phoenix fliegen lässt, darf auch mein Staub verstieben!
Arno Holz, Portrait von Erich Büttner (1916)
gelang 2015
Beim Aufwachen und Augen aufmachen, dachte ich: Nanu, wie kommt der Nebel in mein Zimmer? Habe ich ein Fenster nicht zu gemacht? Oder ist das Rauch? Brennt das Haus!?! Warum schlägt der Rauchmelder nicht Alarm? Ach so, ich habe gar keinen Rauchmelder. ...
Und dann die Erkenntnis, dass weder Rauch noch Nebel durch meine Räume waberte, sondern, noch schlimmer, dass ich wieder eine Glaukomwarnung bekam, wie einst im März. Der Griff nach den Tropfen funktioniert schon automatisch, aber auf dem Weg zur Toilette wirkten sie noch nicht. So sieht das dann aus meiner Sicht aus.
Nach zehn Minuten klärte sich dann der umwölkte Blick auf das, was ich jetzt als mein normales Sehen akzeptiert habe. Es ist nicht viel besser als auf dem Bild oben, nur ohne Weißschleier.
Morgen gehe ich zum Lasern des linken Auges ... Vielleicht sollte ich eine Dauerkarte beantragen?
Wohin gehen wir in den Sekunden die uns vom Schlaf trennen? Welcher letzte oder erste Gedanke schafft die Bilder, die sich so lebendig ins Bewusstsein drängen? In Fernseh-Dokumentationen heißt es nach solch grundsätzlichen Fragen, die unbedingt eine Antwort verlangen:
"Wir wissen es nicht und werden es wahrscheinlich nie erfahren."
Dieser frustrierenden Aussage habe ich nichts hinzu zu fügen.
Ich sah Figuren des Wartens. Dass mich das Thema "Warten" in letzter Zeit konkret beschäftigt ist ja bekannt, also ist der Anlass für die "Erscheinungen" zumindest geklärt. Allerdings habe ich nie über die Formen des Wartens nachgedacht, und diese drängten sich mir an diesem Morgen auf. Eine habe ich, noch im Halbschlaf, aufgezeichnet, dementsprechend sieht sie aus.
Es ist "Das ungeduldige Warten". Eine männliche Gestalt, ohne Gesicht, in ein schwarzes Gewand gehüllt, (auch der Kopf ist bedeckt) mit einem schwarzen Skateboard in der Hand. Er geht unruhig auf und ab, hin und her, das Board immer am ausgestreckten Arm. Er befindet sich auf einem weißen Hintergrund, als wäre er auf Papier unterwegs, (wie die anderen Erscheinungen auch) wirft keinen Schatten und redet ständig.
Analog dazu fiel mir nachher der Mann ein, der im Wartebereich der Augenklinik mit seiner Frau telefonierte, es ging um "kleine, blaue Pillen", und kein Ende finden konnte, als hätte er große Angst vor der Einsamkeit danach.
Als nächstes erschien "Das geduldige Warten", dessen Sinn mir Anfangs nicht so richtig aufgehen wollte. Es war eine aus Golddraht ständig wachsende "Maschine" mit unendlich vielen Zahnrädern, wie die in einem Uhrwerk. Eine Frau, ganz weiß gekleidet, war mit der Maschine beschäftigt, ohne sie zu "bedienen", vielmehr beobachtete sie deren Wachstum und berührte sie nur hin und wieder ganz sanft, beinahe zärtlich. Der Gedanke ging mir auf: die Maschine ist die Geduld und nur das "ewig Weibliche" im Menschen bringt sie auf. Tut mir Leid, wenn das nicht allgemeine Zustimmung findet, aber, wie gesagt, es war ein Traumbild. Ich habe erst gar nicht versucht es zu malen.
Aber ich musste an die Frau denken, die in der Augenklinik ständig mit sich selber sprach, als würde sie sich schützend in ein feingesponnenes Netz aus Worten hüllen.
Danach sah ich "Das hoffnungsvolle Warten". Es überraschte mich kein bisschen, dass es ein grünes Pflanzenwesen war, aus dessen üppigem Blattgeflecht sich ständig bunte Blüten hervorschoben, die rasch wieder verblühten und abfielen. Damit konnte doch nur mein Hibiskus gemeint sein, mit dem ich mich in den letzten Tagen mehr als sonst beschäftigt hatte. Mein Unterbewusstsein arbeitete auf Hochtouren! Wobei es der Pflanze mehr als schmeichelte!! Siehe unten.
"Das verzweifelte Warten" erschien in Flammengestalt: zuckend, sich windend, tanzend, wachsend, schwindend, männlich und weiblich, jung und alt zugleich. Ich hatte den Eindruck, dass der weiße Papierhintergrund Feuer fangen und zu Asche zerfallen müsste, alles Existierende auslöschend. Es geschah nicht, aber das Gefühl der Erwartung und der Panik war spürbar.
Vielleicht geisterte da das Bild einer rothaarigen Frau, die sich vor einer Tafel mit Hinweis auf das Rauchverbot eine Zigarette anzündete, das ich erst vor einigen Tagen fotografierte, durch mein Gedächtnis ...
Dann schlug die Uhr im Schlafzimmer sehr laut und mahnend die zehnte Stunde und ich war endlich wach.
Jetzt frage ich mich, ob es wirklich nur diese vier Formen des Wartens gibt. Und warten Tiere? Können sie `Warten´ empfinden, als frustrierendes Nichtereignis wie wir? Werde ich die Antworten jemals erfahren? Ich bin gespannt und warte.
Es reicht nicht, motiviert zu sein, es sei denn, der Wille etwas zu tun steht dahinter. Und dieser Wille muss sich durchsetzen, muss zur Tat werden. So betrachtet vergeht mir dann die Lust und ich sitze vor der Tastatur und starre sie an und frage mich ob es sich lohnt, diese Buchstaben anzutippen, diesem Wirrwarr an Zeichen einen Sinn zu geben. Und das hier ist dann das Resultat. Deprimierend!
Barbara
In dieser Novelle geht es um Ehebruch und Gottesurteil. Mich fasziniert nur das zweite. Das siebte Gebot hat ja nur noch symbolische Bedeutung, genau so wie das sechste (nach evangelischer Zählweise). Wenn mich nicht alles täuscht, sollen, laut Bibel, Ehebrecher/innen zu Tode gesteinigt werden. Da führen sich dann Gebote und Strafe ad absurdum.
Aber es geht ja auch nicht um Ehebruch sondern um das, in der Novelle, von der Ehefrau geforderte Gottesurteil.
"In jenen zwistigen Zeiten ..." beginnt Werner Bergengruen seine Erzählung und schafft es in nur einem Absatz die Situation klar darzustellen, ohne irgendwo zu präzisieren worum es geht. Nur der letzte Satz lässt den Leser vermuten, dass es Ehebruch sein könnte. Ich zitiere: ... "Tidemann Gripen endlich wurde auf der Straße von einem Vetter beiseite genommen: Es seien da ärgerliche Gerüchte, er könne sie nicht prüfen, aber er sei wohl verpflichtet, seinen Verwandten auf sie hinzuweisen." Und gleich im zweiten, ganz kurzen Absatz heißt es dann: "Tidemann Gripen ging nach Hause, um seine Frau zur Rede zu stellen. Als er sich vom Vetter trennte, ärgerte er sich noch über eine törichte Klatscherei, als er vor seiner Haustür stand, glaubte er seine Schande und Barbaras Schuld erwiesen."
Ich brauche hier nicht Werbung zu machen für die Novelle. Wer einmal zu lesen angefangen hat, wird sie nicht mehr aus der Hand legen. Der erzählerische Sog und die Bilder die sich aus den Worten ergeben sind so plastisch, dass der Lesende zum Teilhabenden wird.
Dass das häusliche Glück und die eheliche Harmonie von dem Augenblick an gestört sind, in dem Gripen seiner Frau Ehebruch vorwirft, leuchtet ein, obwohl Barbara jegliche Schuld von sich weist. Es sind die Gerüchte die in der Stadt kursieren, (" ... jeder kannte das Gerücht. Und in diesen verrückenden Zeiten hatte alles Gerücht über die Seelen der Menschen seine Gewalt.") die Blicke hinter seinem Rücken, die er vermutet, und schließlich die Nachricht vom Tod des Mannes der angeblich mit Barbara die Ehe gebrochen hatte, wodurch es unmöglich wird diesen zur Rede zu stellen, bringen ihn dazu von seiner Frau zu verlangen: "Trage das Eisen."
Das heißt: Stelle Dich dem Gottesurteil. Dieses besteht darin, dass der oder die eines Verbrechens Beschuldigte, das nicht anderweitig bewiesen werden kann, in der Sakristei, vor der in der Kirche versammelten Bevölkerung, ein glühendes Stück Eisen für eine bestimmte Zeit in der bloßen Hand halten können muss, ohne dass diese dabei verletzt wird.
Die Bürger von Riga, vornehme und geringe, hatten das Privileg, dass sie zu keiner Probe wie auch zu keinem gerichtlichen Zweikampf gezwungen werden konnten.
Barbara versucht sich auf dieses Privileg zu berufen. Gripen sagt ihr klipp und klar, dass er Klage auf Ehebruch erheben wird. Sie versucht noch ihm klar zu machen, dass man ihn für verrückt halten wird. Er kontert, dass sie die Probe fürchte weil sie schuldig ist.
"Wo das Gesetz die Probe verlangt, da mag sie zu leisten sein. Sich ihr ungezwungen unterziehen, wäre eine Herausforderung Gottes. Es ist Gottes Vorrecht, die Menschen zu versuchen. Aber dem Menschen ist es nicht erlaubt, ihm mit Gleichem zu begegnen."
"Weigere dich nicht, Barbara. Ich werde Dir ein Leben machen, das dir nicht gefallen wird."
"Und du glaubst, wenn ich die Probe bestanden hätte, ich würde nachher mit dir leben können wie früher?"
"Kannst du es denn jetzt?" fragte er leise und blieb ohne Erwiderung.
Barbara bleibt schließlich keine andere Wahl, sie muss sich der Probe stellen. Sie zieht sich vor dem anberaumten Termin in ein Kloster zurück, um sich seelisch darauf vorzubereiten. Sie geht zur Beichte und tut die ihr auferlegte Buße. Von da an verließ sie ihre Zelle nicht mehr, sprach auch mit niemandem ein Wort, um den erlangten Gnadenstand nicht zu gefährden, selbst nicht durch läßliche Sünde. In der Frühe des Sonntagmorgens genoß sie das Sakrament.
Die Kirche ist stärker besucht als sonst und als das Hochamt beendet ist wird das Gedränge immer größer. In den Gassen um St. Peter standen die Leute gepreßt, Stadtbürger, Dienstvolk, undeutsche Bauern aus der Umgegend ... Schaulustige sagt man heute dazu. Die Probe findet statt. Und Barbara besteht sie.
Obwohl ihre Schuld bis zu diesem Zeitpunkt in der Erzählung, und auch noch danach, nie bestätigt wird, hält sie der Leser von Anfang an für schuldig, ohne es begründen zu können. Es ist die subtile Kunst des Autors dies zu suggerieren. Als es schließlich keinen Zweifel an ihrer Schuld mehr gibt, der totgeglaubte Mitschuldige, Schwenkhusen, ist aus dem Krieg zurückgekehrt, fragt dieser sie, welche Salben oder welche Zauberei sie angewendet habe, um unverletzt zu bleiben. Und sie erklärt es ihm. Keine Salbe, kein Zauber sondern ihr Glaube hat es bewirkt.
(Glaube. Ich hatte keinen mehr, wenn man sich erinnert.)
Schwenkhusens Glaube ist ein höflicher gewesen. Aber Barbaras Glaube ist der Glaube der staken und kühnen Seele gewesen, der die Himmelsgeheimnisse zu stürmen vermag.
Es ist gesagt, daß Reue und Vorsatz, Beicht und Losspruch die Sünde hinwegnehmen. ... Darum ist keine Sünde mehr an ihr gewesen, als sie zur Probe ging. Gott hatte sie von ihr nehmen müssen um seiner eigenen Wahrheit und Verheißung willen, ... Und weil sie diesen Glauben hatte, der Berge verrücken, der das Blutrote schneeweiß machen kann, das Kalte glühend und das Glühende kalt ... ... Sie hat Gott gezwungen in seinem eigenen Gesetz. ...
So weit also "Die Feuerprobe". Wer wissen möchte wie das endet, dem empfehle ich die Lektüre. Es sind 23 Seiten bis zu der zuletzt zitierten Stelle und noch 22 bis zum Schluss. Es lohnt sich!
Das Leben ist ein "Traumspiel", davon bin ich inzwischen überzeugt. Strindberg hat in wenigen Worten auf den Punkt gebracht was in der Zeit lange dauert. Das weiß ich heute, bezweifle allerdings, dass ich das als junger Mensch begriffen hätte. Da stellt sich die doppelsinnige Frage: Wozu das ganze Theater? Ich warte auf Antwort.
Gideon
Der Name war mir nur als amerikanische Bezeichnung für eine Bibel geläufig. Diese fand man in jedem Hotel entweder auf dem Nachttisch oder in dessen Schublade. Ich habe erst darin gelesen als ich, achtzehnjährig, wegen meiner "Sünde" wieder in großer seelischer Bedrängnis war. Kurz zuvor war ich in die US Navy eingetreten und geriet durch die geballt auftretende Männlichkeit ringsum eben auch in körperliche Bedrängnis, was sich schließlich zu einem Problem auswuchs, das in einem Suizidversuch mündete. Enden tat es dort nicht.
Auf jeden Fall hatte ich beim katholischen Seelsorger, ohne das Kind Homosexualität zu nennen, quasi einen Hilferuf abgesetzt und erwähnt, dass ich in der Bibel gelesen hätte. "Um Gottes Willen! Doch nicht etwa in der evangelischen!" war seine entsetzte Reaktion. "Katholiken lesen den Katechismus, sonst nichts." Ich war belehrt, aber nicht geholfen (entschuldige Verona Pooth, geb. Feldbusch). Dass der Name Gideon in der Bibel auch anderweitig als auf dem Titelblatt vorkommt war mir nicht bekannt. Und das sollte noch sehr lange so bleiben. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle auf ihn eingehen.
Seine Geschichte steht in drei Kapiteln im Buch der Richter, nach Debora und vor Abimelech. Sie lesen sich spannend, wie ein Comic und genauso fantastisch. Was mich daran fasziniert ist die Tatsache, dass Gideon nicht glauben will, dass GOTT ihn beauftragt Israel zu retten, was man durchaus nachvollziehen kann, wenn man sich die Situation vergegenwärtigt, und von dessen Engel, also indirekt von IHM, einen Beweis seiner Identität und Absicht verlangt. Und das nicht nur ein- sondern dreimal. Er bekam seine Beweise.
Aber nicht genug damit, dass der Engel Gideon einen heiligen Schreck einjagt, indem er Feuer aus dem Fels schlägt, das das ausgebreitete Opfer verzehrt und damit SEINE Gegenwart beweist, zweifelt Gideon weiter daran, dass der HERR es ernst mit ihm meint. Man muss dazu sagen, dass er nicht zur gebildeten Oberschicht gehört und nur durch die Umstände schließlich dazu gezwungen wird diese zu führen. Vorher stellt er GOTT aber noch zwei Mal auf die Probe, nicht ohne sich jedes Mal vorher für seine Zweifel zu entschuldigen. Man kann ja nie wissen ...
Man muss SEINE Geduld bewundern! Auf jeden Fall gelingt es Gideon, mit nur 300 Männern und unglaublichen "Waffen", 120 000 Midianiter zu besiegen und Israel zu befreien. ER veranstaltet dieses ganze Theater zwar nur um SEIN Volk von der Götzenverehrung abzubringen und wieder IHM zu opfern, aber das erweist sich schon vor Gideons Tod als Fehlschlag.
Was hat das alles mit mir zu tun? Ich will versuchen es zu erklären, aber die Erklärung ist kompliziert und ich muss dazu etwas anderes schildern. Bei Gideon geht es mir darum, dass dieser praktisch GOTT gezwungen hat SEINE Existenz zu beweisen, während ER Gideon zwang SEINE Existenz anzuerkennen.
Und die Frau, Barbara, des Ratsherrn Tidemann Gripen zwang Gott zu etwas das Unrecht war, durch ihren Glauben. Ihre Geschichte folgt.
Um Viertel vor fünf war es wieder so weit. Ich konnte nicht mehr schlafen. Lag es an dem Traum kurz vor dem Aufwachen? Ich habe darin geweint und, wie in Heines Gedicht:
" … Ich wachte auf, und die Träne
floss noch von der Wange herab."
Im Traum lebte ich, als alter Mann, bei meiner Mutter und "Onkel Franz". Ich hatte etwas gestohlen, das ihnen gehörte und sie hatten es bemerkt und sagten mir, beide vor Kummer weinend, dass ich nicht länger bei ihnen wohnen könne. Da weinte ich auch … Beim darüber nachdenken wurde mir bewusst, dass ich eigentlich oft vom Weinen Träume und beim Aufwachen tatsächlich, wieder Heine:
"… Ich wachte auf, und ich weinte
noch lange bitterlich."
Und auch die dritte Variante hat schon zugetroffen:
"… Ich wachte auf, und noch immer
strömt meine Tränenflut."
Ist das normal? Weinen alle im Traum und erwachen in wirkliches Weinen? Wieviel war denn dann zuvor Traum? Oder weinte ich im Schlaf und löste damit den Traum aus? … Ich war wach und an wieder einschlafen war nicht zu denken. Also dachte ich kurz über Tränen nach, das führte zu "Wasser" und das zu "Angst oder Panik". Wovor habe ich mehr Angst, im Wasser zu sterben, oder im Feuer. Ertrinken oder verbrennen.
Ich erinnerte mich an den "Swim Call" auf dem Atlantik, als ich bei der US Navy war. Bei einer Überfahrt ins Mittelmeer trafen wir einmal, es war das einzige Mal dass ich es erlebte, auf völlig unbewegte See. Der Ozean war ein straff gespanntes, blaues Seidentuch von Horizont zu Horizont. Da ließ der Kapitän die Maschinen stoppen, der Anker wurde herunter gelassen, um den sich das Schiff dann ganz langsam drehte, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Und dann durfte, wer wollte, schwimmen gehen. Ich wollte. Schwimmen war mein Lieblingssport, wobei ich es nicht als Sport betrachtete sondern als Freizeitvergnügen. Die meisten Kameraden sprangen von der Reling aus, oder sogar vom Helikopter "Flight Deck", was ich nicht konnte. Vor freiem Fall hatte/habe ich Angst. Um in die Navy aufgenommen zu werden, musste ich vom Drei-Meter-Brett springen, Kein Kopfsprung sondern einfach Füße voraus nach unten. (So muss man springen, wenn das Schiff evakuiert wird, allerdings mit Schwimmweste.) Als ich am Brettende stand und springen sollte, konnte ich nicht. Ich hatte panische Angst! Zum Glück schubste mich der Nachfolgende und ich wurde gesprungen. Sonst wäre meine "Karriere" in der Navy dort beendet gewesen. Das hätte mir viel Kummer erspart! … Ich benutzte also die auf der Seite herunter gelassene Gangway um ins Wasser zu gelangen.
Die "Pocono", ein Flaggschiff der 6. Flotte. Das Bild ist Teil meiner, unvollständigen "Memoiren" und deshalb so detailliert beschriftet.
Ich hänge hier auch den Titel dieser Lebensschilderung an, dann habe ich das hinter mir.
Der Titel ist allerdings noch nicht endgültig, vor zwanzig Jahren fand ich das witzig und "geistreich". Aber das Bild würde ich auf jeden Fall beibehalten.
Zurück zum Schwimmen. Als ich ins Wasser stieg, hatte sich das Schiff so weit gedreht, dass ich mich auf der Schattenseite befand, die anderen sprangen auf der Sonnenseite herunter. Es war still. Ich glaube selbst damals dachte ich, dass die Welt den Atem anhalte, auf jeden Fall ist es so in Erinnerung geblieben. Ich glitt also in die Flut, um die Stille nicht zu stören. Ein unvorstellbares Glücksgefühl überkam mich, als ich mich einfach treiben ließ, ohne mich viel zu bewegen. Das Wasser trug mich. Es war wie fliegen, nur schöner, weil ich nicht abstürzen konnte. Und dann entschloss ich mich zu tauchen. Das war ein Fehler! Ich war/bin ein guter Taucher, weil ich die Luft sehr lange anhalten kann. Also holte ich tief Luft und tauchte kopfüber in die Tiefe. Und die griff mit grauenvoller Macht nach mir. Die Dunkelheit die mich erwartete sog mich förmlich auf. Schlagartig wurde mir bewusst, dass mehrere tausend Meter Wasser unter mir lagen. Unbewegt. Wartend. Für einen Herzschlag hing ich regungslos dort in Dantes' Limbus. Dann kam die Panik! Wie ein Pfeil schoss ich nach oben während tausend Ungeheuer nach mir aus der Tiefe griffen. Zum Glück hatte ich mich all zu weit vom Schiff entfernt. … Seither schwimme ich nur noch selten und das ungern. Und ich denke, langer Rede kurzer Sinn, dass ich deshalb ungern ertrinken würde. Siehe oben.
Feuer ist faszinierend. Es zu beobachten hat beinahe hypnotische Wirkung, wahrscheinlich auf jede/n. Das sich ständig wandelnde Bild der Flammen, die an Tänzer erinnern, ist ein Symbol für Bewegung schlechthin, finde ich. Ich hänge hier ein Video an, das zwar ein bisschen lang ist, man muss es sich nicht ganz ansehen, aber das was ich sagen möchte ohne Worte illustriert.
In dem Film "Johanna von Orleans" sagt Ingrid Bergman, die Johanna, als sie Zeugin wird wie jemand in einer brennenden Burg umkommt: "Es muss schrecklich sein zu verbrennen." Natürlich stirbt sie dann auf dem Scheiterhaufen. Eine Holzhammer Parallele, aber so machte man damals Filme.
Mein Protagonist in "Abschied von Aschenbach" heißt Fridolin Asche. Mein zweiter Roman trägt den Titel "Caesars Asche" und in diesem kommt es mehrfach zu Feuersbrünsten. Und neulich träumte ich von einem großen Feuer am nachtschwarzen Horizont. Was hat das zu bedeuten? …
Wie man sieht, besteht Caesars Mantel aus Flammen ...
Wahrscheinlich bedeutet es gar nichts …
So weit war ich in meinem Versuch zu meditieren gekommen, allerdings dauerte das nur wenige Sekunden, als ich mich entschloss die Nacht zu beenden und Kaffee zu machen.
Es ist erstaunlich, wie viele Worte nötig sind, um die Gedanken von einigen Sekunden auch nur halbwegs zu erfassen.
Ich glaube aber nicht, dass ich gerne verbrennen würde um zu sterben. Also bin ich wohl doch kein Phönix.
Nachdem ich das iPad mini gekauft hatte fragte ich mich: "Wozu?" Zu dem Zeitpunkt eine berechtigte Frage, schließlich hatte ich schon zwei PCs, einen uralten, auf dem noch Windows XP Home Edition endlos langsam läuft, meinen iMac mit der superschnellen Apple Software, ein Notebook mit Windows Vista, auch in die Jahre gekommen, das Mac Book Air (11 Zoll), das ganz normale iPad (Air gab's da noch nicht) und nun also auch noch das Mini! Jetzt kenne ich die Antwort: "Damit ich beim Bloggen, wenn etwas gegoogelt werden soll, nicht immer von einer Seite zu einer anderen surfen muss, sondern alles auf einen Blick vor mir habe!"
Jetzt aber, nachdem ich diese Einleitung so elegant verfasst habe, frage ich mich wie es weiter gehen soll in diesem Kapitel, das den nicht weniger eleganten Schlusssatz haben soll: "Ich denke dass ich ein Phönix bin!"
Angefangen hat es mit Insomnia am frühen Morgen, der Phase in der man nicht wach ist und nicht schläft, in der Grauzone des Bewusstseins. Grau war der Himmel hinter den Vorhängen noch nicht, nehme ich an, schließlich war es erst kurz vor vier Uhr an diesem 24. Januar Morgen, wie mir ein halbherziger Blick auf die Wanduhr zeigte, die übrigens immer noch, ja immer, auf Sommerzeit läuft, weil mich die ewige Umstellerei ankotzt. Auf ihr war es also kurz vor Fünf. `Das hast Du jetzt vom frühen zu Bett gehen.´ dachte ich vorwurfsvoll und rutschte dann in einen kurzen, heftigen Traum.
Ich steige steil bergan. Wie hoch ich hinauf muss ist nicht absehbar. Schwärzeste Dunkelheit folgt mir wie eine Schleppe, die mir vom Hinterkopf hängt und sich von dort her ausbreitet. Zeit spielt keine Rolle. Ich steige also endlos lange und gleichzeitig überhaupt nicht nach oben. Dann bin ich auf einem Plateau angekommen und blicke auf eine von der Mittagssonne hell erleuchtete Stadt an einem Fluss, der am Horizont in ein unendliches Meer mündet. Stadt, Fluss Meer: alles in hellen Gelbtönen. Eine Kirchturmuhr beginnt zu schlagen und mit dem ersten Ton fällt das erste Haus auseinander, klappt auf wie eine Schachtel, nach vier Seiten. Und dann schlagen immer mehr Turmuhren, die Stadt hat jetzt unzählige Kirchtürme, und mit dem Uhrenschlagen klappen alle Häuser, alle Kirchen auf. Ihr Inneres ist aber nur weiß, so dass sich schließlich eine weiße Fläche vom Fuß der Höhe, auf der ich immer noch stehe, bis zum Horizont erstreckt. Und dann geschieht das unerwartete. Die Dunkelheit hinter mir schwappt quasi über meinen Kopf, die Schwärze ist überall. Dann schlägt noch einmal eine Uhr und mit einem Fauchen wird am Horizont ein großes Feuer entfacht auf das ich zugehe. "Ich denke dass ich ein Phoenix bin." sagt ein Gedanke laut zu mir.
Dann bin ich wieder halbwach und höre gerade noch den Nachhall einer der vielen Uhren in meiner Wohnung, (Über dreißig, die alle die Stunden schlagen, wenn sie aufgezogen sind.) die Vier Uhr geschlagen hat und registriere, dass die Gasheizung wieder angesprungen ist, weil der Thermostat das für nötig hielt. Daher das Glockenschlagen und Fauchen. Wer für die Bilder verantwortlich ist, weiß ich nicht. Wohl mein Unterbewusstes, das mir irgend etwas sagen will, es aber unverständlich formuliert. Apropos Uhren: Hier eine Kostprobe
Meine Gedanken fangen an zu kreisen und ich komme automatisch auf den als Kapitelüberschrift genannten Titel eines Liedes, das ich von einer Schallplatte von Katja Epstein kenne. Ich habe es gegoogelt:
Das ist übrigens ein Druckfehler (gibt es das auf einer virtuellen Seite?) da oben. Der Adler "schreit" nicht die Spiralen, er "schreibt" sie.
Wie ein Kreisel den die Peitsche übers Straßenpflaster treibt, wie Spiralen die …".
So am Rande frage ich mich: Wer kennt noch Kreisel (wir sagten übrigens "Tänzer" dazu) die man mit Peitschenhieben in Drehung hält? Gibt es das noch? Muss ich gleich mal googeln! … Ach so, nein, ich bleibe beim Thema. Nachdem ich an die deutsche Version des Liedes gedacht habe, fällt mir die englische ein, von der ich nur die Fassung kannte, in der es heißt:
When you knew that it was over, you were suddenly aware,
that the autumn leaves were turning to the color of despair.
Diese colors of despair, also Farben der Verzweiflung, hatten mich sehr beeindruckt. In Wirklichkeit ist das Lied ja ein Duett, Französisch, wenn mich nicht alles täuscht (googeln) das die Gefühle zweier Liebenden ausdrückt. In der englischen Duett Version singt er:
When you knew that it was over
you were suddenly aware
that the autumn leaves were turning
to the color of her hair.
Und sie hält dagegen:
When you knew that it was over
in the autumn of goodbyes
for a moment you could not recall
the color of his eyes.
Auch nicht schlecht.
Auf meinem Schreibtisch sieht das dann so aus.
Nachdem ich mit meinen Gedanken so weit gekommen war, also bis zu den Windmühlen, wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr schlief.
Insomnia, dachte ich und da fiel mir ein, dass ich einmal, vor wieviel tausend Jahren? ein Gedicht mit diesem Titel geschrieben hatte.
Ich war unsterblich in einen Straßenbauarbeiter mit Migrationshintergrund verliebt. Er und seine Kollegen rissen den Gehweg vor der Firma auf, in der ich damals arbeitete. Direkt unter dem Fenster an dem sich mein Arbeitsplatz befand. … Schließlich kam es zu der Nacht, in der ich bei ihm schlief. Bei ihm, wohlgemerkt, nicht mit ihm! Es war in der Unterkunft in der er und seine Kollegen wohnten. Übrigens war sein jüngerer Bruder auch bei dieser Truppe. Sie kamen aus dem muslimischen Teil des damaligen Jugoslawien und waren beide verheiratet, ihre Frauen allerdings nicht in Deutschland, und beide Vollheteros. Trotzdem spielte er, den Namen habe ich vergessen, ein bisschen mit dem Feuer. … Er hatte ein eigenes Zimmer und wir lagen zusammen auf seinem, nicht sehr breiten Bett. Die Tür blieb allerdings einen 10 Zentimeter breiten Spalt offen. … Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan und das Heraufdämmern des Tages in allen Details erlebt. So entstand dann das:
Soll ich mich schämen? Ein bisschen. Aber, wie gesagt, das ist mehr als dreißig Jahre her, beinahe schon vierzig! Uralt!
Übrigens lud ich einmal die Brüder zum Essen ein. Ich war fasziniert. Sie hingen mit den Köpfen dicht über dem Teller, schaufelten die Speisen in den Mund und schmatzen dann das zu Essende zu Brei. Sie schmatzten laut und deutlich! Sehr laut und weithin hörbar! Ich war peinlich berührt. Man sah zu uns herüber. Sie merkten nichts. Ich sagte nichts. Vielleicht war es in ihrem Kulturkreis ja höflich beim Essen zu schmatzen? Sie kamen aus irgend einem winzigen Bergdorf. … Ich fuhr irgendwann dann nach Venedig und dort habe ich diese Liebe verloren. Einfach so. Ich war erstaunt darüber, aber auch froh.
Schlaflos.
Zur Zeit habe ich das Gefühl in einem riesigen Raum zu hängen, der mich unsäglich einengt. Absurde Vorstellung, aber realer Zustand. Hat mich der Tod meines Freundes Walter, dessen Sterben sich über zwei Jahre hinzog wie ein lähmender Alptraum, an diesen Punkt gebracht, an dem ich erkenne, dass dieser Teil meines Lebens ein ständiges Abschied nehmen ist? Plane ich deswegen die Reise nach Istanbul, immer bedenkend, dass ich sie vielleicht nicht antreten werde? Habe ich deshalb keine Reiserücktritt-Versicherung abgeschlossen, den Verlust des Gepäcks nicht abgesichert? Vielleicht. Aber wenn man anfängt darüber nachzudenken ist der wahre Grund nicht mehr fest zu machen. In Worte gefasst sind Gedanken nie mehr das was sie waren, nur ungenaue Abbilder dessen was sie sein wollten.
Ein anderes Gedicht fiel mir ein, das ich, noch sehr, sehr jung! geschrieben hatte. Es handelte davon, wie ich mich, abends, am Strand einer griechischen Insel, auf ein selbstgebautes Floß begebe, auf das ich einen Scheiterhaufen schichtete, vom Ufer abstoße, mich mit Benzin übergieße, mich betrinke und schließlich in Brand stecke. So fahre ich dann, als helles Feuer, auf den dunklen Horizont zu.
Vielleicht war das ja der Traumhintergrund?
Wer sagt's denn, ich hab's geschafft! Hier kommt er, der elegante, letzte Satz:
Ich denke ich bin ein Phönix!
Ein Post Scriptum. Noch ein Gedicht zum Thema, das im Jahr 1968 entstand, als ich 30 Jahre alt war:
Nur einmal möchte ich in meinem Leben
die Sonne halten und mit der freien Hand
das Universum schütteln bis die Sterne beben -
Ein Strom sein und ein Baum und eine Felsenwand.
Und dann, am Ende, wie Kristall
der vor dem Wind zerfällt in tausend Scherben -
Das blitzt und klingt, auch noch im Fall:
So möchte ich sterben.
Man sieht, ich habe mich schon öfter mit dem Thema befasst.