Montag, 6. Mai 2013

Das ist das dritte Kapitel, wenn ich mich nicht täusche

Der 25. Februar 2013 zieht sich dahin ...

Warum glauben die meisten Flugreisenden, sie würden keinen Platz im Flugzeug bekommen, wenn sie nicht beim Aufruf zum Boarding ganz vorn in der Schlange stehen? Jede/r hat doch einen registrierten Sitzplatz, die Bordkarte, der ihr/ihm von niemand auf Dauer streitig gemacht werden kann. Trotzdem springt der Großteil der Wartenden von den Sitzen auf, auch wenn nur ein Rauschen aus den Lautsprechern kommt. Es kann unmöglich Erbgut aus der Steinzeit sein. Das legt nahe, dass die Theorie vom Besuch Außerirdischer, die die Menschheit manipuliert haben sollen, nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Wer weiß was auf anderen Planeten alles passiert ist, von dem die Außerirdischen annahmen, dass es auf der Erde auch passieren könnte, weshalb sie dann die menschliche DNA so veränderten, dass sie ab einem gewissen Entwicklungsstadium auf bestimmte Reize mit Alarmbereitschaft reagieren. Es gibt ja immer noch Menschen, die den Krieg, den Zweiten Weltkrieg!, miterlebt haben und die beim Aufheulen von Sirenen beim Probealarm der Feuerwehr automatisch nach dem nächsten Luftschutzraum Ausschau halten, oder zumindest ein ungutes Gefühl irgendwo im Unterbewusstsein spüren.



Und dieses Gen ist dann auch dafür verantwortlich, dass Flugpassagiere beim Boarding sich wie Schafe vor dem Gatter zum Ausgang drängen. Eine andere Erklärung, auch wenn diese hier recht dürftig ist, gibt es nicht! Damit kann dieses Thema abgehakt werden. Oder hat jemand einen plausibleren Vorschlag?
Ein anderes ist das Wort "Boarding". Gibt es dafür keinen deutschen Begriff? Ich habe überlegt, dass man "Besteigen" sagen könnte, aber das hat irgendwie einen sexuellen Beigeschmack, der nicht unbedingt erfreulich ist. Wikipedia schlägt "Einsteigen" und "An Bord gehen" vor. Beim ersten denke ich allerdings an Einbrecher und beim zweiten an ein Schiff. Das würde nahe legen, dass man wieder "Luftschiff" in den Sprachgebrauch übernimmt, aber das ist irgendwie unwahrscheinlich. Außerdem finde ich den Begriff schlichtweg unzutreffend. Schließlich sagt man ja nicht, im Gegensatz zum Luft-, Wasserschiff. Ein Schiff schifft nun mal auf dem Wasser, notfalls auch unter, wenn es dafür von der Konstruktion her geeignet ist. Abgesehen davon sind nur zeppelinähnliche Fahrzeuge Luftschiffe. Ich habe das gegoogelt. Bleiben "Aeroplan" und "Flugzeug" übrig. Und da frage ich mich eben, warum man diese mit "Boarding" betritt. Wenn alles in das man einsteigt geboarded wird, dann müsste ich doch auch mein Bett boarden, statt zu sagen "Ich geh jetzt ins Bett". 
Diese und ähnliche Gedanken beschäftigen mich, während ich in der zugigen Halle sitze und darauf warte, dass ich als letzter das Gate passieren kann. Wer zuletzt den Flieger betritt, muss am kürzesten auf den Abflug warten, das ist meine Logik. Es ist die einzige Logik. 
Schließlich ist wirklich nur noch ein mickriges Häufchen Passagiere übrig, das leger und locker zum Gate schlendert, darunter auch ein Mann im Rollstuhl. Dieser wird geschoben. Da das Flugzeug auf dem Vorfeld parkt und wir nicht über die Fluggastbrücke boarden können, sondern den Vorfeldbus nehmen müssen, verzögert sich durch den Rollstuhlfahrer alles noch ein bisschen.
Ab hier wird es ungemütlich.
Es ist ein kalter, schneeregenreicher, windiger Morgen. Von meinem Wetter-App weiß ich, dass es in Antalya mittags, bei unserer Ankunft, 23 Grad warm sein wird. Also habe ich auf "zu viel" Kleidung verzichtet. Das bedauere ich jetzt! Es ist scheißkalt!! Der Wind peitscht die Mischnässe aus Schnee, Eispartikeln und Regen waagrecht über das Rollfeld, das durch die flugtechnisch bedingte offene Lage keinen Windschutz hat. Zum Glück dauert das Boarding des Vorfeldbusses nicht all zu lange, aber doch lange genug um die Restwärme, die der Bus vielleicht noch hatte, zu den Türen hinauszupusten, während vier starke Männer den Rollstuhl samt dessen Insassen umständlich an Bord hieven. Das war das einfache Manöver.
Das schwierige kommt an der Gangway. Natürlich soll der Rollstuhlfahrer zuerst an Bord, warum auch immer, wir sind nur noch vier Passagiere nach ihm. Ich denke, das Schicksal will mir hier klar machen, dass meine Logik, siehe oben, zwar stimmt, aber nicht unbedingt klug ist. 
Selbstverständlich kann man den schweren Mann nicht im Rollstuhl die Gangway hinaufschieben, schon wegen der Querleisten, die Treppen simulieren. Außerdem wiegt er mindestens zwei Zentner, vorsichtig unterschätzt. Und überhaupt muss der Rollstuhl in den Frachtraum. Drei Männer schieben und ziehen und halb tragen den Mann also Zentimeter um Zentimeter die Gangway hinauf, während der vierte den Rollstuhl wegrollt. Und wir vier, die wir am kürzesten auf den Abflug warten wollten, stehen in unseren antalyatauglichen Klamotten am Fuß der Gangway und müssen uns gedulden, bis der Rollstuhlfahrer im Flugzeug auf seinem Platz angeschnallt ist. Ich fühle mich fünf endlos lange Minuten wie Asmussen am Südpol. Ja, ich weiß, es muss Amundsen am Nordpol heißen, aber das ist mir in dem Augenblick scheißegal!
Wie erwartet ist mein Platz, dritte Reihe, Gang, nicht besetzt. Ich hätte sonst einen Schreikrampf bekommen, wenn auch noch der zweite Satz im  ersten Absatz dieses Kapitels ad absurdum geführt worden wäre.
Und noch etwas tröstet mich: Jonathan und seine Eltern sitzen nicht in meiner Hörweite. Dreieinhalb Stunden "Vater" und "Mutter" hätte ich nicht verkraftet!
Trotz des zeitraubenden Boardings des Rollstuhlfahrers startet die Maschine auf die Minute genau und bald sind wir über den Wolken, wo die Freiheit ... Aber das ist ein anderes Kapitel.


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