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Mittwoch, 7. Januar 2015

Der Mann im Rollstuhl lebt!


Kein Zweifel. Ich habe ihn wieder gesehen. Und das ohne irgendwelche akustische oder visuelle Nebenwirkungen. Er rollte von rechts an den Tisch in der Bahnhofshalle heran, an dem ich immer sitze, und hielt einen Zettel in der Hand, den ich offensichtlich lesen sollte. Natürlich war ich so überwältigt davon, ihn wieder zu sehen, dass ich das Gedruckte nur peripher wahrnahm. "Vom Fels abgestürzt" oder so ähnlich, und dass ihn seine Mutter unterstütz ... Ich konnte es wirklich nicht lesen, ich sah nur ihn.
Und er war genau wie beim ersten Mal, nur diesmal viel jünger. Er wirkte gepflegt, nicht so sich in Auflösung befindlich wie damals. Wobei "damals" hier eine andere Dimension annimmt. Ist Gestern Damals? Ist Zeit überhaupt noch existent in einer solchen Situation?
Er hielt also diesen Zettel in einer Klarsichthülle in der Hand. Es war die Fotokopie eines Artikels aus den STUTTGARTER NACHRICHTEN, wenn mich nicht alles täuscht, der über den Kletterunfall eines jungen Menschen berichtet. ... Erst hier fiel mir auf, dass dieser Mensch im Rollstuhl tatsächlich noch jung ist! Was dieser Unfall ihn gekostet hat, war offensichtlich. Beinahe bewegungslos, zusammengekrümmt, die Hände als hilflose Greifwerkzeuge im Schoß, nur das rechte Bein in der Lage, ihn im Rollstuhl Zentimeter um Zentimeter fortzubewegen. Und aus dem Mundwinkel rinnt unkontrollierbar der Speichelfaden, der vorn einen großen Tropfen bildet.
Ich konnte es nicht fassen! Hier war er wirklich wieder: Der Mann, den ich schon als Hirngespinst abgetan und einem Alptraum zugeordnet habe. Er hatte nicht Parkinson, wie ich bei der ersten Begegnung angenommen hatte, sonder war schwerst gelähmt, sogar in der Sprache.
Er bettelte.
Ich gebe zu, dass mir der Atem stockte. Kann das sein? dachte ich.
Ich gab ihm den Zettel zurück und dazu 10 Euro.
"Wir kennen uns." sagte ich. "Ich habe ihnen schon einmal in die Straßenbahn geholfen."
Ich kann es kaum beschreiben, dass ich in diesem Augenblick ein unvorstellbares Glücksgefühl hatte, aber es ist so! Ich war glücklich über dieses Zusammentreffen, über diese Gemeinsamkeit die wir teilten. Allerdings ohne sein Wissen. Er konnte sich nicht erinnern, lächelte aber so weit ihm das möglich war und nach ein paar weiteren Worten, an die ich mich nicht erinnere, rollte er an den Nebentisch. Hier das Bild.


Der Mann dort las den Zettel zwar interessiert, gab ihn dann aber wortlos zurück. Ich schob ihm noch 5 Euro zu, damit er sie geben könnte, aber er lallte nur: "Gibsihmdochselber."
Ich tat es. Der Mann im Rollstuhl registrierte das alles als wäre es eine Geschichte die um ihn herum geschieht, ihn aber nicht betrifft.
Er rollte weiter, sich zentimeterweise mit dem rechten Fuß anschiebend.
Was ist Mitleid?
Meines ging jetzt so tief, dass ich mich selber im Rollstuhl sitzend sah.
Dann bemerkte ich, dass der Schnürsenkel am linken Schuh nicht gebunden war, sondern auf dem Boden schleifte und immer in Gefahr geriet, sich im kleinen Vorderrad zu verfangen. Ich hielt den Mann im Rollstuhl also auf und sagte ihm, dass ich seinen Schnürsenkel binden wolle. Er war erfreut und ich kniete vor ihm nieder und band eine Schleife in sein Schuhband.
Gestern war Epiphanie.
Ich bin kein "religiöser" Mensch, ich hasse Religion, sie trennt die Menschen von Gott, aber in diesem Augenblick der Demut spürte ich die Liebe Gottes auf uns, was immer das bedeuten mag.
Ich folgte ihm dann noch, immer im Hintergrund, eine gute Stunde auf seinem mühsamen Weg durch die Bahnhofshalle.
Die meisten Menschen ignorierten ihn einfach.
Andere wandten sich angewidert ab. Der Speichelfaden aus dem Mundwinkel war wohl Schuld daran.
Niemand gab ihm etwas!




























Niemand interessierte sich dafür, was auf dem Zettel stand. Dabei konnte man dort lesen, dass er sich seit seinem Unfall ständig darum bemüht, wenigstens einige Beweglichkeit wieder zu erlangen (deshalb hatte er die Hilfe bei der ersten Begegnung abgelehnt). Aber das kostet Geld und Geld gibt es in unserer Gesellschaft nur für das, was wieder Geld bringt.
Armer Mann!



























Ich konnte später noch ein bisschen mit ihm sprechen. Die Therapie muss er selbst bezahlen und die ist teuer. Seine Mutter unterstützt ihn so weit es ihr möglich ist. Er glaubt fest daran, dass er wieder "normal" werden kann. 
"Aber das braucht Zeit." sagte er. 
Ich glaube, er wiederholte, was man ihm täglich vorlügt.
"Zeit ist nur ein Teil der Ewigkeit und die ist ja immer bei uns." sagte ich.
Danach sah er unglücklich aus.
Es tut mir leid!
Ich hoffe dass ich ihn bald wieder sehe!!!





























Samstag, 13. September 2014

Warten - Zwischen Tag und Traum


Wohin gehen wir in den Sekunden die uns vom Schlaf trennen? Welcher letzte oder erste Gedanke schafft die Bilder, die sich so lebendig ins Bewusstsein drängen? In Fernseh-Dokumentationen heißt es nach solch grundsätzlichen Fragen, die unbedingt eine Antwort verlangen:
"Wir wissen es  nicht  und werden es wahrscheinlich nie erfahren."
Dieser frustrierenden Aussage habe ich nichts hinzu zu fügen.
Ich sah Figuren des Wartens. Dass mich das Thema "Warten" in letzter Zeit konkret beschäftigt ist ja bekannt, also ist der Anlass für die "Erscheinungen" zumindest geklärt. Allerdings habe ich nie über die Formen des Wartens nachgedacht, und diese drängten sich mir an diesem Morgen auf. Eine habe ich, noch im Halbschlaf, aufgezeichnet, dementsprechend sieht sie aus.


Es ist "Das ungeduldige Warten". Eine männliche Gestalt, ohne Gesicht, in ein schwarzes Gewand gehüllt, (auch der Kopf ist bedeckt) mit einem schwarzen Skateboard in der Hand. Er geht unruhig auf und ab, hin und her, das Board immer am ausgestreckten Arm. Er befindet sich auf einem weißen Hintergrund, als wäre er auf Papier unterwegs, (wie die anderen Erscheinungen auch) wirft keinen Schatten und redet ständig. 
Analog dazu fiel mir nachher der Mann ein, der im Wartebereich der Augenklinik mit seiner Frau telefonierte, es ging um "kleine, blaue Pillen", und kein Ende finden konnte, als hätte er große Angst vor der Einsamkeit danach.


Als nächstes erschien "Das geduldige Warten", dessen Sinn mir Anfangs nicht so richtig aufgehen wollte. Es war eine aus Golddraht ständig wachsende "Maschine" mit unendlich vielen Zahnrädern, wie die in einem Uhrwerk. Eine Frau, ganz weiß gekleidet, war mit der Maschine beschäftigt, ohne sie zu "bedienen", vielmehr beobachtete sie deren Wachstum und berührte sie nur hin und wieder ganz sanft, beinahe zärtlich. Der Gedanke ging mir auf: die Maschine ist die Geduld und nur das "ewig Weibliche" im Menschen bringt sie auf. Tut mir Leid, wenn das nicht allgemeine Zustimmung findet, aber, wie gesagt, es war ein Traumbild. Ich habe erst gar nicht versucht es zu malen. 
Aber ich musste an die Frau denken, die in der Augenklinik ständig mit sich selber sprach, als würde sie sich schützend in ein feingesponnenes Netz aus Worten hüllen.


Danach sah ich "Das hoffnungsvolle Warten". Es überraschte mich kein bisschen, dass es ein grünes Pflanzenwesen war, aus dessen üppigem Blattgeflecht sich ständig bunte Blüten hervorschoben, die rasch wieder verblühten und abfielen. Damit konnte doch nur mein Hibiskus gemeint sein, mit dem ich mich in den letzten Tagen mehr als sonst beschäftigt hatte. Mein Unterbewusstsein arbeitete auf Hochtouren! Wobei es der Pflanze mehr als schmeichelte!! Siehe unten.






























"Das verzweifelte Warten" erschien in Flammengestalt: zuckend, sich windend, tanzend, wachsend, schwindend, männlich und weiblich, jung und alt zugleich. Ich hatte den Eindruck, dass der weiße Papierhintergrund Feuer fangen und zu Asche zerfallen müsste, alles Existierende auslöschend. Es geschah nicht, aber das Gefühl der Erwartung und der Panik war spürbar. 
Vielleicht geisterte da das Bild einer rothaarigen Frau, die sich vor einer Tafel mit Hinweis auf das Rauchverbot eine Zigarette anzündete, das ich erst vor einigen Tagen fotografierte, durch mein Gedächtnis ... 


Dann schlug die Uhr im Schlafzimmer sehr laut und mahnend die zehnte Stunde und ich war endlich wach. 
Jetzt frage ich mich, ob es wirklich nur diese vier Formen des Wartens gibt. Und warten Tiere? Können sie `Warten´ empfinden, als frustrierendes Nichtereignis wie wir? Werde ich die Antworten jemals erfahren? Ich bin gespannt und warte.