Hier hat es angefangen, ich weiß schon gar nicht mehr wann. Es war im März, denke ich, als ich zum Augenarzt ging, weil ich manchmal für kurze Zeit alles wie durch eine Milchglasscheibe sah. Glaukom, diagnostizierte dieser und gleich auch noch Katarakt, im Volksmund bekannt als grüner und grauer Star. Es sei nicht alarmierend, meinte der Arzt, man könne das eventuell mit Tropfen in den Griff bekommen. Das war am Montag oder Dienstag. Eventuell war dann am Freitag vorbei, als ich einen Glaukom-Anfall erlitt, der "Wurst Käs" (worst case) für das Auge und extrem schmerzhaft! Da meldete ich mich dann hier und ... Ja, steht alles in meinem Blog. Das Kapitel dazu, "Grau oder grün" überschrieben, mit dem alles anfängt. Veröffentlicht habe ich das am 9. April ...
Heute ist der 31. Oktober. Gestern hatte ich einen Termin in der anderen Klinik, zu der ich wechselte, weil in der ersten ein Fernseher hoch oben an der Wand war und ich, nach 4 Tagen allein im Zimmer, einen `Zimmerkollegen´ bekommen sollte, der sich gleich bei seiner Ankunft freute, dass er dann "Fußball kucken" könne. Noch bevor er das Gerät einschalten konnte, habe ich mich selbst entlassen ...
Ich war pünktlich, sogar eher zu früh, 7:40, und dachte schon, ich müsste vor verschlossenen Türen warten. Das Wartezimmer war voll! Ich nahm Platz und vor mir erstreckte sich wieder einmal die Öde eines Klinik Flurs. `Willkommen daheim.´ dachte ich.
Über das Warten in Augenkliniken habe ich schon in einem anderen Kapitel geschrieben. Daran hat sich nichts geändert, außer dass ich diesmal in dieser Klinik extrem lange warten musste, was ich nicht gewohnt war. 1 ½ Stunden bis ich in das erste Behandlungszimmer gerufen wurde, nachdem ich schon eine halbe Stunde in der Anmeldung, siehe oben, auf die obligatorischen Voruntersuchungen gewartet hatte. Es war also inzwischen 9:45.
Den Arzt kannte ich schon und er erinnerte sich sogar an mich. Mein Charisma? Kleiner Scherz. Er ist, oder wirkt zumindest, sehr jung. Ich bin in letzter Zeit immer wieder verblüfft, wie jung die Leute alle sind, die Berufe ausüben, die ich mit `Alter´ in Verbindung bringe. Mein Hausarzt ist zwar auch nicht übermäßig alt, hat aber schöne, weiße Haare. ... Der junge Herr Doktor rekapitulierte den Befund meiner Augen im Allgemeinen, nichts Neues, und meinte abschließend, dass man eine Gesichtsfeldmessung machen müsse und wir uns dann wieder sehen würden. Danke Herr Doktor.
In Shakespeare-Dramen folgt auf eine dramatische, schwere, oft eine komische, leichte Szene, um das Ganze aufzulockern. Das funktioniert sogar bei "Romeo und Julia".
Gesichtsfeldmessung ist anstrengend und dauert, gefühlt, recht lang. Danach ist man froh, wenn man wieder warten darf. Inzwischen war die Kapazität des Warteraums bis an seine Grenzen erschöpft. Sitzplätze mussten schon beinahe per Los vergeben werden. Da war man über jede/n Patient/in im Rollstuhl dankbar.
Die ältere Frau, ich schätzte sie allerdings auf Anfang 60, wurde von ihrer Tochter, so um die 35, und deren Sohn, etwa 16, begleitet. Wenn ein Migrationshintergrund vorlag, dann höchstens ein badischer. Die Kleidung war provinziell einfach und die Sprache laut und ... (Ich übersetze ins Hochdeutsche.)
Patientin zur Tochter: "Hast Du ein Bonbon?"
Tochter zur Mutter: "Nein, einen Bonbon habe ich nicht, aber einen Kaugummi. Möchtest Du einen Kaugummi?"
Mutter: "Nein, einen Kaugummi möchte ich nicht. Gibt es keinen Bonbon?"
Der Sohn der Tochter zur Mutter seiner Mutter: "Doch, da vorn in der Anmeldung gibt es Bonbons. Ich hole welche wenn ihr wollt."
Seine Mutter: "Ja, tu das. Geh shopping." Er geht.
Die Patientin, kaum dass der Sohn der Tochter fort ist: "Jetzt ist es in die Hose gegangen."
Tochter, holt tief Luft: "Warum hast Du denn nichts gesagt?!"
Ihre Mutter: "Das geht so schnell."
Anmerkung des Autors: Wo sie recht hat hat sie recht!
Tochter holt wieder tief Luft, bleibt aber sprachlos.
Ihr Sohn kommt zurück mit Bonbons und wickelt schon eins für die Oma aus.
Tochter: "Lass das. Wir gehen jetzt erst einmal auf die Toilette. Setz Du Dich hier her und wenn wir aufgerufen werden, sagst Du, dass wir auf der Toilette sind." Sie schiebt die Mutter zur Toilette.
Es wir "Herr Piel" aufgerufen.
Die Dame neben mir: "Ja! Hier!"
Die Dame neben ihr: "Nein, das war doch Herr Piel."
Die Dame neben mir. "Ach so. ... Der gleiche Name ... Obwohl, ich heiße ja Pill. So können Verwechslungen entstehen, die verheerende Folgen haben können."
Die Dame neben ihr: "Jaja."
Die Dame neben mir: "Es kommt auch auf die Aussprache an. ... Und wie der Name geschrieben wird. ... Der Herr könnte ja auch P i e h l heißen. ... Aber wenn es schlampig ausgesprochen wird, kann sich Piel wie Pill anhören."
Die Dame neben ihr: "Ja Frau Pill. Aber es hieß ja `Herr´ Piel."
"Herr Lang!" wird aufgerufen. ... Ich gehe ungern.
Der junge Herr Doktor kommt mir entgegengeeilt (so ein langes Wort mit fünf "e" Buchstaben! WOW!) und sagt: "Setzen Sie sich doch bitte schon einmal in das Behandlungszimmer da vorne, links. Ich komme gleich. Und weg ist er. Ich setze mich. Auf den Monitoren sind Daten und Bilder und auf dem Tisch liegen meine Sehfeld-Aufzeichnungen. Soll ich mal ein bisschen blättern und scrollen? Bin doch ich.
Macht man natürlich nicht! Und irgendwann kommt der Herr Doktor wieder. Jaaaaaaaa, also an Ihrem Gesichtsfeld hat sich nicht viel verändert. Genau gesagt: es hat sich gar nichts verändert. Aber sie sehen besser als vor der OP. War das die gute Nachricht? Anscheinend ja. Für den Rest möchte er den Chefarzt dazurufen. Der ist auch gleich da und bedenkt mich mit einem streifenden Blick.
Der streifende Blick von Ärzten ist wohl weltweit gleich. Ich nehme an, dass er ein Teil ihres Studiums ist. Er beinhaltet zuerst einmal allgemeines Anerkennen des Menschlichen, ohne dieses positiv zu klassifizieren. Gleichzeitig fragt der Blick: Wird der mich verklagen? und sagt synchron: Wehe Du verklagst mich.
Der Chef streift mich also mit diesem Blick, sieht dann meine Akte ein und sagt: "O Gott, das ist ..." Er erinnert sich und ich bestärke ihn in seiner Annahme, dass ich der Patient bin, zu dem er während der OP dringend gerufen wurde, nachdem der Chirurg gesagt hatte: "Das ist eine Katastrophe!" Das war immerhin schon vor beinahe zwei Monaten! Ich scheine einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Beliebt gemacht habe ich mich allerdings nicht.
Und dann kommt die schlechte Nachricht. Meine Iris ist permanent geschädigt. Beim Versuch sie wieder in den Griff zu bekommen und zu befestigen, entstanden kleine Löcher. Durch diese Perforationen fällt nun Licht in das Auge und produziert dort, neben dem Bild der Pupille, eigene Bilder. Deshalb sehe ich doppelt, oder versetzte Konturen. Auch die Strahlen und Lichtblitze werden dadurch verursacht. Und meine Pupille schließt sich nicht mehr über einen gewissen Punkt hinaus. Deshalb ist die Lichtempfindlichkeit auch unumkehrbar. Man könnte, sollte es mir wirklich, wirklich und absolut unmöglich sein, mit dieser Situation zu leben, versuchen die Regenbogenhaut zu nähen ... ABER ... Allerdings ist mein Augendruck immer noch zu hoch. Wenn ich nicht für den Rest meines Lebens meine Augen tropfen möchte, was wegen meines Tremors nicht gut möglich ist, sollte man da beide Augen noch einmal lasern ...
Ich erklärte mich damit einverstanden, unterschrieb und ließ mir Termine geben. Am 11. 11. ist der erste. Zum Glück sind wir nicht im Rheinland! Am 2. 12 wäre ich dann fertig. Da kann ich wohl mit Recht sagen: Mein Augenklinik-Jahr. Um 11:30 verließ ich die Klinik. Allerdings entschuldigte sich der junge Doktor dafür, dass es so lange gedauert hatte.
Draußen ist Herbst und ich kann ihn sehen, was will man mehr?
Übrigens ist das mein zukünftiger Outdoor Look. Die Mütze brauche ich für die Licht- und Sonneneinstrahlung von oben. Von der Notwendigkeit gestylt kann ich da nur sagen.

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