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Sonntag, 2. August 2015

Vor Sonnenaufgang




Der neue Tag haucht Licht wie dünnes, blaues Eis in's Glas der Fensterscheiben,;mit leichter Hand spielt eine Brise im Hibiskusbaum,
die Blätter flattern wie erschreckte Vögel die nicht fliegen können
und hilflos an den Ästen hängen bleiben.

Jetzt ist die Zeit für einen letzten Traum der mit der Seele ringt;
die Uhren ticken Säume in die Ewigkeit.
Sie nähen einen Tag der allen andren Tagen gleicht
und der doch immer Neues mit sich bringt.

Noch schläfst Du und weißt nicht was auf Dich wartet in der Frühe;
im Osten schiebt sich fahle Helle in den Himmel;
ein Augenblick der Stille ist noch Deinem Traum gegönnt
und Du kannst ruhig atmen vor des Tages neuer Mühe.




gelang 2015

Samstag, 13. September 2014

Warten - Zwischen Tag und Traum


Wohin gehen wir in den Sekunden die uns vom Schlaf trennen? Welcher letzte oder erste Gedanke schafft die Bilder, die sich so lebendig ins Bewusstsein drängen? In Fernseh-Dokumentationen heißt es nach solch grundsätzlichen Fragen, die unbedingt eine Antwort verlangen:
"Wir wissen es  nicht  und werden es wahrscheinlich nie erfahren."
Dieser frustrierenden Aussage habe ich nichts hinzu zu fügen.
Ich sah Figuren des Wartens. Dass mich das Thema "Warten" in letzter Zeit konkret beschäftigt ist ja bekannt, also ist der Anlass für die "Erscheinungen" zumindest geklärt. Allerdings habe ich nie über die Formen des Wartens nachgedacht, und diese drängten sich mir an diesem Morgen auf. Eine habe ich, noch im Halbschlaf, aufgezeichnet, dementsprechend sieht sie aus.


Es ist "Das ungeduldige Warten". Eine männliche Gestalt, ohne Gesicht, in ein schwarzes Gewand gehüllt, (auch der Kopf ist bedeckt) mit einem schwarzen Skateboard in der Hand. Er geht unruhig auf und ab, hin und her, das Board immer am ausgestreckten Arm. Er befindet sich auf einem weißen Hintergrund, als wäre er auf Papier unterwegs, (wie die anderen Erscheinungen auch) wirft keinen Schatten und redet ständig. 
Analog dazu fiel mir nachher der Mann ein, der im Wartebereich der Augenklinik mit seiner Frau telefonierte, es ging um "kleine, blaue Pillen", und kein Ende finden konnte, als hätte er große Angst vor der Einsamkeit danach.


Als nächstes erschien "Das geduldige Warten", dessen Sinn mir Anfangs nicht so richtig aufgehen wollte. Es war eine aus Golddraht ständig wachsende "Maschine" mit unendlich vielen Zahnrädern, wie die in einem Uhrwerk. Eine Frau, ganz weiß gekleidet, war mit der Maschine beschäftigt, ohne sie zu "bedienen", vielmehr beobachtete sie deren Wachstum und berührte sie nur hin und wieder ganz sanft, beinahe zärtlich. Der Gedanke ging mir auf: die Maschine ist die Geduld und nur das "ewig Weibliche" im Menschen bringt sie auf. Tut mir Leid, wenn das nicht allgemeine Zustimmung findet, aber, wie gesagt, es war ein Traumbild. Ich habe erst gar nicht versucht es zu malen. 
Aber ich musste an die Frau denken, die in der Augenklinik ständig mit sich selber sprach, als würde sie sich schützend in ein feingesponnenes Netz aus Worten hüllen.


Danach sah ich "Das hoffnungsvolle Warten". Es überraschte mich kein bisschen, dass es ein grünes Pflanzenwesen war, aus dessen üppigem Blattgeflecht sich ständig bunte Blüten hervorschoben, die rasch wieder verblühten und abfielen. Damit konnte doch nur mein Hibiskus gemeint sein, mit dem ich mich in den letzten Tagen mehr als sonst beschäftigt hatte. Mein Unterbewusstsein arbeitete auf Hochtouren! Wobei es der Pflanze mehr als schmeichelte!! Siehe unten.






























"Das verzweifelte Warten" erschien in Flammengestalt: zuckend, sich windend, tanzend, wachsend, schwindend, männlich und weiblich, jung und alt zugleich. Ich hatte den Eindruck, dass der weiße Papierhintergrund Feuer fangen und zu Asche zerfallen müsste, alles Existierende auslöschend. Es geschah nicht, aber das Gefühl der Erwartung und der Panik war spürbar. 
Vielleicht geisterte da das Bild einer rothaarigen Frau, die sich vor einer Tafel mit Hinweis auf das Rauchverbot eine Zigarette anzündete, das ich erst vor einigen Tagen fotografierte, durch mein Gedächtnis ... 


Dann schlug die Uhr im Schlafzimmer sehr laut und mahnend die zehnte Stunde und ich war endlich wach. 
Jetzt frage ich mich, ob es wirklich nur diese vier Formen des Wartens gibt. Und warten Tiere? Können sie `Warten´ empfinden, als frustrierendes Nichtereignis wie wir? Werde ich die Antworten jemals erfahren? Ich bin gespannt und warte.

Freitag, 24. Januar 2014

"Wie sich Mühlen dreh'n im Wind."




























Nachdem ich das iPad mini gekauft hatte fragte ich mich: "Wozu?" Zu dem Zeitpunkt eine berechtigte Frage, schließlich hatte ich schon zwei PCs, einen uralten, auf dem noch Windows XP Home Edition endlos langsam läuft, meinen iMac mit der superschnellen Apple Software, ein Notebook mit Windows Vista, auch in die Jahre gekommen, das Mac Book Air (11 Zoll), das ganz normale iPad (Air gab's da noch nicht) und nun also auch noch das Mini! Jetzt kenne ich die Antwort: "Damit ich beim Bloggen, wenn etwas gegoogelt werden soll, nicht immer von einer Seite zu einer anderen surfen muss, sondern alles auf einen Blick vor mir habe!"
Jetzt aber, nachdem ich diese Einleitung so elegant verfasst habe, frage ich mich wie es weiter gehen soll in diesem Kapitel, das den nicht weniger eleganten Schlusssatz haben soll: "Ich denke dass ich ein Phönix bin!"
Angefangen hat es mit Insomnia am frühen Morgen, der Phase in der man nicht wach ist und nicht schläft, in der Grauzone des Bewusstseins. Grau war der Himmel hinter den Vorhängen noch nicht, nehme ich an, schließlich war es erst kurz vor vier Uhr an diesem 24. Januar Morgen, wie mir ein halbherziger Blick auf die Wanduhr zeigte, die übrigens immer noch, ja immer, auf Sommerzeit läuft, weil mich die ewige Umstellerei ankotzt. Auf ihr war es also kurz vor Fünf. `Das hast Du jetzt vom frühen zu Bett gehen.´ dachte ich vorwurfsvoll und rutschte dann in einen kurzen, heftigen Traum.
Ich steige steil bergan. Wie hoch ich hinauf muss ist nicht absehbar. Schwärzeste Dunkelheit folgt mir wie eine Schleppe, die mir vom Hinterkopf hängt und sich von dort her ausbreitet. Zeit spielt keine Rolle. Ich steige also endlos lange und gleichzeitig überhaupt nicht nach oben. Dann bin ich auf einem Plateau angekommen und blicke auf eine von der Mittagssonne hell erleuchtete Stadt an einem Fluss, der am Horizont in ein unendliches Meer mündet. Stadt, Fluss Meer: alles in hellen Gelbtönen. Eine Kirchturmuhr beginnt zu schlagen und mit dem ersten Ton fällt das erste Haus auseinander, klappt auf wie eine Schachtel, nach vier Seiten. Und dann schlagen immer mehr Turmuhren, die Stadt hat jetzt unzählige Kirchtürme, und mit dem Uhrenschlagen klappen alle Häuser, alle Kirchen auf. Ihr Inneres ist aber nur weiß, so dass sich schließlich eine weiße Fläche vom Fuß der Höhe, auf der ich immer noch stehe, bis zum Horizont erstreckt. Und dann geschieht das unerwartete. Die Dunkelheit hinter mir schwappt quasi über meinen Kopf, die Schwärze ist überall. Dann schlägt noch einmal eine Uhr und mit einem Fauchen wird am Horizont ein großes Feuer entfacht auf das ich zugehe. "Ich denke dass ich ein Phoenix bin." sagt ein Gedanke laut zu mir.
Dann bin ich wieder halbwach und höre gerade noch den Nachhall einer der vielen Uhren in meiner Wohnung, (Über dreißig, die alle die Stunden schlagen, wenn sie aufgezogen sind.) die Vier Uhr  geschlagen hat und registriere, dass die Gasheizung wieder angesprungen ist, weil der Thermostat das für nötig hielt. Daher das Glockenschlagen und Fauchen. Wer für die Bilder verantwortlich ist, weiß ich nicht. Wohl mein Unterbewusstes, das mir irgend etwas sagen will, es aber unverständlich formuliert. Apropos Uhren: Hier eine Kostprobe


Meine Gedanken fangen an zu kreisen und ich komme automatisch auf den als Kapitelüberschrift genannten Titel eines Liedes, das ich von einer Schallplatte von Katja Epstein kenne. Ich habe es gegoogelt:


Das ist übrigens ein Druckfehler (gibt es das auf einer virtuellen Seite?) da oben. Der Adler "schreit" nicht die Spiralen, er "schreibt" sie. 
Wie ein Kreisel den die Peitsche übers Straßenpflaster treibt, wie Spiralen die …"
So am Rande frage ich mich: Wer kennt noch Kreisel (wir sagten übrigens "Tänzer" dazu) die man mit Peitschenhieben in Drehung hält? Gibt es das noch? Muss ich gleich mal googeln! … Ach so, nein, ich bleibe beim Thema. Nachdem ich an die deutsche Version des Liedes gedacht habe, fällt mir die englische ein, von der ich nur die Fassung kannte, in der es heißt: 
When you knew that it was over, you were suddenly aware, 
that the autumn leaves were turning to the color of despair. 
Diese colors of despair, also Farben der Verzweiflung, hatten mich sehr beeindruckt. In Wirklichkeit ist das Lied ja ein Duett, Französisch, wenn mich nicht alles täuscht (googeln) das die Gefühle zweier Liebenden ausdrückt. In der englischen Duett Version singt er:
When you knew that it was over 
you were suddenly aware
that the autumn leaves were turning
to the color of her hair.
Und sie hält dagegen:
When you knew that it was over
in the autumn of goodbyes
for a moment you could not recall 
the color of his eyes.
Auch nicht schlecht. 
Auf meinem Schreibtisch sieht das dann so aus.





























Nachdem ich mit meinen Gedanken so weit gekommen war, also bis zu den Windmühlen, wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr schlief. 
Insomnia, dachte ich und da fiel mir ein, dass ich einmal, vor wieviel tausend Jahren? ein Gedicht mit diesem Titel geschrieben hatte.
Ich war unsterblich in einen Straßenbauarbeiter mit Migrationshintergrund verliebt. Er und seine Kollegen rissen den Gehweg vor der Firma auf, in der ich damals arbeitete. Direkt unter dem Fenster an dem sich mein Arbeitsplatz befand. … Schließlich kam es zu der Nacht, in der ich bei ihm schlief. Bei ihm, wohlgemerkt, nicht mit ihm! Es war in der Unterkunft in der er und seine Kollegen wohnten. Übrigens war sein jüngerer Bruder auch bei dieser Truppe. Sie kamen aus dem muslimischen Teil des damaligen Jugoslawien und waren beide verheiratet, ihre Frauen allerdings nicht in Deutschland, und beide Vollheteros. Trotzdem spielte er, den Namen habe ich vergessen, ein bisschen mit dem Feuer. … Er hatte ein eigenes Zimmer und wir lagen zusammen auf seinem, nicht sehr breiten Bett. Die Tür blieb allerdings einen 10 Zentimeter breiten Spalt offen. … Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan und das Heraufdämmern des Tages in allen Details erlebt. So entstand dann das:


Soll ich mich schämen? Ein bisschen. Aber, wie gesagt, das ist mehr als dreißig Jahre her, beinahe schon vierzig! Uralt! 
Übrigens lud ich einmal die Brüder zum Essen ein. Ich war fasziniert. Sie hingen mit den Köpfen dicht über dem Teller, schaufelten die Speisen in den Mund und schmatzen dann das zu Essende zu Brei. Sie schmatzten laut und deutlich! Sehr laut und weithin hörbar! Ich war peinlich berührt. Man sah zu uns herüber. Sie merkten nichts. Ich sagte nichts. Vielleicht war es in ihrem Kulturkreis ja höflich beim Essen zu schmatzen? Sie kamen aus irgend einem winzigen Bergdorf. … Ich fuhr irgendwann dann nach Venedig und dort habe ich diese Liebe verloren. Einfach so. Ich war erstaunt darüber, aber auch froh.
Schlaflos.
Zur Zeit habe ich das Gefühl in einem riesigen Raum zu hängen, der mich unsäglich einengt. Absurde Vorstellung, aber realer Zustand. Hat mich der Tod meines Freundes Walter, dessen Sterben sich über zwei Jahre hinzog wie ein lähmender Alptraum, an diesen Punkt gebracht, an dem ich erkenne, dass dieser Teil meines Lebens ein ständiges Abschied nehmen ist? Plane ich deswegen die Reise nach Istanbul, immer bedenkend, dass ich sie vielleicht nicht antreten werde? Habe ich deshalb keine Reiserücktritt-Versicherung abgeschlossen, den Verlust des Gepäcks nicht abgesichert? Vielleicht. Aber wenn man anfängt darüber nachzudenken ist der wahre Grund nicht mehr fest zu machen. In Worte gefasst sind Gedanken nie mehr das was sie waren, nur ungenaue Abbilder dessen was sie sein wollten.
Ein anderes Gedicht fiel mir ein, das ich, noch sehr, sehr jung! geschrieben hatte. Es handelte davon, wie ich mich, abends, am Strand einer griechischen Insel, auf ein selbstgebautes Floß begebe, auf das ich einen Scheiterhaufen schichtete, vom Ufer abstoße, mich mit Benzin übergieße, mich betrinke und schließlich in Brand stecke. So fahre ich dann, als helles Feuer, auf den dunklen Horizont zu. 
Vielleicht war das ja der Traumhintergrund? 
Wer sagt's denn, ich hab's geschafft! Hier kommt er, der elegante, letzte Satz:
Ich denke ich bin ein Phönix! 

Ein Post Scriptum. Noch ein Gedicht zum Thema, das im Jahr 1968 entstand, als ich 30 Jahre alt war:

Nur einmal möchte ich in meinem Leben
die Sonne halten und mit der freien Hand
das Universum schütteln bis die Sterne beben -
Ein Strom sein und ein Baum und eine Felsenwand.

Und dann, am Ende, wie Kristall
der vor dem Wind zerfällt in tausend Scherben -
Das blitzt und klingt, auch noch im Fall:
So möchte ich sterben.

Man sieht, ich habe mich schon öfter mit dem Thema befasst.