Nachdem ich das iPad mini gekauft hatte fragte ich mich: "Wozu?" Zu dem Zeitpunkt eine berechtigte Frage, schließlich hatte ich schon zwei PCs, einen uralten, auf dem noch Windows XP Home Edition endlos langsam läuft, meinen iMac mit der superschnellen Apple Software, ein Notebook mit Windows Vista, auch in die Jahre gekommen, das Mac Book Air (11 Zoll), das ganz normale iPad (Air gab's da noch nicht) und nun also auch noch das Mini! Jetzt kenne ich die Antwort: "Damit ich beim Bloggen, wenn etwas gegoogelt werden soll, nicht immer von einer Seite zu einer anderen surfen muss, sondern alles auf einen Blick vor mir habe!"
Jetzt aber, nachdem ich diese Einleitung so elegant verfasst habe, frage ich mich wie es weiter gehen soll in diesem Kapitel, das den nicht weniger eleganten Schlusssatz haben soll: "Ich denke dass ich ein Phönix bin!"
Angefangen hat es mit Insomnia am frühen Morgen, der Phase in der man nicht wach ist und nicht schläft, in der Grauzone des Bewusstseins. Grau war der Himmel hinter den Vorhängen noch nicht, nehme ich an, schließlich war es erst kurz vor vier Uhr an diesem 24. Januar Morgen, wie mir ein halbherziger Blick auf die Wanduhr zeigte, die übrigens immer noch, ja immer, auf Sommerzeit läuft, weil mich die ewige Umstellerei ankotzt. Auf ihr war es also kurz vor Fünf. `Das hast Du jetzt vom frühen zu Bett gehen.´ dachte ich vorwurfsvoll und rutschte dann in einen kurzen, heftigen Traum.
Ich steige steil bergan. Wie hoch ich hinauf muss ist nicht absehbar. Schwärzeste Dunkelheit folgt mir wie eine Schleppe, die mir vom Hinterkopf hängt und sich von dort her ausbreitet. Zeit spielt keine Rolle. Ich steige also endlos lange und gleichzeitig überhaupt nicht nach oben. Dann bin ich auf einem Plateau angekommen und blicke auf eine von der Mittagssonne hell erleuchtete Stadt an einem Fluss, der am Horizont in ein unendliches Meer mündet. Stadt, Fluss Meer: alles in hellen Gelbtönen. Eine Kirchturmuhr beginnt zu schlagen und mit dem ersten Ton fällt das erste Haus auseinander, klappt auf wie eine Schachtel, nach vier Seiten. Und dann schlagen immer mehr Turmuhren, die Stadt hat jetzt unzählige Kirchtürme, und mit dem Uhrenschlagen klappen alle Häuser, alle Kirchen auf. Ihr Inneres ist aber nur weiß, so dass sich schließlich eine weiße Fläche vom Fuß der Höhe, auf der ich immer noch stehe, bis zum Horizont erstreckt. Und dann geschieht das unerwartete. Die Dunkelheit hinter mir schwappt quasi über meinen Kopf, die Schwärze ist überall. Dann schlägt noch einmal eine Uhr und mit einem Fauchen wird am Horizont ein großes Feuer entfacht auf das ich zugehe. "Ich denke dass ich ein Phoenix bin." sagt ein Gedanke laut zu mir.
Dann bin ich wieder halbwach und höre gerade noch den Nachhall einer der vielen Uhren in meiner Wohnung, (Über dreißig, die alle die Stunden schlagen, wenn sie aufgezogen sind.) die Vier Uhr geschlagen hat und registriere, dass die Gasheizung wieder angesprungen ist, weil der Thermostat das für nötig hielt. Daher das Glockenschlagen und Fauchen. Wer für die Bilder verantwortlich ist, weiß ich nicht. Wohl mein Unterbewusstes, das mir irgend etwas sagen will, es aber unverständlich formuliert. Apropos Uhren: Hier eine Kostprobe
Meine Gedanken fangen an zu kreisen und ich komme automatisch auf den als Kapitelüberschrift genannten Titel eines Liedes, das ich von einer Schallplatte von Katja Epstein kenne. Ich habe es gegoogelt:
Das ist übrigens ein Druckfehler (gibt es das auf einer virtuellen Seite?) da oben. Der Adler "schreit" nicht die Spiralen, er "schreibt" sie.
Wie ein Kreisel den die Peitsche übers Straßenpflaster treibt, wie Spiralen die …".
So am Rande frage ich mich: Wer kennt noch Kreisel (wir sagten übrigens "Tänzer" dazu) die man mit Peitschenhieben in Drehung hält? Gibt es das noch? Muss ich gleich mal googeln! … Ach so, nein, ich bleibe beim Thema. Nachdem ich an die deutsche Version des Liedes gedacht habe, fällt mir die englische ein, von der ich nur die Fassung kannte, in der es heißt:
When you knew that it was over, you were suddenly aware,
that the autumn leaves were turning to the color of despair.
Diese colors of despair, also Farben der Verzweiflung, hatten mich sehr beeindruckt. In Wirklichkeit ist das Lied ja ein Duett, Französisch, wenn mich nicht alles täuscht (googeln) das die Gefühle zweier Liebenden ausdrückt. In der englischen Duett Version singt er:
When you knew that it was over
you were suddenly aware
that the autumn leaves were turning
to the color of her hair.
Und sie hält dagegen:
When you knew that it was over
in the autumn of goodbyes
for a moment you could not recall
the color of his eyes.
Auch nicht schlecht.
Auf meinem Schreibtisch sieht das dann so aus.
Nachdem ich mit meinen Gedanken so weit gekommen war, also bis zu den Windmühlen, wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr schlief.
Insomnia, dachte ich und da fiel mir ein, dass ich einmal, vor wieviel tausend Jahren? ein Gedicht mit diesem Titel geschrieben hatte.
Ich war unsterblich in einen Straßenbauarbeiter mit Migrationshintergrund verliebt. Er und seine Kollegen rissen den Gehweg vor der Firma auf, in der ich damals arbeitete. Direkt unter dem Fenster an dem sich mein Arbeitsplatz befand. … Schließlich kam es zu der Nacht, in der ich bei ihm schlief. Bei ihm, wohlgemerkt, nicht mit ihm! Es war in der Unterkunft in der er und seine Kollegen wohnten. Übrigens war sein jüngerer Bruder auch bei dieser Truppe. Sie kamen aus dem muslimischen Teil des damaligen Jugoslawien und waren beide verheiratet, ihre Frauen allerdings nicht in Deutschland, und beide Vollheteros. Trotzdem spielte er, den Namen habe ich vergessen, ein bisschen mit dem Feuer. … Er hatte ein eigenes Zimmer und wir lagen zusammen auf seinem, nicht sehr breiten Bett. Die Tür blieb allerdings einen 10 Zentimeter breiten Spalt offen. … Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan und das Heraufdämmern des Tages in allen Details erlebt. So entstand dann das:
Soll ich mich schämen? Ein bisschen. Aber, wie gesagt, das ist mehr als dreißig Jahre her, beinahe schon vierzig! Uralt!
Übrigens lud ich einmal die Brüder zum Essen ein. Ich war fasziniert. Sie hingen mit den Köpfen dicht über dem Teller, schaufelten die Speisen in den Mund und schmatzen dann das zu Essende zu Brei. Sie schmatzten laut und deutlich! Sehr laut und weithin hörbar! Ich war peinlich berührt. Man sah zu uns herüber. Sie merkten nichts. Ich sagte nichts. Vielleicht war es in ihrem Kulturkreis ja höflich beim Essen zu schmatzen? Sie kamen aus irgend einem winzigen Bergdorf. … Ich fuhr irgendwann dann nach Venedig und dort habe ich diese Liebe verloren. Einfach so. Ich war erstaunt darüber, aber auch froh.
Schlaflos.
Zur Zeit habe ich das Gefühl in einem riesigen Raum zu hängen, der mich unsäglich einengt. Absurde Vorstellung, aber realer Zustand. Hat mich der Tod meines Freundes Walter, dessen Sterben sich über zwei Jahre hinzog wie ein lähmender Alptraum, an diesen Punkt gebracht, an dem ich erkenne, dass dieser Teil meines Lebens ein ständiges Abschied nehmen ist? Plane ich deswegen die Reise nach Istanbul, immer bedenkend, dass ich sie vielleicht nicht antreten werde? Habe ich deshalb keine Reiserücktritt-Versicherung abgeschlossen, den Verlust des Gepäcks nicht abgesichert? Vielleicht. Aber wenn man anfängt darüber nachzudenken ist der wahre Grund nicht mehr fest zu machen. In Worte gefasst sind Gedanken nie mehr das was sie waren, nur ungenaue Abbilder dessen was sie sein wollten.
Ein anderes Gedicht fiel mir ein, das ich, noch sehr, sehr jung! geschrieben hatte. Es handelte davon, wie ich mich, abends, am Strand einer griechischen Insel, auf ein selbstgebautes Floß begebe, auf das ich einen Scheiterhaufen schichtete, vom Ufer abstoße, mich mit Benzin übergieße, mich betrinke und schließlich in Brand stecke. So fahre ich dann, als helles Feuer, auf den dunklen Horizont zu.
Vielleicht war das ja der Traumhintergrund?
Wer sagt's denn, ich hab's geschafft! Hier kommt er, der elegante, letzte Satz:
Ich denke ich bin ein Phönix!
Ein Post Scriptum. Noch ein Gedicht zum Thema, das im Jahr 1968 entstand, als ich 30 Jahre alt war:
Nur einmal möchte ich in meinem Leben
die Sonne halten und mit der freien Hand
das Universum schütteln bis die Sterne beben -
Ein Strom sein und ein Baum und eine Felsenwand.
Und dann, am Ende, wie Kristall
der vor dem Wind zerfällt in tausend Scherben -
Das blitzt und klingt, auch noch im Fall:
So möchte ich sterben.
Man sieht, ich habe mich schon öfter mit dem Thema befasst.

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