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Mittwoch, 11. Februar 2015

Im Lehnstuhl (Erinnerung an Fräulein Jankovsky, 1964) - Gedicht


Wenn sie so dasitzt, die Hände ruhig im Schoß, 
vergilbt wie Pergament und auch so rar,
und lächelnd im Erinnern blättert,
das eine klein, das andere gespenstisch groß,
so nahe ist es noch und wahr,
dann kämpft die Zeit in ihren Zügen
um jedes Fältchen, das sich plötzlich glättet
und schilt das Glänzen ihrer Augen dumm,
aus Angst sie könnte fliehen und es trügen
Vergangenheiten sie davon um sie zu retten
vor Jahren die meist sinnleer sind und stumm.

Doch wenn sie lächelt, und sie tut es oft,
ahnt man wie schön sie einmal war,
nicht graziös und nicht mit aufgesetzten Dingen,
groß nur und schlank und weiß
mit blauen, grünen, violetten Schatten
an den Schläfen ... und mit schwarzem Haar.
Es fällt mir schwer, sie so zu schildern,
dass es ihr auch gerecht würde in jenen Tagen,
die spurlos schienen, doch nicht an ihr vorüber gingen ...
Kostbar war sie, wie kombiniert aus Bildern:
von Cezanne, Signac, Manet, Renoir!

Sie lächelt wieder, langsam, lange, leicht
und um sie spielt ein klarer Schimmer,
dem ich verfalle, als strahle sie Vergangenheiten aus.
Sie schaut in ihre Hände ... Auf die Uhr ...
(So endlos war der Tag schon lang nicht mehr)
Sie sitzt und sinnt und wartet nur,
dass jemand eine Hand ihr reicht
und sie hinaus führt in ein and'res Zimmer ...
Ach! Ohne sie ist dieses hier so leer
und Dunkel im ganzen Haus!




gelang 1964




Samstag, 18. Oktober 2014

Torcello



Noch einmal quält ein schmaler Streifen Land
den müden Horizont zurück ins Leben,
fordert Beachtung, ohne viel zu geben,
nur flache Farben, Schilf und Sand.


Hier dürfte, außer Himmel, nichts mehr sein
als eine Stille, atemlos und blau,
die Meeresferne ungenau. ...
Und doch ist noch so vieles Stein.


Trotzdem ist keine Härte in den Dingen.
Durchsichtig wie Opal zittert das Licht.
Warum zerbersten diese Steine nicht
bei einem Glockenton, am Vogelsingen?


So wird zum Rätsel jeder neue Tag, 
die Stunden weigern sich Vernunft zu tragen,
und Jahre haben gar nichts mehr zu sagen,
wo selbst die Ewigkeit nur schweigen mag.

Doch wenn das einstürzt und vergeht,
 vom Licht ganz aufgelöst, ein Teil der Fluten,
wird dieser Horizont noch lange bluten,
der jetzt im Zeichen großer Schmerzen steht.


gelang 1975






Venedig




So wird das einst gewesen sein,
dass eine Schönheit die der Mensch sich schuf,
entgegen den Gesetzen der Natur, 
von dieser, wie ein Widerruf
auf alles was von ihm ihr widerfuhr,
aufgelöst wird Stein um Stein.


Wenn auf den Steinen die Lagune liegt,
wird die sich kein Erinnern gönnen.
Es fallen die sanften, langen Regen,
die sich an nichts erinnern können.
Heller Himmel wird sich darauf legen ...
und nur die Schönheit siegt.


gelang 1972

Sonntag, 12. Oktober 2014

Hinterkopfgedichte

  Die Schwäne  



Schwanentage

Stundengewölbe,
daunenweich,
willenlos hintreibend
in die Spiegelung eigener Schönheit
im Wasserblick der Geliebten.





Narziss

Hinhalsend,
eigener Wärme Hauch suchend,
vergeht er in Daunenträumen, 
nicht ahnend 
 seine betörende Schönheit
im zitternden Spiegelbild.



gelang 1988



Samstag, 23. November 2013

O Venezia



Abschied nehmen fällt immer schwer, aber manche Abschiede tun weh. Venedig zu verlassen ist für mich immer mit Wehmut verbunden. Weh, wegen des Abschieds und Mut, weil es ja ein Wiedersehen geben kann, wenn ich will. Venedig wird auf mich warten … Wird sie das? Wenn man die Bilder vom knietief unter Wasser liegenden Markusplatz in diesen Tagen sieht und weiß, dass diese Maxi-Hochwasser immer öfter auftreten, dann können mir schon Zweifel an einem Wiedersehen kommen. Ob die Flut-Schleusen, die Gott-weiß-wann fertig gestellt werden und dann auch, vielleicht, funktionieren, die Stadt noch retten können, ist mehr als fraglich, weil die Zeit und die Natur dagegen arbeiten. Ich verstehe auch nicht wie man denken kann, dass man etwas sehr zerbrechliches, wie eine Stadt die buchstäblich auf Wasser gebaut ist, jahrzehntelang der schlechtesten Behandlung aussetzen kann und meinen, man könnte es mit einfachsten Mitteln retten. Die Fundamente werden unterspült, das Holz, auf dem sie stehen wird frei gelegt und fault.  … Das ist ein unumkehrbarer Prozess. … 































Wer "rettet" also Venedig? Viele wünschen es sich, dass sie gerettet wird, viele bezweifeln, dass sie gerettet werden kann. Ich auch. Die Natur könnte sie retten, aber die hat kein Interesse daran, sie wird das übernehmen, was von der Stadt übrig bleibt. Sie hat ja die Zeit und die Geduld. Sie hat ganze Pyramiden mit Dschungel überwuchert und "unsichtbar" gemacht, da wird es ihr auch ein Leichtes sein die Paläste Venedigs verschwinden zu lassen. Letztendlich wird sich nur noch der Himmel an die Serenissima erinnern, der schon heute über ihr liegt wie ein Spiegel des Vergänglichen. …















































































Schwebt da ein Engel? Man könnte es meinen. Das wäre allerdings ein Wunder … Aber nur ein Wunder kann Venedig noch helfen. Ich würde es ihr wünschen. …

Sieben Tage sind zu wenig um diese Stadt zu sehen. Sieben Wochen wären zu wenig um sie zu erleben. Auch nach sieben Jahren würde ich sie nicht ganz begreifen, ihren Zauber, ihr Geheimnis. Nicht einmal sieben Leben wären genügend um sagen zu können, jetzt ist es genug. Dass eine Stadt diese Macht über eine Seele gewinnen kann ist erstaunlich; aber die Seele, der das widerfährt, besitzt einen der größten Schätze die ein Mensch besitzen kann. Er hat das Wesen der Schönheit erkannt in all seiner Vielschichtigkeit. Das stellt keinen Wert dar. Aber es macht glücklich. Danke Venedig.

Ich werde als Nachtrag einige Passagen aus meinen Notizbüchern posten. Eigentlich wollte ich sie ja immer wieder als Zitate der Vergangenheit einbauen, aber ich kam gar nicht dazu sie zu lesen, so sehr war ich in die Stadt vertieft. Nicht einmal im Café Bellavista, wo ich stundenlang saß und nur den Touristenstrom beobachtete, der sich in ständigem Fluss in beide Richtungen bewegte, bis schließlich die Nacht kam. …





































Donnerstag, 24. Oktober 2013

Torcello ... die traurig Einsame.

Wer nach Torcello möchte, muss zum Fondaco Nove, eigentlich Nuove, aber die Venezianer haben ihre eigene Sprache und da geht mancher Buchstabe verloren, oder ändert seine Aussprache, so dass ein "italiener" nicht unbedingt versteht was gesagt wird. Aber das regelt sich notfalls mit Händen und Füßen. Aber das ist jetzt unwichtig. Zur Anlegestelle des Vaporetto (Dampfschiff) kann man entweder einen Vaporetto nehmen, der den Reisenden rund um das "Schwanzende" des Fisches führt, und Venedig hat nun einmal die Form eines Fisches. die Fahrt ist lang und nicht unbedingt sehenswert, oder er geht zu Fuß, kommt an Zanipolo vorbei und kann gleich noch eine Sehenswürdigkeit mitnehmen.

Es ist übrigens nicht billig, die Öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen und wenn man eine Woche in Venedig  ist und mal hier- mal dorthin fahren möchte, lohnt sich die 7-Tage Karte für 50 Euro allemal. In Venedig ist NICHTS billig, sogar die Benutzung der Öffentlichen Toiletten kostet 1.50 Euro. Allerdings finde ich das gerechtfertigt. Die Stadt ist ja nur noch ein riesiges Museum und eigentlich müsste jeder Besucher, der nur für einen Tag kommt, 100 Euro bezahlen müssen, damit hier kostendeckend gewirtschaftet werden kann. Die Reisenden, die auf den Kreuzfahrtschiffen hier an Land gehen, sollten diese Gebühr schon im Voraus bezahlen, plus Abgaben für Luftverschmutzung und Schädigung der Umwelt. Venedig geht an Überbesuchung zugrunde! Geld ruiniert die Welt!!!




Die Fahrt nach Torcello, mit Halten in Murano und Mazorbo (Burano) dauert ungefähr eine dreiviertel Stunde. Ich habe sie im Oktober mitgemacht, da herrschten, hin und zurück, ganz schönes Gedränge und die Luft im Innenraum war für normale Erdbewohner tödlich, nicht nur weil Knoblauch hier gern gegessen wird. Bei meinen vorhergehenden Venedigbesuchen, (vor 30 Jahren und weiter zurückliegend) verkehrte der Vaporetto von San Zaccaria zum Fondaco Nove via dem Arsenale, eine Fahrt von fünf Minuten, mehr oder weniger, und die Vaporetti nach Torcello waren doppelstöckig und luftig ... Na ja, das war einmal. Ich darf nicht daran denken, sonst muss ich heulen! Es war besser und schöner, VERDAMMT NOCHMAL!
Aber Auch Torcello war anders, ursprünglicher, dem Leben der Lagune angepasst. Klar, hier ist das `Cipriani´, ein Spitzen-Speiselokal, wo das Essen so gut schmeckt soviel es kostet. Und es kostet viel, ist es aber wert. Vielmehr: War es wert, ich hatte ja diesmal keine Gelegenheit und kein Geld um mein positives Vorurteil zu bestätigen. Das Lokal hatte geschlossen (Ruhetag?) und ich hatte kein Geld, siehe das vorhergehende Kapitel.



Wen interessiert es schon, dass Ernest Hemingway hier einige Zeit wohnte und den Roman "Über den Fluss und in die Wälder" schrieb? Wer liest so etwas überhaupt noch? Torcello ist "renoviert" aber es wird seine Bedeutung nicht erhalten können. Hier gibt es einfach nichts "Außergewöhnliches".
Vor vierzig oder noch mehr Jahren schrieb ich: "Hier ist Marmor der gewöhnlichste Stein, der einem buchstäblich auf Schritt und Tritt, nämlich unter  den Füßen, begegnet."
Nichts ist mehr übrig davon, es wurde aufgeräumt, geglättet. Das beste Beispiel ist die Anlande, siehe das Bild ganz oben.
Der Platz vor der Kathedrale und der Rundkirche Santa Fosca ist noch "unordentlich" wie früher, aber irgendwie hat er an Charme verloren, zumindest für mich.









Man hat den "Attilas Sessel" umgedreht, jetzt sieht man Santa Fosca wenn man sich darauf setzt, früher blickte man in Richtung Kanal, zum Zugang auf den Platz. ... Ich erspare mir weitere Nostalgie.
Die Kathedrale ist ein Museum, für den Kunstinteressierten sehr empfehlenswert, gut beleuchtet, aber: Bitte kein Foto. Es herrschte Dunkel hier, nur von der Sonne erhellt ... Ich werde nicht mehr hier her kommen.


Der Rest ist Schweigen. Die Lagune stirbt. Überall ist Müll angeschwemmt. Man  kann die Natur nicht renovieren. Sie wird sich selbst helfen, gegen die Menschen. Geduld!























































Vor mehr als vierzig Jahren stand vor diesem Haus diese Statue. Sie war, und ist, aus reinstem, weißem Marmor. Ich habe damals eine beinahe identische Aufnahme von diesem Gesicht gemacht. Es war von makelloser Schönheit. So sieht es heute aus.



"Sie haben das Gesicht von Venedig fotografiert." sagte ein junger Italiener zu mir, dem ich das Bild zeigte. Er lebt und arbeitet hier. Er muss es wissen. Traurig, aber wahr!




Montag, 21. Oktober 2013

Viva Venezia! In Venezia vivere?


O Serenissima, Du wirst nie aus meinem Herz sterben können! Deine Schönheit ist zwar endlich aber unvergänglich, auch wenn Du untergehen müsstest. 
Gestern hatten wir hier jedes Wetter das es nur geben kann, außer einem Schneesturm und es war eine Offenbarung, die Veränderungen an Licht zu sehen! So langsam und so schnell, man begreift es erst, wenn es schon geschehen ist. 
Ich saß auf der Riva degli Schiavoni und tauchte ein in die Ewigkeit. Die Silhouette der Giudecca atmete Licht. In einem Moment stand sie hellblau auf seidenblauem Himmel, wie in kostbares Glas geschliffen, und nach einem Wimpernschlag war sie grau auf hellgrau gehämmert, wie angelaufenes Silber. Ich saß da und staunte, dass der Touristenstrom einfach weiter floss, dass niemand innehielt und das Wunder begriff das hier geschah. Goethes Faust hätte Schwierigkeiten gehabt, hier zu überleben, weil er zu jedem Augenblick gesagt hätte: "Verweile doch, du bist so schön:" Und er hätte es nicht bedauert, denn wer hier stirbt, stirbt direkt ins Licht. Meiner Seele würde ich das wünschen.
Wie soll man ein Wunder beschreiben? Ich werde es mit Bildern versuchen.

Santa Maria della Salute, also die Verkündigungskirche. Als ich das letzte Mal hier war und auf den Marmorstufen ausruhen wollte, standen überall Absperrungen und Schilder mit: ATTENZIONE! PERDUTI ANGELI!. Diesmal, ich war vorgestern bei Nacht dort, besteht keine Gefahr durch stürzende Engel. Das freut mich.

Hier droht die Gefahr von unten. Beinahe bei jedem Gezeitenwechsel, also bei Flut, steht der Markusplatz jetzt unter Wasser. Bei meinem letzten Besuch bedeute Aqua Alta, Hochwasser, noch die Ausnahme und war eine Attraktion, leider, aber jetzt ist das Alltag, LEIDER!


Manche Dinge kann man nur einmal kaputt machen, man sollte es also lieber erst gar nicht versuchen! Mein Venedig lebt noch!!

Mir ist schon klar, dass dies die "üblichen" Motive sind, aber es muss auch jedem klar sein, dass sie an keinem Tag, in keinem anderen Augenblick das Gleiche sind. Im Zeitalter der digitalen Fotografie ist es wunderbar, dass man zigtausend Bilder schießen kann und vielleicht einmal ein Einmaliges trifft. Ich habe Venedig beinahe 50 Jahre fotografisch begleitet, leider sind die Bilder alle verloren, aber ich habe noch kein Bild gesehen, von Niemand, von dem ich sagen könnte: Das ist Venedig! Venedig ist nicht fassbar, weder in Worten, Bildern oder Tönen. Auch Musik versagt vor dem Unvergleichlichen. Faust würde verzweifeln, wenn er sich hier für den Augenblick seines Todes entscheiden müsste. 
Ich weiß keinen Ort an dem ich lieber sterben würde.

Ich mach mal eine Pause, ehe ich zu melancholisch werde, schließlich freue ich mich ja hier zu sein! Wie sagt doch Scarlett O'Hara in "Vom Winde verweht" immer wieder?: "Ach, scheiß drauf, morgen ist auch noch ein Tag." Oder so ähnlich.