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Samstag, 28. Januar 2017

Was ist ein Augenblick im Angesicht der Ewigkeit?


Diese Frage stellte sich heute meiner Seele, als ich die "Eisskulpturen" vor meinem Küchenfenster, in den vergangenen kalten Nächten gefroren und von mir am nächsten Morgen spontan gestaltet, beim Schmelzen beobachtete.
Und dann kam mir der Gedanke, dass selbst die Ewigkeit in solchen Augenblicken den Atem anhalten muss.



























Und von selbst landete ich mit diesen Erinnerungen wieder bei Goethe, Faust: "... wenn ich zum Augenblicke sage: `Verweile doch, Du bist so schön´." So arbeiten die Gedanken eben, zumindest bei mir: vernetzt mit meinem erinnerten Leben und dem was ich weiß.
Aber was weiß ich von der Ewigkeit? Nicht "über" sie, keine wissenschftliche Erkenntnis, sondern "von" ihr, was teilt sie mir persönlich über sich mit? Die Antwort liegt in diesen Bildern sich minimalst verändernder Eiskristalle. Ich sehe nicht in ihre Strukturen, ihren von Anfang an sehr zerbrechlichen, der Temperatur anvertrauten Aufbau, ich erkenne nur ihren Zerfall in den langsam fallenden Tropfen.



























Wie lange wird dieses hauchdünne Netzwerk aus Kristallen noch in der Lage sein die Last ihrer Gestalt zu tragen?
Und in diesen Prozess des Vergehens hineinversetzt frage ich mich, wann wohl der "Augenblick" gekommen sein wird, an dem ich die Ewigkeit bitte den Atem kurz anzuhalten.

Was weiß ich jetzt von der Ewigkeit? Nichts was ich nicht schon vorher über sie wusste: dass ich ihr anvertraut bin und sie mir. Wir tropfen gemeinsam!





















































Der Tropfen ist gefallen ...

Mittwoch, 16. April 2014

4 Tage Klinikaufenthalt

Der nette, gutaussehende junge Arzt, groß, blond, schlank, der meine Augen laserte erklärte mir, dass die Augenklinik ja nicht wirklich ein, im klassischen Sinn, "Krankenhaus" ist in dem "Kranke" stationär behandelt werden, und ich verstand was er meint. Es "siecht" hier niemand dahin. Wobei heutzutage ja niemand mehr dahinsiecht bei all der fürsorglichen Pflege der Menschen, für die der Staat gesetzliche Regelungen getroffen hat. So hat der Arzt das natürlich nicht gemeint, aber so ist es. Augenleiden verursachen keine Bettlägerigkeit, wie man das von einer Krankheit erwartet, und somit nicht die aufwändige Betreuung und Pflege, derer Kranke bedürfen. Leiden ist eben nicht gleich Kranksein. Leidende sind bedauernswert, Kranke sind lästig. Aber so hat das der nette Doktor schon gleich gar nicht gemeint, wir haben darüber ja nicht so ausführlich gesprochen, dafür fehlte die Zeit. Eigentlich machte ich nur eine Bemerkung über die Enge seines Behandlungsraumes und ob die Klinik nicht modernisiert würde, worauf er antwortete, dass dies zwar angedacht sei, aber nur schlecht zu realisieren wäre, weil Menschen mit Augenleiden ja nicht im eigentlichen, klassischen Sinn "Krankenhauspatienten" sind. ... Mir scheint, ich habe da ein Perpetuum Mobile in Gang gebracht!
Außerdem greife ich damit weit, weit, sehr weit vor.
Der "Nachtdienst" erwartete mich schon. Ein bisschen war ich froh, dass es nicht die Mädels vom Abend waren, deren Anführerin, (das ist wahrscheinlich nicht die richtige Bezeichnung für ihre Funktion) eine mich aufmerksam musternde junge blonde Frau, die, wie sich später herausstellte, sehr liebenswürdig ist, mich, als ich meine Papiere auf der Station abgab und sagte, dass ich später wieder kommen würde, weil ich zuhause noch ein paar Sachen holen wolle, mich streng fragte: "Warum zittern Sie?"
Hatte ich gezittert? Wahrscheinlich schon, bei Stress macht der Tremor Terror, ich merke es meistens erst wenn meine Knie weich werden. Das war da noch nicht der Fall. Ich streckte also meine Arme aus und ließ die Hände zittern, mein üblicher Modus demonstrandum, und sagte: "Ich habe einen Tremor."
"Das hab ich mir gedacht." antwortete sie.
Warum fragen Sie dann? hätte ich sagen können, unterließ es aber. Wie gesagt, ich war mit einer überwältigenden Ruhe und Gelassenheit gesegnet. Ohne Psychopharmaka!
Herr X., ein sympathischer Mann mit osteuropäisch klingendem Namen und Akzent führte mich zu meinem Zimmer. Ich hatte es für mich allein! Das andere Bett war zwar noch so zerwühlt wie es sein Okkupant hinterlassen hatte, aber das störte uns nicht.
"Richten Sie sich ein." sagte Herr X., "Ich komme später wieder und wir erledigen die Formalitäten."
Was soll ich über das Zimmer sagen? Es war sauber. Rechts standen die zwei Betten, links war ein Wandtisch montiert, dabei standen zwei Sesselstühle und darüber hing, wie der Felsklotz des Sisyphos oder das Schwert des Damokles, ein uralt Röhrenfernsehgerät, quasi raumbeherrschend! Mich schauderte bei dem Gedanken, dass hier zwei Personen, ohne Rücksicht auf ihre kulturelle Vorlieben, zu Gemeinsamkeiten gezwungen sein würden. Blasmusik versus Oper, zum Beispiel. Der Rest war auch mehr oder weniger deutsches Nachkriegsmittelalter. Ich hänge ein paar Bilder an.

Mein Bett am nächsten Tag



























Der "Nassbereich", Klo nebenan, keine Dusche 

 Der Fernseher hängt weiter oben

Na schön, ein 5 Sterne Hotel hatte ich ja nicht erwartet, aber so viel Retro dann auch wieder nicht! Es ist ja nur für ein, höchstens zwei Tage/Nächte dachte ich und nachdem der freundliche Nachtpfleger mir alles erklärt und meinen Speiseplan für die nächsten drei (!) Tage ausgefüllt hatte, putzte ich mir die Zähne, stellte fest dass es keine Handtücher gab (man muss eigene mitbringen steht auf der Erklärung, die man ausgehändigt oder zugeschickt bekommt, wenn man für eine stationäre Aufnahme vorgesehen ist. War ich ich ja nicht!) Und legte mich todmüde ins Bett.
Geschlafen habe ich höchstens zwei Stunden. Der Tag rumorte zu stark in meinem Hirn herum.
Und irgendwann kam mir der Gedanke, dass die Liste meiner körperlichen Defekte jetzt eine beängstigende Länge anzunehmen beginnt: 
Essentieller Tremor, 
Gallensteine, 
Wanderniere, 
deformierte Prostata
und damit einhergehende Blasenschwäche,
Glaukom ...
Kein Wunder also, dass ich keinen Schlaf fand!


Zum Glück gab es keine "Morgenrunde" mit Aufwecken um fünf Uhr, Temperatur und Blutdruck messen und dann endlos aufs Frühstück warten. Das kam pünktlich, nach oben stehendem Stundenplan und auch der Rest des Tages hielt sich an die vorgegebene Struktur. Vor dem Frühstück kamen aber die Augentropfen. Das "tropfen" wurde zum Ritual, genau nach Zeitplan. Drucksenkend waren die einen, was die anderen bewirken sollten, weiß ich immer noch nicht.
Bei der Visite stellte aber der mich jetzt untersuchende Arzt die am Vortag "angedachte" Diagnose in Frage, nachdem auch in der zweiten Blutprobe keine Anzeichen für entzündliche Prozesse in meinem Körper festgestellt wurden.
"Eine Biopsie ist da völlig überflüssig. Das ist ein Glaukom. Das werde ich lasern." sagte er und erklärte mir was das zu bedeuten hat. Damit die Flüssigkeit in der hinteren Kammer des Auges in die vordere fließen kann, damit der Augeninnendruck immer ausgeglichen ist ... Man kann das googeln unter Glaukom. "Heute machen wir das rechte und morgen das andere Auge."
"Danke Herr Doktor."
Augentropfen, dann an den Tropf mit Kortison, (aber Hallo! ich habe doch gar keine Entzündung!) dann Augendruck messen, tropfen, messen ... Am späten Nachmittag wurde ich dann zum Lasern gerufen.
Vor Jahren, vor vielen Jahren!, hatte ich einen Arbeitskollegen, na ja, eigentlich war er der Betriebsleiter, aber wir verstanden uns gut, bei dem grüner Star diagnostiziert wurde, obwohl er noch nicht einmal 40 Jahre alt war. Lasern war zu der Zeit noch nicht so perfektioniert wie heute, denke ich, auf jeden Fall kam er nach der zweiten "Sitzung" zurück und sagte: "Ich bin beim Lasern umgekippt." Er ist tatsächlich ohnmächtig geworden! Er war ein Bulle von einem Mann, spielte Tuba im Blasorchester, hatte Frau und Kind, Haus und Garten und der wurde ohnmächtig beim Lasern!
Mit dieser "Vorgabe" stellte ich mich der Herausforderung.
Aber für heute mache ich Schluss. Ich will meine Augen nicht überstrapazieren.




Mittwoch, 9. April 2014

Grau oder grün?

Wenn es allein um die Farbe geht, würde man sich wohl eher für grün entscheiden, weil grau ja mehr oder weniger als eine Nichtfarbe empfunden wird. "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie", zum Beispiel. (Ist das Goethe? Faust? Muss mal kurz googeln ... Dacht ich's mir doch! Und der Rest des Zitats passt prima zum Thema: "... und grün des Lebens goldner Baum."
Nur dass mein Grün kein Baum ist, sondern ein "Star". Grüner Star also.
Da geht man ahnungslos zum Augenarzt, weil man merkt, dass irgend etwas mit dem Sehen anders ist als die siebzigplus Jahre vorher: links über die Schulter blicken, zum Beispiel, bringt nur noch verschwommene Bilder, oder die kleine Schrift im Fernsehen ist einmal gestochen scharf und dann wieder total unscharf, oder der leichte Nebel im Ringsum, wenn da gar keiner ist ... auf jeden Fall hatte ich beschlossen, dass ich zum Augenarzt müsse.
Als mich die Frau an der Rezeption (ich weiß immer noch nicht, ob man noch "Sprechstundenhilfe" sagt?) fragte, wann ich denn das letzte Mal da gewesen sei, antwortete ich: "Ooooo? ... das ist schon länger  her ... ungefähr zehn Jahre?" 
"Dann schaun wir mal im Ablage." sagte sie (sie hat Immigrationshintergrund in Richtung slawisch).
Im Computer war nichts zu finden, also zog sie Schubladen am Aktenschrank auf und, tatsächlich, wurde fündig. "Neunzehnhundertzweiundneunzig." verkündete sie. 
Wenn man die Zahl so ausgeschrieben liest, sieht man deutlich wie lange das schon her ist!
Zweiundzwanzig Jahre! Mir kamen sie wie zehn vor!! So kann man sich irren und mit diesem Irrtum versuchen sein Leben zu verlängern.
Es folgte die übliche Voruntersuchung an Geräten, um die Sehfähigkeit als solche festzustellen.
"Welche Zeile kennen Sie noch lesen?"
"Die oberste ... Bei der Zweiten hab ich schon Schwierigkeiten." Ich hätte sie  fragen können, so als Scherz, ob ich raten solle, aber das Wartezimmer war ziemlich voll. Als ich dann dort wartete, während sie pupillenerweiternde Tropfen austeilte, überlegte ich: `Was würde ich sagen, wenn ich überhaupt nicht lesen könnte?´ Gute Frage.
Sie brachte ein Formular mit einer Aufklärung über eine Vorsorgeuntersuchung für Grauen Star, für die man sich entscheiden sollte, obwohl sie von der Krankenkasse nicht bezahlt würde. Die Kosten für eventuell danach anfallende Behandlungen, sollte man grauen Star haben, übernimmt die Kasse, "selbstverständlich". Irgendwo fehlt da eine gesundheitstechnische Logik: ohne Untersuchung keine Diagnose, ohne Befund keine Behandlung. Zumindest nach der Feststellung eines negativen Befunds und daraus resultierender Versorgung, müsste doch die Untersuchung, die dazu führte, auch bezahlt werden, denke ich.
Zwei Mal bekam ich die gelben Tropfen, dann rief mich der Arzt ins Sprechzimmer. Er sah noch genau so aus wie vor zweiundzwanzig Jahren! Ich war verblüfft, sagte aber nichts. Vielleicht hätte er es ja falsch verstanden, es als Kompliment aufgefasst, wobei es doch lediglich eine Tatsache ist. Es ist nur selten, dass man nach so langer Zeit jemand gegenübersteht, dessen Äußeres sich, mit der Erinnerung verglichen, nicht verändert hat. Er ist nicht groß (Darf man "klein" sagen ohne des Diskriminierens verdächtigt zu werden?) schlank, hat einen dunklen Vollbart, jetzt mit etwas grau durchsprenkelt, und trägt eine Brille. Er könnte sein Klon sein ... 
Nach der Vorsorgeuntersuchung zum grauen Star, ("Geringfügig, aber das bekommt man leicht in den Griff.") folgte die Messung des Augendrucks. Vorher nochmal Tropfen zur Pupillenerweiterung. Sehen konnte ich inzwischen so gut wie nichts mehr. Es war, als würde ich mit offenen Augen in trübem Wasser tauchen. Schmerzhaft war es auch. Und mein Augendruck war hoch. 30. "Ideal wäre 18, normal ist ungefähr 22." (Laut Wikipedia liegt der Augeninnendruck bei "10 bis 21 mm Hg." was immer das heißen mag. 30 ist also wirklich hoch! "Es könnte allerdings auch durch die Tropfen verursacht sein." meinte der Arzt. "Haben Sie Zeit?" Zeit hatte ich. "Gehen Sie etwas essen, oder einen Kaffee trinken und kommen Sie in einer Stunde wieder. Dann messen wir noch einmal."
Die Sprechstundenhilfe sagte, dass ich selbstverständlich auch im Wartezimmer sitzen könne, wenn ich wolle. Ich entschied mich für einen Spaziergang.
















Das war ein Fehler! Ich hätte nie gedacht, dass Licht so grell und schmerzhaft sein kann!! Zu allem Pech war es auch noch ein brillanter Sonnentag!!! Meine Augen tränten. Nichts hatte feste Konturen oder eine bestimmbare Distanz. Hätte ich nicht großen Hunger gehabt, wäre ich zurück in die Praxis gegangen. So bewegte, ich ging nicht, ich mich im Schatten vorwärts. Ziellos zuerst, in der Hoffnung, dass sich meine Augen schnell wieder "normal" verhalten würden. Fehlanzeige. Plötzlich konnte ich Menschen verstehen, die sogar noch im Keller eine Sonnenbrille tragen. Das Licht war Marter pur!!!
Nach einem Krabbenbrötchen von der "Nordsee" tastete ich mich zurück in die Praxis.
Der Augendruck war zwar gesunken, aber immer noch mit 25 zu hoch. Es könne zwar sein, dass er noch sinken würde, bei manchen Menschen dauere das etwas länger ...
Ich bekam noch eine Tablette, keine Ahnung wofür oder wogegen, mit dem Hinweis, dass irgendwann meine Hände kribbeln könnten, das wäre dann eine Nebenwirkung. Sollte das eintreffen, wäre es das Beste, wenn ich eine Banane essen würde. In der Kunst nennt man solche Situationen Surrealismus! Stunden später, am Abend, fing meine rechte Hand an zu vibrieren, als würde sie von einem kleinen Motor angetrieben. Es war nicht angenehm, aber auch nicht unangenehm. Hätte mich das Gefühl unvorbereitet getroffen, wäre ich darüber erschrocken. Bananen hatte ich schon vorher gegessen ...
Eine Woche später, gestern, war dann die Nachuntersuchung. Der Augendruck war immer noch hohe 25 mm Hg. Ein Glaukom also, oder grüner Star. Ich habs gegoogelt. Interessant wie die Bezeichnung entstand ...
Der Arzt gab mir Tropfen, eine kostenlose Probepackung und meinte. Ich solle jeden Abend vor dem Einschlafen in jedes Auge einen Tropfen träufeln und in zwei/drei Wochen wieder kommen. Wenn sich gar nichts ändert muss man eben eine kleine Laseroperation machen bei der ... Aber das wäre Zukunftsmusik, meinte er abschließend.






























Selbstverständlich habe ich die Tropfen (TRAVATAN) auch gleich gegoogelt, weil kein Beipackzettel in der Packung war. Ich stieß dabei auf ein Forum, in dem sich Anwenderinnnen über die Nebenwirkungen austauschten. Es waren die reinsten Horrorstories! Brennen, Kratzen, Tränen, Schwellungen, höllische Kopfschmerzen. Sollte ich mir das antun? Skepsis übermannte mich.
Ich habe geträufelt und ... nichts! Kein Brennen, Kratzen, Tränen, Schwellen, Schmerzen, nicht einmal ein Jucken. Auch heute nicht, am Morgen danach. Vielleicht sind die Nebenwirkungen ja frauenspezifisch? Wie dem auch sei, ich hege Hoffnung, dass sie wirksam sind und mir eine Operation erspart bleibt.

Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh;
Tastend streift sie ab die Wanderschuh,
Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein,  innerlich zu sehn,
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.

Doch noch wandl ich auf dem Abendfeld,
Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält
Von dem goldnen Überfluss der Welt!
                                                              Gottfried Keller