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Dienstag, 5. August 2014

Schreie in der Nacht wecken Echos aus der Kindheit


Am 30. Juli wurde ich im Charlottenklinikum für Augenheilkunde zur operativen Behandlung von  Glaukom (Grüner Star) und Katarakt (Grauer Star), am rechten Auge, stationär aufgenommen. Das linke Auge ist für Anfang September eingeplant. Die Vorgeschichte ist in anderen Kapiteln nachzulesen. Die Therapie durch Lasern im Katharinenhospital hatte sich als unwirksam erwiesen. Zwar hatte ich dann dort Termine für die chirurgischen Eingriffe bekommen, sagte diese aber ab, weil ich mir nicht vorstellen konnte, noch einmal mehrere Tage in einem der Zimmer mit Fernsehgerät an der Wand unter der Zimmerdecke mit einem Mitpatienten zu verbringen. An Schlaf ist da, selbst wenn der Andere Kopfhörer benutzt, nicht zu denken. Schon gar nicht, wenn dieser Fussball-Fan ist und das Spiel lautstark kommentiert, wobei die "Toooooor!!!"-Schreie selbst Tote aus der ewigen Ruhe reißen.
Darum geht es in diesem Kapitel allerdings nicht, auch wenn der Titel das vermuten lassen könnte. Eigentlich hat sich der Inhalt des ersten Absatzes erst beim Schreiben zufällig zwangsweise in diese Richtung entwickelt.


Diese Plastik aus rostendem Gusseisen (wann waren die doch gleich Mode?) steht neben dem Ein/Ausgang des DiakonissenKlinikums, mit dem das Charlottenklinikum im Verbund steht. Zuerst hielt ich sie für die augenfällige Darstellung einer "Kreuzigung-Pieta-Auferstehung", ehe ich erkannte, dass es die "Genesung" ist. Aber das rostende Eisen ist nicht der Grund, warum ich dieses Foto hier einfüge, sondern das helle Gebäude, das sich im Hintergrund spiegelt. Es steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite und ist ein Teil der Berufsschule, die ich während meiner Lehre zum Buchdrucker drei Jahre lang besuchte. Schloss sich hier ein Lebennskreis?



Vielleicht fiel mir deshalb in der Nacht, in der ich die Schreie hörte, meine Kindheit ein. Es war die die dritte Nacht in der Klinik, die Nacht vor dem Tag meiner Entlassung ... Aber ich fange am Anfang  an.
Im Gegensatz zur Augenklinik im Katharinenhospital, die, was die Zimmer betrifft, in der Nachkriegszeit (ich meine den sogenannten "Zweiten Weltkrieg") stehen geblieben ist, befindet sich das gesamte Charlottenklinikum in einem Neubauzustand. Inwieweit die Bausubstanzen der beiden Kliniken übereinstimmen, kann ich nicht beurteilen. Damit will ich sagen, dass nirgendwo der Verputz bröckelt. (Man muss vorsichtig sein mit dem was man schreibt, auch wenn es nur ganz persönliche Eindrücke und Erfahrungen sind, sonst kann es sein, dass man wegen Verleumdung oder Ähnlichem verklagt wird.) 
Um 9:30 Uhr sollte ich mich "auf Station" melden. Ich war, typisch Schwabe, schon kurz nach 9 Uhr dort. Das brachte keinen Vorteil, ich musste bis neunuhrdreißig warten. 
Warten, das wusste ich ja aus dem Katharinenhospital, ist eine Grundsubstanz, wenn man es so nennen möchte, der Behandlung von Augenerkrankungen. Allerdings sind die Wartezeiten der stationär aufgenommenen Patienten im CK (Charlotten Klinikum) strikt von denen der Ambulanten getrennt, was im KH (Katharinen Hospital) nicht der Fall ist, was die Dauer des Wartens erheblich unterscheidet. Das trifft selbstverständlich nicht zu, wenn man zu früh dran ist.

Nachdem ich bei einer freundlichen Dame drei Formulare, eines davon beidseitig, unterzeichnet hatte, war ich verwaltungstechnisch erfasst. Danach wartete ich auf die eigentlich Aufnahme in ein Zimmer. 101 entschied die freundliche Dame in dem großen Glaskäfig, die mich dann einer freundlichen Schwester übergab, die mich auf das Zimmer bringen sollte, nur um plötzlich: "Halt." zu sagen und: "Auf hunderteins sind ja Frauen." Also 201.
Dort waren dann Männer, in ein lautes Gespräch verstrickt. Vier Männer! Und nur drei Betten!! Eins davon war plasikverhüllt. Die Schwester zog die Verhüllung ab und sagte, mit einem herzigen, osteuropäischen Akzent: "Das ihr Bett. Hund das ihr Schrank." Dann ging sie. Ein Dreibettzimmer also, dachte ich und war nicht begeistert. Allerdings ohne "Public Viewing Fernseher", nur winzige Monitore, kleiner als mein iPad, direkt am Bett.













Ich atmete auf. Dann gingen zwei der Männer. Zum Glück auch der mit der extrem lauten Stimme. Er war der Sohn des Patienten, dessen Bett ich übernommen hatte. Die zwei anderen stellten sich als meine "Zimmerkollegen" vor, Herr S. und Herr F., und ich packte mein Köfferchen aus. 
Willkommen im "Zauberberg"-feeling.



Fortsetzung  folgt.

Montag, 21. April 2014

Klinikessen

Um es erst gar nicht zu Missverständnissen kommen zu lassen, weil jetzt manche denken könnten, da kann ja nichts Gutes kommen: Ich war begeistert davon. Zumindest vom Mittagessen. 



Frühstück und Abendbrot gestaltete ich mir ja sowieso eher spartanisch, also ohne Marmelade oder Käse, dafür mit fettarmen Milchprodukten und Obst. Apropos Obst. Irgendwie schien mir die Person die das Obst zuteilte ein bisschen verwirrt zu sein!















Dieser "Apfel" braucht dringend eine Rasur!














Und die "Banane" bedarf der Krümmung!


Aber das habe ich verkraftet, ohne mich zu beschweren. Eine Kiwi mit einem stumpfen Messer zu schälen ist übrigens eine Herausforderung. Man merkt dabei erst so richtig, wie saftig diese Frucht ist!
Aber jetzt zum Mittagessen. Jeden Tag gab es etwas nach meinem Geschmack, das ist schon positiv zu bewerten. Erbseneintopf, zum Beispiel, mit Saitenwürstchen. Ein bisschen skeptisch war ich da schon und hielt meine Erwartung niedrig. Welch eine Überraschung! Die Erbsen zart und noch mit leichtem "Biss" und das ganze wunderbar gewürzt, mit einer leichten Schärfe, aber nicht versalzen! Ich gab, gedanklich, sofort 5 Sterne!!





























Nach diesem gelungenen Auftakt dachte ich mir: Na ja, das war bestimmt die Ausnahme. Morgen wird es wohl das Gegenteil sein. Man stellt sich ja gern negativ ein, wenn man im Krankenhaus ist. Warum eigentlich? Die Enttäuschung blieb am nächsten Tag aus! Donnerwetter, dachte ich, zwei Ausnahmen hintereinander, gratuliere!















Vorher ...
















... Nachher


Die Bilder sprechen für sich selbst, denke ich. Im Geist küsste ich dem Kochpersonal die Hände! Auch wenn ich mich wiederhole, muss ich wieder die Würzkunst hervorheben. Beim Warten kam die Rede auch manchmal auf das Essen und der Tenor bei diesen Gesprächen war immer das Thema "Salz". Alle fanden es zu wenig. Ich nicht! Salz trägt nur zum Geschmack einer Speise bei, wenn es sparsam eingesetzt wird, ist meine Meinung. Wenn man das Salz schmecken kann, ist das Gericht nur noch Salz mit Beilage. Nochmal ein Kompliment an die Küche, die dies vermied!
















Montag
















Dienstag


Eigentlich hatte ich auch noch Mittwoch und Donnerstag eingeplant, vielmehr war mir das vom Arzt so in Vorschau gebracht worden. Auf das Essen hätte ich mich da freuen können.
Aber am Dienstag Nachmittag war es vorbei mit meinem Einzeldasein im Zweibettzimmer. Ich bekam einen "Zimmergenossen", oder wie man auch immer dazu sagen möchte. Ein großer, dicker Mensch mit lauter Stimme, der sich sofort auf die Toilette zurück zog und dort ... es war nicht leise, was er von sich gab!
"Das war jetzt dringend nötig!" röhrte er und reichte mir die Hand zum Gruß.
Ich hatte gerade auf dem iPad in der Mediathek von 3sat die "Arabella" bis zu "Mein Elemer" gehört und gesehen und  jetzt das! 
Und dann verkündete mein fröhlicher, lauter neuer Bekannter: "Heute Abend kommt ja Fußball!! Hoffentlich funktioniert der Fernseher!!"
Die nette Pflegekraft, die mich an jenem Abend (vor wie vielen Monden?) fragte: "Warum zittern sie?", hatte mir gesagt, sie nahm sich Zeit für ein Gespräch, dass die meisten Patienten bei der Ankunft auf Station fragen: "Wann gibt es Essen?" und "Funktioniert der Fernseher?"
Fußball! Ich? Fußball im Fernsehen!
Ich suchte ohne Verzögerung den Pfleger vom Dienst auf und bat um meine sofortige Entlassung. Sie wurde mir gewährt, wenn auch mit schlecht verhohlenem Unmut von Seiten des Arztes. Egal, nur weg von hier!
Es interessierte natürlich auch niemand, dass ich in Gegenwart einer zweiten Person, einem Fremden, nicht in der Lage sein würde etwas zu essen, oder auch nur ein Glas Wasser zu trinken. Mein Tremor interessierte niemand. Dass ich einfach Glück gehabt hatte, so lange alleine in einem Zimmer sein zu können, wurde mir erst jetzt bewusst. Was hätte ich getan, wenn ich von Anfang an ... Na ja, es war ja nochmal gut gegangen.
Man gab mir Tropfen mit, nebst Anleitung wann sie anzuwenden sind und ich stand schneller an der Bus Haltestelle als ich für möglich gehalten hätte. Einen Termin für eine abschließende Begutachtung durch den Chefarzt bekam ich auch noch. Für den 30. April. Vorher kann ich nicht, wegen der Ankunft der neuen Katzen in M'dorf am 24.
Als ich mich am Abend dieses Dienstags in mein Bett legte um ohne Fernsehgeflimmer zu schlafen, schaltete ich, aus Neugier, ob das Fußballspiel schon "gelaufen" sei, mein Gerät kurz ein. Es war so um die 22 Uhr. Die zweite Halbzeit wurde live übertragen. Vom Spiel waren gerade mal 54 Minuten vorbei. 54 von 90!
Ich lobte Gott und schaltete das Gerät ab. Der Schlaf fand mich prompt.

Mittwoch, 16. April 2014

4 Tage Klinikaufenthalt

Der nette, gutaussehende junge Arzt, groß, blond, schlank, der meine Augen laserte erklärte mir, dass die Augenklinik ja nicht wirklich ein, im klassischen Sinn, "Krankenhaus" ist in dem "Kranke" stationär behandelt werden, und ich verstand was er meint. Es "siecht" hier niemand dahin. Wobei heutzutage ja niemand mehr dahinsiecht bei all der fürsorglichen Pflege der Menschen, für die der Staat gesetzliche Regelungen getroffen hat. So hat der Arzt das natürlich nicht gemeint, aber so ist es. Augenleiden verursachen keine Bettlägerigkeit, wie man das von einer Krankheit erwartet, und somit nicht die aufwändige Betreuung und Pflege, derer Kranke bedürfen. Leiden ist eben nicht gleich Kranksein. Leidende sind bedauernswert, Kranke sind lästig. Aber so hat das der nette Doktor schon gleich gar nicht gemeint, wir haben darüber ja nicht so ausführlich gesprochen, dafür fehlte die Zeit. Eigentlich machte ich nur eine Bemerkung über die Enge seines Behandlungsraumes und ob die Klinik nicht modernisiert würde, worauf er antwortete, dass dies zwar angedacht sei, aber nur schlecht zu realisieren wäre, weil Menschen mit Augenleiden ja nicht im eigentlichen, klassischen Sinn "Krankenhauspatienten" sind. ... Mir scheint, ich habe da ein Perpetuum Mobile in Gang gebracht!
Außerdem greife ich damit weit, weit, sehr weit vor.
Der "Nachtdienst" erwartete mich schon. Ein bisschen war ich froh, dass es nicht die Mädels vom Abend waren, deren Anführerin, (das ist wahrscheinlich nicht die richtige Bezeichnung für ihre Funktion) eine mich aufmerksam musternde junge blonde Frau, die, wie sich später herausstellte, sehr liebenswürdig ist, mich, als ich meine Papiere auf der Station abgab und sagte, dass ich später wieder kommen würde, weil ich zuhause noch ein paar Sachen holen wolle, mich streng fragte: "Warum zittern Sie?"
Hatte ich gezittert? Wahrscheinlich schon, bei Stress macht der Tremor Terror, ich merke es meistens erst wenn meine Knie weich werden. Das war da noch nicht der Fall. Ich streckte also meine Arme aus und ließ die Hände zittern, mein üblicher Modus demonstrandum, und sagte: "Ich habe einen Tremor."
"Das hab ich mir gedacht." antwortete sie.
Warum fragen Sie dann? hätte ich sagen können, unterließ es aber. Wie gesagt, ich war mit einer überwältigenden Ruhe und Gelassenheit gesegnet. Ohne Psychopharmaka!
Herr X., ein sympathischer Mann mit osteuropäisch klingendem Namen und Akzent führte mich zu meinem Zimmer. Ich hatte es für mich allein! Das andere Bett war zwar noch so zerwühlt wie es sein Okkupant hinterlassen hatte, aber das störte uns nicht.
"Richten Sie sich ein." sagte Herr X., "Ich komme später wieder und wir erledigen die Formalitäten."
Was soll ich über das Zimmer sagen? Es war sauber. Rechts standen die zwei Betten, links war ein Wandtisch montiert, dabei standen zwei Sesselstühle und darüber hing, wie der Felsklotz des Sisyphos oder das Schwert des Damokles, ein uralt Röhrenfernsehgerät, quasi raumbeherrschend! Mich schauderte bei dem Gedanken, dass hier zwei Personen, ohne Rücksicht auf ihre kulturelle Vorlieben, zu Gemeinsamkeiten gezwungen sein würden. Blasmusik versus Oper, zum Beispiel. Der Rest war auch mehr oder weniger deutsches Nachkriegsmittelalter. Ich hänge ein paar Bilder an.

Mein Bett am nächsten Tag



























Der "Nassbereich", Klo nebenan, keine Dusche 

 Der Fernseher hängt weiter oben

Na schön, ein 5 Sterne Hotel hatte ich ja nicht erwartet, aber so viel Retro dann auch wieder nicht! Es ist ja nur für ein, höchstens zwei Tage/Nächte dachte ich und nachdem der freundliche Nachtpfleger mir alles erklärt und meinen Speiseplan für die nächsten drei (!) Tage ausgefüllt hatte, putzte ich mir die Zähne, stellte fest dass es keine Handtücher gab (man muss eigene mitbringen steht auf der Erklärung, die man ausgehändigt oder zugeschickt bekommt, wenn man für eine stationäre Aufnahme vorgesehen ist. War ich ich ja nicht!) Und legte mich todmüde ins Bett.
Geschlafen habe ich höchstens zwei Stunden. Der Tag rumorte zu stark in meinem Hirn herum.
Und irgendwann kam mir der Gedanke, dass die Liste meiner körperlichen Defekte jetzt eine beängstigende Länge anzunehmen beginnt: 
Essentieller Tremor, 
Gallensteine, 
Wanderniere, 
deformierte Prostata
und damit einhergehende Blasenschwäche,
Glaukom ...
Kein Wunder also, dass ich keinen Schlaf fand!


Zum Glück gab es keine "Morgenrunde" mit Aufwecken um fünf Uhr, Temperatur und Blutdruck messen und dann endlos aufs Frühstück warten. Das kam pünktlich, nach oben stehendem Stundenplan und auch der Rest des Tages hielt sich an die vorgegebene Struktur. Vor dem Frühstück kamen aber die Augentropfen. Das "tropfen" wurde zum Ritual, genau nach Zeitplan. Drucksenkend waren die einen, was die anderen bewirken sollten, weiß ich immer noch nicht.
Bei der Visite stellte aber der mich jetzt untersuchende Arzt die am Vortag "angedachte" Diagnose in Frage, nachdem auch in der zweiten Blutprobe keine Anzeichen für entzündliche Prozesse in meinem Körper festgestellt wurden.
"Eine Biopsie ist da völlig überflüssig. Das ist ein Glaukom. Das werde ich lasern." sagte er und erklärte mir was das zu bedeuten hat. Damit die Flüssigkeit in der hinteren Kammer des Auges in die vordere fließen kann, damit der Augeninnendruck immer ausgeglichen ist ... Man kann das googeln unter Glaukom. "Heute machen wir das rechte und morgen das andere Auge."
"Danke Herr Doktor."
Augentropfen, dann an den Tropf mit Kortison, (aber Hallo! ich habe doch gar keine Entzündung!) dann Augendruck messen, tropfen, messen ... Am späten Nachmittag wurde ich dann zum Lasern gerufen.
Vor Jahren, vor vielen Jahren!, hatte ich einen Arbeitskollegen, na ja, eigentlich war er der Betriebsleiter, aber wir verstanden uns gut, bei dem grüner Star diagnostiziert wurde, obwohl er noch nicht einmal 40 Jahre alt war. Lasern war zu der Zeit noch nicht so perfektioniert wie heute, denke ich, auf jeden Fall kam er nach der zweiten "Sitzung" zurück und sagte: "Ich bin beim Lasern umgekippt." Er ist tatsächlich ohnmächtig geworden! Er war ein Bulle von einem Mann, spielte Tuba im Blasorchester, hatte Frau und Kind, Haus und Garten und der wurde ohnmächtig beim Lasern!
Mit dieser "Vorgabe" stellte ich mich der Herausforderung.
Aber für heute mache ich Schluss. Ich will meine Augen nicht überstrapazieren.