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Mittwoch, 16. April 2014

4 Tage Klinikaufenthalt

Der nette, gutaussehende junge Arzt, groß, blond, schlank, der meine Augen laserte erklärte mir, dass die Augenklinik ja nicht wirklich ein, im klassischen Sinn, "Krankenhaus" ist in dem "Kranke" stationär behandelt werden, und ich verstand was er meint. Es "siecht" hier niemand dahin. Wobei heutzutage ja niemand mehr dahinsiecht bei all der fürsorglichen Pflege der Menschen, für die der Staat gesetzliche Regelungen getroffen hat. So hat der Arzt das natürlich nicht gemeint, aber so ist es. Augenleiden verursachen keine Bettlägerigkeit, wie man das von einer Krankheit erwartet, und somit nicht die aufwändige Betreuung und Pflege, derer Kranke bedürfen. Leiden ist eben nicht gleich Kranksein. Leidende sind bedauernswert, Kranke sind lästig. Aber so hat das der nette Doktor schon gleich gar nicht gemeint, wir haben darüber ja nicht so ausführlich gesprochen, dafür fehlte die Zeit. Eigentlich machte ich nur eine Bemerkung über die Enge seines Behandlungsraumes und ob die Klinik nicht modernisiert würde, worauf er antwortete, dass dies zwar angedacht sei, aber nur schlecht zu realisieren wäre, weil Menschen mit Augenleiden ja nicht im eigentlichen, klassischen Sinn "Krankenhauspatienten" sind. ... Mir scheint, ich habe da ein Perpetuum Mobile in Gang gebracht!
Außerdem greife ich damit weit, weit, sehr weit vor.
Der "Nachtdienst" erwartete mich schon. Ein bisschen war ich froh, dass es nicht die Mädels vom Abend waren, deren Anführerin, (das ist wahrscheinlich nicht die richtige Bezeichnung für ihre Funktion) eine mich aufmerksam musternde junge blonde Frau, die, wie sich später herausstellte, sehr liebenswürdig ist, mich, als ich meine Papiere auf der Station abgab und sagte, dass ich später wieder kommen würde, weil ich zuhause noch ein paar Sachen holen wolle, mich streng fragte: "Warum zittern Sie?"
Hatte ich gezittert? Wahrscheinlich schon, bei Stress macht der Tremor Terror, ich merke es meistens erst wenn meine Knie weich werden. Das war da noch nicht der Fall. Ich streckte also meine Arme aus und ließ die Hände zittern, mein üblicher Modus demonstrandum, und sagte: "Ich habe einen Tremor."
"Das hab ich mir gedacht." antwortete sie.
Warum fragen Sie dann? hätte ich sagen können, unterließ es aber. Wie gesagt, ich war mit einer überwältigenden Ruhe und Gelassenheit gesegnet. Ohne Psychopharmaka!
Herr X., ein sympathischer Mann mit osteuropäisch klingendem Namen und Akzent führte mich zu meinem Zimmer. Ich hatte es für mich allein! Das andere Bett war zwar noch so zerwühlt wie es sein Okkupant hinterlassen hatte, aber das störte uns nicht.
"Richten Sie sich ein." sagte Herr X., "Ich komme später wieder und wir erledigen die Formalitäten."
Was soll ich über das Zimmer sagen? Es war sauber. Rechts standen die zwei Betten, links war ein Wandtisch montiert, dabei standen zwei Sesselstühle und darüber hing, wie der Felsklotz des Sisyphos oder das Schwert des Damokles, ein uralt Röhrenfernsehgerät, quasi raumbeherrschend! Mich schauderte bei dem Gedanken, dass hier zwei Personen, ohne Rücksicht auf ihre kulturelle Vorlieben, zu Gemeinsamkeiten gezwungen sein würden. Blasmusik versus Oper, zum Beispiel. Der Rest war auch mehr oder weniger deutsches Nachkriegsmittelalter. Ich hänge ein paar Bilder an.

Mein Bett am nächsten Tag



























Der "Nassbereich", Klo nebenan, keine Dusche 

 Der Fernseher hängt weiter oben

Na schön, ein 5 Sterne Hotel hatte ich ja nicht erwartet, aber so viel Retro dann auch wieder nicht! Es ist ja nur für ein, höchstens zwei Tage/Nächte dachte ich und nachdem der freundliche Nachtpfleger mir alles erklärt und meinen Speiseplan für die nächsten drei (!) Tage ausgefüllt hatte, putzte ich mir die Zähne, stellte fest dass es keine Handtücher gab (man muss eigene mitbringen steht auf der Erklärung, die man ausgehändigt oder zugeschickt bekommt, wenn man für eine stationäre Aufnahme vorgesehen ist. War ich ich ja nicht!) Und legte mich todmüde ins Bett.
Geschlafen habe ich höchstens zwei Stunden. Der Tag rumorte zu stark in meinem Hirn herum.
Und irgendwann kam mir der Gedanke, dass die Liste meiner körperlichen Defekte jetzt eine beängstigende Länge anzunehmen beginnt: 
Essentieller Tremor, 
Gallensteine, 
Wanderniere, 
deformierte Prostata
und damit einhergehende Blasenschwäche,
Glaukom ...
Kein Wunder also, dass ich keinen Schlaf fand!


Zum Glück gab es keine "Morgenrunde" mit Aufwecken um fünf Uhr, Temperatur und Blutdruck messen und dann endlos aufs Frühstück warten. Das kam pünktlich, nach oben stehendem Stundenplan und auch der Rest des Tages hielt sich an die vorgegebene Struktur. Vor dem Frühstück kamen aber die Augentropfen. Das "tropfen" wurde zum Ritual, genau nach Zeitplan. Drucksenkend waren die einen, was die anderen bewirken sollten, weiß ich immer noch nicht.
Bei der Visite stellte aber der mich jetzt untersuchende Arzt die am Vortag "angedachte" Diagnose in Frage, nachdem auch in der zweiten Blutprobe keine Anzeichen für entzündliche Prozesse in meinem Körper festgestellt wurden.
"Eine Biopsie ist da völlig überflüssig. Das ist ein Glaukom. Das werde ich lasern." sagte er und erklärte mir was das zu bedeuten hat. Damit die Flüssigkeit in der hinteren Kammer des Auges in die vordere fließen kann, damit der Augeninnendruck immer ausgeglichen ist ... Man kann das googeln unter Glaukom. "Heute machen wir das rechte und morgen das andere Auge."
"Danke Herr Doktor."
Augentropfen, dann an den Tropf mit Kortison, (aber Hallo! ich habe doch gar keine Entzündung!) dann Augendruck messen, tropfen, messen ... Am späten Nachmittag wurde ich dann zum Lasern gerufen.
Vor Jahren, vor vielen Jahren!, hatte ich einen Arbeitskollegen, na ja, eigentlich war er der Betriebsleiter, aber wir verstanden uns gut, bei dem grüner Star diagnostiziert wurde, obwohl er noch nicht einmal 40 Jahre alt war. Lasern war zu der Zeit noch nicht so perfektioniert wie heute, denke ich, auf jeden Fall kam er nach der zweiten "Sitzung" zurück und sagte: "Ich bin beim Lasern umgekippt." Er ist tatsächlich ohnmächtig geworden! Er war ein Bulle von einem Mann, spielte Tuba im Blasorchester, hatte Frau und Kind, Haus und Garten und der wurde ohnmächtig beim Lasern!
Mit dieser "Vorgabe" stellte ich mich der Herausforderung.
Aber für heute mache ich Schluss. Ich will meine Augen nicht überstrapazieren.




Dienstag, 1. April 2014

Worüber Mann nicht gerne spricht.


Ein Wort genügt: "Urologe". Aus diesem einen Wort leiten sich dann viele andere ab, die das Thema wahrhaftig vertiefen: "Prostata", "Rektal Untersuchung" ... der Intimbereich wird dadurch, quasi, zum öffentlichen Territorium. Und deshalb steht dort wohl das Schild: "Betreten verboten".
Dabei ist es nicht so, dass Mann nicht darüber sprechen möchte, er weiß aber, dass seine Zuhörer eher genötigt als gewillt sind. Aber Sprache tut Not, in allen Lebenslagen und Bereichen, der Mensch wird über und durch sie grundlegend identifiziert. Ohne Sprache kein Mensch, ohne Artikulation keine Verständigung. Wobei "Sprache" ja auch im übrigen Tierreich angewandt wird, nur hat der Mensch  sie zu komplizieren verstanden.


Das Marsupilami, zwar eine Comicfigur, aber stellvertretend für alle Geschöpfe die Laute von sich geben, hat nur: "Houba" (sprich: huba) als Wortschatz, kommt damit aber ausgezeichnet zurecht und der Leser, oder (TV)-Zuschauer weiß genau was es zum Ausdruck bringt.
Womit ich ja nur vom Thema ablenken möchte!
Der Urologe meines Vertrauens ist Dr. Pudel. Er ist, und ich möchte das nicht missverstanden wissen, sehr einfühlsam. Mann kann mit ihm reden. Zum Beispiel über Blut im Ejakulat, was ja leicht Panik verursachen kann, sofern man(n) es überhaupt zu sehen bekommt. Aber das ist eine ganz andere Geschichte ... Auf jeden Fall hat er eine Art Menschlichkeit, die ein Arzt haben sollte und die die wenigsten Ärzte haben. Okay, mein Hausarzt ist auch sehr menschlich, auf eine andere Art, aber er hat auch nie seinen Finger in meinem A...
Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht um das Unaussprechliche, oder selten Angesprochene bei Männern. Alten. Also: älteren Herren. Oder über den Mangel an Aussprache mit älteren Menschen überhaupt. Auf dem Weg zum Urologen, ging ich an einem Grüppchen vorbei, das ich, gelinde  gesagt, außergewöhnlich fand. Sie saßen am Rand eines Rasenstücks vor der M.kirche, zwei ziemlich junge Mädchen, ca. 16, ein Hund und ein ziemlich älterer Mann, schwer zu schätzen, weil dieser auch nur alt gewirkt haben mag, wegen seines ungepflegten Äußeren. Früher hätte man ihn einen "Penner" genannt, wie man ihn heute nennt? Keine Ahnung. Die Sprache ändert sich so schnell, man kommt nicht mehr hinterher. Der Mann sagte, mit alkoholschwerer Zunge (die Bierflasche in seiner Hand sah wie ein Körperteil aus) als ich vorüberging: "Also echt, ich habe nie eine Frau gehabt, oder Kinder und so und das ist auch okay so, aber ..." Dann war ich vorbei und ich dachte, wie abgefahren müssen die Mädchen sein und wie mitteilungsbedürftig der Mann, dass sie sich hier auf der noch kalten Rabatteneinfassung zu solch einem Gespräch niederlassen. Der Hund sah gelangweilt aus. Aber ich schweife schon wieder weit ab vom Thema.
Heute war ich beim Urologen und bewunderte die junge Sprechstundenhilfe (sagt man das noch?), die mein "Gesundheitskärtchen" durch den Computerschlitz zog, es vor mir, zusammen mit einem kleinen Pappbecher, auf den Tresen legte mit der freundlichen Aufforderung: "Ein bisschen Urin und den Becher einfach in der Toilette stehen lassen." Also ich könnte das nicht ohne zu grinsen zu jemand sagen.
Die Toilette war abgeschlossen, der innere Bereich, in den man sich normalerweise zum Wasserlassen zurückzieht. Ich drückte ein paar mal auf die Türklinke, aber es meldete sich niemand von dahinter und darum ... Also gut, ich stellte dann den mit meiner Urinprobe versehenen Becher auf den Platz vor dem Spiegel auf dem ein handgeschriebener Zettel dazu aufforderte:
Becher bitte hier abstellen.
Und ein Pfeil machte unzweideutig klar, wo "hier" ist, nämlich auf dem schmalen Sims unter dem Spiegel. Also ehrlich gesagt dachte ich schon daran, wie leicht es wäre, meinen Urin gegen einen anderen auszutauschen, oder ihm etwas (wobei ich nicht sagen könnte was genau) zuzufügen, aber ich überließ ihn eben seinem Schicksal. Eine Klappe oder Schiebetür, durch die er diskret verschwinden könnte, gibt es nicht.
Der Doktor sagte später, dass mein Urin völlig in Ordnung sei. Da war ich dann froh, obwohl ich nicht sicher sein kann, dass es auch wirklich meiner ist.
Zunächst setzte ich mich ins Wartezimmer (sagt man noch so dazu?) und spielte Solitär auf meinem iPad Air. (Das Spiel "Fourty Thieves" macht süchtig, davor kann ich nur warnen!) Es saßen, für meine Vorstellung von einem "Männerarzt" (im Vorraum hängt eine Urkunde), erstaunlich viele Frauen im Wartebereich. Wir vermieden Blickkontakt. Ob die Frauen ihn vermieden weiß ich nicht. Ich sah auch die anderen Männer nicht an. Irgendwie hat man doch den Eindruck, dass der Blick auf den Hosenschlitz geht und die Vermutung auf die Diagnose, die dahinter lauert. Das ist ganz normal, denke ich.
Dann kam ein Mann in die Anmeldung, der mit sehr lauter Stimme sagte: "Grüß Gott. Mein Katheder ist kaputt."
"Wie? kaputt?" fragte die junge Frau hinter dem Tresen.
"Na eben kaputt. Da ist die Dichtung weggeplatzt und jetzt spritzt es daneben heraus." sagte die laute Stimme des Mannes. Mir war das ein bisschen peinlich und auch seine lauten Lamentationen darüber, dass er auf die Hilfe dieser Praxis angewiesen sei und er überhaupt nicht wisse, wie das weiter gehen soll, wenn er erst einmal 74 ist und nicht mehr aus dem Bett aufstehen kann ... So etwas macht Mut. Überhaupt wenn man schon über 74 ist! Aber als ich ihn dann sah, konnte ich seine Bedenken verstehen. Er war sehr groß, sehr, sehr massig und ein bisschen unsicher auf den Beinen, eben wegen seiner Masse.
Dann wurde ich gerufen. Der Doktor war sehr freundlich. Ich hatte den Eindruck, dass er sich an mich erinnere, obwohl das ausgeschlossen ist, weil ich ja schon seit fünf Jahren nicht mehr bei ihm war. Trotzdem fragte er nach dem Blut im Ejakulat und wie es mir sonst so gehe. Das lockerte die Stimmung etwas auf und ich konnte ohne zu stottern erzählen, welche Schwierigkeiten ich beim Wasserlassen habe und dass es da ein Problem gäbe, weil ich kurz danach gleich wieder müsse. Und dass ich den Fluss nicht spüre und nachschauen muss ob es überhaupt läuft ... na ja, was man über das Urinieren eben erzählen kann. Dass mein Hausarzt Gallensteine und eine Wanderniere, rechts, beim Ultraschall festgestellt habe, berichtete ich auch gleich. Es war beinahe wie bei der Beichte.
"Dann legen Sie sich mal auf die Liege." sagte er.
Ich machte die Hose auf, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen, und legte mich hin.
"Ja, gut  so, erst einmal mit dem Bauch nach oben." lobte er.
Er ultraschallte mich, stellte fest, dass die Prostata seit der letzten Untersuchung sich nicht vergrößert hat, nur ein bisschen die Form verändert habe und deshalb in die Blase drücke, wodurch ein Urinstau entstehe und ... Ja, das mit dem Finger machte er auch, das gehört nun mal dazu. Es bestätigte seine Ultraschallerei.
Wegen der Wanderniere ("Haben Sie Gewicht abgenommen?" "Ja. 14 Kilo." Freiwillig?" Ja." "Gut so.") brauche ich mir keine Gedanken zu machen, die Rückenschmerzen dadurch seien normal und irgendwann werde sie sich wieder festigen. Na prima. Für das Wasserlassenproblem verschrieb er mir Kapseln, Tadin, keine Tabletten. Die hatte mir ein anderer Urologe verschrieben, einer in einer Gemeinschaftspraxis, in der ich mich sehr unwohl fühlte, wie eine Nummer, und Zahlen sind nun mal nicht mein Ding ... Auf jeden Fall machten mich die Tabletten depressiv und das Wasserlassen blieb ein Problem. Die Kapseln sollen nicht depressiv machen, nur den Spermafluss eventuell behindern. Na ja, Spermafluss, du lieber Himmel, das hört sich so ... Ich bin demnächst 75 ½!
Dann sagte ich ihm spontan, dass ich gerne zu ihm komme und wir plauderten ein bisschen über das Menschliche das verloren geht und wie wichtig es ist, dass der Patient seinem Arzt vertraut und dann sagte er, dass ich mich in einem viertel Jahr wieder sehen lassen solle, um den Erfolg ...
Den Termin habe ich gleich eintragen lassen, damit ich nicht einfach aus Bequemlichkeit wieder fünf Jahre lang warte bis der Urinstau unerträglich wird. Am 7. 7., 10 Uhr.
In der Apotheke unten im Haus habe ich die Kapseln geholt. Für 30 Tage, ohne Zuzahlung. Zuhause habe ich gleich eine geschluckt.
Gestern war ich zum Belastungs-EKG bei meinem Hausarzt. Er sagte, dass ich kerngesund sei, auch mein Blutbild wäre ohne Befund. Ich hatte über Atemnot beim Treppensteigen geklagt.
Morgen gehe ich zum Augenarzt. Ich habe Sehstörungen.
Beim Neurologen bekam ich erst für den 14. Juli einen Termin. Wegen meines Tremors, der, nach meiner Meinung, für alle anderen Störungen verantwortlich ist. ...
Im Mai fliege ich nach Istanbul. Darauf freue ich mich!