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Mittwoch, 8. Mai 2013

Das fünfte Kapitel - Vertrauen und Zweifel ...


Gott, die Engel und fehlerlos funktionierende Technik lassen uns sicher, sogar 10 Minuten vor der geplanten Ankunftszeit in Antalya landen.
"Wegen Rückenwind", sagt der Mann am Fenster. 
Seine Frau flüstert, nachdem die Maschine abgebremst hat und das letzte "O lieber Gott" über ihre Lippen kam: "Mich bekommen keine zehn Teufel mehr in so ein Ding."
Damit hat sie endgültig den Himmel verlassen und den einen Gott gegen zehn Teufel getauscht und außerdem den Rest des Urlaubs für den Mann versaut.
Der sagt mit männlicher Endgültigkeit: "Der Rückflug ist gebucht und bezahlt."
Sie sagt: "Dann hast Du sinnlos Geld  zum Fenster hinausgeschmissen."
Ich denke: O lieber Gott!
Dann gelingt es mir zum Glück, meinen Rucksack zu angeln und mich in die dicht gedrängt und  drängelnd entbordenden Passagiere einzureihen.
"Aufwiedersehn." sagt die Flugbegleiterin mit dem selben Lächeln, mit dem sie das labbrige Pseudo-Sandwich servierte und die 2.50 €uro für den Kaffee mit Trockenmilch im Pappbecher kassierte. Ich lächle zurück und sage: "So Gott will.", was sie mit dem kurzzeitigen Zusammenbruch ihres Lächelns quittiert. 
Hinter mir höre ich eine Kinderstimme sagen: "Vater, der Mann hat den Namen Gottes missbraucht."
Ich bin der Erste bei der Passkontrolle!
Als Wenig- oder höchst selten ins reisepasslandpflichtige Auslandreisender bekomme ich meine gestempelte Einreisebescheinigung und verstaue sie sorgfältig hinter meinem Personalausweis. Es kann, angeblich, höchst unangenehme Folgen haben wenn man sie verliert. Der Busbegleiter bei meinem Besuch im November sagte, scherzhaft?, "Wenn sie die nicht haben, bekommen sie eine mehrwöchige Verlängerung ihres Aufenthalts auf Staatskosten." Und Jeder weiß, seit dem Film "Midnight Express" (Deutscher Titel, wer hätte das gedacht, nicht etwa "Verschollen und vergessen im türkischen Gefängnis", sondern "Mitternachtsexpress") dass der Aufenthalt in türkischen Gefängnissen kein Honigschlecken ist, außer für Hardcoremasochisten! 
Mein auffälliger Koffer, extra so gekauft, um ihn von Weitem zu erkennen, rollt als einer der ersten vom Band. Das werte ich als gutes Omen. Denn ...
Hier wird ein Rückblende dringend nötig.
"Wenn der Rest der Menschheit vertraut, zweifelt der Deutsche." Sollte es dieses Zitat noch nicht geben, meinetwegen auch in abgewandelter Form, möchte ich es hiermit in den Raum stellen. Der Deutsche ist der geborene Zweifler. Deshalb macht er so viele historische Fehler. Er zweifelt an Wotan und wird Christ. Er zweifelt an sich selbst und wird Faschist. Keins von Beiden hat ihn auf eine höhere menschliche, oder kulturelle Stufe gehoben, nur seine Zweifel bestätigt und vergrößert, und ihn als unzuverlässig abgestempelt. Wer sich umfassender mit diesem Thema befassen möchte, wird im Net viel darüber finden. Mir geht es, ehrlich gesagt, am Arsch vorbei, ich brauchte nur einen Einstieg in das was mir eigentlich ein bisschen peinlich ist.
Ich zweifelte, noch bei der Ankunft in Antalya, an der Bonität meiner Reservierung.
Diese war, wie irgendwo in einem der vorherigen Kapitel kurz angesprochen, spontan während meines Aufenthalts im Royal Wings Hotel im Vorjahr, im Dezember, zustande gekommen. Spontan deshalb, weil ich eigentlich gar nicht wusste, ob ich noch einmal und für längere Zeit in die Türkei kommen wollte. ... Aber das ist wirklich nicht mehr von Belang.
Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich ein extrovertierter Mensch bin, der auf die Dinge zugeht, sie anpackt und zurechtbiegt. Im Gegenteil, ich warte ab, trinke nicht einmal Tee dabei, aus Angst ich könnte ihn verschütten, und lasse die Dinge sich selbst zurechtbiegen. Sie tun es dann auch immer, auf die eine oder andere Art und ich frage mich dann schon, warum ich mich anstrengen soll, wenn sowieso alles von sich aus geschieht. Zen funktioniert, glaube ich, so oder so ähnlich.
Meiner Natur zum Trotz fragte ich eines Tages an der Rezeption, ob es möglich wäre, direkt vor Ort eine Reservierung für einen Aufenthalt im nächsten Jahr zu buchen. Das wurde positiv beantwortet und mir der Name eines Gesprächspartners genannt, den ich am nächsten Morgen kontaktieren könne. Dieser Gesprächspartner war am nächsten Morgen nicht zu erreichen, dafür ...
Also gut, ich trug mein Anliegen dem Front Office Manager vor und wir einigten uns auf Zeitdauer, 49 Tage, und Preis, ... geht niemand was an, und ich hatte eine Reservierung. Bona fide. Aber ohne Beleg oder Dokument. Einfach so, vom Mund zum Ohr.
Das ist der Orient, sagte mein an Tausend und eine Nacht geschulter kosmopolitischer Geist.
Das ist absolut nicht Ernst zu nehmen, sagte der Deutsche in mir.
Ich hatte noch nicht einmal das Büro des netten Front Office Managers verlassen, als ich schon zweifelte. Man hatte mir einen Ausdruck mit Bankverbindungen ausgehändigt, damit ich eine Anzahlung machen könnte, wenn es mir denn mit der Reservierung wirklich Ernst wäre ... Einerseits empfand ich diese Leichtigkeit des Seins sehr erfrischend, menschenfreundlich und glaubhaft, andererseits belastete mich die unterschriftenlose Ungewissheit mehr als ich jetzt zugeben möchte.
Ich zweifelte auf hohem Niveau. Was wenn ...? Dass ich, so bald ich in Deutschland war, den mündlich vereinbarten Gesamtbetrag sofort auf eines der mir genannten Konten überwies, geschah nur in der Hoffnung, dass ich dann eine schriftliche Bestätigung unseres "Vertrags" erhalten würde. Fehlanzeige. Es sei alles in Ordnung, wie besprochen, bekam ich als freundliche Antwort auf meine von unterdrückter Panik diktierter E-Mail Anfrage.
Ich wagte nicht, dies meinen Freunden mitzuteilen, die immer wieder fragten: "Hast Du auch alles schriftlich?"
"Ja. Ich habe die Bestätigung per E-Mail bekommen." antwortete ich. Das war ja nicht gelogen. Aber war diese Bestätigung etwas wert? Ich zweifelte.
Auch der Transfer vom Flughafen zum Hotel, ich reiste ja "privat" an, wurde mir vom FOM (Front Office Manager) per Rent-a-car arrangiert und zugesichert. Konnte ich dem glauben? Ich zweifelte und schickte ein Konterfei, heute heißt das Pic, von mir, damit man es dem Rent-a-car Fahrer, falls es diesen wirklich geben sollte, aushändigen konnte. Ich zweifelte.
Eine Zeitlang habe ich ja an Gott gezweifelt, sogar bis zu dem Punkt, dass ich aus der Kirche austrat. Es muss IHN sehr gekränkt haben.
So sehr zweifelte ich nun an dem Zustandekommen meines Aufenthaltes im Royal Wings Hotel. Sogar noch in dem Augenblick als ich meinen Koffer hoffnungsvoll auf den menschenleeren Vorplatz des Flughafens hinaus rollte. Und ich fand alle meine Zweifel bestätigt! Es war niemand da der mich abholen wollte!
Ich kenne Panikattacken aus intensivster eigener Erfahrung. Ich bekam keine. Warum nicht? Keine Ahnung. Ich dachte nur: Warte halt noch ein Weilchen. Und dann kam dieser gutaussehende junge Mann auf mich zu, in einer Hand einen DIN-A4 Zettel mit ROYAL WINGS HOTEL aufgedruckt und in der anderen, im selben Format, mein Passbild, das ich gemailed hatte und auf dem ich wenig vorteilhaft aussehe.
Alle Zweifel waren umsonst gewesen. Die türkische Art die Dinge zu erledigen, ist einfach nur geradliniger als die deutsche, weniger bürokratisch, dafür direkt auf den Mensch bezogen. Vielleicht irre ich mich ja, aber ich mag es glauben.
Die Sonne schien, es waren 23 Grad im Windschatten, die Palmen rauschten mit ihren verstaubten, graugrünen Blattwedeln ... Na ja, ich hörte kein Rauschen, bilde es mir jetzt aber ein. Das ist das gute an Erinnerungen, sie können so schön falsch und trotzdem wahr sein.
Ab hier ist alles schön, wahr und falsch, wie im Märchen. So habe ich es erlebt und so soll es sein!
Ich war ja erst zum dritten Mal im Hotel Royal Wings, aber als ich die Eingangshalle betrat, mit dem Flügelmotiv auf dem Fussboden, war mir, als käme ich heim. Hätte ich eine schöne Sopranstimme, wäre sicher Elisabeths: "Dich teure Halle grüß ich wieder" aus Richard Wagners "Tannhäuser" aus mir herausgebrochen. Diese Peinlichkeit blieb allen Beteiligten erspart!
Man erkannte mich noch von meinem letzten Besuch an der Rezeption. Der Empfang war herzlich, wenn auch nicht überschwänglich. Ich war ja schließlich in Antalya und nicht in Wien.
Das Zimmer war perfekt: 8. Stock, Meerblick. Ich zog die Vorhänge zurück, öffnete die Balkontür und atmete tief durch:
SIEBEN WOCHEN IN ANTALYA!
Dann musste ich auf die Toilette.

Der Blick vom Balkon




Samstag, 4. Mai 2013

Quasi das erste Kapitel von 7 Wochen in Antalya.


25. Februar 2013

Es ist das Beste, wenn ich mich dem Ganzen von hinten nähere. Da sitzt alles noch tiefer. Ein Schuft wer Zweideutiges dabei denkt! 
Erinnerungen haben es an sich, dass sie abflachen, wie Kieselssteine die endlos auf dem Grund des Meeres hin- und hergeschoben werden, bis sie endlich irgendwo am Strand liegen, wo sie jemand aufliest, liebevoll betrachtet und entweder einsteckt oder wieder wegwirft. Es sei denn, die auflesende Person hat eine Begleitperson, zeigt dieser, voll Begeisterung und Liebe den Stein, worauf die Begleitperson einen kurzen, desinteressierten Blick wirft und sagt: "Schmeiß ihn weg." Ist die auflesende Person männlichen, die Begleitperson weiblichen Geschlechts, eventuell sogar miteinander verpartnert auf die eine oder andere Art, Ehe ist ja eher nicht mehr die gängige Lebensgemeinschaft, zum Glück für Kreuzworträtsler aber immer noch die (einzige?) mit drei Buchstaben, dann wirft er den Stein weg, um keinen Streit zu provozieren. Sollte er allerdings schon mehrmals in dieser Situation gewesen sein, hat er einen zweiten Stein in der Hand verborgen, den er dann demonstrativ in die Wellen schleudert, während der mit liebendem Blick betrachtete unauffällig in seine Hosentasche gleitet. Männer mit hautengen Badehosen sammeln keine Steine. Was nicht heißen soll, dass diese Männer keine Erinnerungen haben, sie wissen nur nicht wohin damit. So viel an dieser Stelle zum Thema "Die Natur der Erinnerungen".
Den Koffer hatte ich also am Vorabend auf dem Flughafen eingecheckt und meine Boarding Card in Empfang genommen. Geduldig war ich noch eine halbe Stunde auf der unbequemen Drahtbank herumgesessen und hatte darauf gewartet, meinen Namen über Lautsprecher aufgerufen zu hören, was bedeutet hätte, dass beim Durchleuchten meines Koffers irgend etwas auffällig gewesen wäre. Ich hängte sogar noch zehn Minuten an, um auch ja sicher zu sein, schließlich bin ich kein Vielreisender, der auch glaubt, dass man nur "ca. 20 Minuten", wie am Schalter angeschrieben, zu warten braucht. Nach einer dreiviertel Stunde ging ich schließlich in Richtung S-Bahn, mit einem halben Ohr immer  noch nach meinem Namen lauschend. (Der hat sich inzwischen geändert, Dank Facebook, aber das ist ein anderes Kapitel.) Als sich die Tür des S-Bahn Zuges hinter mir geschlossen hatte, hakte ich das Thema Einchecken ab, was hiermit auch hier geschehen ist.
Laut meinem für diese Reise sporadisch geführten Tagebuch, habe ich in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar normal geschlafen.
Normal ist nicht gut und nicht schlecht, eben normal, so wie alles was normal ist, ein bisschen gut und ein bisschen schlecht sein kann und der Rest ist eben ... Ihr habt´s verstanden. Abnormal ist die andere Hälfte von normal, so wie die Nacht die andere Hälfte vom Tag ist. Wobei man nicht sagen kann, welche Hälfte was ist, zumindest habe ich noch nirgendwo etwas darüber gehört oder gelesen. Es läuft also darauf hinaus, dass ich normal durch die Hälfte des Tages schlief, den man Nacht nennt. Sollte jemand zu diesem Thema etwas Erhellendes beitragen können, werde  ich es gern als Fußnote im Anhang unterbringen.
Mozart weckte mich nicht wirklich, ich war schon wach. Der langsame Satz aus dem Klavierkonzert Nr. 21 ist einer ganzen Generation von Kinogängern unter dem Namen "Elvira Madigan" geläufig. Viele sahen sich das Rührstück nur wegen Mozarts Musik zwei-, drei- oder nochmehrmal an. Ich selber habe den Film nicht gesehen, nur von Freunden davon gehört, die alle von dieser "himmlischen Musik" schwärmten und meinten, er, Mozart, wäre "fast so gut wie die Beatles". Mag sein, dass Mozart über diese Einordnung erfreut gewesen wäre, andererseits wäre seine Freude noch größer gewesen, wenn man ihn "besser als Bach" gefunden hätte. Wie dem auch sei, ich lasse mich gern von dieser Musik aufwecken. Sie schält mich langsam und sanft aus dem Schlaf, wie man am Sonntag-morgen ein 3-Minuten Ei aus der Schale löffelt. Aber, wie  gesagt, am 25. Februar war ich schon vor meinem iPad wach und überlegte, während ich Kaffee schlürfte, was ich wohl zu Packen vergessen haben könnte. Zu spät fiel mir ein, dass ich ja, mit Rücksicht auf meine Blase, gar keinen Kaffee trinken wollte. Wer möchte schon im Flugzeug vor dem Klo Schlange stehen, wie vor einer Bäckerei nach dem Krieg? Welcher Krieg? Vergiss es! Ich erinnerte mich genau an die schuldbewussten Blicke der die Toilette verlassenden Passagiere, die sie mit den Wartenden tauschten, hoffend dass die/der Nächste sich nicht an dem hinterlassenen Geruch stören würde. Also schüttete ich den Rest Kaffee in den Ausguss. 
Zeit war noch genug und aus purer Langeweile warf ich einen Blick aus dem Fenster. O gesegnete Unterwäsche der Mormonen! (Oder wie auch immer.) Es hatte geschneit! Nachdem ich für sieben Wochen nicht anwesend sein würde, musste ich diesen Schnee räumen, oder meine Nachbarin würde mich mit ihrem Zorn bis nach Pfingsten verfolgen. Ich kehrte also Schnee. Zum Glück war es zum Schippen zu wenig. (Eigentlich war es völlig überflüssig, aber das Gesetz verlangt es nun einmal und was tut man nicht alles, überflüssiges, als gesetzestreuer Bürger.) Dann streute ich Split und hoffte, dass dies der letzte Schnee des Winters 2012/13 sein würde. Wie wenig solche Hoffnung nützt, hat der dann erst richtig einsetzende Winter gezeigt. Meine Nachbarin ist stinksauer. Kann ich gut verstehen, aber bringen tut´s ihr nichts.
Nach der Pleite mit der Bahn bei meiner Reise im November, wo prompt am Morgen meines Abflugs "technische Störungen" alle Züge von Downtown Stuttgart zum Flughafen lahm legten, und ich schließlich von S-Vaihingen zum Airport in Leinfelden-Echterdingen ein Taxi nehmen musste, das mich 20 €uro kostete, war ich, trotz Schnee, immer noch etwas früher unterwegs, als eigentlich nötig gewesen wäre, für jemand, der seinen Koffer am Vorabend eingecheckt hatte. Aber schließlich war ich doch froh darüber, dass ich das sperrige Gepäckstück nicht in einen vom morgendlichen Berufs-verkehr überfüllten Zug quetschen musste. So kam es, dass ich reichlich Zeit hatte, vor dem Boarding die langweilige Öde des Flughafengebäudes mehrmals zu durchwandern. 
Eins steht fest: die Langeweile vor dem Abflug ist schlimmer als jede Flugangst! Sie wird nur noch von der Langeweile nach dem Passieren der Security bis zum Boarding der Maschine übertroffen. Dem Thema Langeweile denke ich hiermit genüge getan zu haben und damit schließe ich dieses Kapitel.

Abschied nehmen ... eigentlich nur Schnee zeigen ...


Sonntag, 24. Februar 2013

Der Tag vor dem ersten Kapitel

Es hat in der Nacht geschneit ...
24. Februar 2013
Irgendwann muss man Koffer packen. Aber zuerst war ich heute Früh mit Schneeräumen dran. War ja zum Glück nicht viel. Der athletische Nachbar, dessen Auto vor meinem Schlafzimmerfenster parkt, kehrte prompt den Schnee vom Autodach auf den Gehweg, den ich kurz zuvor schneefrei gemacht hatte. Als er gerade einstieg um wegzufahren, bat ich ich ihn, doch so freundlich zu sein und den Gehweg wieder sauber zu machen. Das mache er immer, sagte er und lächelte sexy. Das würde mich sehr freuen, antwortete ich und blieb am offenen Fenster stehen, bis er den Schnee beseitigt hatte. Von wegen immer, ha! Eben wollte er doch abhauen ...
Danach trank ich Kaffee und aß ein altes Brötchen. Ich darf kein Gramm zunehmen, sonst wird aus M gleich wieder L. Wenn ich an das vorzügliche Essen im Hotel denke, haben schon die Gedanken Kalorien! Da wird nur eiserne Disziplin helfen. Leider ist das nicht gerade eine meiner Stärken. ... Aber bis jetzt ist ja noch nicht einmal der Koffer gepackt.
Aufgeklappt wie ein gefräßiges Maul liegt er auf meinem Bett. (Anscheinend dreht sich an diesem Morgen alles ums Essen?!) Aus meiner Zeit in der US Navy weiß ich, dass man die zu packenden Teile rollen muss. Eng rollen, so fest, als wolle man mit der gerollten Unterwäsche jemand zu Tode steinigen. Rein theoretisch. Das garantiert optimale Befüllung. 
Wieviel Unterwäsche braucht man eigentlich für sieben Wochen? Sieben von jedem Teil? Hat Gott während der siebentägigen Schöpfung die Unterwäsche gewechselt? Ich schlage kurz in der Bibel nach, die auf meinem Nachttisch liegt. Eigentlich ist es ja eine Familienchronik von 1908 und wiegt mindestens drei Kilo. Deshalb liegt sie auf dem Nachttisch, ich habe Angst, dass das Bücherregal unter der Last zusammenbrechen würde. ... Gottes Unterwäsche findet in der Bibel keine Erwähnung und ich muss jetzt wirklich packen. Um mit der Frage nach dem Wieviel nicht noch mehr Zeit zu verschwen-den, (Okay, ich gebe es zu, ich habe nach Gottes Unterwäsche gegoogelt, hatte aber keinen direkten Treffer, nur Beiträge in denen das Wort Gott und das Wort Unterwäsche vorkommt. Z. B. "Wer das irdische Leben meistert, kann selbst ein Gott werden ... das erklärt übrigens auch die "magische Unterwäsche" der Mormonen, doch ..." Ehrlich gesagt wollte ich es nicht unbedingt so genau wissen! obwohl ...) rollte ich alle Unterwäsche die gerade nicht im Wäschekorb war. Man muss ja auch an das erlaubte Gewicht denken ...
Bei den Hemden hatte ich eher das Problem, dass einfach zu viele zur Auswahl standen. Als ich sie aber nach gebügelt und ungebügelt sortiert hatte, schien mir die Anzahl durchaus vernünftig. Koffer packen erfordert praktisches Denken. Für Senioren durchaus eine empfehlenswerte Disziplin. Man könnte in Seniorenheimen doch einmal pro Woche Kofferpacken zum Pflichthobby machen, verbunden mit Lichbildvorträgen von Ländern in die man nicht reisen wird. ...
Die Hosen überließ ich dann gleich dem Zufall. Wozu sich den Kopf zerbrechen über Kleidungsstücke, die man nachher sowieso wieder auspacken muss, weil das Gepäckstück nicht 20 sondern beinahe 30 Kilo wiegt? Allerdings hätte ich auf alle Hosen verzichtet, nur nicht die knallrote! Schließlich habe ich nur ihretwegen die knallroten Schuhe gekauft. ...
Nachdem ich in einer Hotelbewertung, in der eine Frau sich darüber mokierte, dass "die Leute immer so hohe 5-Sterne Ansprüche stellen, aber dann wie bei Hempels unterm Sofa gekleidet herumlaufen", gelesen hatte, überlegte ich kurz, ob ich mein "gutes" dunkelblaues Jackett einpacken sollte. Nach zusätzlichem kurzem Überlegen, wieviele Männer ich bei meinem letzten Besuch im Hotel Royal Wings in "guten" dunkelblauen Jacketts gesehen hatte und auf die Zahl null komme, lasse ich es im Schrank hängen. Es reicht, wenn ich in der Oper nicht wie bei Hempels unterm Sofa aussehe! ...
In den 4 Paar Schuhen brachte ich 7 Paar Hosenträger unter. Sollte es schon an Hosen mangeln, wollte ich wenigstens bei Hosenträgern aus dem Vollen schöpfen können. Mann gönnt sich ja sonst nichts. ...
Es fehlte nur noch der Kulturbeutel mit all den notwendigen Wässerchen und Cremes. Dann wiegen. 400 Gramm Übergewicht. Aftershave raus, ein paar Hosenträger weniger, die Badehose raus ... aber dann doch wieder rein. Schließlich bin ich bei 20.1 Kilo und lasse es dabei bewenden. Fertig! ...
Inzwischen ist es Drei Uhr Nachmittags. Ich versuche einen Mittagsschlaf zu halten, aber die Frage, ob ich auch nichts vergessen habe dreht Windmühlenflügel in meinem Hirn um. Also trinke ich wieder Kaffee.
Endlich ist es kurz vor Fünf und ich wuchte den sauschweren Koffer aus dem Haus. Zum Glück hat er sehr gute Rollen und einen ausziehbaren Griff, der lang genug ist, dass der Kofferkorpus nicht andauernd auf die Fersen aufläuft. Allerdings verfluche ich die Stadtplaner, die die Straßen und Gehwege mit allen möglichen Steinmosaiken "optisch auflockern". Nicht nur dass der Koffer holpert und hüpft, das Klacken und Rattern der Räder ist nervig! Da darf man sich nicht wundern, dass ich die asphaltierte Straße vorziehe, sehr zum Ärgernis von Autofahrern.
Ich fahre zum Flughafen zum Vorabend Check-In. Das finde ich sehr praktisch. Wenn ich mir vorstelle, dass ich am Montagmorgen in der Hauptverkehrszeit mit diesem Koffer eine U- und eine S-Bahn besteigen soll, bekomme ich einen Schweißausbruch! Die Bahn ist wenig besetzt. Also: "No sweat!" wie der Amerikaner sagt.
Am Schalter hat sich schon ein älteres Ehepaar eingefunden, obwohl es erst Viertel vor Sechs ist. Sie haben einen Koffer auf die Waage gestellt, damit es nachher schnell geht. Hinter mir gesellt sich ein Mann zu uns und dann noch einer. Obwohl die beiden sich nicht kennen, fangen sie sofort an sich über Dies und Jenes zu beschweren. Unpünktlich seien die hier mit der Schalteröffnung. Es ist noch nicht 18 Uhr. Und alles ist nur noch Abzocke und beim letzten Türkeibesuch wurde dem Einen der Geldbeutel geklaut und: "Ja", sagt der Andere, "die Polizei ist dort sooo korrupt" ...
Ich spiele "Free Cell" auf meinem iPad. ... 
Der Schalter wird mit fünf Minuten Verspätung geöffnet. Das sorgt für zusätzliche Kommentare, die auch von dem Ehepaar vor mir mit eifrigem Kopfnicken unterstrichen werden. Als erstes müssen sie den auf der Waage stehenden Koffer wieder vom Band nehmen. Wie soll das Gerät sonst auf Null gestellt werden? Der Ehemann fügt sich bruttelnd. Und dass man sich nach dem Einchecken noch mindestens 20 Minuten in der Halle aufhalten soll, bis die Koffer die Kontrolle passiert haben, sorgt für allgemeinen Unmut rings um mich her ...
Ich spiele"Free Cell" auf meinem iPad.
Nachdem 25 Minuten nach meinem Check-In vergangen sind und mein Namen nicht über Lautsprecher aufgerufen wurde, weil man etwas Verdächtiges beim Durchleuchten entdeckt hat, ("Meinen Koffer haben die einmal sogar aufgebrochen, obwohl nix Unrechtes drin war!" sagt der Eine hinter mir. "Schlamper, elende!" beruhigt ihn der Andere.) gehe ich auf den S-Bahn Bahnsteig. Er wimmelt nur so von angekommenen Reisenden mit Unmengen von Gepäck. Der nächste Zug fährt in 15 Minuten, der übernächste in 28. Ich gehe nochmal in die Halle hinauf und möchte etwas essen. Schließlich ist ein altbackenes Brötchen am Morgen nicht ganztägig magenfüllend. Für ein viertel Türkenbrot, mit Käse, Salatblatt und Tomatenscheibe belegt, verlangt man 6.20 €. Ich pflege meinen Hunger ein bisschen länger. ...
Der Zug nach 28 Minuten ist fast leer. Ich lehne mich zurück und freue mich, dass alles so reibungslos geklappt hat. Zwar habe ich den gewünschten Platz mit XL Legroom nicht bekommen, wobei mir nicht klar ist, warum nicht, aber was soll´s? ...
Bei "meinem Jugo" esse ich eine halbe Portion Cevapcici, dazu den vorzüglichen Djuwetschreis und einen kleinen gemischten Salat ...
Morgen Abend werde ich mir einen, oder auch zwei, vielleicht sogar drei! dieser köstlichen türkischen Nachtische gönnen! Wie heißen die doch wieder? Ach ja: BAKLAVA!
Ich kann es kaum erwarten!!!



Samstag, 23. Februar 2013

Der Prolog zu 7 Wochen Antalya, sieben Wochen Royal Wings Hotel

Prolog (siehe oben)

"Time waits for nobody"
Von Urlaub kann keine Rede sein.
Ich bin seit 12 Jahren Rentner, daher Dauerurlauber.
Also doch Urlaub? ... 
Eigentlich hatte ich ja auch nicht vor noch irgendwelche große Reisen zu unternehmen, schließlich werde ich in diesem Jahr 75! Aber mein Freund P. lag mir schon letztes Jahr so lange in den Ohren: "Gönn Dir doch mal was!" "Es wird Dir gut tun! Du warst schon ewig nicht mehr weg!", und dergleichen, bis ich, schon um der Ruhe Willen, schließlich für eine Woche nach Antalya flog. Mit meinem Freund P., alleine wollte ich einfach nicht, basta.
Genau genommen machte ich die Reise nur mit, weil P. immer behauptete, ich hätte Flugangst. Er hat auch immer behauptet, und tut es heute noch, ich würde keinen Spinat mögen. (Spinat habe ich in seiner Gegenwart inzwischen so oft gegessen, und immer laut "Mmmmmmmmm!" gesagt, dass er von diesem Irrglauben abgekommen sein müsste, was nicht der Fall ist ... Ich nehme an, er will mich nur ärgern!) Also flogen wir im Mai 2012 nach Antalya. Im Flugzeug sah ich mir den Zeichentrickfilm "Yellow Submarine" auf meinem iPad an und summte die Beatles-Songs laut genug mit, dass er es hören konnte, bis er schließlich sagte: "Okay okay, Du hast keine Flugangst. Würdest Du jetzt, bitte, mit der verdammten Summerei aufhören!"
"Danke." stöhnte der Mann auf dem Fensterplatz neben mir, "Ich wollte ihn eben erwürgen."
Antalya im Mai ist sehr schön! Selbst das Unkraut  in den Gehwegritzen hat mediterranen Flair! Und das Hotel Royal Wings, eine Zufallsbuchung, erwies sich als sehr ansprechend.


Zugegeben, es ist ein extrem kinderfreundliches Hotel, was den Lärmpegel automatisch bis in die oberen Dezibel treibt, aber es gibt Ausweichmöglichkeiten genug. Ein bisschen nervig ist auch die Lautstärke der Musik, die aus der Arena direkt in die Zimmer schallt. Bis ein Uhr nachts ... Die Bässe aus dem Tanzschuppen in Strandnähe wummern sogar bis drei Uhr herüber und ich habe dabei das Gefühl, mein Magen müsse im nächsten Moment explodieren und ein Alien gebären. Wer den Film gesehen hat, weiß was ich meine!


Die Hellhörigkeit der Zimmer ist auch nicht problemlos, weil man nicht gerne zuhört wenn der Nachbar, oder die Nachbarin, nachts um zwei eine halbe Stunde lang in die Kloschüssel reihert ... Aber zu meckern gibt es überall etwas, wenn man meckern möchte!
Das Essen war fantastisch!!! Mehr will ich dazu nicht sagen, weil sonst ein Roman aus diesem ersten Beitrag wird. 
Zimmer mit Meerblick, geräumiges Bad mit Wanne ... einfach alles einwandfrei. Der Service ... super,
"All inclusive" eben. Das war die Schnupperwoche. Ich wollte mehr!
Dank widriger "Umgebungsumstände" nahm ich von April bis Oktober 20 Kilo ab, was meiner wenig geforderten Kondition sehr zugute kam. Allerdings ist der Faltenwurf der geschrumpften Haut enorm! Das nur als Nebenbei-Information. 
Das eigentliche Problem war danach meine Garderobe. Nichts passte mehr. Der Unterschied zwischen XL und S ist, in jedem Fall, gewaltiger als man denkt! Inzwischen bin ich M und bin bestrebt das auch zu bleiben. Es wird sonst einfach zu teuer! Ich erhöhte den Jahresumsatz von P&C (nicht zu verwechseln mit C&A!) um beinahe 5000 €uro!!! Dass ich eine Gutschrift von 150 €uro für meine diesjährigen Einkäufe bekam fand ich ganz in Ordnung.
Also war ich von Ende November bis kurz vor Weihnachten wieder für drei Wochen im Royal Wings, diesmal alleine. Anfangs meckerte ich an manchem herum. Der Service schien mir zu unaufmerksam, weil ich mehrmals einfach von den herumwuselnden Kellnern und Kellnerinnen nicht gesehen wurde. Die Klobürste zerfiel während der Benutzung in drei Einzelteile, so dass das Wasser  mir ins ... Na ja, was ältere Herren eben denken beanstanden zu müssen. 
In der zweiten Woche fing ich an mich wohl zu fühlen. Alles war plötzlich perfekt. Das Personal fand ich jetzt superfreundlich, nicht weil sie es vorher nicht waren, sondern weil ich die Freundlichkeit zu mir durchdringen ließ. Wenn ich in der Lobby saß und auf meinem MacBook Air Tagebuch führte, war ich froh, dass nicht jeden Augenblick jemand fragte, ob ich etwas zu trinken wünsche. Und die Klobürste war von einem gut aussehenden Servicemitarbeiter sofort ausgetauscht worden …
Nicht dass jetzt der Eindruck entsteht, dass ich drei Wochen lang das Hotel nicht verlassen habe. Ganz im Gegenteil! Ich war beinahe jeden Tag in Antalya. Ich hatte schon im Mai das Hamam für mich entdeckt, das "Türkische Bad", und war begeistert von den Massagen. Jetzt besuchte ich verschiedene Hamams und testete die Masseure. Jeder hatte seine eigene Methode, die Knoten in meinem Körper zu lösen. Dass ich so viele habe, wurde mir da erst so richtig (schmerzhaft!) bewusst.
Ich will hier nicht die Sehenswürdigkeit und die Sehenswürdigkeiten Antalyas beschreiben, sonst bleibt nichts mehr übrig für die Kapitel die folgen sollen. Dies ist ja nur der Prolog, siehe oben.
Auf jeden Fall war ich so begeistert von diesem "All Inclusive" von seelischem und körperlichem aus-geglichen sein, dass ich mich für einen längeren Aufenthalt "einloggen" ließ. Sieben Wochen! Vom 25. Februar bis zum 15. April!!!
Am Montag ist Abflug. Die Flugbestätigung habe ich. Bekleidung, von der ich meinte, dass ich sie noch brauche, habe ich eingekauft. (Der Bonus von 150 €uro hat nicht ausgereicht!) Einen größeren Koffer musste ich mir auch zulegen ... Gestern habe ich Hemden gebügelt, viel mehr als ich mitnehmen kann ... Morgen werde ich Koffer packen und ihn am Abend einchecken, dann muss ich Montagfrüh nicht so bald am Airport sein ... Wünscht mir einen streikfreien Tag und guten Flug!