Samstag, 4. Mai 2013

Quasi das erste Kapitel von 7 Wochen in Antalya.


25. Februar 2013

Es ist das Beste, wenn ich mich dem Ganzen von hinten nähere. Da sitzt alles noch tiefer. Ein Schuft wer Zweideutiges dabei denkt! 
Erinnerungen haben es an sich, dass sie abflachen, wie Kieselssteine die endlos auf dem Grund des Meeres hin- und hergeschoben werden, bis sie endlich irgendwo am Strand liegen, wo sie jemand aufliest, liebevoll betrachtet und entweder einsteckt oder wieder wegwirft. Es sei denn, die auflesende Person hat eine Begleitperson, zeigt dieser, voll Begeisterung und Liebe den Stein, worauf die Begleitperson einen kurzen, desinteressierten Blick wirft und sagt: "Schmeiß ihn weg." Ist die auflesende Person männlichen, die Begleitperson weiblichen Geschlechts, eventuell sogar miteinander verpartnert auf die eine oder andere Art, Ehe ist ja eher nicht mehr die gängige Lebensgemeinschaft, zum Glück für Kreuzworträtsler aber immer noch die (einzige?) mit drei Buchstaben, dann wirft er den Stein weg, um keinen Streit zu provozieren. Sollte er allerdings schon mehrmals in dieser Situation gewesen sein, hat er einen zweiten Stein in der Hand verborgen, den er dann demonstrativ in die Wellen schleudert, während der mit liebendem Blick betrachtete unauffällig in seine Hosentasche gleitet. Männer mit hautengen Badehosen sammeln keine Steine. Was nicht heißen soll, dass diese Männer keine Erinnerungen haben, sie wissen nur nicht wohin damit. So viel an dieser Stelle zum Thema "Die Natur der Erinnerungen".
Den Koffer hatte ich also am Vorabend auf dem Flughafen eingecheckt und meine Boarding Card in Empfang genommen. Geduldig war ich noch eine halbe Stunde auf der unbequemen Drahtbank herumgesessen und hatte darauf gewartet, meinen Namen über Lautsprecher aufgerufen zu hören, was bedeutet hätte, dass beim Durchleuchten meines Koffers irgend etwas auffällig gewesen wäre. Ich hängte sogar noch zehn Minuten an, um auch ja sicher zu sein, schließlich bin ich kein Vielreisender, der auch glaubt, dass man nur "ca. 20 Minuten", wie am Schalter angeschrieben, zu warten braucht. Nach einer dreiviertel Stunde ging ich schließlich in Richtung S-Bahn, mit einem halben Ohr immer  noch nach meinem Namen lauschend. (Der hat sich inzwischen geändert, Dank Facebook, aber das ist ein anderes Kapitel.) Als sich die Tür des S-Bahn Zuges hinter mir geschlossen hatte, hakte ich das Thema Einchecken ab, was hiermit auch hier geschehen ist.
Laut meinem für diese Reise sporadisch geführten Tagebuch, habe ich in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar normal geschlafen.
Normal ist nicht gut und nicht schlecht, eben normal, so wie alles was normal ist, ein bisschen gut und ein bisschen schlecht sein kann und der Rest ist eben ... Ihr habt´s verstanden. Abnormal ist die andere Hälfte von normal, so wie die Nacht die andere Hälfte vom Tag ist. Wobei man nicht sagen kann, welche Hälfte was ist, zumindest habe ich noch nirgendwo etwas darüber gehört oder gelesen. Es läuft also darauf hinaus, dass ich normal durch die Hälfte des Tages schlief, den man Nacht nennt. Sollte jemand zu diesem Thema etwas Erhellendes beitragen können, werde  ich es gern als Fußnote im Anhang unterbringen.
Mozart weckte mich nicht wirklich, ich war schon wach. Der langsame Satz aus dem Klavierkonzert Nr. 21 ist einer ganzen Generation von Kinogängern unter dem Namen "Elvira Madigan" geläufig. Viele sahen sich das Rührstück nur wegen Mozarts Musik zwei-, drei- oder nochmehrmal an. Ich selber habe den Film nicht gesehen, nur von Freunden davon gehört, die alle von dieser "himmlischen Musik" schwärmten und meinten, er, Mozart, wäre "fast so gut wie die Beatles". Mag sein, dass Mozart über diese Einordnung erfreut gewesen wäre, andererseits wäre seine Freude noch größer gewesen, wenn man ihn "besser als Bach" gefunden hätte. Wie dem auch sei, ich lasse mich gern von dieser Musik aufwecken. Sie schält mich langsam und sanft aus dem Schlaf, wie man am Sonntag-morgen ein 3-Minuten Ei aus der Schale löffelt. Aber, wie  gesagt, am 25. Februar war ich schon vor meinem iPad wach und überlegte, während ich Kaffee schlürfte, was ich wohl zu Packen vergessen haben könnte. Zu spät fiel mir ein, dass ich ja, mit Rücksicht auf meine Blase, gar keinen Kaffee trinken wollte. Wer möchte schon im Flugzeug vor dem Klo Schlange stehen, wie vor einer Bäckerei nach dem Krieg? Welcher Krieg? Vergiss es! Ich erinnerte mich genau an die schuldbewussten Blicke der die Toilette verlassenden Passagiere, die sie mit den Wartenden tauschten, hoffend dass die/der Nächste sich nicht an dem hinterlassenen Geruch stören würde. Also schüttete ich den Rest Kaffee in den Ausguss. 
Zeit war noch genug und aus purer Langeweile warf ich einen Blick aus dem Fenster. O gesegnete Unterwäsche der Mormonen! (Oder wie auch immer.) Es hatte geschneit! Nachdem ich für sieben Wochen nicht anwesend sein würde, musste ich diesen Schnee räumen, oder meine Nachbarin würde mich mit ihrem Zorn bis nach Pfingsten verfolgen. Ich kehrte also Schnee. Zum Glück war es zum Schippen zu wenig. (Eigentlich war es völlig überflüssig, aber das Gesetz verlangt es nun einmal und was tut man nicht alles, überflüssiges, als gesetzestreuer Bürger.) Dann streute ich Split und hoffte, dass dies der letzte Schnee des Winters 2012/13 sein würde. Wie wenig solche Hoffnung nützt, hat der dann erst richtig einsetzende Winter gezeigt. Meine Nachbarin ist stinksauer. Kann ich gut verstehen, aber bringen tut´s ihr nichts.
Nach der Pleite mit der Bahn bei meiner Reise im November, wo prompt am Morgen meines Abflugs "technische Störungen" alle Züge von Downtown Stuttgart zum Flughafen lahm legten, und ich schließlich von S-Vaihingen zum Airport in Leinfelden-Echterdingen ein Taxi nehmen musste, das mich 20 €uro kostete, war ich, trotz Schnee, immer noch etwas früher unterwegs, als eigentlich nötig gewesen wäre, für jemand, der seinen Koffer am Vorabend eingecheckt hatte. Aber schließlich war ich doch froh darüber, dass ich das sperrige Gepäckstück nicht in einen vom morgendlichen Berufs-verkehr überfüllten Zug quetschen musste. So kam es, dass ich reichlich Zeit hatte, vor dem Boarding die langweilige Öde des Flughafengebäudes mehrmals zu durchwandern. 
Eins steht fest: die Langeweile vor dem Abflug ist schlimmer als jede Flugangst! Sie wird nur noch von der Langeweile nach dem Passieren der Security bis zum Boarding der Maschine übertroffen. Dem Thema Langeweile denke ich hiermit genüge getan zu haben und damit schließe ich dieses Kapitel.

Abschied nehmen ... eigentlich nur Schnee zeigen ...


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