Sonntag, 24. Februar 2013

Der Tag vor dem ersten Kapitel

Es hat in der Nacht geschneit ...
24. Februar 2013
Irgendwann muss man Koffer packen. Aber zuerst war ich heute Früh mit Schneeräumen dran. War ja zum Glück nicht viel. Der athletische Nachbar, dessen Auto vor meinem Schlafzimmerfenster parkt, kehrte prompt den Schnee vom Autodach auf den Gehweg, den ich kurz zuvor schneefrei gemacht hatte. Als er gerade einstieg um wegzufahren, bat ich ich ihn, doch so freundlich zu sein und den Gehweg wieder sauber zu machen. Das mache er immer, sagte er und lächelte sexy. Das würde mich sehr freuen, antwortete ich und blieb am offenen Fenster stehen, bis er den Schnee beseitigt hatte. Von wegen immer, ha! Eben wollte er doch abhauen ...
Danach trank ich Kaffee und aß ein altes Brötchen. Ich darf kein Gramm zunehmen, sonst wird aus M gleich wieder L. Wenn ich an das vorzügliche Essen im Hotel denke, haben schon die Gedanken Kalorien! Da wird nur eiserne Disziplin helfen. Leider ist das nicht gerade eine meiner Stärken. ... Aber bis jetzt ist ja noch nicht einmal der Koffer gepackt.
Aufgeklappt wie ein gefräßiges Maul liegt er auf meinem Bett. (Anscheinend dreht sich an diesem Morgen alles ums Essen?!) Aus meiner Zeit in der US Navy weiß ich, dass man die zu packenden Teile rollen muss. Eng rollen, so fest, als wolle man mit der gerollten Unterwäsche jemand zu Tode steinigen. Rein theoretisch. Das garantiert optimale Befüllung. 
Wieviel Unterwäsche braucht man eigentlich für sieben Wochen? Sieben von jedem Teil? Hat Gott während der siebentägigen Schöpfung die Unterwäsche gewechselt? Ich schlage kurz in der Bibel nach, die auf meinem Nachttisch liegt. Eigentlich ist es ja eine Familienchronik von 1908 und wiegt mindestens drei Kilo. Deshalb liegt sie auf dem Nachttisch, ich habe Angst, dass das Bücherregal unter der Last zusammenbrechen würde. ... Gottes Unterwäsche findet in der Bibel keine Erwähnung und ich muss jetzt wirklich packen. Um mit der Frage nach dem Wieviel nicht noch mehr Zeit zu verschwen-den, (Okay, ich gebe es zu, ich habe nach Gottes Unterwäsche gegoogelt, hatte aber keinen direkten Treffer, nur Beiträge in denen das Wort Gott und das Wort Unterwäsche vorkommt. Z. B. "Wer das irdische Leben meistert, kann selbst ein Gott werden ... das erklärt übrigens auch die "magische Unterwäsche" der Mormonen, doch ..." Ehrlich gesagt wollte ich es nicht unbedingt so genau wissen! obwohl ...) rollte ich alle Unterwäsche die gerade nicht im Wäschekorb war. Man muss ja auch an das erlaubte Gewicht denken ...
Bei den Hemden hatte ich eher das Problem, dass einfach zu viele zur Auswahl standen. Als ich sie aber nach gebügelt und ungebügelt sortiert hatte, schien mir die Anzahl durchaus vernünftig. Koffer packen erfordert praktisches Denken. Für Senioren durchaus eine empfehlenswerte Disziplin. Man könnte in Seniorenheimen doch einmal pro Woche Kofferpacken zum Pflichthobby machen, verbunden mit Lichbildvorträgen von Ländern in die man nicht reisen wird. ...
Die Hosen überließ ich dann gleich dem Zufall. Wozu sich den Kopf zerbrechen über Kleidungsstücke, die man nachher sowieso wieder auspacken muss, weil das Gepäckstück nicht 20 sondern beinahe 30 Kilo wiegt? Allerdings hätte ich auf alle Hosen verzichtet, nur nicht die knallrote! Schließlich habe ich nur ihretwegen die knallroten Schuhe gekauft. ...
Nachdem ich in einer Hotelbewertung, in der eine Frau sich darüber mokierte, dass "die Leute immer so hohe 5-Sterne Ansprüche stellen, aber dann wie bei Hempels unterm Sofa gekleidet herumlaufen", gelesen hatte, überlegte ich kurz, ob ich mein "gutes" dunkelblaues Jackett einpacken sollte. Nach zusätzlichem kurzem Überlegen, wieviele Männer ich bei meinem letzten Besuch im Hotel Royal Wings in "guten" dunkelblauen Jacketts gesehen hatte und auf die Zahl null komme, lasse ich es im Schrank hängen. Es reicht, wenn ich in der Oper nicht wie bei Hempels unterm Sofa aussehe! ...
In den 4 Paar Schuhen brachte ich 7 Paar Hosenträger unter. Sollte es schon an Hosen mangeln, wollte ich wenigstens bei Hosenträgern aus dem Vollen schöpfen können. Mann gönnt sich ja sonst nichts. ...
Es fehlte nur noch der Kulturbeutel mit all den notwendigen Wässerchen und Cremes. Dann wiegen. 400 Gramm Übergewicht. Aftershave raus, ein paar Hosenträger weniger, die Badehose raus ... aber dann doch wieder rein. Schließlich bin ich bei 20.1 Kilo und lasse es dabei bewenden. Fertig! ...
Inzwischen ist es Drei Uhr Nachmittags. Ich versuche einen Mittagsschlaf zu halten, aber die Frage, ob ich auch nichts vergessen habe dreht Windmühlenflügel in meinem Hirn um. Also trinke ich wieder Kaffee.
Endlich ist es kurz vor Fünf und ich wuchte den sauschweren Koffer aus dem Haus. Zum Glück hat er sehr gute Rollen und einen ausziehbaren Griff, der lang genug ist, dass der Kofferkorpus nicht andauernd auf die Fersen aufläuft. Allerdings verfluche ich die Stadtplaner, die die Straßen und Gehwege mit allen möglichen Steinmosaiken "optisch auflockern". Nicht nur dass der Koffer holpert und hüpft, das Klacken und Rattern der Räder ist nervig! Da darf man sich nicht wundern, dass ich die asphaltierte Straße vorziehe, sehr zum Ärgernis von Autofahrern.
Ich fahre zum Flughafen zum Vorabend Check-In. Das finde ich sehr praktisch. Wenn ich mir vorstelle, dass ich am Montagmorgen in der Hauptverkehrszeit mit diesem Koffer eine U- und eine S-Bahn besteigen soll, bekomme ich einen Schweißausbruch! Die Bahn ist wenig besetzt. Also: "No sweat!" wie der Amerikaner sagt.
Am Schalter hat sich schon ein älteres Ehepaar eingefunden, obwohl es erst Viertel vor Sechs ist. Sie haben einen Koffer auf die Waage gestellt, damit es nachher schnell geht. Hinter mir gesellt sich ein Mann zu uns und dann noch einer. Obwohl die beiden sich nicht kennen, fangen sie sofort an sich über Dies und Jenes zu beschweren. Unpünktlich seien die hier mit der Schalteröffnung. Es ist noch nicht 18 Uhr. Und alles ist nur noch Abzocke und beim letzten Türkeibesuch wurde dem Einen der Geldbeutel geklaut und: "Ja", sagt der Andere, "die Polizei ist dort sooo korrupt" ...
Ich spiele "Free Cell" auf meinem iPad. ... 
Der Schalter wird mit fünf Minuten Verspätung geöffnet. Das sorgt für zusätzliche Kommentare, die auch von dem Ehepaar vor mir mit eifrigem Kopfnicken unterstrichen werden. Als erstes müssen sie den auf der Waage stehenden Koffer wieder vom Band nehmen. Wie soll das Gerät sonst auf Null gestellt werden? Der Ehemann fügt sich bruttelnd. Und dass man sich nach dem Einchecken noch mindestens 20 Minuten in der Halle aufhalten soll, bis die Koffer die Kontrolle passiert haben, sorgt für allgemeinen Unmut rings um mich her ...
Ich spiele"Free Cell" auf meinem iPad.
Nachdem 25 Minuten nach meinem Check-In vergangen sind und mein Namen nicht über Lautsprecher aufgerufen wurde, weil man etwas Verdächtiges beim Durchleuchten entdeckt hat, ("Meinen Koffer haben die einmal sogar aufgebrochen, obwohl nix Unrechtes drin war!" sagt der Eine hinter mir. "Schlamper, elende!" beruhigt ihn der Andere.) gehe ich auf den S-Bahn Bahnsteig. Er wimmelt nur so von angekommenen Reisenden mit Unmengen von Gepäck. Der nächste Zug fährt in 15 Minuten, der übernächste in 28. Ich gehe nochmal in die Halle hinauf und möchte etwas essen. Schließlich ist ein altbackenes Brötchen am Morgen nicht ganztägig magenfüllend. Für ein viertel Türkenbrot, mit Käse, Salatblatt und Tomatenscheibe belegt, verlangt man 6.20 €. Ich pflege meinen Hunger ein bisschen länger. ...
Der Zug nach 28 Minuten ist fast leer. Ich lehne mich zurück und freue mich, dass alles so reibungslos geklappt hat. Zwar habe ich den gewünschten Platz mit XL Legroom nicht bekommen, wobei mir nicht klar ist, warum nicht, aber was soll´s? ...
Bei "meinem Jugo" esse ich eine halbe Portion Cevapcici, dazu den vorzüglichen Djuwetschreis und einen kleinen gemischten Salat ...
Morgen Abend werde ich mir einen, oder auch zwei, vielleicht sogar drei! dieser köstlichen türkischen Nachtische gönnen! Wie heißen die doch wieder? Ach ja: BAKLAVA!
Ich kann es kaum erwarten!!!



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