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Samstag, 19. September 2015

Spätsommer - ein Gedicht





Tage sind das, Tage sag ich Dir:
herb, klar und voll wie Chrysanthemen!
Und Du wunderst Dich, verübelst es mir,
wenn ich heraus aus dem Stadtgewirr,
aus dem Kranennetz, aus dem Baggergrab fliehe,
um vom Sommer Abschied zu nehmen?

Stunden fliegen hier, Stunden! Glaube das,
hingehaucht, zart und schnell wie Bienenflügel!
Ich liebe das nichtkultivierte Gras
und Bäume, nicht Bauten aus Beton und Glas,
aus Schutt und Ruinen, Tränen und Schweiß,
aus Tod und Vergessen errichtete Hügel.

Sekunden gibt es, Sekunden mein Kind:
süß, golden und schwer wie Honigwaben,
Bilder die mir vom raschen Wind
nur all zu schnell wieder entrissen sind
und zum Himmel getrieben entschwinden,
an des Augenblickes zerreißendem Faden.

Sekunden, Stunden und Tage vergehn
wie Blumen denen die Biene den Nektar nahm.
Ich aber habe die Wiesen betreten,
den Wald gesehn als die Blätter verwehten
und ehe der Winter mit seinen langen
am Fernseher verbrachten Abenden kam.





















gelang 1971

Dienstag, 16. Juni 2015

Spruch des Tages - 16. Juni


Du musst nicht warten bis man Dich vergisst!
Vergessen ist den Menschen nur
geschenkt. Niemals vergisst Natur.
Bedenke selber wer Du bist!

gelang 2015

Donnerstag, 11. Juni 2015

"Talk to the animals ..."


Nein, ich bin nicht Doktor Doolittle und auch kein Pferde- Hunde- Katzen- Raupenflüsterer. 
Ich rede mit Amseln. 
Nicht schon immer, erst seit sie mich nicht mehr auf mein Klo lassen. Nicht dass jetzt die Vermutung aufkommt, dass mich Mordamseln terrorisieren, eher im Gegenteil, sie kommen sich von mir terrorisiert, oder zumindest belästigt vor.
Dabei fing doch alles mit Gutem Willen an! (Der ist meist ein Fehler!) Ich hatte die Idee, den Vögeln nicht nur durch den Winter zu kommen zu helfen, sondern sie in der danach folgenden, sehr anstrengenden Phase zu unterstützen. 
Da ist zuerst einmal die Werbung um eine geeignete Partnerin. Dieses anstrengende Gepiepste, Getrillere, Geschluchze schon vor Sonnenaufgang und dann noch mehrmals am Tag! Scheißtreibend kann ich da nur sagen ... ich kaufe ein w.
Dann kommt das unumgängliche "Häusle bauen". 
(Sind Vögel, also alle, genetisch der Spezies "Schwaben" überzuordnen? Eine interessante Frage, auf deren Beantwortung wir wohl noch warten müssen, bis geklärt ist, warum der allgemeine, menschliche Geschlechtsverkehr im Deutschen mit "vögeln" belegt ist.) 
Auf jeden Fall ist der Nestbau auch nicht immer eine lautere Freude. Keine Bausparkasse, nicht einmal Green Peace greift der ornithologischen Bevölkerung unter die Flügel! 
(Da gibt es doch ein Theaterstück von so einem alten Griechen, Eripedes oder so ähnlich, könnte auch Soffonkles sein ... egal, das Stück heißt "Die Vögel" und man kann daraus irgendetwas lernen, wenn man sich nicht den Arsch wundsitzt und das Theater vor dem Schlussvorhang verlässt. In Stuttgart gab es vor Jahren eine Inszenierung davon, von Heyme, wenn ich mich recht erinnere. Also der Mann hatte es schwer nach Peymann. ... Auf jeden Fall wurden da auf der Bühne Hähnchen gebraten ... warum brät man keine Hühnchen? Die müssten doch zarteres Brustfleisch haben als diese faserigen, trockenen Teile der Hähne!? ... Ich glaube, ich schweife wieder einmal ab. Manchmal fühle ich mich wie Michael Ende, Gott hab ihn selig, beim Verfassen der "Unendlichen Geschichte".)
Der Nestbau ist beendet, der Geschlechtsakt, schon vorher!, vollzogen und die Frau legt Eier. Eins pro Tag. Ich hatte vor ein paar Jahren Gelegenheit das augennah zu erleben. 

Da könnte die Natur von der Industrie noch etwas lernen. Fließbandarbeit! 
Ein Amsler befruchtet vier Amselinnen, sie bauen gemeinsam ein Nest, jede legt ein Ei, er ruht von der Arbeit aus, und: Voila! Vier Amselgenerationen auf einen Schlag! 
Und selbst angenommen es käme zum Worst Case (zu Deutsch: Wurscht Käs) und die Katze holt die Babies, da bleibt genügend Zeit, um sich wieder an die Arbeit zu machen! 
Alas, das ist Utopia. 
Die Realität sieht so aus, dass ich diese Futterstation eingerichtet habe und die Amseln sie tatsächlich nutzen. (Siehe das entsprechende Kapitel) Auch Meisen und eventuell ein(?) Rotschwänzchen. Dazu kommt, seit Neuestem, eine Taube. Die ich, entschuldigt das harte Wort (ich fand kein härteres!) Verabscheue! Ein Vorurteil vielleicht? Ratten der Luft! Venedigs beschissene Fassaden? Sei's drum, sie ist da. Aber nur wenn ich sie nicht erwische! 
... Das passiert selten ... 
Irgendwie habe ich den Faden verloren? Worum geht es hier? 
Ich kuck mal oben ... Ach ja "I talk to the animals"! Ich rede mit den Tieren.
Quasi notgedrungen tu ich das, wenn ich, was öfters der Fall ist (siehe das entsprechende Kapitel) aufs Klo muss, vorbei am Fenster mit der Futterstelle und an anklagenden, mich als Mensch in Frage stellenden Blicken von Amseln, die dort gerade versuchen genügend Futter in den Schnabel zu stapeln, um ihre Brut durch schwere Zeiten zu bringen.

"Entschuldigung." flüstere ich.
"Tut mir leid!" entschuldige ich mich.
"Ich bin gleich wieder weg." sage ich.
Scheiß drauf, denkt sie und tut es.
Dementsprechend sieht mein "Balkon" aus. Hoffentlich regnet es bald wieder ausgiebig!
Vorläufig wechsle ich noch drei Mal am Tag die Hosen, wenn es mir wieder nicht gelungen ist den "Checkpoint Charlie" unbefeuchtet zu passieren.
Ja. 
Und jetzt?  
Ich erkundige mich mal nach Windeln für Männer. Ewig halten kann ich das nicht und wenn die Amsel noch so treuherzig kuckt!
Ganz zu Schweigen von der Scheiße!
Leute, lasst euch nicht auf die Natur ein: Sie ist unbarmherzig!


Samstag, 10. Januar 2015

Verfrühtes Tauen


Plötzlich war ich wach!
Ohne zu wissen was mich weckte ...
Ungewohnt war es und lange vor Morgengrauen.

`Vielleicht ist es das Kissen´, dachte ich
und schüttelte es auf. 
Aber das war es nicht.
Ich  machte Licht.

Fünf Uhr!
Was hatte ich nur?
Was konnte es sein das mir in den Schlaf ...

Dann wusste ich was dahinter steckte:
Dieses stete Klopfen,
Rinnen,
Tropfen
am Dach hinunter ...
Jetzt wurde ich munter
und wusste, ich hatte nicht hinausgeschaut:
Es taut!

Als dann endlich Licht ins graue Aquarell des Tages floss,
und dieser mürrisch den spiegelnden Bach
in die weidengeflochtenen Hände nahm,
war es zu sehen:

Die Wiesen waren wieder da.
Zuerst nur angedeutet durch hervorbrechende Maulwurfshügel.
Bald wurde es mehr.
Gelblichgrüne Dreiecke,
bräunliche Kreise,
Quadrate, Rhomboide, Oktagone, Pyramiden ...
kurz:
ein Buch der Geometrie ward aufgeschlagen und
umgeblättert ...
Oft sah ich die schwierigsten Figuren nur hinskizziert
und wieder wegradiert in Sekunden ...
Oder Stunden
zogen einen einzigen Strich
wo der Schnee nur ungern wich.

Langsam schmolz das Licht,
das von unten her den grauen Tag erhellte.
Aufgesogen von der Erde,
weggerollte Wassertropfen,
abgewischt,
ausgewrungen,
schwand er mit dem Schnee.

Schwarz liegen am Abend die Felder,
schwarz die Wiesen.

Nur aus tiefen Mulden schimmert es noch weiß ...

Doch in dieser Nacht wird es kalt!

Und am folgenden Morgen,

Heute
klirrt die Welt unter Eis!


gelang 1968

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Tischgesellschaft auf San Giorgio


Egal wohin man geht in Venedig, man findet immer etwas zum Essen. Vom teuersten Restaurant bis zum primitivsten Kiosk ist alles vertreten. Wie gut man dort isst ist allerdings nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern des Geldbeutels, wobei der Geschmack oft auch dort zu wünschen übrig lässt, wo man tief in den Geldbeutel greifen muss. 
Gestern war ich auf Torcello, ich werde dem Besuch noch ein, verdientes, Extrakapitel widmen, und hatte solchen Hunger, dass ich etwas essen musste, wenn ich nicht ohnmächtig werden wollte. Es gibt ja auf der Insel das CIPRIANI! Dort speist Gott, wenn er in Frankreich nichts mehr findet, das seinen Gaumen befriedigt. Gott muss allerdings nicht bezahlen, der Sterbliche sollte aber schon mit gefüllter Brieftasche hingehen. Im Gegensatz zu vor 30 Jahren, gibt es inzwischen noch drei Speiseplätze, die immer geöffnet sind. Die Speisekarten sind sehr verlockend, aber wenn man nur noch 25 Euro in der Tasche hat, was bei mir der Fall war, sollte man kurz durchkalkulieren, ehe man sich hinsetzt. Ich kalkulierte beim letzten Lokal, eigentlich das erste, wenn man von der Anlegestelle kommt, aber ich befand mich auf dem Rückweg, und wusste, dass mein Geld reichen würde, selbst wenn ich mich für ein Menü entschied. Ich entschied mich für das "Vegetaria" Menü, weil ich Fleisch misstraue, wenn es preiswert ist. Geschnetzelte Schuhsohlen kann ich auch in Stuttgart essen. Ich werde eine lange Geschichte kurz machen: Das Menü bestand aus einer Gemüse-Lasagne und gegrilltem Gemüseteller. Die Speisen standen in einem Schaukasten bereit und wurden in der Mikrowelle angewärmt. Angewärmt war die Lasagne, hauptsächlich schmierig zerkochte Auberginen in einem Pamp von Nudelteig, der diese Bezeichnung nicht mehr verdiente, weil man ihn mit den Zähnen nicht mehr fand, nur an der Oberfläche, innen war sie noch kalt. Das Gemüse waren Auberginen-, Zucchini- und Paprikascheiben gegrillt und auch in der Mikrowelle erhitzt. Hier stimmte die Temperatur. Aber man konnte es nicht essen! Ich bin ja nicht zimperlich, aber wenn mir etwas nicht schmeckt, dann esse ich es nicht. Basta. Dieses Gemüse schmeckte aber nicht nur nicht, es roch auch ungenießbar. Es roch nach verfaultem Wasser und das so sehr, dass mir übel zu werden drohte. Zum Glück hatte ich die Grießschnitte, die sich Polenta nannte, ohne aus Maisgries zu sein, gleich am Anfang gegessen, nachdem ich die fetttriefende Lasagne nach einem Bissen beiseite gestellt hatte, so dass wenigstens etwas in meinem Magen war. Appetit hatte ich allerdings keinen mehr. Und dieser Horror kostete sage und schreibe 13 Euro, ohne Getränk oder Brot. Ich bezahlte zähneknirschend und floh die Stätte. Wanderer, kommst Du nach Torcello, meide diese Futterstelle!

Heute Abend suchte ich eines der Lokale auf, an das ich gute Erinnerungen hatte. Das Vecio Canton, eigentlich eine Pizzeria, in der früher hauptsächlich die Venezianer speisten. Beim Eintritt ins Lokal wird der Gast heute von einem riesigen, und ich meine 
                     RIESIGEN! 
Flachbildfernseher begrüßt, auf dem, wenn er Pech hat, und ich hatte Pech, Fußball geboten  wird. Man gab mir gar keine Chance, mir einen Platz auszusuchen, als Einzelgast wurde ich an einen Tisch hinter einer Wand gesetzt, die mir den Blick auf die Mitwelt verstellte. Das Fernsehgerät befand sich aber unmittelbar neben mir. Ich hätte ja wieder gehen können, aber in meiner Erinnerung, und in meinen Notizen, gab es hier die weltbeste Pizza überhaupt. Hier habe ich sogar den Pizzabäcker und einen einheimischen Gast skizziert, die sich locker unterhielten, während im Holzofen die Pizzen garten. Es war herrlich urig und heimelig. War!


Die Pizza war auch diesmal okay, aber kein Vergleich zu der, die ich am Tag meiner Ankunft beim Arsenale gegessen habe. Mit 13 Euro war sie auch ziemlich teuer, wenn man bedenkt, dass der Markusplatz nicht gerade um die nächste Ecke ist. Ich habe gegessen, bezahlt und bin gegangen. Kein Trinkgeld, denn der Service war lieblos und unaufmerksam. Da geh ich nie wieder hin und empfehlen kann ich es auch nicht!!!

So, jetzt aber zurück nach San Giorgio Maggiore und an den Tisch mit den Sperlingen. Ich hatte ein Schinken/Käse Brötchen bestellt, das in einer Art Waffeleisen erhitzt wurde, und kaum war es serviert, flatterten die ersten Gäste auf die Tafel.

Ich habe dann redlich mit ihnen geteilt, wobei es sich herausstellte, dass ich nur den Käse/Schinken Anteil bekam. Was soll´s, wir wurden alle satt.






























Es empfiehlt sich, den Campanile nicht zu einer vollen Stunde zu betreten, schon gar nicht um 12 Uhr, es hämmert einem wirklich das Hirn zu Brei, wenn man nicht die Finger bis zum zweiten Glied in die Ohren steckt. Ich weiß das natürlich (leider aus Erfahrung!) und wartete den Nachmittag ab. Die Fahrt mit dem Aufzug kostet 6 Euro, was ich in Ordnung finde. Das Ding muss ja gewartet werden.
Oben angekommen erwartet den Besucher dann ein traumhafter Ausblick, nicht nur auf die in Reih und Glied stehende Front am Markusplatz und die Riva degli Schiavoni hinunter bis zu den Öffentlichen Gärten rund um das Kunst-Biennale Gelände, sondern auch zur Santa Maria della Salute, hin zum Turm der Frari Kirche, über die geschwungene Sichel der Giudecca, mit den zwei großen Kirchen direkt am Kanalufer, über die Dächer der Klosteranlage, den Kreuzgang, ihre Gärten und schließlich hinaus auf die Lagune, zum Lido und ins Uferlose. Es lohnt sich wirklich und San Giorgio ist nicht so überlaufen wie der Campanile am Markusplatz, wo man nur hinauffährt, einmal rund herum geschoben wird und wieder hinunter fährt. 
Willkommen auf dem Campanile von San Giorgio Maggiore!

Und wenn der/die Besucher/in auf dem Turm das Glück, und die Stadt Venedig das Pech hat, dass gerade eine der vielen, viel zu vielen!, schwimmenden Städte ausläuft, die mit ihren Abgasen die Luft verpesten und Gebäude schädigen, und durch ihren Tiefgang den Wasserhaushalt der Lagune nachhaltig verändern, dann gelingen ihr/ihm solche Bilder. Wie man sieht, befindet sich auf der San Giorgio zugewandten Seite kein einziger Schiffspassagier, was deren begrenzte Bildung und Mentalität deutlich illustriert.





Man kann die Abgase deutlich sehen, wenn man will.

"Der Mensch strebt nach dem Größten und zerstört das Kleinste. Aber auch das Größte wird wieder klein. Holz verbrennt zu Asche, Stein zerfällt zu Staub. Das schafft die Geduld. Nur der Mensch ist fähig Geduld zu erkennen und trotzdem erkennt er nicht die Natur der Natur. Er wird nie das Größte schaffen, weil ihm die Geduld fehlt."

Zurück auf die Erde, zumindest auf die unsichere von Venedig. Vielleicht ist es ganz gut, sich ein bisschen mit der rosaroten Gigantin (Teil der Biennale) vor der Kirche zu befassen. Es ist eine luftgefüllte Kopie der Originalstatue eines englischen Künstlers ... aber alles hier nachzulesen:


Und jetzt also hier. Weil Venedig weiblich ist? La Serenissima! Behindert und nicht in der Lage sich selbst zu helfen, aber ...? Heroisch als universeller Anspruch? Na ja, schöne Bilder kann man auf jeden Fall machen.