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Samstag, 19. September 2015

Spätsommer - ein Gedicht





Tage sind das, Tage sag ich Dir:
herb, klar und voll wie Chrysanthemen!
Und Du wunderst Dich, verübelst es mir,
wenn ich heraus aus dem Stadtgewirr,
aus dem Kranennetz, aus dem Baggergrab fliehe,
um vom Sommer Abschied zu nehmen?

Stunden fliegen hier, Stunden! Glaube das,
hingehaucht, zart und schnell wie Bienenflügel!
Ich liebe das nichtkultivierte Gras
und Bäume, nicht Bauten aus Beton und Glas,
aus Schutt und Ruinen, Tränen und Schweiß,
aus Tod und Vergessen errichtete Hügel.

Sekunden gibt es, Sekunden mein Kind:
süß, golden und schwer wie Honigwaben,
Bilder die mir vom raschen Wind
nur all zu schnell wieder entrissen sind
und zum Himmel getrieben entschwinden,
an des Augenblickes zerreißendem Faden.

Sekunden, Stunden und Tage vergehn
wie Blumen denen die Biene den Nektar nahm.
Ich aber habe die Wiesen betreten,
den Wald gesehn als die Blätter verwehten
und ehe der Winter mit seinen langen
am Fernseher verbrachten Abenden kam.





















gelang 1971

Mittwoch, 24. Dezember 2014

Ein Lied im Winter - Gedicht




Ich sah ihn nicht, den kleinen Schreier,
und dachte: `Ungerecht ist es, doch freier
schlüge mein Herz wenn er
die Nachtigall und nicht ein Spatz im Winter wär'.´


Dann streute ich ihm Sonnenblumenkerne:
`Singt er auch schlecht, er tut es gerne,
und Lohn gebührt dem Sänger, nicht
dem Schweigen, das er mit seinem Singen bricht.´



gelang, 1965

Samstag, 13. Dezember 2014

Letztes Gebet - ein Gedicht



Laub fällt und Barometertendenz,
Friedhöfe  gewinnen erneut Prominenz,
der Gräber stummes Mahnen
lässt den Winter ahnen.

Morgennebel und Drachen steigen
in die Wälder tritt das große Schweigen,
das, auch vom Eichelhäher erschreckt
kein Echo mehr erweckt.

In den kahlen Bäumen steht
Sonnenlicht, ein letztes Gebet:
"Herr, behüte den Samen
auch diesen Winter, Amen"


gelang 1966

Sonntag, 23. November 2014

Wald - eine Allegorie


Im Winter lag der Wald voll Schnee und Schweigen,


dann grünte Gold an allen Zweigen,


das langsam dunkler ward und matt,
und Sommerschatten hingen unter jedem Blatt.


Jedoch im Herbst, wenn sich die Blätter färben,
wenn alles bricht und fällt zu sterben,
jetzt erst, zu dem Vergehn,
sagt man: Ist der Wald nicht schön?


Rein äußerlich, bunt und nicht sehr klug,
das ist der Mensch im Selbstbetrug:
Er liebt die Maske, die grotesk verhüllt
was Wahrheit ist und eine Seele füllt.

gelang 1967