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Mittwoch, 6. Januar 2016

Im Alter



Wenn Du Dich selbst nicht mehr erkennst,
wenn alle Jahre Dir entfliehen,
wenn Du nur gegen sie noch rennst:
Gehe mit ihnen!

Es gibt ein Wort mit viel Gewicht,
mach es Dir nicht zur Bürde,
Du must, wie alle, gehn! Doch nicht
ohne Deine Würde!

Das Leben zieht nicht nur an Dir vorbei 
in immer wieder neuen Bildern;
es reißt Dich mit! Wie dem auch sei:
Alter soll es mildern. 



















gelang 2016




Montag, 28. September 2015

Worte die man nicht sagen sollte.


Es gibt Worte, die ein "kultivierter", oder "gebildeter", oder ein "gesellschaftlich stabiler" Mensch, es gibt Kombinationsformen,  nicht in den Mund nimmt, nach dem Motto: sage nichts, das Du nicht schluckst.
Dieser Gedanke ging mir durch den Kopf, während ich meine Morgennotdurft verrichtete.
Dabei drängten sich dann geradezu diese diabolische Verse hinter meine Stirn:

So ist das nun einmal im Leben:
Was Du isst, musst Du auch von Dir geben.
Und das ist Scheiße eben.

Zu meiner Entschuldigung darf ich sagen, dass ich nicht nach diesem Gedanken suchte. Er war einfach da. Und dann überlegte ich, dass es vielleicht nur Gedankenlosigkeit ist, die ein Wort zum Tabu macht. 
Ein "anständiger Mensch" sagt: Kot, nicht Scheiße. Aber was ist denn der Unterschied im Produkt?
Darüber sollte man nachdenken als kultivierter, gebildeter und meinetwegen auch gesellschaftlich stabiler Mensch. 
Wenn ein Wort genau das ausdrückt was das Beschriebene ist, kann es nicht falsch sein! 
Muss lebendige Sprache immer Rückzug bedeuten in gesellschaftliche Zwänge? 
Denkt einmal darüber nach, ob ihr Kot schlucken würdet, nur weil ihr dieses Wort in den Mund nehmt?!
Und keine Angst vor den Gedanken beim Koten: vielleicht wird ja ein Gedicht daraus?

Dienstag, 10. März 2015

Assoziationen, oder wie Rumpelstilzchen in die Bibel kommt



Heute war Herrentag in der Stadtbad-Sauna. Dienstags immer. Ich ging hin, was nicht immer der Fall ist, aber heute schmerzte mich meine rechte Schulter dermaßen, dass ich dachte, dagegen hilft sicher Wärme. Aber das ist eine andere Geschichte.
Geöffnet wird um 13:00 Uhr. Um dem ersten Ansturm zu entgehen, war ich erst 13:10 Uhr dort. Die Rechnung ging auf: kein Mensch vor mir an der Kasse. Glück muss man haben, dachte ich. Man muss dazu sagen, dass die Herren, die die Zeit haben, schon um 13 Uhr in die Sauna, oder Sonstwohin, zu gehen, meistens älter sind als 65, was sehr jung wäre, oder arbeitslos, und die können sich die Sauna nicht leisten. Deshalb staut sich manchmal an der Kasse einiges, auch wenn nur zwei Kunden vorher abgefertigt werden müssen. Aber, wie gesagt, der Weg war frei.
Ich stieg die drei Stockwerke hoch, Bewegung ist gesund.
Stille. Kein Stimmengewirr wie sonst üblich, kein Duscheplätschern. 
Nichts. 
Sollte es eine Bombendrohung gegeben haben und ich wurde aus Versehen noch eingelassen, während alle anderen im Fahrstuhl flüchteten? Unwahrscheinlich, dachte ich, zog mich aus und betrat den Saunabereich. Und da fing das mit dem Assoziieren an.
Ich empfand das Gelände öd und leer. Und diese Formulierung kannte ich aus der Bibel.








Die "Urflut" im Warmwasserbecken lag unberührt, nur von den Umwälzpumpen gekräuselt. Und der Geist Gottes ... Na, ich glaube nicht, dass der in die Sauna geht.
Aber gleich nach dem "öd und leer" Gedanken, fiel mir ein, dass es inzwischen ja wüst und wirr heißt, weil das angeblich eher dem Original "Tohuwabohu" entspricht.











Weil ich ja ein nachdenklicher Mensch bin, dachte ich jetzt: "wüst" kann ich für "öd" stehen lassen, das eine ist so übel wie das andere, aber "wirr" gegen "leer"? Was wirr ist, kann unmöglich leer sein, wo käme da die Wirrnis her? Also bitte, welche Version der Bibel wird jetzt eingestampft? 

Diese auf keinen Fall:





Ich finde, dass "laer" viel wirrer klingt als wirr.
So weit, so gut.
Inzwischen liege ich im 70°C warmen Warmluftraum und habe die Bibel im Kopf.
Dabei geriet ich, rein assoziativ an: Im Anfang war das Wort ... und da machte mein Gedankengang einen unerwarteten Schlenker und fragte mich:
"Warum heißt das Wort `Wort´? ... 
Warum heißen die Dinge überhaupt wie sie heißen?"
Dass sie irgendwie heißen müssen, ist mir schon klar, man kann nicht zu allem einfach "Dings" sagen, obwohl das viele tun, aber warum kann der Begriff für Wort nicht anders heißen? Zum Beispiel ... ich suchte einen Namen und so rutschte ich aus der Bibel in Grimms Märchen ... zum Beispiel Rumpelstilzchen! Ich denke, dass es in der gesamten Weltliteratur keinen Namen gibt, der mehr gesucht wurde als dieser! (In dem Märchen "Kalif Storch" von Wilhelm Hauff wird zwar auch ein Wort gesucht, aber nicht so weltweit wie im Märchen der Brüder Grimm. Das Wort heißt übrigens "Mutabor".)

Jetzt überlege man sich den Anfang des Johannes Evangeliums:







"Im Anfang war das Rumpelstilzchen ..." Usw.
Dann schweifte mein Assoziierungsdrang zurück in die Bibel, alles ganz sanft unbewusst, es war eine weiche Welle die mich trug. 
"Was war das erste Wort, das Gott sprach?" dachte ich.
Die Antwort (das müsste jetzt natürlich die Antrumpelstilzchen heißen, was für einiges Sprach-Tohuwabohu sorgen könnte, wegen der Mehrzahlfrage ...) lag klar auf der Hand: "Licht". (Siehe weiter oben.)
Wenn ich jetzt also schon das Wort ganz am Anfang umbenamt habe, dann müsste auch das zweite Wort anders heißen ... und sofort kam ich auf "Gold"!
Es war eine Erleuchtung! 
Natürlich! 
Die Puzzleteile fügten sich ganz von selbst ineinander. Rumpelstilzchen kann Gold spinnen! Niemand hat sich je gefragt von wem es diese Gabe hat. Es steht alles da in der Bibel!! Man muss nur die richtigen Worte finden.
Ich war von dieser Einsicht ganz benommen und schaute auf die Uhr an der Wand. Schon 25 Minuten im Warmraum! Jetzt aber raus!!! 
Das Gelände war weiterhin öd und leer. (Später kamen dann andere Gäste.)
Aber mein Kopf war wüst und wirr!







Freitag, 20. Februar 2015

Das Buch des Lebens schreibt die Liebe - Eine Elegie


Aus einer Zeit die Dich nicht kennt ward ich geboren
und brachte alles Fremde mit in Deine Welt und meine:
den Körper, dieses schwere Buch aus brüchigem Papier,
in dem Du lesen sollst als wäre alles hingeschrieben
für Dich, und auch von Dir. ... 
Nur eine Abschrift tut sich vor Dir auf. 
Und das Verstehen bleibt mir überlassen.

Die Zeit aus der Du kommst hatte mich schon beschrieben,
und staunend lese ich, dass Jahre meines Lebens in Dir sind.
Die Schrift war nie so klar, der Sinn mir so enträtselt,
wie es, in Deinem Sein, sich mir erschließt: Du bist -
und alles was in mir enthalten ist, war längst in mir ...
die Abschrift vieler Jahre ...
und wir verstehen beide was geschrieben steht.

Wir leben eingeschlossen in den Augenblick der Worte,
und unser beider Körper schreibt und liest und wird gelesen:
Erst im Vergleich wird Wort für Wort gedeutet und ergänzt.
Die ersten Bilder werden nun zu Schrift gewandelt,
Schrift wird zu Maß und Maß wird Zeit. 
Die Zeit verstehen heißt das Buch zu schließen.
Und aus dem stummen Wort wird endlich Sprache!


gelang 1974 (für Walter)