Kein Zweifel. Ich habe ihn wieder gesehen. Und das ohne irgendwelche akustische oder visuelle Nebenwirkungen. Er rollte von rechts an den Tisch in der Bahnhofshalle heran, an dem ich immer sitze, und hielt einen Zettel in der Hand, den ich offensichtlich lesen sollte. Natürlich war ich so überwältigt davon, ihn wieder zu sehen, dass ich das Gedruckte nur peripher wahrnahm. "Vom Fels abgestürzt" oder so ähnlich, und dass ihn seine Mutter unterstütz ... Ich konnte es wirklich nicht lesen, ich sah nur ihn.
Und er war genau wie beim ersten Mal, nur diesmal viel jünger. Er wirkte gepflegt, nicht so sich in Auflösung befindlich wie damals. Wobei "damals" hier eine andere Dimension annimmt. Ist Gestern Damals? Ist Zeit überhaupt noch existent in einer solchen Situation?
Und er war genau wie beim ersten Mal, nur diesmal viel jünger. Er wirkte gepflegt, nicht so sich in Auflösung befindlich wie damals. Wobei "damals" hier eine andere Dimension annimmt. Ist Gestern Damals? Ist Zeit überhaupt noch existent in einer solchen Situation?
Er hielt also diesen Zettel in einer Klarsichthülle in der Hand. Es war die Fotokopie eines Artikels aus den STUTTGARTER NACHRICHTEN, wenn mich nicht alles täuscht, der über den Kletterunfall eines jungen Menschen berichtet. ... Erst hier fiel mir auf, dass dieser Mensch im Rollstuhl tatsächlich noch jung ist! Was dieser Unfall ihn gekostet hat, war offensichtlich. Beinahe bewegungslos, zusammengekrümmt, die Hände als hilflose Greifwerkzeuge im Schoß, nur das rechte Bein in der Lage, ihn im Rollstuhl Zentimeter um Zentimeter fortzubewegen. Und aus dem Mundwinkel rinnt unkontrollierbar der Speichelfaden, der vorn einen großen Tropfen bildet.
Ich konnte es nicht fassen! Hier war er wirklich wieder: Der Mann, den ich schon als Hirngespinst abgetan und einem Alptraum zugeordnet habe. Er hatte nicht Parkinson, wie ich bei der ersten Begegnung angenommen hatte, sonder war schwerst gelähmt, sogar in der Sprache.
Er bettelte.
Ich gebe zu, dass mir der Atem stockte. Kann das sein? dachte ich.
Ich gab ihm den Zettel zurück und dazu 10 Euro.
"Wir kennen uns." sagte ich. "Ich habe ihnen schon einmal in die Straßenbahn geholfen."
Ich kann es kaum beschreiben, dass ich in diesem Augenblick ein unvorstellbares Glücksgefühl hatte, aber es ist so! Ich war glücklich über dieses Zusammentreffen, über diese Gemeinsamkeit die wir teilten. Allerdings ohne sein Wissen. Er konnte sich nicht erinnern, lächelte aber so weit ihm das möglich war und nach ein paar weiteren Worten, an die ich mich nicht erinnere, rollte er an den Nebentisch. Hier das Bild.
Der Mann dort las den Zettel zwar interessiert, gab ihn dann aber wortlos zurück. Ich schob ihm noch 5 Euro zu, damit er sie geben könnte, aber er lallte nur: "Gibsihmdochselber."
Ich tat es. Der Mann im Rollstuhl registrierte das alles als wäre es eine Geschichte die um ihn herum geschieht, ihn aber nicht betrifft.
Ich tat es. Der Mann im Rollstuhl registrierte das alles als wäre es eine Geschichte die um ihn herum geschieht, ihn aber nicht betrifft.
Er rollte weiter, sich zentimeterweise mit dem rechten Fuß anschiebend.
Was ist Mitleid?
Meines ging jetzt so tief, dass ich mich selber im Rollstuhl sitzend sah.
Dann bemerkte ich, dass der Schnürsenkel am linken Schuh nicht gebunden war, sondern auf dem Boden schleifte und immer in Gefahr geriet, sich im kleinen Vorderrad zu verfangen. Ich hielt den Mann im Rollstuhl also auf und sagte ihm, dass ich seinen Schnürsenkel binden wolle. Er war erfreut und ich kniete vor ihm nieder und band eine Schleife in sein Schuhband.
Gestern war Epiphanie.
Ich bin kein "religiöser" Mensch, ich hasse Religion, sie trennt die Menschen von Gott, aber in diesem Augenblick der Demut spürte ich die Liebe Gottes auf uns, was immer das bedeuten mag.
Ich folgte ihm dann noch, immer im Hintergrund, eine gute Stunde auf seinem mühsamen Weg durch die Bahnhofshalle.
Die meisten Menschen ignorierten ihn einfach.
Andere wandten sich angewidert ab. Der Speichelfaden aus dem Mundwinkel war wohl Schuld daran.
Niemand gab ihm etwas!
Die meisten Menschen ignorierten ihn einfach.
Andere wandten sich angewidert ab. Der Speichelfaden aus dem Mundwinkel war wohl Schuld daran.
Niemand gab ihm etwas!
Niemand interessierte sich dafür, was auf dem Zettel stand. Dabei konnte man dort lesen, dass er sich seit seinem Unfall ständig darum bemüht, wenigstens einige Beweglichkeit wieder zu erlangen (deshalb hatte er die Hilfe bei der ersten Begegnung abgelehnt). Aber das kostet Geld und Geld gibt es in unserer Gesellschaft nur für das, was wieder Geld bringt.
Armer Mann!
Armer Mann!
Ich konnte später noch ein bisschen mit ihm sprechen. Die Therapie muss er selbst bezahlen und die ist teuer. Seine Mutter unterstützt ihn so weit es ihr möglich ist. Er glaubt fest daran, dass er wieder "normal" werden kann.
"Aber das braucht Zeit." sagte er.
Ich glaube, er wiederholte, was man ihm täglich vorlügt.
"Zeit ist nur ein Teil der Ewigkeit und die ist ja immer bei uns." sagte ich.
Danach sah er unglücklich aus.
Es tut mir leid!
Ich hoffe dass ich ihn bald wieder sehe!!!
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