Posts mit dem Label Essentieller Tremor werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Essentieller Tremor werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 12. September 2017

Nachtgebet eines alten Mannes


Lieber Gott, ich bin es wieder,
Du erinnerst Dich sicher,
dass ich gestern Abend mit Dir sprach ...
Ja genau, ich bin der, der sich für den Tag bedankte,
der gestern wirklich gut gelaufen war,
und jetzt danke ich Dir für Heute,
das auch keinen Grund für große Klagen gab.
Meine Beine wollen immer noch nicht so wie ich das gerne hätte,
der zweite Schlaganfall sitzt mir noch immer in den Knochen,
und wohl auch im Hirn,
aber, mit Deiner Hilfe, wird das schon wieder,
da bin ich mir ganz sicher!
Der essentielle Tremor ist natürlich weiterhin ein Problem,
mit dem ich nicht so leicht fertig werde,
und dass nur Alkohol hilft ihn zu unterdrücken,
ist kein Trost, eher eine Bedrohung.
Aber, okay, ich bin alt
und meine Leber wird das schon noch durchhalten,
hoffe ich. Du lässt mich doch nicht hängen?
Nein, nein, ich vertraue Dir ja mein ganzes Leben an,
da ist die Leber doch inklusive, oder?
Das war ein Scherz ...
Apropos Scherz: Zur Zeit lese ich "Tom Sawyer und Huckleberry Finn"
von Mark Twain und ich danke Dir dafür,
dass dieser Mensch gelebt und das Buch geschrieben hat!
Es ist so humorvoll, witzig und geistreich,
dass ich es als Jugendlicher zwar gelesen,
aber nicht verstanden habe.
Danke, dass Du es mir auf einem Spaziergang,
vorbei an einer Tauschstelle für Kinderbücher, in die Hände gespielt hast!
"Bring ein Buch, dann nimm ein Buch."
Tolle Idee! ...
Ja, gut, ich schlafe jetzt dann ein.
Sollte ich heute Nacht sterben, ohne es zu bemerken, geht das in Ordnung.
Ich weiß dass Du da bist. Gute Nacht. Amen.

Freitag, 5. Februar 2016

Schlaganfall? Doch nicht ich!


Etwas nicht zu glauben, obwohl man sich beinahe 100% sicher ist, ist nicht klug, aber ich tat es. Klug bin ich nur an der Oberfläche.  Es liegt mir nicht, Klarheit über Negatives zu suchen: und ein Schlaganfall ist nun mal nichts Positives. Man denkt ja immer: Das trifft nur die Anderen.
Als ich an dem Montagabend zu Bett ging, war noch alles wie immer in  Ordnung. In der Nacht wachte ich auf und spürte einen sehr starken Juckreiz am ganzen Oberkörper vom Hals abwärts bis zum Schambein. Ich kratzte verzweifelt, schlief aber wieder ein.
Beim Aufstehen am Dienstagmorgen, 26. Januar, (ich schlief bis 10:30 Uhr) knickte mir das linke Bein weg. In Daumen, Zeigefinger, Ringfinger und kleinem Finger der linken Hand spürte ich ein starkes Kribbeln. `Da bin ich wohl zu lange auf der linken Seite gelegen und habe einen Nerv eingeklemmt.´ dachte ich zuversichtlich. Die Kopfschmerzen die in meiner rechten Kopfhälfte pulsierten schob ich auf einen Wetterumschwung.
Aber mein Unterbewusstheitsverstand sagte da schon: `Du hattest einen Schlaganfall.´ Das ignorierte ich.
Nachdem das linke Bein auch nach 10 Minuten noch nicht richtig mitmachen wollte, das Kribbeln in der Hand hatte ich weggeknetet, schob ich die Gehschwäche auf meinen essentiellen Tremor, der ja auch die Beine betreffen kann. Die Kopfschmerzen bekämpfte ich mit Aspirin. Den Dienstag verbrachte ich dann hauptsächlich liegend.
Am Mittwoch spürte ich eine leichte Besserung im Bein und ich konnte wieder einigermaßen gehen.
Zwar wirkte der Fuß immer noch wie "eingeschlafen", aber ich dachte positiv: `Das wird schon wieder!´ Das Kribbeln in der Hand, das am Dienstag immer wieder aufgetreten war, meldete sich am Mittwoch nicht mehr.
Der Donnerstag bestätigte die Hoffnung dass es besser würde. Ich hatte kaum Schwierigkeiten beim Gehen, zwar hinkte ich und zog das Bein leicht nach, aber im Großen und Ganzen war ich mit dem Fortschritt zufrieden und blickte zuversichtlich in den Freitag.
Dieser enttäuschte mich dann sehr. Das linke Bein war taub und der Fuß bleischwer. Er zog mich bei jedem Schritt regelrecht "in" den Boden, der aus zähem Lehm zu sein schien und den Fuß nicht loslassen wollte.
Ich räumte meine Wohnung oberflächlich auf, es konnte ja sein, dass fremde Leute sie betreten würden, duschte, zog frische Wäsche an und wählte dann die Telefonnummer meines Hausarztes.
Ich sagte der Arzthelferin: " Ich denke ich hatte einen Schlaganfall." So, jetzt war es ausgesprochen.
"Dann kommen sie doch gleich in die Praxis. Schaffen Sie das?"
"Ja, das schaffe ich."
Mein Hausarzt schüttelte nur den Kopf über mein Verzögern des Besuchs bei ihm. Dann überwies er mich ins Krankenhaus. Ob er mir ein Taxi rufen lassen solle, fragte er. Aber die Klinik ist nur 10 Gehminuten von der Arztpraxis entfernt, also ging ich zu Fuß. Um 13:30 Uhr kam ich in der Notaufnahme an.



























Es folgten die endlos erscheinenden Voruntersuchungen, angefangen mit Blutabnahme bis hin zur Computertomographie.
Ständig brachten Sanitäter Unfallopfer. Es war wirklich viel Blut zu sehen, und mir wird schlecht wenn  ich Blut sehe ... allerdings nur bei meinem eigenen. Mir schien der Tag unendlich lang! Als würden die Stunden in mich hineintropfen wie die Flüssigkeit aus der Flasche am Haken neben mir.
Um 18:30Uhr war ich auf der Neurologie Station in meinem Zimmer.
Ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Der freundliche Pfleger organisierte einen Kaiserschmarren für mich. Dann war ich endlich im Bett.
Es tat gut sich in Sicherheit zu fühlen!!


























(Fortsetzung folgt.)

Samstag, 14. November 2015

Der Löffel




Wie kann ich ihn abgeben, wenn ich gar keinen bekomme?! Sogar in Wikipedia steht, (siehe oben) dass er, der Löffel, zur Nahrungsaufnahme dient.
Aber bekomme ich ihn in jedem Restaurant automatisch zum Besteck? Fehlanzeige!
Der Löffel, wohl eines der Grundhandwerkzeuge menschlicher Esskultur, ist nur noch ein Beiwerk auf dem Tisch geworden!
Wer einen Löffel haben möchte, weil er ihn braucht, sollte nicht öffentlich essen gehen, es sei denn er isst eine Suppe! Sonst bekommt er keinen Löffel.


Ich leide unter essentiellem Tremor. Das heißt, dass ich zittere und dieses Zittern nicht kontrollieren kann. Wenn ich ein "Ess-Werkzeug", eine Gabel oder einen Löffel zum Mund führe, wird das darauf befindliche Lebensmittel durch den Tremor von dem Werkzeug geschleudert. Bei einer Gabel ist das problematischer als bei einem Löffel. Da bleibt wenigstens noch etwas darauf, wenn das Werkzeug am Mund ankommt.
Warum bekommt man in Restaurants keinen Löffel mehr, wenn man keine Suppe bestellt?
Warum muss ich um einen Löffel bitten, und dadurch auffällig werden? Soll ich mich mit einem "Ich leide unter essentiellem Tremor" Schild kennzeichnen? Warum kann man nicht jedem Besteck auch einen Löffel beigeben!
Sorry, das musste einmal gesagt werden!
Und sollte es um die Befüllung der Geschirrspülmaschinen gehen, dann bezahle ich gern 0,1 Cent mehr!
Übrigens heißt es nicht umsonst: "den Löffel abgeben" wenn es ums Sterben geht ... Rührt daher die kollektive Angst vor dem Löffel?

Dienstag, 21. Juli 2015

Wie es mir geht?


Eben habe ich gelesen, dass Monica Lierhaus in einem Interview sagte, dass sie, hätte sie gewusst was nach der Operation eines Aneurysmas auf sie zukomme, nämlich totale Behinderung, dann hätte sie sogar den Tod auf sich genommen, anstatt das Leben ganz von vorn wieder beginnen zu müssen. Für diese Äußerung wird sie von vielen Behinderten angegriffen. Sie habe Behinderten damit einen Bärendienst erwiesen und deren Lebenswert in Frage gestellt.
Darf ein Mensch seine Meinung äußern? Darf er/sie/es nicht, wenn sie "öffentlich bekannt" ist/sind? Darf ich meine Behinderung überhaupt thematisieren? Oder lieber nicht? Einfach so tun als wäre da nichts? Gehe ich damit meinem Umfeld auf die Nerven?
Es gibt Menschen die denken, dass Behinderte einfach "zu viel aus ihrer Behinderung machen", sich zu sehr damit beschäftigen, "das Ganze lockerer sehen müssten".
Das sind Menschen ohne Behinderung.
So habe ich früher auch gedacht.
Niemand ohne eigene Erfahrung mit einer Behinderung kann sich in die Psyche eines behinderten Menschen hineinversetzen, und wenn sie auch noch so sehr beteuern, "dass ich das verstehe". Mit einer Behinderung zu leben ist außerhalb des Verstandes eines Unbehinderten. Da hilft auch keine psychologische Schulung. Aber um das zu erkennen, muss man behindert sein. Jeder behinderte Mensch der damit leben muss, dass sein Umfeld die Behinderung erkennt, weiß dass er dafür "angesehen" wird. Ganz egal wie "tolerant" sich die Menschen geben, sie sehen die Behinderten mit anderen Augen an, als die Nichtbehinderten. Und diesen Blick "spürt" man als behinderter Mensch. Und mit diesem Spüren muss man leben. Das ist nicht einfach.
Ich habe ja "das Glück", dass meine Behinderungen nicht offensichtlich sind, es sei denn, dass man sich wundert, dass ich sogar Nachts eine Sonnenbrille trage und dass ich in Restaurants immer dunkle, dem "Publikum" abgewandte Plätze suche. Dass ich Licht nicht mehr ertrage liegt an einer verunglückten Augenoperation gegen Grauen Star, die völlig unnötig war! und einem Glaukomanfall, der verhindert werden gekonnt hätte, wäre das betroffene Auge rechtzeitig behandelt worden. Aber damit kann ich inzwischen leben, wenn auch eingeschränkt, es bleibt mir nichts anderes übrig.
Mein weitaus größeres Problem ist der essentielle Tremor für dessen effiziente Behandlung mit Medikamenten es keine Lösung gibt. Das bedeutet, dass ich nichts zum Mund führen kann, Tasse, Glas oder Besteck, ohne dass der Inhalt, das Getränk, das Essen, unweigerlich verschüttet oder verschleudert werden. Ich empfinde es als demütigend. Und wenn mir Andere beim Essen zusehen, (Kinder können das ja besonders "unauffällig.) dann steigert sich der Tremor bis hin zur Lähmung, denn nur in der Ruhighaltung der Hände ist er nicht aktiv.
Wie erlebt das mein Umfeld? Die Einen zeigen ganz offen auf mich und lachen. "Kuck Dir den Alki an." Andere sehen schnell weg, wenn ich mit ihnen Augenkontakt bekomme.
Und wie fühle ich mich dabei? Soll ich mich mehr und mehr selber ausgrenzen? Muss ich das nicht, wenn ich überhaupt noch überleben möchte?
Das einzig wirklich wirksame Mittel, das den Tremor stark reduziert, ist Alkohol. Das ist klinisch bewiesen. Aber eine "Lösung" ist das nicht. Danach ist er wieder da.
Ich trinke jetzt immer ein Viertel Wein zum Essen, so bekomme ich es wenigstens in den Mund und nicht nur auf das Tischtuch.
Es geht mir gut ...

Mittwoch, 14. Januar 2015

Woran stirbt die Hoffnung und was kommt danach?


Die Frage ist berechtigt, denn selbst wenn die Hoffnung tot ist, lebt ja der Mensch noch der sie hatte. Heute starb eine meiner Hoffnungen. Es war nur eine kleine, oder, wie man wohl eher sagt, eine geringe. Aber wenn sie gestorben ist, kann sich die Meinung über ihre Größe leicht ändern und die Enttäuschung über ihr nicht mehr Vorhandensein ist proportional um so größer. So wird aus einer kleinen Hoffnung eine große Enttäuschung.
Vielleicht erinnert sich der ein oder die andere noch daran, dass ich an einem essentiellen Tremor leide der den ganzen Körper betrifft: mein Kopf wackelt, meine Hände und Beine zittern und auch mein Atem geht nicht gleichmäßig sondern in kleinen, spitzigen Wellen, wie die des Herzschlags auf dem Bildschirm über dem Bett eines Patienten auf der Intensivstation. Das sieht man Gottseidank nicht, das fühle ich nur. Aber das Sichtbare, das was die Menschen wahrnehmen, das verunsichert mich ... Na ja, ich habe in anderen Kapiteln schon davon berichtet.
Nachdem bei meinem letzten Besuch beim Neurologen meine Frage, ob es inzwischen neue und wirksame Medikamente für diese Nervenstörung gäbe, negativ beantwortet wurde, mein Tremor aber inzwischen so lästig ist, dass ich nicht einmal mehr die Buchstaben der Tastatur auf Anhieb richtig treffe, entschloss ich mich, dem Mittel das zwar beim ersten Versuch keine Wirkung zeigte, aber auch keine Nebenwirkungen zu haben schien, noch eine zweite Chance zu geben. Es könnte ja sein, dass es diesmal wirk, dachte ich.
Die geringe Hoffnung war geboren. 
Das Medikament heißt TREMARIT.
Da es mir der Neurologe schon verschrieben hatte und der Bericht dem Hausarzt vorliegt, konnte ich mir den Gang zum Neurologen sparen und gleich zum Hausarzt gehen, um mir ein Rezept ausstellen zu lassen. Nur um sicher zu gehen, dass ich den Namen richtig im Gedächtnis habe, googelte ich danach. Alles war richtig bis auf den letzten Buchstaben. Ich hatte TREMARIL eingegeben. Wie gut dass Google alles besser weiß! Und so erfuhr ich:





























So erlebte ich den Tod einer Hoffnung ganz bewusst! 
Da sich alle anderen in Frage kommenden Mittel auch nach längerer Anwendung als wirkungslos erwiesen haben, sehe ich der Geburt einer neuen Hoffnung auf diesem Gebiet mit Spannung und Ungeduld entgegen.

Mittwoch, 22. Mai 2013

Im achten Kapitel geht es um drei Namen

" ... Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch, ..."
Goethe, Faust. Na ja wer und wo auch sonst? Wenn man im Deutschen zitiert, ist meistens Goethe der zitierte und der "Faust" die Quelle. Zwar gibt es viel mehr Schiller-Zitate, und bei ihm stammen sie aus den unterschiedlichsten Werken, aber wenn man den Mann auf der Straße fragen würde, oder die Frau, von wem dieses Zitat stammt: "Dem Manne kann geholfen werden." und aus welchem Theaterstück, würde sie/er todsicher antworten: (außer: "Keine Ahnung."), "Das ist von Goethe, aus dem Faust." Das wäre natürlich falsch, es ist von Schiller, aus "Die Räuber", aber wen interessiert das schon? 
Und es geht jetzt ja um Namen und nicht um Zitate.
"Ali" ist ein aus dem arabischen stammender Name, der: "der Hohe", "der Erhabene" bedeutet. Er ist in der gesamten islamischen Welt sehr beliebt und kommt sicher so oft vor wie "Mohamed". Ich kann mir vorstellen, dass er auch wegen seiner Kürze ein Renner geworden ist. Er ist leicht zu schreiben und zu merken. Das war in Familien mit zehn und mehr Kindern, die meisten Söhne, sehr wichtig. Ich denke da an den "Barbier von Bagdad", die Oper in der der Titelgeber, er heißt Abul Hassan Ali Ebn Bekar, das Schicksal seiner sechs Brüder und sein eigenes bedauert. Aber das ist nebensächlich. Ali ist und bleibt ein beliebter Name, auch bei den Türken.
Abgesehen davon, dass ich auch hier, in Stuttgart, einige Alis kenne, geht es mir aber um drei ganz besondere in Antalya ... Na ja, eigentlich nur um zwei ... Aber ich fange am besten im November des Vorjahres an. Da war ich, wie erwähnt, für drei Wochen im Hotel Royal Wings. Dort arbeitete im "Italienischen" Restaurant (im "Gondelstil" dekoriert, als wäre Venedig ganz Italien) der Kellner Ali Özcan, der sich als sehr kompetent und einfühlsam erwies ... Ich sehe schon, ich muss noch weiter ausholen, damit hier keine Missverständnisse aufkommen.

Ali Özcan "AliAli", der beste Kellner der Welt und ein guter Freund

Ich "leide" unter einem "Essentiellen Tremor". In anderen Worten: ich zittere. Manchmal, speziell wenn man mir bei einer Tätigkeit zusieht und ich das weiß, so stark, dass ich das, was ich gerade tue, beenden muss. In diesem Fall sprechen wir vom Essen und Trinken. Es ist mir dann unmöglich eine Gabel zum Mund zu führen, ohne dass der darauf liegende Bissen heruntergeschüttelt wird, meist über den Tellerrand hinaus. Suppe zu essen ist völlig unmöglich, es sei denn, ich schlürfe sie durch einen Strohhalm oder aus einer Schnabeltasse. Mit Getränken ist das nicht anders. Eine "normal" gefüllte Tasse, ein Glas, erreicht meinen Mund nicht ohne dass große Mengen des Getränks auf meinem Hemd, meiner Hose und dem Tischtuch landen. In beiden Fällen, Essen und Trinken, ist mir das, gelinde gesagt, höchst peinlich!
Dazu muss jetzt gesagt werden, dass ich, bis vor ungefähr drei Jahren, keine Ahnung hatte, dass mein Zittern "krankhaft" sein könnte und einen eigenen Namen hat. Schon als Kind zitterte ich wenn ein Lehrer, oder später, als Lehrling, wenn ein Ausbilder hinter mir stand. Das war zwar lästig, ließ sich aber nicht ändern. Ich konnte mit meinen Händen die feinsten, diffizilsten Arbeiten erledigen, wenn mich niemand dabei beobachtete. Sowie aber jemand in meine Nähe kam, war es aus mit der Ruhe, was oft im Berufsleben dazu führte, dass die Kollegen kopfschüttelnd sagten: "Ich versteh gar nicht, wie Du mit dem Zitterer überhaupt in diesem Beruf arbeiten kannst." Damals war ich Offset-Druckformhersteller, eine Arbeit die höchste Präzision erforderte. Das wird jetzt alles von Computern erledigt, schnell und haargenau ...
Mein Zittern hörte aber mit dem Eintritt in die Rente nicht auf, es nahm stetig zu. Ich versuchte es zu überspielen, ging nicht in Restaurants oder Cafés, ganz einfach um den Peinlichkeiten auszuweichen, und achtete im Freundeskreis darauf, dass man mir keine Suppe servierte und meine Trinkgefäße nicht ganz so voll geschenkt wurden, wie die der anderen. Dass ich mir dabei immer noch wie ein Behinderter ohne richtige Behinderung vorkam ist nur mir verständlich. Man versichert mir immer aufs freundlichste, dass man dafür doch Verständnis habe und ich mich deshalb nicht selber ausgrenzen müsse. Aber ich sehe die verstohlen beobachtenden Blicke, die mich beim Essen wie Leuchtturmfeuer streifen, ganz genau. Das ist ja auch verständlich, so ist der Mensch nun mal ...
Bei einem Besuch beim Hausarzt sagte dieser eines Tages aus heiterem Himmel: "Ich mache mir Sorgen wegen Ihres Tremors."
Ich fiel aus allen Wolken. War das wirklich so auffallend? Mir war wohl bewusst, dass inzwischen auch meine Beine zitterten, manchmal auch der Kopf, aber dass andere das sehen konnten?! ...
"Wir müssen das untersuchen, um Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer und andere Demenz-erkrankungen ausschließen zu können." sagte der Arzt.
Das Resultat war dann die Diagnose "Essentieller Tremor", keine Krankheit, sondern eine "Nervensache", mit der viele Menschen leben müssen. Es gibt keine Medikamente, mit denen man gezielt die Ursache heilen kann. Man kann das gar nicht "heilen", man kann nur versuchen mit Medikamenten die das Nervensystem beeinflussen, Betablocker z. B., das Zittern zu reduzieren. Mir waren die Nebenwirkungen dieser Medikamente wesentlich unangenehmer, als mein Tremor. Als letzter Ausweg wäre noch die Implantation eines Schrittmachers im Hirn möglich ... Ich verzichtete.
Nachdem das Kind jetzt aber einen Namen hatte, konnte ich mich mit ihm, wenn schon nicht anfreunden, so es doch distanzierter betrachten und darüber reden. Vorher vermied ich jede Bemerkung darüber und war peinlich berührt, wenn andere es erwähnten.
Okay, ich zittere, was können wir tun?
Der Neurologe hatte mir vorgeschlagen, in den Lokalen, die ich eventuell besuchen würde, zu sagen, dass man meine Gläser und Tassen nicht zu voll machen solle. Das habe ich zwar nie getan, ich vermied die Öffentlichkeit und damit war das Problem vom Tisch, im wahrsten Wortsinn.
Und jetzt war ich also im Hotel Royal Wings und würde, wohl oder übel, in der "Öffentlichkeit" essen müssen. Oder verhungern. Als ich im Mai mit meinem Freund hier war, hatte dieser darauf geachtet, dass nichts überschwappen konnte, notfalls trank er selber einen Schluck ab bevor er das Getränk an mich weiterreichte. Diese Variante fiel jetzt weg.
Ich nahm meine Courage zusammen und legte der Dame vom Hotelservice mein Problem dar. Sie war absolut souverän! Kein Erstaunen, kein irritierter Blick, sondern einfach Verständnis und das Bestreben eine Lösung zu finden. Diese bestand darin, dass ich, meinem Wunsch entsprechend, einen Tisch "am Rand" bekam, nicht mitten im Trubel, und dass die Kellner informiert wurden, dass meine Gläser nicht "Standard" gefüllt würden. Das wusste auch der Kellner, der mich am zweiten Abend bediente und ich fragte ihn, ob er immer in diesem Revier arbeite. Er war aber nur aushilfsweise vom besagten "Italienischen" Restaurant eingesetzt worden, also beschloss ich, am nächsten Abend dort zu essen ...
Aber er hatte an dem Abend frei. Dafür servierte mir ein anderer Kellner die verschiedenen Gänge des Italienischen Menüs, und das war eben dieser sehr kompetente und einfühlsame Mann, den ich oben erwähnte. Er hieß Ali Özcan, heißt immer noch so. Das war im November. Ich entschied, dass er der absolut beste Kellner der Welt ist!


Turgay "Ali"

Zwei Tage später, immer noch im November 2012, setzte ich mich zum zweiten Frühstück oben ins Bistro und wurde, sehr zuvorkommend, kompetent und einfühlsam von einem Kellner versorgt, der, als ich ihn nach seinem Namen fragte, sagte, dass er Ali heiße. Na ja, dachte ich, das ist nun mal ein häufig vorkommender Name in dieser Gegend. Es wunderte mich dann nicht, als ich den zweiten Ali nach dem Namen des Personal Trainers aus dem Fitness Center fragte, der mir wegen seiner durchtrainierten Figur und seinem Profil, das an einen ägyptischen Pharao oder einen persischen Großkönig erinnert, gleich beim ersten Besuch im Mai aufgefallen war, dass dieser auch Ali heiße. Drei mal Ali also.
Jetzt komme ich wieder zurück zum Februar 2013. Der erste Ali, der beste Kellner der Welt, arbeitete nicht mehr im Restaurant- sondern im Barbereich. Der zweite Ali war nicht mehr im Bistro beim zweiten Frühstück beschäftigt, sondern im Hauptrestaurant. Ich setzte mich immer an einen Tisch in seinem Revier. Es blieb nicht aus, dass ich dem ersten Ali vom zweiten Ali berichtete und wie begeistert ich von seiner Art sei, mich regelrecht zu verwöhnen!
"Welche Ali?" fragte der original Ali.
"Der im Restaurant. Klein, stabile Figur. Sieht aus wie ein Italiener." beschrieb ich Ali den zweiten.
"Im Restaurant kein Ali. Ich bin einigste Kellner Ali." sagte das Original.
Na ja, dachte ich, der kann ja auch nicht jeden Kellner kennen, der hier arbeitet.
"Na ja, Du kennst sicher auch nicht jeden Kellner der hier arbeitet." sagte ich.
"Doch." beharrte er. "Keine andere Kellner Ali. Ich bin einigste."
Ich beschrieb den anderen noch einmal: "Er hat ein bisschen einen dicken Kopf." Quadratschädel wäre genauer gewesen, aber ich dachte nicht, dass dieser Ausdruck im Wortschatz meines OriginalAli vorkommen würde.
"Dieser Mann Name Turgay." sagte Ali mit Bestimmtheit. "Wir sind Freunde. Er ist mein Nachbar."
Oje, dachte ich, was habe ich da angerichtet? Und wechselte das Thema.
Am nächsten Morgen eilte Ali der zweite lachend auf mich zu und zeigte mir sein Namensschild, das er an seine Weste gepinnt trug und das ich nie beachtet hatte, auch bei keinem der anderen Kellner. (Ich habe kein Talent fürs Lesen von Schildchen, ich muss Namen hören ... trotzdem vergesse ich die meisten wieder.)
"Mein Name nicht Ali. Ich heiße Turgay." Er konnte kaum aufhören zu lachen. "Ali hat mich gefragt, warum sagst Du Dein Name Ali?"
Also gut. Ich komme zum Ende dieses etwas überlangen Kapitels.
Ein paar Tage später sprach ich den Fitness Trainer an, weil ich versuchen wollte, mit Muskelzuwachs dem Tremor eventuell beizukommen, ihn wenigstens zu reduzieren. Der Neurologe meinte, es wäre einen Versuch wert, könnte aber auch das Gegenteil bewirken ... Hier war, ich las sein Namensschild vorsichtshalber, vielleicht hatte Turgay ja nur scherzhaft gesagt, dass dieser Mann Ali heiße, Ali Drei. Denn für mich blieb Turgay Ali, ich nannte ihn auch weiterhin so, obwohl unbewusst.

Ali Gölpınar "Meister Ali", Trainer par Excellence!

So kam es, dass ich die nächsten sechs Wochen, eine Woche war schon vorbei, in meinem Namen-gedächtnis drei Ali speicherte.
"AliAli". Mein original Ali.
"TurgayAli". Der Witzbold.
"MeisterAli". Weil er es übernahm meinen Körper das Krafttraining zu lehren. Er hat es geschafft!
Wie sagt der Dichter: "... Name ist Schall und Rauch ..."
Nicht immer, Herr Goethe