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Dienstag, 28. April 2015

Zwei Schwäbische "G'schichtlâ" für Liebhaber der Sprache


Als ich mir heute Gedanken über die Sonderbuchstaben im schwäbischen Alphabet gemacht hatte, geriet ich in Nostalgie und mir fiel eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. 
Wir waren aus Stuttgart nach Waldenbuch evakuiert worden, wo wir im "Gasthof Post" mehr oder weniger beengt notuntergebracht waren. Als der Krieg vorbei war, siedelte man uns in die Liebenau, einen Vorort von Waldenbuch, um. Es gab dort nur eineinhalb Dutzend Häuser und Villen und alle wurden von pensionierten Lehrerinnen, Studienräten, Fabrikanten und evangelischen Pfarrern mit unverheirateten Töchtern komfortabel bewohnt. In einer Villa lebte sogar ein wahrhaftiger Dichter, H. H. Ehrler! Eines seiner Gedichte, ein gnädig kurzes, es heißt "Heimat", stand sogar im Lesebuch der 8. Klasse! Es hieß damals, dass das nur vorübergehend sei, dass man später wieder nach Stuttgart übersiedeln könne ... 
In der Villa des Fabrikanten O. Sch. wohnte eine wohlhabende Familie, die es aus Norddeutschland dorthin verschlagen hatte. Sie hatte mehrere Kinder. (Jürgen war so alt wie ich und wir besuchten  zusammen die Schule, bis die Familie nach Norddeutschland zurückkehrte.) Das jüngste war ein Mädchen, vier Jahre alt, das von allen nur "Puppchen" genannt wurde. Ich glaube ich habe ihren Namen nie erfahren. 
Für dieses Kind hatte die Familie ein "Kindermädchen" aus einer ureingesessenen Waldenbucher Bauernfamilie rekrutiert. Bis zum Krieg war Waldenbuch ein verschlafenes Nest und Hochdeutsch galt dort allgemein, bis auf ein paar "vornehme" Familien, als Fremdsprache. Natürlich wurde in Puppchens Kreisen nur Hochdeutsch gesprochen. Um so faszinierter war das Mädchen von der exotischen, unverständlichen Ausdrucksweise ihrer ständigen Begleiterin, die Eltern waren meistens irgendwo unterwegs.
Abends ging Hilde, nennen wir sie einfach so, immer nach Hause. Sie hatte keine Kammer in der Villa, sehr zu Puppchen's Kummer. Und so bettelte das Kind immer, dass Hilde sie doch mit zu sich nehmen solle. 
Eines Tages wurde Hilde sehr ernst und sagte zu dem Kind, in dem was sie für reinstes Hochdeutsch hielt, jedes Wort deutlich ausgesprochen: "Aber des g°aht doch ned. Was däte da Deine Muader sagen? Die däte heulen und fragen: Ja, wo ischt aber au mai Puppchen °ahne!"
Zufällig hörte die "Muader" diese Ermahnung, erzählte sie, köstlich amüsiert, am nächsten Tag dem Oberstudienrat i. R., Herr R., ihr nächster Nachbar, dieser trug die Geschichte weiter an seine Hausdame, Frau Sch. ... und irgendwann erzählte man sie meiner Mutter und so bekam auch ich sie zu hören. Ich hatte keine Ahnung warum alle darüber lachten, aber ich habe sie nie vergessen!
Zurück in die Gegenwart. Erst kürzlich erzählte mir ein Nachbar, der einen fünfjährigen Enkel hat, dass dieser ihn fragte: "Opa, was isch eigentlich an Enertscheißer genau?"
Der Opa war perplex. "Ha Buâ, was isch denn des fir a Wort, des kenn i j°a gar ned. Wo h°asch denn des her?"
"Vom Fernsähr, von dr Werbông, wenn se saget dass die oine Badderiâ besser send als die andere, nô saget se emmer Enertscheißer dazuâ."
Jetzt wusste Opa zwar Bescheid, aber wie erklärt man einem 5jährigen das Wort "Energizer"? Er versuchte es erst gar nicht und sagte: "Woisch Kend, des isch Englisch fir Hosâscheißer, des brau'sch dr ned mergâ."
`Hoffentlich merkt er es sich nicht und prahlt mit seinen Englischkenntnissen im Kindergarten.´ dachte ich.

Freitag, 22. August 2014

"Die Antwort kennt ganz allein der Wind ..."


Die deutsche Übersetzung des Song-Titels "The answer is blowing in the wind" ist unrichtig. Die Antworten werden "im Wind umhergeblasen", er `kennt´ sie genau so wenig wie wir. Wahrscheinlich weil er keine Fragen stellt. Aber, sei's drum, es gibt nie nur eine Antwort auf eine Frage, sondern so viele wie Diejenigen sind, die eine Antwort suchen. 
Wie kam mir das Lied plötzlich in den Sinn, während ich heute Morgen zwischen Traum und Wachen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf den "Aufstehen" Impuls wartete? Ich habe keine Ahnung. Die Antwort hat der Wind auch mitgenommen.
Während ich also so da lag wurde mir bewusst, wie sehr ich diese Zeit vor dem Aufstehen genieße. Viel Zeit. Zeit für mich, ohne Zwang, ohne Verpflichtung. Zeit die mich "in Ruhe" lässt. Dabei war es schon halb Zehn! 
"Ein Leben totaler Freiheit", wie Dietmar Schönherr es sich als alter Mensch wünschte, und das erst `im Alter´ möglich wird. Sich nicht mehr unterordnen, die eigene Meinung sagen dürfen ohne vor den Konsequenzen Angst haben zu müssen. Das Leben so leben, wie man es sich immer vorgestellt hat.
"Alt, alt zu sein, was heißt das? Es heißt dass man nicht mehr im Fußball mitspielt, aber es heißt auch, dass man gewisse Freiheit hat, also man kann sich erlauben eine gewisse Arroganz ... alt zu sein, das ist ja ein bisschen Abbauen ..." sagt der dänische Maler Per Kirkeby in einem Portrait-Film des BR, in Bezug auf seine Malerei, und fügt hinzu, dass man sich, weil die Karriere, das Erreichte hinter einem liegt, eine: "... gewisse Rücksichtslosigkeit erlauben kann. Und das ist eine große Freiheit."




























Freiheit also. 
Das ist ein Wunsch des Alters. 
Wirklich? 
Also nicht etwa: Unterbringung im Pflegeheim? Betreutes Wohnen? Animation? Struktur? Ständige Überwachung? Zweifel an der geistigen Zurechnungsfähigkeit?
Gegen Ende des Films stellt die Interviewerin dem Künstler Markus Lüpertz eine quasi-Frage: "Kirkeby sagte,  das Alter ... mm ... das Älterwerden, macht ihn radikaler?" 
Und der Künstler antwortet, nach kurzem Überlegen: "Mm ... er ist eben ein intelligenter Mann."
Diese Antwort kennt also nicht allein der Wind, aber sie wirft natürlich wieder tausend Fragen auf.
Eine ist: Wie ist mein "Alter"?
Eine Antwort ist: Ich kann froh sein, dass ich nicht verheiratet oder verpartnert bin. Dazu eine kleine, illustrierende Anekdote. Ein Mann, 80 Jahre alt, feierte letztes Jahr goldene Hochzeit, (oder war das schon vor zwei Jahren?) lebt immer noch mit seiner nicht wesentlich jüngeren, aber sehr aktiven Frau zusammen. Ehe eben. Neulich traf sie ihn morgens, nach dem Frühstück, vor dem Fernseher an. 
"Was? Du siehst fern? Um diese Zeit? Es gibt so viel zu tun und Du sagst immer Dir fehle die Zeit! Jetzt kannst Du aber fernsehen?" sagte sie. Genau genommen waren das ja keine Fragen, sondern Feststellungen. Drohungen. Bösartigkeiten. Ehe eben.
Er sah noch einige Minuten fern, ging dann aber an das was "so viel zu tun" war. 
Ist das lustig? Wirft das ein positives Licht auf die Frau? Spricht das überhaupt für die Ehe? Wo ist die ersehnte, erhoffte, erträumte "totale Freiheit"?!
Ich habe mich neulich kurz mit dem Mann unterhalten. Er wirkte resigniert und verbraucht. Andere finden das auch, aber sie bedauern dafür die Frau, die so einen Klotz am Bein hat. Dabei spürt man, wenn man ihm zuhört, dass etwas in ihm braust und rauscht wie ein gewaltiger Strom ... auf dessen Quelle leider eine Kröte hockt.
Ich liege gern um halb Zehn im Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und lasse die Antworten im Wind treiben. Wäre das in einer "Beziehung" möglich? Nicht strukturierte Zeit? Sich treiben lassen im Nichts?
In letzter Zeit träume ich viel von Wassern aller Art, und Wasser bedeutet ja in Träumen "Das Leben" schlechthin. In einem dieser Träume bestand selbst das Land aus Wasser. Land unter, quasi, aber da war das Wissen in mir, dem Träumenden, dass das so richtig und nie anders war. Ich interpretiere das so, dass das Land der Körper ist, den das Leben umspült. Ist wahrscheinlich gar nicht soooo falsch. Allerdings war dieser unendlich große See von höchst merkwürdigen Lebewesen belebt. Manche schienen lebendige Pflanzen zu sein in deren Innerem, (in ihrer Seele?) sich ein Tier befand, das aber seine Gestalt mit der der Pflanze teilte. Es gab große und kleine lebendige Formen, sie waren neugierig und gleichzeitig abweisend, suchten Kontakt und bedrohten mich dabei. Als ich mich in tieferem Wasser befand sah ich mächtige Fischgestalten, die sich in beängstigender Nähe vorbei wälzten. Aber ich wurde nicht angegriffen. Auch nicht von dem Krokodil, das in grellstem Leuchtfarbengrün, mit weißem Schuppenmuster, aus dem ansonsten einheitlich dunklen Olivebraungrün der anderen Lebendigen auftauchte und sein Maul aufriss, in dem blendend weiße Zähne standen. ...
Es war ganz schön unheimlich. Das Leben eben.






Wie viel Zeit bleibt mir noch? Zeit mit Freiraum, ohne Fragen, ohne Erklärungen, ohne Kritik! Glückliche Zeit! Zeit der Teilnahme am Leben in "totaler Freiheit"? 
Demnächst läuft eine Sendung im Fernsehen über alte Menschen und wie man "mit ihnen umgehen" soll. Schon die Bilder der Vorschau verursachen mir Gänsehaut! Da wird massiert, gesportelt, gelacht, das volle Programm "aktiver" alter Menschen. ... 
Ich liebe die Stille und den Rückzug in "meine" Einsamkeit. Bin ich deshalb asozial und egoistisch? Und ich mag die uneingeschränkte Verwirklichung meiner Pläne, keine Ratschläge, keine Eingriffe, kein Verkleinern des Großen das mir vorschwebt, wie klein das auch immer sein mag. ... Ich habe so viele Jahre darauf gewartet. Jetzt habe ich das "radikale" Alter erreicht. Es gibt keinen Weg zurück.

Nachdem ich endlich meine Hände hinter dem Kopf weggenommen habe, aufgestanden bin, mich nackt gewogen habe, 74,1 kg, das ist ok, gehe ich, nackt, in die Küche und mache Kaffee. Die Kaffeemaschine ist über 30 Jahre alt und funktioniert noch immer  tadellos. Allerdings gibt es schon längst keine Filtertüten für dieses Modell mehr, zumindest nicht in den Läden in denen ich einkaufe, wahrscheinlich weil man mit diesem Automat "nur" 3-4 Tassen Kaffee machen kann und das war irgendwann nicht gesellschaftsfähig. "Single" galt als Schimpfwort. Aber die Maschine arbeitet noch immer einwandfrei, ich falte und schneide ähnliche Filtertüten auf das gewünschte Format, und ich liebe das Gluckern und Blubbern, wenn das kochende Wasser in dem kleinen Rohr hoch steigt und das Wasser in den Filterbehälter fließt und irgendwann danach dann der Kaffee, dunkel und duftend, in die Glaskanne tröpfelt und rinnt. Alter ist Reflektion, das hält jung.




























Nach dem Kaffeetrinken hatte ich frei. Am Vortag habe ich Bettwäsche gewaschen, inklusive die Steppdecke. Sie war allerdings mit Daunen gefüllt. Die neue Waschmaschine hat das Waschen zwar mühelos geschafft, der alten wäre das auch gelungen, aber sie hatte wirklich das Alter der totalen Freiheit überschritten und wäre nicht einmal auf einer Intensivstation wieder funktionsfähig geworden, und die Daunen ballten sich zu übel riechenden Klumpen in einer Ecke des Tuches zusammen. Ich entsorgte sie, zu einem erstaunlich kleinen Paket gepresst, so klein, dass sie in eine normale Supermarkt-Plastiktüte passte, in die Hausmülltonne. Bei Shakespeare wäre hier eine längere Ansprache an ein Deckbett, das einen Körper von 180cm Länge und manchmal 88kg schwer, jahrelang rundum gewärmt hatte, fällig gewesen. Ich sagte kein Wort außer: "Mein Gott, das stinkt."
Wer die Freiheit hat über seine Zeit zu verfügen, darf spontan sein. Ich entschied mich so gegen Mittag spontan für einen Ausflug nach Waldenbuch. Im Internet recherchierte ich die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln und um 12:07 saß ich im ersten Omnibus, der mich zum ersten Umsteigepunkt brachte. Alles klappte Fahrplanmäßig! Ich war erstaunt!! Nachdem auch die beiden anderen Umsteigetermine erreicht wurden, hörte ich auf zu staunen und war nach 57 Minuten tatsächlich in Waldenbuch im Schönbuch.

Auf den Fildern




























Der Schönbuch am Horizont




























Waldenbuch im Schönbuch

Na ja, Waldenbuch, Ort meiner Kindheit ... das ist ein ganz anderes Kapitel ... aber ich habe viel nachgedacht. Über die Enge der Zeit.
In einem netten Café habe ich eine Tasse Kaffee getrunken. Die Wirtin, oder wie auch immer man heute dazu sagt, (Betreiberin?) schenkte mir den Kaffee in eine große Tasse, als ich ihr meinen Tremor erklärte und der Zwetschgenkuchen mit Streusel war vorzüglich! Und das Motto der Bäckerei passte genau in meinen Tag.






















Dienstag, 12. August 2014

Schreie in der Nacht

Zugegeben, die "Aussicht" vom Krankenzimmer ist nicht gerade geeignet die Stimmung zu heben, sollte diese sich im Keller befinden. Aber soooo trübselig ist mein seelisches Befinden am Abend gar nicht. Der Augeninnendruck im operierten Auge ist stabil im "gesunden" Bereich, also kein Grund für Depression. Und ehrlich gesagt ist es mir nur langweilig. Lesen oder fernsehen auf dem iPad geht nur begrenzt, dann muss ich die Augen schließen, weil ein leichtes Brennen aufkommt. So zieht sich also der Abend in die Länge. Als die Nachtschwester fragt ob ich "etwas zum Schlafen" brauche, sage ich nein. Zwei mal habe ich mir eine Schlaftablette geben lassen und auch gut geschlafen, aber heute Nacht schnarcht ja niemand außer mir, denke ich, da habe ich Schlafhilfsmittel nicht nötig. Schließlich möchte ich ja nicht süchtig werden. Das ist ein Scherz. Schließlich bitte ich aber doch um "etwas zum Einschlafen" und sie gibt  mir eine Baldrianpille. Um 22 Uhr mache ich das Licht aus und schlafe bis 2 Uhr.
Dann weckt mich ein Schrei. Dass mich der Schrei weckt, kann ich nicht beschwören. Kann sein, dass es ein leichter Harndrang ist. Andererseits ist der nicht so, dass ich sofort aufstehen und die Toilette aufsuchen muss. Auf jeden Fall höre ich dann den Schrei. 
Um 2 Uhr nachts ist die Stille beinahe spürbar. Sie steht wie ein schützender Block im Raum, getragen vom Grundsummen einer Großstadt vor den schalldichten Fenstern und dem steten Betriebsgeräusch des Krankenhauses. Die Fenster sind allerdings gekippt wegen der Hitze am Tag. Und der Schrei kommt von draußen. Der verzweifelt klagende Schrei eines Kindes, hoch und anhaltend. Dann Stille. Dann der nächste Schrei. Jetzt bin ich hellwach. Und dann erinnere ich mich an eine andere Nacht, in der ich so schrie.
Es war 1944. Wir wohnten in Waldenbuch, aus Stuttgart wegen der Bombenangriffe evakuiert. Waldenbuch war ruhig, man hörte nachts nur die Flugzeuge beim Überfliegen. Erst vor kurzem wurde ich mit der Mutter und den älteren Schwestern "wiedervereinigt", man hatte mich, so lange die Familie noch in Stuttgart lebte, bei einer Tante in Schwenningen "in Sicherheit gebracht. Aber Schwenningen wurde dann auch angegriffen und so ... Auf jeden Fall war ich für die jüngere meiner Schwestern und deren gleichaltrige Freundin Gudrun ein willkommenes "Spielzeug". Ich diente als Puppenersatz. Und dann kam den beiden eine wunderbare Idee.


Autos waren sowieso eine Rarität, Autofahren also ein begehrtes, aber unerreichbares Abenteuer. Es sei denn, man wird so schwer krank, dass man per Ambulanz nach Tübingen ins Krankenhaus gebracht werden muss. Und selbstverständlich braucht der Kranke Begleitung, jemand aus der Familie, der Händchen hält ... Es gelang den Mädchen, wie auch immer, auf jeden Fall köderten sie mich mit der Aussicht auf eine Autofahrt, mir beizubringen, wie man glaubhaft eine akute Blinddarmentzündung simuliert. Der Überlieferung zufolge war unser Vater, kurz vor meiner Geburt an Magenkrebs verstorben, ein begnadeter Laienschauspieler. Das Gen zeigte Wirkung. Meine Vorstellung eines akut an Blinddarmentzündung erkrankten Kindes geriet so überzeugend, dass ich per Ambulanz, mit jaulender Sirene und Blaulicht, nach Tübingen gefahren wurde. Die Mutter begleitete mich. Meine Schwester und ihre Freundin waren zutiefst enttäuscht.
Es ist klar, dass mir die Tragweite meiner Beteiligung an dieser Komödie nicht bewusst war und so geriet sie schnell zum Drama. Ich wurde in die Kinderabteilung aufgenommen, die Mutter fuhr nach hause und ... ich schrie! Ich schrie wie nur Kinder schreien können, hoch und lang, mit kurzen Pausen zum Luft holen. Wenn Verzweiflung eine akustische Entsprechung hat, dann ist es der Schrei eines Kindes in höchster Angst.
Solche Schreie hörte ich in dieser Nacht!
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Mein Schreien steckte die anderen Kinder an. Es gelang der überforderten Krankenschwester nicht mich zu beruhigen. Frustriert schloss sie mich kurzerhand in der stockdunklen Wäschekammer ein. 
Ich leide an Klaustrophobie und ich denke, ich weiß warum.
Am nächsten Abend holte mich unsere Mutter wieder ab. Wir fuhren mit dem klapprigen Autobus. Meine Schwester und Gudrun durften wieder nicht mitfahren. Ab sofort war ihnen das Spielen mit mir nicht mehr erlaubt.

Ich liege auf dem Krankenhausbett und lausche. Da kommt er wieder. Der Schrei ist keine akustische Täuschung. Hoch und lang: Der Schrei lähmt mich. Ich kann nicht verstehen, warum man ein Kind in einem Krankenhaus so schreien lässt und mit einem unguten Gefühl denke ich daran, wie man mich damals "beruhigte". Dann versuche ich den Schrei zu orten. Er dringt nicht aus dem Gebäude in dem ich mich befinde. Er kommt von draußen. Immer und immer wieder. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Es lässt sich nicht öffnen, nur kippen. Da ist er wieder: hoch und lang ... und dann wird er tiefer, wird  zum Brüllen. 
Da schreit kein Kind, sondern ein Mann! Ich hörte bisher nur die hohen Frequenzen. 
Ist es möglich, denke ich, dass man einen Menschen solche Qualen erdulden lässt, dass er so schreit?In diesen Zeiten medizinischer Wunder?
Dann denke ich an die Nacht in der mir die Polizei telefonisch mitteilte, dass meine Schwester, die so gerne Auto fahren wollte, sich das Leben genommen hat und im Leichenschauhaus liegt. Das war in Indianapolis, USA. Es regnete in Strömen. Ich ging, tränenüberströmt, zum World War Memorial, ein gigantisches Bauwerk auf einem riesigen Platz, und schrie und schrie. Niemand hörte mich. Sie war 28 Jahre jung. So blieb sie mir in Erinnerung. Erst vor wenigen Nächten sah ich sie im Traum. Wir hatten Streit, ich schrie sie an, dass sie mich unsäglich enttäuscht habe und schleuderte ein triefend nasses Putztuch in ihr junges Gesicht und schlagartig war sie alt und hatte schneeweißes Haar. Sie sah mich nur an und ich weinte ...
So geschrien habe ich dann nur noch einmal, vor noch nicht all zu langer Zeit. Ich sah mein Leben, meine Zukunft in sich zusammenfallen, sich auflösen. Ich konnte nicht mehr schlafen und eines nachts stand ich auf, zog mich an und ging in den Wald. Ich ging tief hinein, weit weg von jeder Behausung. Und dann schrie ich, nein, ich brüllte wie ein Tier bis mir nur noch ein tiefes Keuchen möglich war. Es half mir zu überleben. ...
Ich legte mich wieder auf das Bett, in der Hoffnung, dass die Schreie aufhören, dass jemand dem Schreienden helfen würde, und wartete gleichzeitig auf den nächsten. Schließlich stand ich auf und schloss die Fenster. 
Mein Schlaf war danach aber eher nur ein unruhiges Schlummern und ungeduldiges Wachliegen und schließlich stand ich auf, zog mich an und fuhr hinunter ins Erdgeschoss. Es war, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. Die Schreie hatten aufgehört. Schrie da überhaupt jemand? 
Ich trat auf die Straße und fotografierte den anbrechenden Tag. 



Um 10 Uhr war ich entlassen und fuhr mit dem Bus nach hause. Am 3. September wird das linke Auge operiert. Man sieht sich.