Freitag, 22. August 2014

"Die Antwort kennt ganz allein der Wind ..."


Die deutsche Übersetzung des Song-Titels "The answer is blowing in the wind" ist unrichtig. Die Antworten werden "im Wind umhergeblasen", er `kennt´ sie genau so wenig wie wir. Wahrscheinlich weil er keine Fragen stellt. Aber, sei's drum, es gibt nie nur eine Antwort auf eine Frage, sondern so viele wie Diejenigen sind, die eine Antwort suchen. 
Wie kam mir das Lied plötzlich in den Sinn, während ich heute Morgen zwischen Traum und Wachen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, auf den "Aufstehen" Impuls wartete? Ich habe keine Ahnung. Die Antwort hat der Wind auch mitgenommen.
Während ich also so da lag wurde mir bewusst, wie sehr ich diese Zeit vor dem Aufstehen genieße. Viel Zeit. Zeit für mich, ohne Zwang, ohne Verpflichtung. Zeit die mich "in Ruhe" lässt. Dabei war es schon halb Zehn! 
"Ein Leben totaler Freiheit", wie Dietmar Schönherr es sich als alter Mensch wünschte, und das erst `im Alter´ möglich wird. Sich nicht mehr unterordnen, die eigene Meinung sagen dürfen ohne vor den Konsequenzen Angst haben zu müssen. Das Leben so leben, wie man es sich immer vorgestellt hat.
"Alt, alt zu sein, was heißt das? Es heißt dass man nicht mehr im Fußball mitspielt, aber es heißt auch, dass man gewisse Freiheit hat, also man kann sich erlauben eine gewisse Arroganz ... alt zu sein, das ist ja ein bisschen Abbauen ..." sagt der dänische Maler Per Kirkeby in einem Portrait-Film des BR, in Bezug auf seine Malerei, und fügt hinzu, dass man sich, weil die Karriere, das Erreichte hinter einem liegt, eine: "... gewisse Rücksichtslosigkeit erlauben kann. Und das ist eine große Freiheit."




























Freiheit also. 
Das ist ein Wunsch des Alters. 
Wirklich? 
Also nicht etwa: Unterbringung im Pflegeheim? Betreutes Wohnen? Animation? Struktur? Ständige Überwachung? Zweifel an der geistigen Zurechnungsfähigkeit?
Gegen Ende des Films stellt die Interviewerin dem Künstler Markus Lüpertz eine quasi-Frage: "Kirkeby sagte,  das Alter ... mm ... das Älterwerden, macht ihn radikaler?" 
Und der Künstler antwortet, nach kurzem Überlegen: "Mm ... er ist eben ein intelligenter Mann."
Diese Antwort kennt also nicht allein der Wind, aber sie wirft natürlich wieder tausend Fragen auf.
Eine ist: Wie ist mein "Alter"?
Eine Antwort ist: Ich kann froh sein, dass ich nicht verheiratet oder verpartnert bin. Dazu eine kleine, illustrierende Anekdote. Ein Mann, 80 Jahre alt, feierte letztes Jahr goldene Hochzeit, (oder war das schon vor zwei Jahren?) lebt immer noch mit seiner nicht wesentlich jüngeren, aber sehr aktiven Frau zusammen. Ehe eben. Neulich traf sie ihn morgens, nach dem Frühstück, vor dem Fernseher an. 
"Was? Du siehst fern? Um diese Zeit? Es gibt so viel zu tun und Du sagst immer Dir fehle die Zeit! Jetzt kannst Du aber fernsehen?" sagte sie. Genau genommen waren das ja keine Fragen, sondern Feststellungen. Drohungen. Bösartigkeiten. Ehe eben.
Er sah noch einige Minuten fern, ging dann aber an das was "so viel zu tun" war. 
Ist das lustig? Wirft das ein positives Licht auf die Frau? Spricht das überhaupt für die Ehe? Wo ist die ersehnte, erhoffte, erträumte "totale Freiheit"?!
Ich habe mich neulich kurz mit dem Mann unterhalten. Er wirkte resigniert und verbraucht. Andere finden das auch, aber sie bedauern dafür die Frau, die so einen Klotz am Bein hat. Dabei spürt man, wenn man ihm zuhört, dass etwas in ihm braust und rauscht wie ein gewaltiger Strom ... auf dessen Quelle leider eine Kröte hockt.
Ich liege gern um halb Zehn im Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und lasse die Antworten im Wind treiben. Wäre das in einer "Beziehung" möglich? Nicht strukturierte Zeit? Sich treiben lassen im Nichts?
In letzter Zeit träume ich viel von Wassern aller Art, und Wasser bedeutet ja in Träumen "Das Leben" schlechthin. In einem dieser Träume bestand selbst das Land aus Wasser. Land unter, quasi, aber da war das Wissen in mir, dem Träumenden, dass das so richtig und nie anders war. Ich interpretiere das so, dass das Land der Körper ist, den das Leben umspült. Ist wahrscheinlich gar nicht soooo falsch. Allerdings war dieser unendlich große See von höchst merkwürdigen Lebewesen belebt. Manche schienen lebendige Pflanzen zu sein in deren Innerem, (in ihrer Seele?) sich ein Tier befand, das aber seine Gestalt mit der der Pflanze teilte. Es gab große und kleine lebendige Formen, sie waren neugierig und gleichzeitig abweisend, suchten Kontakt und bedrohten mich dabei. Als ich mich in tieferem Wasser befand sah ich mächtige Fischgestalten, die sich in beängstigender Nähe vorbei wälzten. Aber ich wurde nicht angegriffen. Auch nicht von dem Krokodil, das in grellstem Leuchtfarbengrün, mit weißem Schuppenmuster, aus dem ansonsten einheitlich dunklen Olivebraungrün der anderen Lebendigen auftauchte und sein Maul aufriss, in dem blendend weiße Zähne standen. ...
Es war ganz schön unheimlich. Das Leben eben.






Wie viel Zeit bleibt mir noch? Zeit mit Freiraum, ohne Fragen, ohne Erklärungen, ohne Kritik! Glückliche Zeit! Zeit der Teilnahme am Leben in "totaler Freiheit"? 
Demnächst läuft eine Sendung im Fernsehen über alte Menschen und wie man "mit ihnen umgehen" soll. Schon die Bilder der Vorschau verursachen mir Gänsehaut! Da wird massiert, gesportelt, gelacht, das volle Programm "aktiver" alter Menschen. ... 
Ich liebe die Stille und den Rückzug in "meine" Einsamkeit. Bin ich deshalb asozial und egoistisch? Und ich mag die uneingeschränkte Verwirklichung meiner Pläne, keine Ratschläge, keine Eingriffe, kein Verkleinern des Großen das mir vorschwebt, wie klein das auch immer sein mag. ... Ich habe so viele Jahre darauf gewartet. Jetzt habe ich das "radikale" Alter erreicht. Es gibt keinen Weg zurück.

Nachdem ich endlich meine Hände hinter dem Kopf weggenommen habe, aufgestanden bin, mich nackt gewogen habe, 74,1 kg, das ist ok, gehe ich, nackt, in die Küche und mache Kaffee. Die Kaffeemaschine ist über 30 Jahre alt und funktioniert noch immer  tadellos. Allerdings gibt es schon längst keine Filtertüten für dieses Modell mehr, zumindest nicht in den Läden in denen ich einkaufe, wahrscheinlich weil man mit diesem Automat "nur" 3-4 Tassen Kaffee machen kann und das war irgendwann nicht gesellschaftsfähig. "Single" galt als Schimpfwort. Aber die Maschine arbeitet noch immer einwandfrei, ich falte und schneide ähnliche Filtertüten auf das gewünschte Format, und ich liebe das Gluckern und Blubbern, wenn das kochende Wasser in dem kleinen Rohr hoch steigt und das Wasser in den Filterbehälter fließt und irgendwann danach dann der Kaffee, dunkel und duftend, in die Glaskanne tröpfelt und rinnt. Alter ist Reflektion, das hält jung.




























Nach dem Kaffeetrinken hatte ich frei. Am Vortag habe ich Bettwäsche gewaschen, inklusive die Steppdecke. Sie war allerdings mit Daunen gefüllt. Die neue Waschmaschine hat das Waschen zwar mühelos geschafft, der alten wäre das auch gelungen, aber sie hatte wirklich das Alter der totalen Freiheit überschritten und wäre nicht einmal auf einer Intensivstation wieder funktionsfähig geworden, und die Daunen ballten sich zu übel riechenden Klumpen in einer Ecke des Tuches zusammen. Ich entsorgte sie, zu einem erstaunlich kleinen Paket gepresst, so klein, dass sie in eine normale Supermarkt-Plastiktüte passte, in die Hausmülltonne. Bei Shakespeare wäre hier eine längere Ansprache an ein Deckbett, das einen Körper von 180cm Länge und manchmal 88kg schwer, jahrelang rundum gewärmt hatte, fällig gewesen. Ich sagte kein Wort außer: "Mein Gott, das stinkt."
Wer die Freiheit hat über seine Zeit zu verfügen, darf spontan sein. Ich entschied mich so gegen Mittag spontan für einen Ausflug nach Waldenbuch. Im Internet recherchierte ich die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln und um 12:07 saß ich im ersten Omnibus, der mich zum ersten Umsteigepunkt brachte. Alles klappte Fahrplanmäßig! Ich war erstaunt!! Nachdem auch die beiden anderen Umsteigetermine erreicht wurden, hörte ich auf zu staunen und war nach 57 Minuten tatsächlich in Waldenbuch im Schönbuch.

Auf den Fildern




























Der Schönbuch am Horizont




























Waldenbuch im Schönbuch

Na ja, Waldenbuch, Ort meiner Kindheit ... das ist ein ganz anderes Kapitel ... aber ich habe viel nachgedacht. Über die Enge der Zeit.
In einem netten Café habe ich eine Tasse Kaffee getrunken. Die Wirtin, oder wie auch immer man heute dazu sagt, (Betreiberin?) schenkte mir den Kaffee in eine große Tasse, als ich ihr meinen Tremor erklärte und der Zwetschgenkuchen mit Streusel war vorzüglich! Und das Motto der Bäckerei passte genau in meinen Tag.






















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