Zugegeben, die "Aussicht" vom Krankenzimmer ist nicht gerade geeignet die Stimmung zu heben, sollte diese sich im Keller befinden. Aber soooo trübselig ist mein seelisches Befinden am Abend gar nicht. Der Augeninnendruck im operierten Auge ist stabil im "gesunden" Bereich, also kein Grund für Depression. Und ehrlich gesagt ist es mir nur langweilig. Lesen oder fernsehen auf dem iPad geht nur begrenzt, dann muss ich die Augen schließen, weil ein leichtes Brennen aufkommt. So zieht sich also der Abend in die Länge. Als die Nachtschwester fragt ob ich "etwas zum Schlafen" brauche, sage ich nein. Zwei mal habe ich mir eine Schlaftablette geben lassen und auch gut geschlafen, aber heute Nacht schnarcht ja niemand außer mir, denke ich, da habe ich Schlafhilfsmittel nicht nötig. Schließlich möchte ich ja nicht süchtig werden. Das ist ein Scherz. Schließlich bitte ich aber doch um "etwas zum Einschlafen" und sie gibt mir eine Baldrianpille. Um 22 Uhr mache ich das Licht aus und schlafe bis 2 Uhr.
Dann weckt mich ein Schrei. Dass mich der Schrei weckt, kann ich nicht beschwören. Kann sein, dass es ein leichter Harndrang ist. Andererseits ist der nicht so, dass ich sofort aufstehen und die Toilette aufsuchen muss. Auf jeden Fall höre ich dann den Schrei.
Um 2 Uhr nachts ist die Stille beinahe spürbar. Sie steht wie ein schützender Block im Raum, getragen vom Grundsummen einer Großstadt vor den schalldichten Fenstern und dem steten Betriebsgeräusch des Krankenhauses. Die Fenster sind allerdings gekippt wegen der Hitze am Tag. Und der Schrei kommt von draußen. Der verzweifelt klagende Schrei eines Kindes, hoch und anhaltend. Dann Stille. Dann der nächste Schrei. Jetzt bin ich hellwach. Und dann erinnere ich mich an eine andere Nacht, in der ich so schrie.
Es war 1944. Wir wohnten in Waldenbuch, aus Stuttgart wegen der Bombenangriffe evakuiert. Waldenbuch war ruhig, man hörte nachts nur die Flugzeuge beim Überfliegen. Erst vor kurzem wurde ich mit der Mutter und den älteren Schwestern "wiedervereinigt", man hatte mich, so lange die Familie noch in Stuttgart lebte, bei einer Tante in Schwenningen "in Sicherheit gebracht. Aber Schwenningen wurde dann auch angegriffen und so ... Auf jeden Fall war ich für die jüngere meiner Schwestern und deren gleichaltrige Freundin Gudrun ein willkommenes "Spielzeug". Ich diente als Puppenersatz. Und dann kam den beiden eine wunderbare Idee.
Autos waren sowieso eine Rarität, Autofahren also ein begehrtes, aber unerreichbares Abenteuer. Es sei denn, man wird so schwer krank, dass man per Ambulanz nach Tübingen ins Krankenhaus gebracht werden muss. Und selbstverständlich braucht der Kranke Begleitung, jemand aus der Familie, der Händchen hält ... Es gelang den Mädchen, wie auch immer, auf jeden Fall köderten sie mich mit der Aussicht auf eine Autofahrt, mir beizubringen, wie man glaubhaft eine akute Blinddarmentzündung simuliert. Der Überlieferung zufolge war unser Vater, kurz vor meiner Geburt an Magenkrebs verstorben, ein begnadeter Laienschauspieler. Das Gen zeigte Wirkung. Meine Vorstellung eines akut an Blinddarmentzündung erkrankten Kindes geriet so überzeugend, dass ich per Ambulanz, mit jaulender Sirene und Blaulicht, nach Tübingen gefahren wurde. Die Mutter begleitete mich. Meine Schwester und ihre Freundin waren zutiefst enttäuscht.
Es ist klar, dass mir die Tragweite meiner Beteiligung an dieser Komödie nicht bewusst war und so geriet sie schnell zum Drama. Ich wurde in die Kinderabteilung aufgenommen, die Mutter fuhr nach hause und ... ich schrie! Ich schrie wie nur Kinder schreien können, hoch und lang, mit kurzen Pausen zum Luft holen. Wenn Verzweiflung eine akustische Entsprechung hat, dann ist es der Schrei eines Kindes in höchster Angst.
Solche Schreie hörte ich in dieser Nacht!
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Mein Schreien steckte die anderen Kinder an. Es gelang der überforderten Krankenschwester nicht mich zu beruhigen. Frustriert schloss sie mich kurzerhand in der stockdunklen Wäschekammer ein.
Ich leide an Klaustrophobie und ich denke, ich weiß warum.
Am nächsten Abend holte mich unsere Mutter wieder ab. Wir fuhren mit dem klapprigen Autobus. Meine Schwester und Gudrun durften wieder nicht mitfahren. Ab sofort war ihnen das Spielen mit mir nicht mehr erlaubt.
Ich liege auf dem Krankenhausbett und lausche. Da kommt er wieder. Der Schrei ist keine akustische Täuschung. Hoch und lang: Der Schrei lähmt mich. Ich kann nicht verstehen, warum man ein Kind in einem Krankenhaus so schreien lässt und mit einem unguten Gefühl denke ich daran, wie man mich damals "beruhigte". Dann versuche ich den Schrei zu orten. Er dringt nicht aus dem Gebäude in dem ich mich befinde. Er kommt von draußen. Immer und immer wieder. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Es lässt sich nicht öffnen, nur kippen. Da ist er wieder: hoch und lang ... und dann wird er tiefer, wird zum Brüllen.
Da schreit kein Kind, sondern ein Mann! Ich hörte bisher nur die hohen Frequenzen.
Ist es möglich, denke ich, dass man einen Menschen solche Qualen erdulden lässt, dass er so schreit?In diesen Zeiten medizinischer Wunder?
Dann denke ich an die Nacht in der mir die Polizei telefonisch mitteilte, dass meine Schwester, die so gerne Auto fahren wollte, sich das Leben genommen hat und im Leichenschauhaus liegt. Das war in Indianapolis, USA. Es regnete in Strömen. Ich ging, tränenüberströmt, zum World War Memorial, ein gigantisches Bauwerk auf einem riesigen Platz, und schrie und schrie. Niemand hörte mich. Sie war 28 Jahre jung. So blieb sie mir in Erinnerung. Erst vor wenigen Nächten sah ich sie im Traum. Wir hatten Streit, ich schrie sie an, dass sie mich unsäglich enttäuscht habe und schleuderte ein triefend nasses Putztuch in ihr junges Gesicht und schlagartig war sie alt und hatte schneeweißes Haar. Sie sah mich nur an und ich weinte ...
So geschrien habe ich dann nur noch einmal, vor noch nicht all zu langer Zeit. Ich sah mein Leben, meine Zukunft in sich zusammenfallen, sich auflösen. Ich konnte nicht mehr schlafen und eines nachts stand ich auf, zog mich an und ging in den Wald. Ich ging tief hinein, weit weg von jeder Behausung. Und dann schrie ich, nein, ich brüllte wie ein Tier bis mir nur noch ein tiefes Keuchen möglich war. Es half mir zu überleben. ...
Ich legte mich wieder auf das Bett, in der Hoffnung, dass die Schreie aufhören, dass jemand dem Schreienden helfen würde, und wartete gleichzeitig auf den nächsten. Schließlich stand ich auf und schloss die Fenster.
Mein Schlaf war danach aber eher nur ein unruhiges Schlummern und ungeduldiges Wachliegen und schließlich stand ich auf, zog mich an und fuhr hinunter ins Erdgeschoss. Es war, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt. Die Schreie hatten aufgehört. Schrie da überhaupt jemand?
Ich trat auf die Straße und fotografierte den anbrechenden Tag.
Um 10 Uhr war ich entlassen und fuhr mit dem Bus nach hause. Am 3. September wird das linke Auge operiert. Man sieht sich.


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