Posts mit dem Label Hauptbahnhof werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hauptbahnhof werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 28. Mai 2015

Der Mann im Rollstuhl war wieder da!

Eigentlich halte ich immer Ausschau nach ihm, wenn ich in der Großen Schalterhalle bin. Einerseits hoffe ich ihn zu sehen, andererseits macht es mich sehr traurig, ja, es "bricht mir das Herz", wenn er tatsächlich da ist. Ich sitze dann wie auf Kohlen, weil ich am liebsten aufspringen und die Leute durchschütteln möchte, die sich interesselos, gelangweilt oder angeekelt von ihm abwenden!

Da hat ein obdachloser Alkoholiker, der zum Schein auf Krücken daherhumpelt, es gibt sie, mehr Chancen "Mitleid" zu erwecken und einen Euro zu bekommen, als dieses menschliche Wrack, das sich mühsam mit winzigen Fußbewegungen vorwärtsbewegt. Seine Arme und Hände sind beinahe völlig gelähmt, auf keinen Fall kann er damit den Rollstuhl anschieben. Trotzdem will er es alleine schaffen, Hilfe in dieser Richtung lehnt er meistens sehr entschieden ab. Ich habe das ja schon in zwei Kapiteln beschrieben.
Diesmal sah ich mit Freude, dass er inzwischen beide Füße bewegt um vorwärts zu kommen. Es sind kleine "Schritte", aber für ihn wichtiger als die Mondlandung. Es wäre ein gigantischer Schritt für die Menschheit, wenn sie diesem, im wahrsten Sinn des Wortes, "gebrochenen" Mann mit zumindest etwas Respekt, wenn schon nicht mit Hilfsbereitschaft begegnen würde.




























Ich nahm mir die Zeit den Zeitungsausschnitt wieder zu lesen, in dem die Tragik seines Unfalls und sein bisheriger "Leidensweg" beschrieben ist, nicht weil ich den Inhalt nicht kenne, sondern um ihm mein Interesse an seiner Geschichte zu zeigen. Es reicht nicht, ihm einfach Geld zuzustecken um ihn schnell wieder los zu werden, denke ich, sondern ihm die Beachtung zu schenken, die ein Mensch, der ein schweres Schicksal erleidet, verdient. Ich gab ihm 10 Euro. Er hob mühsam den Kopf um Blickkontakt herzustellen und der Speicheltropfen, den ich kenne, fiel aus seinem Mundwinkel als er sich bedankte. Ich reichte ihm die Hand und er erwiderte den Händedruck leicht, als ich ihm "weiterhin Alles Gute" wünschte. Ich glaube er sah für einen kurzen Moment glücklich aus. Ob er sich an mich erinnert? fragte ich mich. Jetzt sind wir uns drei Mal begegnet. War es das dann?
Ich sah ihm nach so lange ich ihn im Gesichtsfeld hatte. Niemand nahm den Zettel aus seiner Hand um ihn zu lesen. Niemand gab ihm etwas. Manche standen auf und gingen weg als er seinen Rollstuhl neben ihnen zum Stehen brachte. Möge das Leben euch sein Schicksal ersparen!








































































Freitag, 24. April 2015

Zufällige Begegnung ...


Ob es den Zufall als solchen überhaupt gibt ist schon lange eine Frage die ich mir immer wieder stelle. Zu einem Ergebnis, das man als endgültig bezeichnen kann, bin ich noch nicht gekommen, auch nicht nach Beobachten der "Kugelmaschine", die ich im Kapitel Begegnungen beschrieben habe. In dieser treffen eine rote und eine blaue Kugel immer wieder aufeinander, obwohl sie mit 500 anderen Kugeln ein ständiges Mischen und Sortieren durchlaufen. Ein faszinierendes Experiment.
Langsam tendiere ich dazu zu glauben, dass Chaos der Vater des Zufalls ist, und Schicksal seine Mutter. Nicht berechenbar ... Es sei denn man manipuliert ihn. Wie ich darauf komme?
Heute am Spätnachmittag besuchte ich, wie zur Zeit jeden Tag, im Park die Nilgänse am See im Mittleren Schlossgarten. (Über sie werde ich einen gesonderten Bericht schreiben.) Danach setzte ich mich in der Großen Schalterhalle des Hauptbahnhofs an meinen Lieblingsplatz und trank Apfelschorle, die ich aus, im Lokal gekauftem, Apfelsaft und Sprudel selber mischte. Leider hat der Platz ja viel von seiner Attraktivität verloren, seit die Gleise nicht mehr an der Halle enden, sondern 100 Meter weiter draußen. Vorher sah das so aus:



Man sah Züge ein- und ausfahren, Reisende ankommen und gehen, sich umarmend und küssend, und nervös bei diversen Gepäckstücken Wartende, bis die Mitreisende Person endlich von der Toilette im Restaurant in meinem Rücken kam. Heute blicke ich  auf eine weiße Wand, an der die Bahn versucht gute Laune für die Unannehmlichkeiten der langen Wege zum Zug zu suggerieren.

Während ich da saß und an Alles und Nichts dachte, wobei mir auffiel, dass ein völlig unauffälliger Mann drei Mal an mir vorüber ging und ich wieder daran denken musste, dass man angeblich jedem Menschen mindestens zwei- wenn nicht sogar dreimal im Leben begegnet. Dieser Passant hatte innerhalb einer halben Stunde bewiesen, dass dem so ist.
Der Mann der von rechts angelaufen kam, groß, schlank, dunkelhaarig, gutaussehend, fiel mir nur auf, eben weil er groß, schlank, dunkelhaarig und gutaussehend war. Und weil er rannte.
Dann winkte er und rief ziemlich laut: "Erinnerscht Du Dich noch an mich?!"
Jetzt sah ich auch den kleinen, 
Es war mein Tyrol/Spanischer Freund aus dem Schlemmer-Grill, der seinen in München bei der farbigen Mutter lebenden Sohn abholte, wie jeden Freitag, den ich längst wieder vergessen hatte! 
Kaum erkannt waren sie auch schon in Richtung S-Bahn verschwunden.
Am Sonntag Abend setzt er ihn wieder in den Zug nach München. So hatte er es mir geschildert.
Da kam mir der Gedanke, dass ich lediglich jeden Freitag Abend zur selben Zeit hier, und jeden Sonntag Abend zur selben Zeit im Schlemmer-Grill sitzen muss, um eine Art "Und-ewig-grüßt-das-Murmeltier-Effekt" zu erzielen.
Dem Zufall ein Schnippchen schlagen! Ob der sich das gefallen lässt?
Ich bin gespannt!

Donnerstag, 16. April 2015

Hegel zu lesen ist schwer - Nichts für Ungut!



Eigentlich wäre ich nie auf die Idee gekommen Hegel zu lesen, obwohl er Stuttgarter war und manche ihn als den größten "Sohn" der Stadt bezeichnen, wäre da nicht dieses Zitat am Stuttgarter Hauptbahnhof. Mir war es noch nie aufgefallen und wäre es wahrscheinlich auch weiterhin nicht, hätte sich seinetwegen nicht eine heftige Diskussion über einen meiner Bildbeiträge auf Facebook entwickelt. Allerdings hat mein Foto nichts mit dem Zitat zu tun.


Erst in den Kommentaren, in denen ich darauf Aufmerksam machte, dass in dem zukünftigen, unterirdischen "Haltepunkt" die Neigung der Gleisanlage nicht den Vorschriften entsprechen würde, wurde ich bezichtigt Blödsinn zu schreiben und dass das nirgendwo belegt sei. Es gipfelte dann darin, dass oben genanntes Zitat wohl auf mich und alle Gegner des Projekts "Stuttgart 21" gemünzt sei. Dass man das durchaus auch gegenteilig beurteilen kann, beweist folgender Beitrag, den ich zufällig beim Googeln entdeckte.


Dass meine Behauptung nicht aus der Luft gegriffen ist, ließ sich unschwer beweisen.































Schließlich konzentrierte sich die Kontroverse nur noch auf das Hegelzitat, mit dem ich ja nichts am Hut hatte und auch fürderhin nicht habe. Aber, gründlich wie ich bin, wollte ich wissen, in welchem Zusammenhang es steht und schlug nach bei Hegel.










Ich verstand, ehrlich gesagt, nur "Bahnhof", oder vielmehr das nicht einmal. Mir kam es wie eine aufgeblähte Sprechblase in einem Comic vor, die im nächsten Augenblick platzen wird. Das Werk heißt Phänomenologie des Geistes und ist, wie oben gesagt, nicht leicht zu lesen und schwer zu verstehen, wenn man, wie ich, nur acht Jahre "Nachkriegs Volksschule" als Bildungshintergrund hat.
Ein bisschen weiter gegoogelt fand ich dann zwei Zitate von A. Schopenhauer, die mich ein wenig trösteten. So respektlos hätte ich meine Meinung nie zu sagen gewagt ...

Dienstag, 17. März 2015

Bullenalarm - mehr oder weniger


Ich gehe nie den selben Weg zum Bahnhof. Irgendwo mache ich einen Schlenker, Straßen um das zu tun gibt es genug. Das kommt daher, dass ich keine Gewohnheiten, Zeremonien oder Rituale mag. Es ist Zeitverschwendung etwas zu wiederholen. Die Wiederholung reizt weder die Fantasie, noch verlängert sie das Leben. Ganz im Gegenteil: In der Zukunft liegt am Horizont nicht der Hintergrund. Aber genug Einleitung.
Auf meinen verschiedenen Wegen in die und durch die Stuttgarter Innenstadt, ist mir aufgefallen, wie viele Geschäfte schließen. Kleine, zum Beispiel ein Tabakladen, der auch alten Whiskey verkaufte; Mittelständische, deren Angebot nicht mehr gefragt ist; oder auch größere Modehäuser, die jetzt nicht mehr "modern" sind. Es heißt, sie würden vom Internet aus dem Markt gedrängt und wer den Absprung nicht geschafft habe, hätte jetzt das Nachsehen. Selber Schuld, sagt man. Ich habe noch nie etwas im Internet gekauft, das ich "draußen" bekommen konnte, aber ich war auch noch nie zu faul, um danach zu suchen! Aber wer es sich schon mit seinen Argumenten so leicht macht, dem kann man lange Wege nicht zumuten. Tante Emma Laden? Was ist das denn? Um die Ecke einkaufen! Alder, Du läufst nicht ...
Apropos laufen, ich gehe also immer zu Fuß zum Hbf. Heute habe ich dieses Bild geknipst, nur zur Illustration des vorher gesagten.





























Ich will nicht behaupten, dass ich dort oft und bewusst eingekauft habe, also mir sagend: "Du gehst jetzt ins Karstadt", so wie ich mir sage: "Du gehst jetzt zu Peek&Cloppenburg, weil Du dort eine Kundenkarte hast ..." Ich schweife ab.
Endlich lag mein Ziel vor mir. Meine Gralsburg, mein Montsalvat, genannt:





























Man darf das jetzt nicht zu wörtlich nehmen, manche Leute haben überhaupt keinen Humor, aber ich war am Opernhaus der Staatstheater vorbei gegangen und dabei schoss mir wohl Lohengrin durch den Kopf ... obwohl, das hätte doch der Tell sein müssen? ... Wie dem auch sei: ich war da.
Und drinnen war niemand außer meine Lieblingsthekenfrau. Nicht einmal der Schatzisager und niemand an den Spielautomaten.





























Man kennt solche Szenen aus Horrorfilmen. Da ist nix los, außer unheimlicher Musik. Aber nicht einmal die gab es hier. Frau ***** ( der Name ist dem Autor bekannt) hatte das Miniradio auf Minilautstärke gedrosselt.
"Nix los heute." eröffnete ich die Konversation, nach der üblichen Begrüßung.
"Gottseidank!" sagte sie, und das Ausrufezeichen ist berechtigt.
"Wie geht es Ihnen denn heute?" Also das ist eine Frage, die man eigentlich nie jemand stellen sollte, außer man ist Arzt und an der Antwort beruflich ernsthaft interessiert. Entweder man bekommt ein belangloses: "Danke, ganz gut." zur Antwort, oder eine Krankengeschichte, mit der wirklich nur Ärzte etwas anfangen können. Ich bekam die Krankengeschichte.
Als wir an dem Punkt angekommen waren, an dem sie die Schuhe auszog, um mir die deformierten Zehen zu zeigen, die "wahrscheinlich" für ihr Rückenproblem verantwortlich sind, ging die Tür auf und dahinter stolperte ein Mann in den Raum.
"Rufet nicht die Bullen." lallte er.
Frau ***** zog ihren Schuh an und fragte: "Warum sollte ich die Bullen anrufen?"
Ich war auf die Antwort gespannt. Aber es kam keine. Der neue Gast hatte sich am Tresen quasi stabilisiert und starrte glasigen Auges in das was er wohl die Runde hielt, aber einfach vor sich hin war.
"Warum rufen Sie die Bullen?" fragte er und es lag etwas aufmüpfiges in seiner Stimme.
"Ich rufe niemand." sagte Frau *****
Das musste der Gast erst einmal verdauen. Dabei sah er aus, als würde er das Verdaute auch gleich von sich geben. Er begnügte sich aber damit, leicht vor und zurück zu schwanken und mehrmals zu rülpsen.
"Ich hab seit drei Tagen nicht geschlafen und muss etwas essen. Geben Sie mir ihr Tagesmenü." Das liest sich hier so leicht und locker, kam aber eher wie ein Buchstabenbrei aus seinem Mund. Den Inhalt habe ich mir zusammengereimt.
Frau ***** war da schon geschulter im Interpretieren. Sie sagte: "Wir haben kein Tagesessen."
Das traf ihn hart. "Dann rufen Sie doch die Bullen!" schrie er.
Ich wich zurück.
"Warum soll ich die Bullen rufen?" fragte Frau *****.
"Ihr ruft doch immer die Bullen." meinte er.
"Also was wollen Sie?" Jetzt wurde sie geschäftlich. "Wir haben Fleischkäse, Kassler und Bratwürste. Und ich denke mal, dass Sie nichts mehr zu trinken brauchen."
Mit der Vielfalt des Angebots und dem Sinn des letzten Teils ihrer Äußerung war er sichtlich überfordert. Er richtete sein Augenmerk auf mich.
"Ich schieße nicht auf Menschen." sagte er.
Ich überflog seine Kleidung, konnte aber keine Beulen darin entdecken, die eine Schusswaffe sein können hätten.
"Ich habe Flugzeuge bewacht als Soldat ... was haben Sie gemacht?" Er musterte mich zum ersten Mal mit Vorsatz und registrierte wohl mein offensichtliches Alter.
"Ich war vor Stalingrad." log ich.
"Man sieht's." meinte er.
Ich hätte ja empört sein dürfen, war es aber nicht. Läuft doch ganz gut dachte ich. Sein Interesse an mir war erschöpft.
"Ruft ihr jetzt die Bullen!" schrie er.
"Ich kann die Bullen gar nicht rufen." sagte Frau ***** und fügte, eigentlich nur für mich, hinzu: "Das Telefon ist kaput."
`Na prima.´ dachte ich.
"Wollen Sie jetzt etwas essen, oder wollen Sie gehen?" fragte Frau ... na ja, ihr wisst schon wer.
Die Verhandlungen über das was er konsumieren wollte zogen sich hin, aber schließlich zog er sich mit einem Leberkäsweckle und einem Hefeweizen an die andere Theke zurück.
"Der Leberkäs ischt jo kalt!" meldete er sich sofort wieder.
Dann wurde es wirklich grotesk. Er fing an zu weinen, aber nur kurz, wie wenn ein Martinshorn nur einmal aufjault.
"Wann ruft ihr denn die Bullen!" wollte er wissen und schlug mit geballten Fäusten wirklich gewalttätig auf sich selber ein.
`Da bekommt er sicher blaue Flecken´, dachte ich.
Frau ***** sah mich an, ich sah sie an und wir zuckten synchron die Schultern.
Was soll man da machen? Das Telefon funktioniert nicht, niemand besitzt ein Handy.
In die Halle rennen und: "Hilfe! Hilfe! Polizei!" schreien? Da kann man ja eine Panik auslösen, bei der es eventuell hunderte Tote gibt!
... Na ja, die Bahnhofshalle war fast leer ...
Und der Mann biss in sein kaltes Leberkäsweckle und suckelte an seinem Bier, das sicher schon warm war.



Immer wenn man bei Horror-Filmen denkt: `So, das war's.´ reckt plötzlich das Obermonster sein scheußliches Haupt und speit Tod und Verderben über die bis dahin Überlebenden. (Es überleben meistens nur zwei, ein Mann und eine Frau ...)
"Ich schieße nicht auf Menschen!" schrie der Mann, er war bedrohlich auf mich zugewankt, und zermalmtes Leberkäsweckle spritzte von seinen Lippen. "Was muss ich zahlen?" fragte er in ganz normalem Tonfall.
"Ist alles bezahlt." sagte Frau *****, was der Wahrheit entsprach.
"Warum ruft ihr dann die Bullen?!" schrie er.
Das hier habe ich wirklich erlebt, nur extremer als ich es wiedergeben kann! Es war schlimmer als Kafka!
Im Nachhinein denke ich, dass er in Haft genommen werden wollte.
Wohin er den wolle, habe ich ihn gefragt.
"Nach Karlsruhe." war die Antwort.
`Wer will schon nach Karlsruhe?´ dachte ich.
Es dauerte noch eine Weile, bis ich ihn davon überzeugen konnte, dass er es im Warteraum nebenan bequemer haben würde und ihn unaufdringlich dorthin bugsierte. Er blieb eine Weile sitzen und tigerte dann noch endlos draußen durch mein Gesichtsfeld, aber in den "Schlemmer" kam er nicht mehr.
Frau ***** bedankte sich für meine Unterstützung in der Krise und freute sich auf ihre bevorstehenden drei freie Tage.
Ich fuhr mit der U-Bahn nach hause.
Vor mir gingen zwei rauchende junge Männer. Sie unterhielten sich über eine Frau. Schließlich blieben sie ratlos stehen, sahen sich um und einer sagte, der Kleinere: "Wowowowohnt sie denn?"
Sie wird schon wissen, warum ihr das nicht wisst, dachte ich. Danach war ich bald zuhause.









Sonntag, 19. Oktober 2014

Geschichten die das Leben schreibt


Genau genommen fängt diese am 18. Oktober 1938 an, eine Art Rückblende, als ich als Sohn des Lokomotivführers Jakob Lang in Stuttgart zur Welt kam. Wobei ich finde, dass die Formulierung: "zur Welt kommen", etwas unangemessen mystisches beinhaltet, das dem Begriff: "geboren werden" abgeht, obwohl es den selben Vorgang meint. Das nur so nebenbei, als Denkanstoß.
Gestern war der 18. Oktober 2014, mein 76ster Geburtstag. Gestern streikten die Lokomotivführer wieder für gerechtere Arbeit und höheren Lohn. Ich gehe darauf nicht näher ein, weil es in dieser Geschichte in keiner Weise darum geht. Na ja, vielleicht perifär, also am Rande, weil der Bahnhof dadurch sehr überschaulich war. ...
Rückblende Nr. 2. Bedingt durch meine derzeitige (vorübergehende?) Sehschwäche und der damit einhergehenden Lichtüberempfindlichkeit, gehe ich immer erst nach Sonnenuntergang aus dem Haus. Gestern wurde es allerdings noch einiges später, so ca. Viertel vor Acht, da war es dann quasi schon Nacht, zu spät um in den Wald zu gehen, oder über holperige Weinbergwege. Also ging ich zum Hauptbahnhof, eben weil es mein Geburtstag und mein Vater Lokomotivführer war und weil die Lokomotivführer derzeit streiken ... So eine Art Gedächtnispilgerschaft. Die Stadt war wie immer am Samstag Abend. Die meisten Leute befanden sich auf dem Heimweg, Stuttgarter Nachtleben eben, das endet wenn es dunkel wird.
Jetzt steige ich da wieder in die Geschichte ein, wo der Hauptbahnhof sehr überschaulich, sprich menschenleer war. (Allerdings beobachtete ich dabei eine junge Frau die verzweifelt telefonierte, dann nervös wartete, schließlich überglüüücklich einem Mann an die Brust sank, der ihr dann zeigte wo es zur Zeit, wegen Stuttgart 21 Bauarbeiten stark behindert, zu den Bahnsteigen geht, wo sie eigentlich auf ihn warten sollte. Ich habe ein paar Fotos gemacht ...)




Nach diesem netten Erlebnis war ich bereit nach Hause zu fahren und begab mich (begibt man sich heutzutage noch?) in Richtung UBahn zum Nordausgang. Wie es der Zufall so will (wobei ich denke, dass, wäre es von ihm gewollt, es kein Zufall wäre; aber das auch nur so zum Nachdenken) sagte eine Frau in dem Moment als ich vorbei ging zu ihrem Mann: "Aber das hier ist nicht der Nordausgang."


Nun muss man wissen, dass ich ein Gegner von Stuttgart 21 bin und Monatelang am täglichen "Schwabenstreich" um 19 Uhr eben hier am Nordausgang teilnahm. (Auf YouTube kann man Filme von mir zum Thema Demonstrationen gegen 



unter Holtzloeffelz finden.) Wie ich auf diesen Nickname kam ist eine eigene Geschichte. Meine nette Nachbarin schnitzte einmal hobbymäßig Löffel aus Olivenholz und schenkte mir einen solchen just  (ist just  noch zeitgemäß?) zu dem Zeitpunkt an dem ich mir ein Konto bei You Tube erstellte. Wählen Sie einen Nickname stand da. Ich gab Holzloeffel ein, ganz normal buchstabiert, nur eben ohne Umlaut, aber der Name war schon vergeben. So kam es, dass ich einfach so lange Buchstaben hinzufügte, Bis ich grünes Licht bekam.
Auf jeden Fall ist es nicht verwunderlich, dass ich ganz automatisch, so en passant, in Richtung des Ehepaares sagte: "Das ist der Nordausgang."
"Wirklich?" fragte die Frau, woraufhin ich mich angesprochen fühlte.
"Hundertprozentig." versicherte ich ihr.
"Wissen sie auch wo der Friedrichsbau ist?" schaltete sich der Mann ein, der mit einer offenen Broschüre in seiner Hand wedelte.
"Ja klar. Der Friedrichsbau ist da hinten in der ..." hob ich an. (Oder `hub ich´? Der Schwabe würde ja `hebte ich´ sagen.)
"Nein! Eben nicht!" Die Frau war hörbar erregt. "Da ist er nicht mehr!"
Das fand ich etwas seltsam, weil ich erst vor ein paar Tagen, als ich den Termin in der Klinik vereinbart hatte, durch den herbstlich stimmungsvollen Hoppenlau Friedhof gegangen war

und dann über den Platz vor dem Friedrichsbau, wo ich einige Aufnahmen von dem Denkerkopf machte, der mich immer wieder fasziniert.

Also wenn der Bau weg ist, dann bin ich endgültig in einer Parallel-Welt oder der Twilight Zone gelandet, dachte ich. (Die Sache mit dem Mann im Rollstuhl finde ich immer noch grenzwertig.)
"Man hat denen gekündigt!" erklärte mir die Frau, was mich auch nicht direkt klüger machte. 
Um meine Konfusion noch zu mehren, fügte der Mann hinzu: "Die sind jetzt am Hauptbahnhof 3."
Das Paar war so um die 60, gut gekleidet und roch nicht nach Alkohol. Vorsicht Kamera? Verstehen Sie Spass? Unwahrscheinlich.
"Aber was soll das überhaupt sein, Am Hauptbahnhof 3? Wir sind doch hier am Hauptbahnhof. Da gibt es aber kein drei." Der Mann wedelte weiterhin mit der Broschüre in die Nacht hinaus und drehte sich immer wieder um die eigene Achse. Er war frustriert. Seine Frau unterstützte seinen Frust indem sie immer wieder bekräftigte: "Die wurden gekündigt, schon vor längerer Zeit."
"Sie meinen das Kabarett?" (frug?) fragte ich. 
Kafka lässt grüssen! (Er stand neben mir und ich fragte: "Ist das logisch?" Er antwortete: "Logisch ist was logisch scheint." Ich war bedient. Er ging.)

Der Unverbesserliche (Verfasser unbekannt, um 1900)

Man fragte mich: "Heißt's fragte oder frug?"
Ich sagte drauf: "Ich wähle immer fragte,
Da man ja auch statt sagte nicht spräch' sug,
Was schlecht dem Ohr und Sprachgebrauch behagte."

Der andre sprach: "Ich werde draus nicht klug,
Man sagt doch auch nicht schlagte oder tragte?"
Ich sprach: "Ausnahmen sind nur schlug und trug;
Doch tug, rug, zug und wug noch keiner wagte.

Nun wird der Zweifel, der bisher sie nagte,
und plagte - nicht etwa nug und plug -
Behoben sein, ob richtig frug, ob fragte?"

Der andre sprach: "Sie haben recht", und schlug
Sich an die Stirn, als ob ihm Licht nun tagte.
"Verzeihen Sie, dass ich so töricht frug."

Langsam klärte sich der Sachverhalt, wenn auch nur mit Zuhilfenahme schwäbischer Logik! Dem Friedrichsbau Varieté war die Spielstätte im Friedrichsbau gekündigt worden, warum auch immer, und spielte nun, immer noch als "Friedrichsbau Varieté", in der SpardaBank auf der Bühne der SpardaWelt und diese befindet sich Am Hauptbahnhof 3, eine der neuen Straßen die in dem boomenden Geschäftsviertel hinter der LB-Bank entstanden sind. Ich habe mich dort vor längerer Zeit einmal umgesehen und eine Diaschau darüber gemacht.


Inzwischen war die Frau bereit zu resignieren. Es sei doch sowieso schon zu spät, die Show habe doch längst angefangen. 
"Aber nein", widersprach der Mann, "es gibt doch eine zweite Show und die fängt in einer halben Stunde an. Wenn wir nur wüssten wo das ist."
Ich klappte mein iPad Mini auf, das ich an einem Lederrieme um den Hals gehängt trage (eigenes Patent!) SpardaBank Stuttgart gegoogelt und Bingo, alles da, inklusive Lageplan. Genau dort wo ich es vermutet hatte.

Aber wie dort hin kommen? Luftlinienmäßig waren es ungefähr 500 Meter, (wenn man ein paar Loopings fliegt). Nur liegt dazwischen die Großbaustelle von Stuttgart 21. Ich zeigte auf das Gebäude der LB Bank, das wie ein Riegel quer vor dem neuen Viertel liegt, und versuchte zu erklären, wie man dort hingelangen kann.
"Das finden wir ja doch nicht." verkündete die Frau und auch der Mann äußerte Bedenken in diese Richtung.
"Also, kommen sie, ich zeig's ihnen."
Ehrlich gesagt ist es wirklich waghalsig bei Nacht um die Baustelle herum den Weg zu finden. Die Beleuchtung ist miserabel und der Belag nicht unbedingt gleichmäßig. Trotzdem kamen wir schließlich an der kleinen Straße an, die früher, vor wie vielen Jahrzehnten!, zum Güterbahnhof führte, auf dessen Gelände nun die Neubauten aus dem Boden schießen wie Giftpilze. 
"Warum wollen Sie denn überhaupt da hin? Gibt es etwas Besonderes?" frage ich.
Es stellt sich heraus, dass es die "stuttgartnacht 2014" ist, die sie in die Stadt gelockt hat. Zu über 70 Spielstätten im stuttgarter Stadtbereich hat man kostenlosen Zutritt. Sie waren schon bei einer Ballett Vorstellung und haben eine Live-Übertragung aus der Oper gesehen ... Woher sie denn angereist sind frage ich und denke, die kommen sicher aus Hamburg. Schwäbeln tun sie nicht.
"Aus Magstadt." sagt er.
Na ja, das sind immerhin 26,5 km auf der B464 ...
Und da ragte sie auf, die SpardaBank. Noch eine kleine Treppe hoch ... Halt, die ist oben ja versperrt mit einem Baugitter ... Ich drehe mich um, um dem Ehepaar die schlechte Nachricht zu verkünden und sehe, dass uns inzwischen mindestens ein Dutzend Menschen folgen, alle mit einem ein bisschen gehetzten Blick in den Augen. Was soll's, denke ich, wenn man die Treppe nicht benutzen darf, dann muss sie auch unten abgesperrt werden. Außerdem hat das Gitter eine Rolle und man kann es ohne Mühe öffnen. Dahinter liegt dann sowieso kein Hindernis, nur die Straße Am Hauptbahnhof, die überquert werden muss. Kein Verkehr, also kein Problem.
"Ja, aber wo ist der Eingang?" fragt die Frau und die nachdrängende Menge murmelt ähnliches. Ich gehe weiter, auf gut Glück, und die Frau sagt zu den Folgenden: "Kommen sie mit, wir haben einen guten Führer, der kennt sich hier aus."
Hat die Frau da eben ein böses, böses Wort benutzt?!
Zum Glück hatte ich den richtigen Riecher und man sieht den Eingang vor dem schon andere Gäste stehen und rauchen.
"Vielen Dank!" ruft das Ehepaar und winkt.
"Hoffentlich finden Sie nachher ihren Weg zurück zum Auto!" rufe ich und mache mich davon in die stuttgarter Nacht. So etwas wie mit dem Mann im Rollstuhl soll mir nicht noch einmal passieren!

Der Weg zur U-Bahn Haltestelle am Planetarium ist Nachts nicht zu empfehlen, auch wenn es erst 21:45 Uhr ist!

Ein P.S.: Übrigens, das Paar frug mich nicht, warum ich Nachts eine Sonnenbrille tragte.


***

Montag, 27. Januar 2014

Blickkontakt

Es gibt Dinge, Augenblicke, die man sich vorstellt und von denen man auch wünscht, dass sie wenigstens einmal eintreffen würden. Fantasien der kleinen Sehnsucht. Nichts Spektakuläres, wie die brennenden Wünsche der Pubertät, in denen noch Zauberer und Feen eingreifen sollten, um den drögen Alltag mit einem einzigen Antippen der Zeit mit dem Zauberstab, die Welt verwandeln zu lassen in ein Wunschparadies. Ich bekenne mich zu solchen Fantasien, so wie ich mich zu Peter Pan bekannt habe. Ohne sie hätte ich diese schwere, mit Leere überfüllte Zeit nicht überlebt. Aber das ist vorbei. Nur andere Träume haben den Platz eingenommen, bescheidene, kleine Begehren, deren Ausbleiben nichts verändert, genau so wenig wie ihr Eintreffen das tut. Heute habe ich mich an einem solchen Ereignis erfreuen dürfen. Es war übersüß wie Karamel und ich empfinde den bitteren Wermutgeschmack, der jetzt irgendwo am Gaumen der Seele haftet, als recht angenehm.











Ich habe ja schon mehrmals mein Training im Kieser Studio erwähnt und gehe davon aus, dass ich hier nicht näher auf dieses eingehen muss. Irgendwann werde ich wieder ein Kapital darauf verwenden.
Nach dem Training gehe ich fast immer durch die Stuttgarter Innenstadt zum Bahnhof, um dort etwas zu essen, zu trinken, oder einfach nur zu entspannen. Mein Weg führt mich meistens durch die belebte Königstraße. Na gut, am Sonntagmorgen ist sie eher wenig belebt.


Seltener durch die Karlspassage, eigentlich eine öffentliche Straße, aber zu einem Indoor Kauf- und Erlebnisraum umfunktioniert. Siehe unten.





























Und dann über den etwas abseits gelegenen Karlsplatz, mit dem Denkmal, das an den Krieg von 1870/71 erinnern soll. Man kann den googeln, wenn man sich dafür interessiert. "Die Grünen" meinten ja vor etlichen Jahren, man solle dieses "Schandmal" abtragen und sich nicht mehr an diesen Krieg erinnern, weil den die Deutschen doch gewonnen haben und das die Franzosen sicher kränkt, wenn man sie daran erinnert. Es wurde nicht eingeebnet und außerdem gibt es in Frankreich noch einige Denkmale, die an diesen Krieg erinnern und die gepflegt werden. Von Deutschen übrigens, wenn man das glauben darf …?

Von dort ist es dann nicht mehr weit bis zu dem "Oberen Schlossgarten", den Grünanlagen mitten in der Stadt. Zwangsläufig komme ich da am Stuttgarter Opernhaus vorbei, das ich leider nur noch selten besuche. Die Eintrittspreise lassen das auch gar nicht zu! Demnächst werde ich allerdings den "Peter Pan" besuchen …

Von dort sind es dann nur noch ein paar Schritte zum Hauptbahnhof, den ich an anderen Tagen über den Schlossplatz und die Königstraße erreiche.


















































































Hier ein Blick vom Bahnhofsturm auf die Strecke die ich zurückgelegt habe. Meine Wohnung liegt weit da hinten, wo das dunkle Grün in den Talkessel fließt, oder so ähnlich. Allerdings nicht inmitten von Grün, eher umgeben von Grau. In der Stadt eben. Von meiner Wohnung zum Hauptbahnhof sind es ungefähr 35 Gehminuten. Von Kieser zum Bahnhof ca. 15. Ist ja auch Wurscht.
Apropos Wurst. Im Bahnhof habe ich mehrere Möglichkeiten, meine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen … sprich: zu Essen und zu Trinken! Wenn ich noch nichts gegessen habe, entscheide ich mich meistens für GOSCH und die unwiederstehlichen Angebote an Fisch und anderem Seafood. Also für die gebratenen Nudeln mit Shrimps oder Krebsfleisch würde ich vielleicht morden! Es sei denn, man bietet mir die Thai-Nudeln …


Entschuldigung. Jetzt habe ich mich so in eine Hungerextase geschrieben, dass ich erst einmal etwas essen muss, ehe ich wieder auf mein Thema zurück komme.
Keine Angst, ich habe es nicht aus dem Auge verloren. Schließlich geht es ja um Blickkontakt.
Bis später!

Und weiter gehts. Ich bin also im Hauptbahnhof ...















Manchmal setze ich mich einfach an ein Tischchen in der großen Halle und beobachte das Kommen und Gehen. Leider wird dieses Vergnügen wegfallen, wenn Stuttgart 21 (ich bin strikt dagegen!!!) erst einmal realisiert ist. Aber ich denke, dass ich in 10 oder noch mehr Jahren andere Sorgen haben werde, als dem Verlust des Stuttgarter Hauptbahnhofs nachzutrauern.


Hier ist Selbstbedienung angesagt und wenn man sich nichts an der Theke holt, kann man ungestört stundenlang sitzen bleiben. Meistens esse ich da aber eine der gigantischen!!!!! Butterbrezeln und trinke eine Apfelsaftschorle. Schließlich möchte ich ja nicht, dass die Tischchen eines Tages verschwinden, weil die Leute nichts konsumieren, sondern nur Abfall hinterlassen, den sie aus einem anderen Bereich mitgebracht haben!

Am liebsten setze ich mich aber in das Cafè unter den Arkaden, wie es früher hieß. Jetzt gehört es zu der italienischen Kette Segafredo … und gibt sich betont international!


Na ja, zugegeben, sehr "gemütlich" ist es nicht, aber man kann die Taxifahrer beobachten,  die hinter der schwarzen Trennwand auf die Toilette verschwinden … Oder einfach vor einer, nach einer Weile leeren, Kaffeetasse sitzen und Löcher in die Luft starren während die Gedanken ihre Windmühlenflügel kreisen lassen.
So wie gestern Nachmittag. (Die Schreibpause hat etwas länger gedauert.)
Bei Kieser war Hochbetrieb, ich hatte die falsche Stunde erwischt, und ich war jetzt einfach zu faul etwas zu essen. (Schließlich habe ich ja immer Joghurt und Knäckebrot zu Hause. Verhungern kann ich nicht.)
Also saß ich vor meiner Kaffeetasse und blickte ins Leere. Zumindest dachte ich, dass ich ins Leere blicke, bis dieser Mann mit Zylinder sich über meinen Tisch beugte und höflich fragte, ob der Platz mir gegenüber noch frei sei?

Er war frei. Ich sagte das dem jungen Mann, dessen "Kostümierung" mir zwar ein bisschen exotisch vor kam, aber ich hielt ihn einfach für einen Handwerksgesellen "auf der Walz", also auf Wanderschaft und dabei auf der Suche nach Arbeit. Wie ein Zimmermann sah er allerdings nicht aus. …
"Entschuldigen Sie, es ist ja sonst nicht meine Art fremde Menschen anzusprechen, aber Sie haben mich so lange intensiv angesehen, dass ich mir diese Freiheit jetzt einfach nehme." Sein Deutsch war auf literarischem Niveau! Ein Wanderpoet?
Ich hatte ihn angesehen? In keiner Weise! Durch ihn hindurch vielleicht, aber mir war ja gar nicht bewusst, dass da jemand in meinem Blickfeld saß. Anscheinend war das aber doch schon länger der Fall gewesen, wie ich, dem zu drei Vierteln leeren Bierglas nach zu schließen, das er vor sich auf den Tisch stellte, annahm. …

Es tut mir leid, aber ich  muss hier wieder unterbrechen. Heute ist Dienstag, Saunatag und den möchhte ich nicht ausfallen lassen, obwohl Werner Kieser ja der Meinung ist, dass Sauna dem Muskelaufbau eher schadet als nützt. Was solls, ich geh trotzdem!

Endlich "Blickkontakt".
"Und nachdem Sie mich sogar fotografiert haben, nehme ich an, dass Ihr Interesse an mir etwas weiter geht als einen flüchtigen Blickkontakt?" sagte er und: "Gestatten Sie, dass ich an Ihrem Tisch Platz nehme?"
Höflicher geht nun ja wirklich nicht. Ich machte eine einladende Handbewegung und sagte: "Bitte." Dass ich ihn fotografiert hatte fiel mir jetzt wieder ein. Aber das war schon kurz nachdem ich mich hinsetzte. Und dass ich ihn fotografiert habe, liegt daran, dass ich immer ein Foto mache, wenn ich in diesem Cafè bin. Eine Art Tagebuch in Bildern. 






























Was ich damit anfangen will ist mir zwar nicht klar, aber es ist interessant. Normalerweise frage ich ja, ob ich sie fotografieren darf, wenn Menschen im Bild sind, aber dieser junge Mann war so tief in Gedanken versunken, dass ich ihn nicht stören wollte.
"Es macht Ihnen doch hoffentlich nichts aus, dass ich ein Bild von Ihnen gemacht habe?" fragte ich ihn höflichkeitshalber. "Ich kann es auch gleich wieder löschen …"
"Nein, nicht nötig. Ich bin mir meiner erotischen Ausstrahlung durchaus bewusst und weiß, dass mich nicht nur Frauen anziehend finden." Er lächelte anzüglich und hob eine Augenbraue in komplizenhafter Geste.
`Donnerwetter! Ein Naturerotiker!´ dachte ich. `Oder ein Bekloppter!´
"Sie sind doch homosexuell?" fragte er unschuldig, wie man jemand nach der Zeit fragt. "Wissen Sie, ich hasse das Wort schwul. Es ist diskriminierend, ein Etikett das man jemand anheftet um ihn dementsprechend identifizieren zu können, wie den >Rosa Winkel< oder den >Davidstern<. Sie verstehen was ich meine?"
Ich sehe mich unauffällig um. Nach einem Fluchtweg? Heimlichen Lauschern an den Nebentischen? Einer versteckten Kamera? Nach Kafka? Nichts in Sicht. Das Lokal ist beinahe leer, bis auf die paar Taxifahrer, die an der Theke schnell einen Espresso hinunterkippen. Niemand beachtet uns. Ich räuspere mich. Irgendetwas muss ich sagen, denke ich.
Aber das ist nicht nötig, er ist voll in Fahrt und nicht zu bremsen.
"Selbstverständlich habe ich sexuelle Erfahrungen mit Männern, obwohl ich doch mehr Freude am weiblichen Geschlecht habe. Frauen sind fröhlicher beim Sex und weniger fordernd. Trotzdem muss ich zugeben, dass der Gedanke mit Ihnen zu schlafen mich sehr erregt."
Na und mich erst! Ich meine, er sieht ja nicht schlecht aus. ... Wenn er nur nicht so viel und so geschwollen daherreden würde!
"Es ist nämlich so: Ich hatte noch nie Sex mit einem alten Mann. … "
Ja. Das wars. Von da ab habe ich nicht mehr zugehört, obwohl mir die Beschreibung, wie er sich die Berührung mit runzeliger Haut vorstellt, durchaus im Gedächtnis haftet! Dass er mir dabei eine Hand auf den Oberschenkel legte, empfand ich zwar trotzdem als erotisch, aber so ganz im Allgemeinen hat es mich, um es neudeutsch zu formulieren, offgeturned!
Was dann passierte war so absurd, dass ich dachte, das glaubt Dir niemand.
Von der Tür her rief eine Frauenstimme: "Ach do bischt Du?! I wart seid a`ra halba Schtond do drussa en dr Kälde ond frier mir da Arsch ab ond Du saufsch do henna oi Halbe nach dr andera!"
("Ach da bist Du?! Ich warte seit einer halben Stunde da draußen in der Kälte auf Dich und hole mir eine Blasenentzündung, während Du Dir hier ein Bier nach dem anderen genehmigst!")
Der junge Mann nimmt seine Hand von meinem Oberschenkel, nicht ohne vorher noch einmal fest zugedrückt zu haben, tippt im Aufstehen an den Zylinder und ist im nächsten Augenblick, mit seiner Begleiterin zur Tür hinaus.
"Hey hey!" ruft der schwarzgelockte (Dauerwelle?) echt italienische Kellner: "Nix bezahlen?!"
"Der Herr übernimmt das!" ruft mein Verehrer  und ist endgültig weg.
Es war nur eine Halbe. Ich habe sie bezahlt.
Und dann erinnerte ich mich, dass ich vor beinahe 50 Jahren, an beinahe der gleichen Stelle, nur eine Tür weiter in der Weinstube, die heute nicht mehr existiert, in beinahe der selben Situation war. Auch damals setzte sich ein gutaussehender Herr, älter als ich, zu mir an den Tisch. Kurz zuvor hatte er sich von einer Frau mit vielen Küsschen und Händchen drücken und nochmal Küsschen verabschiedet. Sie musste zum Zug.
Ich hatte das, so ganz nebenbei beobachtet.
Deshalb kam er an meinen Tisch. Ohne zu fragen, ob ich das wissen wolle, erzählte er mir, welch tolle Erfolge er bei Frauen habe. Sein Redefluss war nicht zu stoppen. Wie einsam muss dieser Mensch sein, dachte ich, dass er sich Fremden so anvertraut.
Aus diesem Gedanken des Mitgefühls heraus sagte ich schließlich, als er Luft holen musste: "Sie tun mir leid."
Das fasste er als eine tiefe Beleidigung auf.
Er nannte mich einen "alten Nazi".
Dabei war er, altersmäßig, doch eher dafür geeignet.
Wutentbrannt stürmte er davon.
"Der hat noch gar nicht bezahlt." stellte die Kellnerin fest, allerdings ohne hysterisch zu werden.
Ich bezahlte.
Er hatte nur einen Kaffee getrunken, die Rechnung zuvor hat seine abreisende Begleiterin beglichen.
Aus dieser Geschichte soll ich etwas lernen, das ist mir klar. Aber was?

So. Jetzt wieder auf zum Training. Mal sehen, ob ich die alten Falten mit Muskeln glätten kann?