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Samstag, 29. Oktober 2016

Allerseelen und warum ich daran denke


Es bedarf eigentlich nicht viel, dass man auf Gedanken kommt. Das menschliche Gehirn ist da nicht anders als das anderer Tiere. Sagt man zu einem Hund: "Leckerli", dann hat man seine ganze Aufmerksamkeit. Legt man Futter auf ein Fensterbrett, dann kommen Vögel immer wieder. Und legt man mir ein Wort in den Weg, dann komme ich immer wieder darauf zurück. Diesmal hieß das Wort "Schicksalsbrunnen". Er steht zwischen der Oper und dem Schauspielhaus im Oberen Schlossgarten und wird dort regelmäßig vom Umweltstaub geschwärzt und dann wieder gereinigt. Und weil er neulich wieder einmal in schönstem Eierschalenweiß meine Aufmerksamkeit erregte, schoß ich einige Bilder von ihm und stellte sie bei Facebook ins Internet. (Ich heiße dort Ge Jot Lang, kann man googeln.)

Eine Facebook Freundin schrieb in einem Kommentar, dass der Brunnen zum Andenken an die Opernsängerin Anna Sutter geschaffen wurde. Das wusste ich nicht. Nebulös kam mir der Name in Erinnerung, weil meine Schwester ihn bei einem Besuch auf dem Pragfriedhof erwähnt hatte. Dort soll die Künstlerin beerdigt sein. Dass sie von einem verschmähten Liebhaber erschossen wurde hatte mir meine Schwester auch noch erzählt. So weit, so gut. Warum baut man für diese Sängerin so einen Brunnen, dachte ich und googelte.



































Die Geschichte "berührte mich". Okay, ich bin sentimental, was soll's. Also googelte ich Details der Tragödie und war ein bisschen entsetzt, als ich las, dass der nicht mehr geliebte Liebhaber zwei Schüsse abgab um die Frau zu töten, aber sage und schreibe fünf Schüsse brauchte um sich anschließend selbst zu töten. Er schoß sich in die Brust, nicht in den Kopf. Er war ein gutaussehender Mann ...































Wozu Liebe doch fähig ist. Um seine Geliebte heiraten zu können, ließ er seine Ehe scheiden und dann bekam er einen Korb. Sie wollte ihn nicht heiraten. So kam es zu der Tragödie.



























So weit war ich in meiner Neugierde gekommen, als ich mich fragte, ob das Grab denn wirklich noch existieren könnte. Schließlich passierte das alles 1910 und so lange werden Grabstätten für die Normalsterblichen nicht frei gehalten. Hier muss ich erwähnen, dass Anna Sutter ein bejubeltes und sehr verehrtes Ensemblemitglied der damaligen Stuttgarter Oper war. (In meiner Zeit als Opernbesucher mit Ruth-Margret Pütz zu vergleichen, denke ich.) Auf jeden Fall wurde ihr Tod sehr betrauert und auf ihrem Grab eine Gedenkfigur errichtet. Bis in die 1960er Jahre legte dort ein anonymer Bewunderer täglich Blumen nieder! Wenn man bedenkt wie weitläufig der Pragfriedhof ist, eine schon vom logistischen her bemerkenswerte Leistung!
Wie dem auch sei, ich googelte "Anna Sutter, Begräbnisstätte" und BINGO, tatsächlich noch zu besichtigen. Ich fuhr also mit der U-Bahn 12 direkt zum Haupteingang des Gottesackers im stuttgarter Norden. Der verdankt seinen Namen allerdings nicht der Stadt Prag, was ich ja immer angenommen hatte, mir aber nicht erklären konnte, sondern leitet sich von dem Eigenschaftswort "brach" ab, weil das Gelände zur Zeit der Anlage des Friedhofs ein außerhalb der Stadt liegendes Brachland war. Zumindest steht es so in Wikipedia. Mein Vater lag dort übrigens auch begraben ...
Ich fuhr also hin. Es war ein herrlicher, sonnenstrahlender, farbensprühender Oktobertag. Da ist sogar ein Friedhof eine Augenweide!




Aber, wie gesagt, recht groß. Zwar fand ich gleich hinter dem Eingang Hinweise auf die Grabmale von Eduard Mörike, Graf Ferdinand von Zeppelin und ein paar anderen stuttgarter Größen, aber keine Anna Sutter. Na ja, dachte ich, die ist so bekannt, da bedarf es keines Hinweises. Also fragte ich gleich das erste ältere Ehepaar das mir entgegenkam, ob es mir sagen könne, wo das Grab der Anna Sutter sei. "Hm," meinte der Mann, "das ist doch diese Schauspielerin." ... Eine Niete, gleich am Eingang! Eine andere ältere Frau, die eine große Grabstätte pflegte in der die letzten Toten in den 1970er Jahren bestattet wurden, sagte sehr abweisend: "Wissen Sie, ich habe erst neulich meinen Sohn, seine und meine ganze Familie verloren, da interessieren mich andere Tote nicht." Ich drückte mein Bedauern aus, fragte mich aber schon, wo all diese Leute denn begraben liegen. Ich versuchte es weiter. Niemand konnte mir sagen, wo ich die Begräbnisstätte der Anna Sutter finden kann. Vielleicht gibt es sie gar nicht mehr? dachte ich. Eine andere ältere Frau (es gibt einem schon zu denken, wie viele ältere Frauen Gräber pflegen!) riet mir schließlich, es in der Hauptverwaltung zu versuchen, dort könne man mir bestimmt helfen. Na schön. Aber die Hauptverwaltung ist im Haupteingang untergebracht und von dem war ich inzwischen weit entfernt! Vor mir ragte das Krematorium auf, reiner Jugendstil, aber Architektur interessierte mich in diesem Moment nicht.



























Also machte ich mich auf den Rückweg zum Haupteingang. Ich traf auf eine Gruppe von Friedhofsgärtnern, die sich lachend unterhielten. Allerdings auf türkisch oder arabisch. Einen Anlauf nahm ich dann doch noch bei einem Mann der eben in einen Kleintransporter einsteigen wollte. "Können Sie mir sagen wo ich das Grab der Anna Sutter finde?" Er konnte, und zwar ganz genau, obwohl ich schon wieder weit entfernt davon war, und beschrieb mir den Weg und die Lage der Gedenkstätte. Es war alles sonnenklar und trotzdem irrte ich noch eine halbe Stunde hin und her ohne es zu finden. Von einem Foto aus dem Internet wusste ich, dass es einen Jüngling darstellt, der einen Lorbeerkranz in der einen und eine Maske in der anderen Hand hält. Außerdem sah ich dort, dass er hinter einem Busch steht. Ich schaute hinter, gefühlt, einhundert Büsche und fand ihn nicht. Schließlich wollte ich aufgeben, kehrte aber noch einmal, ein letztes Mal hatte ich mir geschworen, um und BINGO! gleich neben zwei Müllbehältern fand ich endlich was ich suchte.






























































Natürlich freute ich mich, dass ich es gefunden hatte, andererseits war ich schon ein bisschen entsetzt, in welch desolatem Zustand es sich befindet. Völlig überwuchert von Unkraut und kriechendem Efeu. Hinter dem Standbild hatte jemand eine blaue Erikapflanze abgestellt, wahrscheinlich war sie der Person doch zu schade vorgekommen um sie in den Abfallcontainer gleich daneben zu werfen. Enttäuscht ging ich weg. Das ganze Drama dieser Menschen, die sich geliebt hatten und an dieser Liebe starben, kam mir verschwendet vor ...
Heute fuhr ich dann noch einmal hin und zündete in der Bronzlampe, die ganz mit Efeu zugewachsen war, ein kleines Teelicht an. Auch die blaue Topfpflanze stellte ich vorne hin.


Ein Anfang, dachte ich, morgen gehe ich wieder hin und lege eines dieser Gestecke nieder, die zur Zeit ja Saison haben. Bald ist der 2. November, Allerseelen, der Tag der "den Todten frei" ist.








































Samstag, 25. Oktober 2014

Warum sehe ich überhaupt noch fern?


"Wie schön ist doch die Musik - aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!" Dieses wunderbar zutreffende Zitat stammt aus der Oper "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss. Das Libretto ist von Stefan Zweig, einem Menschen mit jüdischem Hintergrund, also einem in der deutsch/österreichischen Kultur aufgewachsenen Mann, der plötzlich wegen seiner `jüdischen´ Herkunft dazu gezwungen wurde die Heimat zu verlassen, eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen, nach Brasilien auszuwandern, wo er sich schließlich das Leben nahm. ... Er habe jahrelang unter Depressionen gelitten. ... Ja, warum wohl ... 
Aber das ist Vergangenheit, oder? 
Auf jeden Fall ist von ihm das Libretto zu "Die schweigsame Frau" und darin heißt es, modern interpretiert:
"Wie unsäglich blöd ist doch das Fernsehprogramm - aber wie schön, wenn es vorbei ist!"

Am allerbesten erst gar nicht einschalten!!!                                   

In diesem Sinne: Gute Nacht!


Ein Einblick in die neue Serie "Doktor Klein". Übrigens kann man im deutschen Fernsehen lernen, wie Klischees mit dem Holzhammer eingebläut werden und wie 'RE-CYCLING' geht. Seht euch die Schauspieler an: aus wie vielen Serien kennt ihr sie?



Montag, 27. Januar 2014

Blickkontakt

Es gibt Dinge, Augenblicke, die man sich vorstellt und von denen man auch wünscht, dass sie wenigstens einmal eintreffen würden. Fantasien der kleinen Sehnsucht. Nichts Spektakuläres, wie die brennenden Wünsche der Pubertät, in denen noch Zauberer und Feen eingreifen sollten, um den drögen Alltag mit einem einzigen Antippen der Zeit mit dem Zauberstab, die Welt verwandeln zu lassen in ein Wunschparadies. Ich bekenne mich zu solchen Fantasien, so wie ich mich zu Peter Pan bekannt habe. Ohne sie hätte ich diese schwere, mit Leere überfüllte Zeit nicht überlebt. Aber das ist vorbei. Nur andere Träume haben den Platz eingenommen, bescheidene, kleine Begehren, deren Ausbleiben nichts verändert, genau so wenig wie ihr Eintreffen das tut. Heute habe ich mich an einem solchen Ereignis erfreuen dürfen. Es war übersüß wie Karamel und ich empfinde den bitteren Wermutgeschmack, der jetzt irgendwo am Gaumen der Seele haftet, als recht angenehm.











Ich habe ja schon mehrmals mein Training im Kieser Studio erwähnt und gehe davon aus, dass ich hier nicht näher auf dieses eingehen muss. Irgendwann werde ich wieder ein Kapital darauf verwenden.
Nach dem Training gehe ich fast immer durch die Stuttgarter Innenstadt zum Bahnhof, um dort etwas zu essen, zu trinken, oder einfach nur zu entspannen. Mein Weg führt mich meistens durch die belebte Königstraße. Na gut, am Sonntagmorgen ist sie eher wenig belebt.


Seltener durch die Karlspassage, eigentlich eine öffentliche Straße, aber zu einem Indoor Kauf- und Erlebnisraum umfunktioniert. Siehe unten.





























Und dann über den etwas abseits gelegenen Karlsplatz, mit dem Denkmal, das an den Krieg von 1870/71 erinnern soll. Man kann den googeln, wenn man sich dafür interessiert. "Die Grünen" meinten ja vor etlichen Jahren, man solle dieses "Schandmal" abtragen und sich nicht mehr an diesen Krieg erinnern, weil den die Deutschen doch gewonnen haben und das die Franzosen sicher kränkt, wenn man sie daran erinnert. Es wurde nicht eingeebnet und außerdem gibt es in Frankreich noch einige Denkmale, die an diesen Krieg erinnern und die gepflegt werden. Von Deutschen übrigens, wenn man das glauben darf …?

Von dort ist es dann nicht mehr weit bis zu dem "Oberen Schlossgarten", den Grünanlagen mitten in der Stadt. Zwangsläufig komme ich da am Stuttgarter Opernhaus vorbei, das ich leider nur noch selten besuche. Die Eintrittspreise lassen das auch gar nicht zu! Demnächst werde ich allerdings den "Peter Pan" besuchen …

Von dort sind es dann nur noch ein paar Schritte zum Hauptbahnhof, den ich an anderen Tagen über den Schlossplatz und die Königstraße erreiche.


















































































Hier ein Blick vom Bahnhofsturm auf die Strecke die ich zurückgelegt habe. Meine Wohnung liegt weit da hinten, wo das dunkle Grün in den Talkessel fließt, oder so ähnlich. Allerdings nicht inmitten von Grün, eher umgeben von Grau. In der Stadt eben. Von meiner Wohnung zum Hauptbahnhof sind es ungefähr 35 Gehminuten. Von Kieser zum Bahnhof ca. 15. Ist ja auch Wurscht.
Apropos Wurst. Im Bahnhof habe ich mehrere Möglichkeiten, meine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen … sprich: zu Essen und zu Trinken! Wenn ich noch nichts gegessen habe, entscheide ich mich meistens für GOSCH und die unwiederstehlichen Angebote an Fisch und anderem Seafood. Also für die gebratenen Nudeln mit Shrimps oder Krebsfleisch würde ich vielleicht morden! Es sei denn, man bietet mir die Thai-Nudeln …


Entschuldigung. Jetzt habe ich mich so in eine Hungerextase geschrieben, dass ich erst einmal etwas essen muss, ehe ich wieder auf mein Thema zurück komme.
Keine Angst, ich habe es nicht aus dem Auge verloren. Schließlich geht es ja um Blickkontakt.
Bis später!

Und weiter gehts. Ich bin also im Hauptbahnhof ...















Manchmal setze ich mich einfach an ein Tischchen in der großen Halle und beobachte das Kommen und Gehen. Leider wird dieses Vergnügen wegfallen, wenn Stuttgart 21 (ich bin strikt dagegen!!!) erst einmal realisiert ist. Aber ich denke, dass ich in 10 oder noch mehr Jahren andere Sorgen haben werde, als dem Verlust des Stuttgarter Hauptbahnhofs nachzutrauern.


Hier ist Selbstbedienung angesagt und wenn man sich nichts an der Theke holt, kann man ungestört stundenlang sitzen bleiben. Meistens esse ich da aber eine der gigantischen!!!!! Butterbrezeln und trinke eine Apfelsaftschorle. Schließlich möchte ich ja nicht, dass die Tischchen eines Tages verschwinden, weil die Leute nichts konsumieren, sondern nur Abfall hinterlassen, den sie aus einem anderen Bereich mitgebracht haben!

Am liebsten setze ich mich aber in das Cafè unter den Arkaden, wie es früher hieß. Jetzt gehört es zu der italienischen Kette Segafredo … und gibt sich betont international!


Na ja, zugegeben, sehr "gemütlich" ist es nicht, aber man kann die Taxifahrer beobachten,  die hinter der schwarzen Trennwand auf die Toilette verschwinden … Oder einfach vor einer, nach einer Weile leeren, Kaffeetasse sitzen und Löcher in die Luft starren während die Gedanken ihre Windmühlenflügel kreisen lassen.
So wie gestern Nachmittag. (Die Schreibpause hat etwas länger gedauert.)
Bei Kieser war Hochbetrieb, ich hatte die falsche Stunde erwischt, und ich war jetzt einfach zu faul etwas zu essen. (Schließlich habe ich ja immer Joghurt und Knäckebrot zu Hause. Verhungern kann ich nicht.)
Also saß ich vor meiner Kaffeetasse und blickte ins Leere. Zumindest dachte ich, dass ich ins Leere blicke, bis dieser Mann mit Zylinder sich über meinen Tisch beugte und höflich fragte, ob der Platz mir gegenüber noch frei sei?

Er war frei. Ich sagte das dem jungen Mann, dessen "Kostümierung" mir zwar ein bisschen exotisch vor kam, aber ich hielt ihn einfach für einen Handwerksgesellen "auf der Walz", also auf Wanderschaft und dabei auf der Suche nach Arbeit. Wie ein Zimmermann sah er allerdings nicht aus. …
"Entschuldigen Sie, es ist ja sonst nicht meine Art fremde Menschen anzusprechen, aber Sie haben mich so lange intensiv angesehen, dass ich mir diese Freiheit jetzt einfach nehme." Sein Deutsch war auf literarischem Niveau! Ein Wanderpoet?
Ich hatte ihn angesehen? In keiner Weise! Durch ihn hindurch vielleicht, aber mir war ja gar nicht bewusst, dass da jemand in meinem Blickfeld saß. Anscheinend war das aber doch schon länger der Fall gewesen, wie ich, dem zu drei Vierteln leeren Bierglas nach zu schließen, das er vor sich auf den Tisch stellte, annahm. …

Es tut mir leid, aber ich  muss hier wieder unterbrechen. Heute ist Dienstag, Saunatag und den möchhte ich nicht ausfallen lassen, obwohl Werner Kieser ja der Meinung ist, dass Sauna dem Muskelaufbau eher schadet als nützt. Was solls, ich geh trotzdem!

Endlich "Blickkontakt".
"Und nachdem Sie mich sogar fotografiert haben, nehme ich an, dass Ihr Interesse an mir etwas weiter geht als einen flüchtigen Blickkontakt?" sagte er und: "Gestatten Sie, dass ich an Ihrem Tisch Platz nehme?"
Höflicher geht nun ja wirklich nicht. Ich machte eine einladende Handbewegung und sagte: "Bitte." Dass ich ihn fotografiert hatte fiel mir jetzt wieder ein. Aber das war schon kurz nachdem ich mich hinsetzte. Und dass ich ihn fotografiert habe, liegt daran, dass ich immer ein Foto mache, wenn ich in diesem Cafè bin. Eine Art Tagebuch in Bildern. 






























Was ich damit anfangen will ist mir zwar nicht klar, aber es ist interessant. Normalerweise frage ich ja, ob ich sie fotografieren darf, wenn Menschen im Bild sind, aber dieser junge Mann war so tief in Gedanken versunken, dass ich ihn nicht stören wollte.
"Es macht Ihnen doch hoffentlich nichts aus, dass ich ein Bild von Ihnen gemacht habe?" fragte ich ihn höflichkeitshalber. "Ich kann es auch gleich wieder löschen …"
"Nein, nicht nötig. Ich bin mir meiner erotischen Ausstrahlung durchaus bewusst und weiß, dass mich nicht nur Frauen anziehend finden." Er lächelte anzüglich und hob eine Augenbraue in komplizenhafter Geste.
`Donnerwetter! Ein Naturerotiker!´ dachte ich. `Oder ein Bekloppter!´
"Sie sind doch homosexuell?" fragte er unschuldig, wie man jemand nach der Zeit fragt. "Wissen Sie, ich hasse das Wort schwul. Es ist diskriminierend, ein Etikett das man jemand anheftet um ihn dementsprechend identifizieren zu können, wie den >Rosa Winkel< oder den >Davidstern<. Sie verstehen was ich meine?"
Ich sehe mich unauffällig um. Nach einem Fluchtweg? Heimlichen Lauschern an den Nebentischen? Einer versteckten Kamera? Nach Kafka? Nichts in Sicht. Das Lokal ist beinahe leer, bis auf die paar Taxifahrer, die an der Theke schnell einen Espresso hinunterkippen. Niemand beachtet uns. Ich räuspere mich. Irgendetwas muss ich sagen, denke ich.
Aber das ist nicht nötig, er ist voll in Fahrt und nicht zu bremsen.
"Selbstverständlich habe ich sexuelle Erfahrungen mit Männern, obwohl ich doch mehr Freude am weiblichen Geschlecht habe. Frauen sind fröhlicher beim Sex und weniger fordernd. Trotzdem muss ich zugeben, dass der Gedanke mit Ihnen zu schlafen mich sehr erregt."
Na und mich erst! Ich meine, er sieht ja nicht schlecht aus. ... Wenn er nur nicht so viel und so geschwollen daherreden würde!
"Es ist nämlich so: Ich hatte noch nie Sex mit einem alten Mann. … "
Ja. Das wars. Von da ab habe ich nicht mehr zugehört, obwohl mir die Beschreibung, wie er sich die Berührung mit runzeliger Haut vorstellt, durchaus im Gedächtnis haftet! Dass er mir dabei eine Hand auf den Oberschenkel legte, empfand ich zwar trotzdem als erotisch, aber so ganz im Allgemeinen hat es mich, um es neudeutsch zu formulieren, offgeturned!
Was dann passierte war so absurd, dass ich dachte, das glaubt Dir niemand.
Von der Tür her rief eine Frauenstimme: "Ach do bischt Du?! I wart seid a`ra halba Schtond do drussa en dr Kälde ond frier mir da Arsch ab ond Du saufsch do henna oi Halbe nach dr andera!"
("Ach da bist Du?! Ich warte seit einer halben Stunde da draußen in der Kälte auf Dich und hole mir eine Blasenentzündung, während Du Dir hier ein Bier nach dem anderen genehmigst!")
Der junge Mann nimmt seine Hand von meinem Oberschenkel, nicht ohne vorher noch einmal fest zugedrückt zu haben, tippt im Aufstehen an den Zylinder und ist im nächsten Augenblick, mit seiner Begleiterin zur Tür hinaus.
"Hey hey!" ruft der schwarzgelockte (Dauerwelle?) echt italienische Kellner: "Nix bezahlen?!"
"Der Herr übernimmt das!" ruft mein Verehrer  und ist endgültig weg.
Es war nur eine Halbe. Ich habe sie bezahlt.
Und dann erinnerte ich mich, dass ich vor beinahe 50 Jahren, an beinahe der gleichen Stelle, nur eine Tür weiter in der Weinstube, die heute nicht mehr existiert, in beinahe der selben Situation war. Auch damals setzte sich ein gutaussehender Herr, älter als ich, zu mir an den Tisch. Kurz zuvor hatte er sich von einer Frau mit vielen Küsschen und Händchen drücken und nochmal Küsschen verabschiedet. Sie musste zum Zug.
Ich hatte das, so ganz nebenbei beobachtet.
Deshalb kam er an meinen Tisch. Ohne zu fragen, ob ich das wissen wolle, erzählte er mir, welch tolle Erfolge er bei Frauen habe. Sein Redefluss war nicht zu stoppen. Wie einsam muss dieser Mensch sein, dachte ich, dass er sich Fremden so anvertraut.
Aus diesem Gedanken des Mitgefühls heraus sagte ich schließlich, als er Luft holen musste: "Sie tun mir leid."
Das fasste er als eine tiefe Beleidigung auf.
Er nannte mich einen "alten Nazi".
Dabei war er, altersmäßig, doch eher dafür geeignet.
Wutentbrannt stürmte er davon.
"Der hat noch gar nicht bezahlt." stellte die Kellnerin fest, allerdings ohne hysterisch zu werden.
Ich bezahlte.
Er hatte nur einen Kaffee getrunken, die Rechnung zuvor hat seine abreisende Begleiterin beglichen.
Aus dieser Geschichte soll ich etwas lernen, das ist mir klar. Aber was?

So. Jetzt wieder auf zum Training. Mal sehen, ob ich die alten Falten mit Muskeln glätten kann?





Freitag, 20. September 2013

Suchet so werdet ihr finden ...



Dieses Zitat wird Jesus zugeschrieben, aber ich habe herausgefunden, dass beinahe jedes Zitat von einer anderen Quelle stammt. Auch das Caesar Zitat Alea iacta est, ist ein griechischer Satz aus einer Schrift des Athenaios aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, der dieses Zitat aus einer Komödie des Menandros übernommen hat. Ich zitiere mal das Zitat aus der Komödie:

A.: Wenn Du Verstand hast, heiratest Du nicht und gibst nicht das Leben auf, das Du führst. Ich war verheiratet, deshalb rate ich Dir, es nicht zu tun.
B.: Warten wir die Sache ab. Der Würfel werde geworfen.

So viel zum Thema heiraten und Zitate. Wahrscheinlich hat Jesus auch irgend jemand zitiert. Gesucht wird ja seit Menschengedenken!

Ich machte mich auf die Suche nach dem erwähnten Manuskript meines Romans Abschied von Aschenbach, das ich auf die Reise mitnehmen wollte. Ich habe es nicht gefunden. Dafür jede Menge andere "Schriften", die ich über die Jahre verfasst und weggelegt habe. Sogar das Fragment eines Tagebuchs, das ich vor 30 Jahren während eines Aufenthalts in Amsterdam führte. Bei der Passkontrollle im Zug, war da ja noch üblich, gratulierte mir der Beamte zum 45. Geburtstag. Es scheint, dass ich das am Vorabend in der Bahnhofsbar gründlich gefeiert hatte, der Zug fuhr erst um 02.13 Uhr ab Stuttgart. Ich zitiere mal aus diesen Memoiren:

(...) Dann ist auch noch mein reservierter Platz besetzt und ich muss über ein über vier Sitzplätze quer durchs Abteil ausgestrecktes, junges Paar steigen, dessen männliche Hälfte: "Oh Scheiße." murmelt als ich mich an ihm festhalte, um nicht umzukippen. Das verspricht ein irrer Trip zu werden, aber ehrlich! 
Kein Wunder also, dass der freundliche Passkontrolleur sagte: 
"Legen Sie sich lieber wieder hin, Sie sind ganz  bleich."
Übrigens stellte ich jener Reise auch ein Zitat voran, von Paul Nizan: Reisen ist ein fortgesetztes Entschwinden ins Unwiederbringliche
Tagebücher sind eine unschätzbare Fundgrube für vergangene Peinlichkeiten!

Auch die Aufzeichnungen über den Kulturtrip entlang dem Jakobspfad, mit täglichen Wanderungen auf selbigem, fand ich. Dann noch welche über einen Urlaub mit W. auf der Insel Reichenau, 1984. Und dann noch die von der Ägyptenreise mit P. und K. Das war 1989. ... Jede Menge Entwürfe für Kurzgeschichten kamen zutage. Ich wusste gar nicht, dass ich soooo produktiv war! Schließlich fand ich auch ein Heft mit Notizen und skizzierten Szenen zum Roman. Nur das fertige Manuskript bleibt unauffindbar. Vielleicht habe ich es ja irgendwann einmal bei einer Aufräumaktion entsorgt. Ähnlich sehen würde es mir. Ich habe manchmal das Bedürfnis Ballast abzuwerfen.
Jetzt werde ich eben die Notizen mitnehmen. Schließlich steht darin gleich auf der der ersten Seite folgendes:

Wie lässt sich Venedig beschreiben? Nietzsche hat es so versucht: "Wenn ich jenseits der Alpen sage, sage ich eigentlich nur Venedig. Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.

Ich werde versuchen herauszufinden ob das noch zutrifft, im heutigen Venedig. Eins habe ich allerdings schon herausgefunden: Musik ist teuer, sehr teuer. Ein guter Platz im Teatro La Fenice kostet 247 €uro. Ich bin zwar ein Opernliebhaber, aber verrückt bin ich nicht!

So viel für heute, das Kieser Training ruft.