Sonntag, 19. Oktober 2014

Geschichten die das Leben schreibt


Genau genommen fängt diese am 18. Oktober 1938 an, eine Art Rückblende, als ich als Sohn des Lokomotivführers Jakob Lang in Stuttgart zur Welt kam. Wobei ich finde, dass die Formulierung: "zur Welt kommen", etwas unangemessen mystisches beinhaltet, das dem Begriff: "geboren werden" abgeht, obwohl es den selben Vorgang meint. Das nur so nebenbei, als Denkanstoß.
Gestern war der 18. Oktober 2014, mein 76ster Geburtstag. Gestern streikten die Lokomotivführer wieder für gerechtere Arbeit und höheren Lohn. Ich gehe darauf nicht näher ein, weil es in dieser Geschichte in keiner Weise darum geht. Na ja, vielleicht perifär, also am Rande, weil der Bahnhof dadurch sehr überschaulich war. ...
Rückblende Nr. 2. Bedingt durch meine derzeitige (vorübergehende?) Sehschwäche und der damit einhergehenden Lichtüberempfindlichkeit, gehe ich immer erst nach Sonnenuntergang aus dem Haus. Gestern wurde es allerdings noch einiges später, so ca. Viertel vor Acht, da war es dann quasi schon Nacht, zu spät um in den Wald zu gehen, oder über holperige Weinbergwege. Also ging ich zum Hauptbahnhof, eben weil es mein Geburtstag und mein Vater Lokomotivführer war und weil die Lokomotivführer derzeit streiken ... So eine Art Gedächtnispilgerschaft. Die Stadt war wie immer am Samstag Abend. Die meisten Leute befanden sich auf dem Heimweg, Stuttgarter Nachtleben eben, das endet wenn es dunkel wird.
Jetzt steige ich da wieder in die Geschichte ein, wo der Hauptbahnhof sehr überschaulich, sprich menschenleer war. (Allerdings beobachtete ich dabei eine junge Frau die verzweifelt telefonierte, dann nervös wartete, schließlich überglüüücklich einem Mann an die Brust sank, der ihr dann zeigte wo es zur Zeit, wegen Stuttgart 21 Bauarbeiten stark behindert, zu den Bahnsteigen geht, wo sie eigentlich auf ihn warten sollte. Ich habe ein paar Fotos gemacht ...)




Nach diesem netten Erlebnis war ich bereit nach Hause zu fahren und begab mich (begibt man sich heutzutage noch?) in Richtung UBahn zum Nordausgang. Wie es der Zufall so will (wobei ich denke, dass, wäre es von ihm gewollt, es kein Zufall wäre; aber das auch nur so zum Nachdenken) sagte eine Frau in dem Moment als ich vorbei ging zu ihrem Mann: "Aber das hier ist nicht der Nordausgang."


Nun muss man wissen, dass ich ein Gegner von Stuttgart 21 bin und Monatelang am täglichen "Schwabenstreich" um 19 Uhr eben hier am Nordausgang teilnahm. (Auf YouTube kann man Filme von mir zum Thema Demonstrationen gegen 



unter Holtzloeffelz finden.) Wie ich auf diesen Nickname kam ist eine eigene Geschichte. Meine nette Nachbarin schnitzte einmal hobbymäßig Löffel aus Olivenholz und schenkte mir einen solchen just  (ist just  noch zeitgemäß?) zu dem Zeitpunkt an dem ich mir ein Konto bei You Tube erstellte. Wählen Sie einen Nickname stand da. Ich gab Holzloeffel ein, ganz normal buchstabiert, nur eben ohne Umlaut, aber der Name war schon vergeben. So kam es, dass ich einfach so lange Buchstaben hinzufügte, Bis ich grünes Licht bekam.
Auf jeden Fall ist es nicht verwunderlich, dass ich ganz automatisch, so en passant, in Richtung des Ehepaares sagte: "Das ist der Nordausgang."
"Wirklich?" fragte die Frau, woraufhin ich mich angesprochen fühlte.
"Hundertprozentig." versicherte ich ihr.
"Wissen sie auch wo der Friedrichsbau ist?" schaltete sich der Mann ein, der mit einer offenen Broschüre in seiner Hand wedelte.
"Ja klar. Der Friedrichsbau ist da hinten in der ..." hob ich an. (Oder `hub ich´? Der Schwabe würde ja `hebte ich´ sagen.)
"Nein! Eben nicht!" Die Frau war hörbar erregt. "Da ist er nicht mehr!"
Das fand ich etwas seltsam, weil ich erst vor ein paar Tagen, als ich den Termin in der Klinik vereinbart hatte, durch den herbstlich stimmungsvollen Hoppenlau Friedhof gegangen war

und dann über den Platz vor dem Friedrichsbau, wo ich einige Aufnahmen von dem Denkerkopf machte, der mich immer wieder fasziniert.

Also wenn der Bau weg ist, dann bin ich endgültig in einer Parallel-Welt oder der Twilight Zone gelandet, dachte ich. (Die Sache mit dem Mann im Rollstuhl finde ich immer noch grenzwertig.)
"Man hat denen gekündigt!" erklärte mir die Frau, was mich auch nicht direkt klüger machte. 
Um meine Konfusion noch zu mehren, fügte der Mann hinzu: "Die sind jetzt am Hauptbahnhof 3."
Das Paar war so um die 60, gut gekleidet und roch nicht nach Alkohol. Vorsicht Kamera? Verstehen Sie Spass? Unwahrscheinlich.
"Aber was soll das überhaupt sein, Am Hauptbahnhof 3? Wir sind doch hier am Hauptbahnhof. Da gibt es aber kein drei." Der Mann wedelte weiterhin mit der Broschüre in die Nacht hinaus und drehte sich immer wieder um die eigene Achse. Er war frustriert. Seine Frau unterstützte seinen Frust indem sie immer wieder bekräftigte: "Die wurden gekündigt, schon vor längerer Zeit."
"Sie meinen das Kabarett?" (frug?) fragte ich. 
Kafka lässt grüssen! (Er stand neben mir und ich fragte: "Ist das logisch?" Er antwortete: "Logisch ist was logisch scheint." Ich war bedient. Er ging.)

Der Unverbesserliche (Verfasser unbekannt, um 1900)

Man fragte mich: "Heißt's fragte oder frug?"
Ich sagte drauf: "Ich wähle immer fragte,
Da man ja auch statt sagte nicht spräch' sug,
Was schlecht dem Ohr und Sprachgebrauch behagte."

Der andre sprach: "Ich werde draus nicht klug,
Man sagt doch auch nicht schlagte oder tragte?"
Ich sprach: "Ausnahmen sind nur schlug und trug;
Doch tug, rug, zug und wug noch keiner wagte.

Nun wird der Zweifel, der bisher sie nagte,
und plagte - nicht etwa nug und plug -
Behoben sein, ob richtig frug, ob fragte?"

Der andre sprach: "Sie haben recht", und schlug
Sich an die Stirn, als ob ihm Licht nun tagte.
"Verzeihen Sie, dass ich so töricht frug."

Langsam klärte sich der Sachverhalt, wenn auch nur mit Zuhilfenahme schwäbischer Logik! Dem Friedrichsbau Varieté war die Spielstätte im Friedrichsbau gekündigt worden, warum auch immer, und spielte nun, immer noch als "Friedrichsbau Varieté", in der SpardaBank auf der Bühne der SpardaWelt und diese befindet sich Am Hauptbahnhof 3, eine der neuen Straßen die in dem boomenden Geschäftsviertel hinter der LB-Bank entstanden sind. Ich habe mich dort vor längerer Zeit einmal umgesehen und eine Diaschau darüber gemacht.


Inzwischen war die Frau bereit zu resignieren. Es sei doch sowieso schon zu spät, die Show habe doch längst angefangen. 
"Aber nein", widersprach der Mann, "es gibt doch eine zweite Show und die fängt in einer halben Stunde an. Wenn wir nur wüssten wo das ist."
Ich klappte mein iPad Mini auf, das ich an einem Lederrieme um den Hals gehängt trage (eigenes Patent!) SpardaBank Stuttgart gegoogelt und Bingo, alles da, inklusive Lageplan. Genau dort wo ich es vermutet hatte.

Aber wie dort hin kommen? Luftlinienmäßig waren es ungefähr 500 Meter, (wenn man ein paar Loopings fliegt). Nur liegt dazwischen die Großbaustelle von Stuttgart 21. Ich zeigte auf das Gebäude der LB Bank, das wie ein Riegel quer vor dem neuen Viertel liegt, und versuchte zu erklären, wie man dort hingelangen kann.
"Das finden wir ja doch nicht." verkündete die Frau und auch der Mann äußerte Bedenken in diese Richtung.
"Also, kommen sie, ich zeig's ihnen."
Ehrlich gesagt ist es wirklich waghalsig bei Nacht um die Baustelle herum den Weg zu finden. Die Beleuchtung ist miserabel und der Belag nicht unbedingt gleichmäßig. Trotzdem kamen wir schließlich an der kleinen Straße an, die früher, vor wie vielen Jahrzehnten!, zum Güterbahnhof führte, auf dessen Gelände nun die Neubauten aus dem Boden schießen wie Giftpilze. 
"Warum wollen Sie denn überhaupt da hin? Gibt es etwas Besonderes?" frage ich.
Es stellt sich heraus, dass es die "stuttgartnacht 2014" ist, die sie in die Stadt gelockt hat. Zu über 70 Spielstätten im stuttgarter Stadtbereich hat man kostenlosen Zutritt. Sie waren schon bei einer Ballett Vorstellung und haben eine Live-Übertragung aus der Oper gesehen ... Woher sie denn angereist sind frage ich und denke, die kommen sicher aus Hamburg. Schwäbeln tun sie nicht.
"Aus Magstadt." sagt er.
Na ja, das sind immerhin 26,5 km auf der B464 ...
Und da ragte sie auf, die SpardaBank. Noch eine kleine Treppe hoch ... Halt, die ist oben ja versperrt mit einem Baugitter ... Ich drehe mich um, um dem Ehepaar die schlechte Nachricht zu verkünden und sehe, dass uns inzwischen mindestens ein Dutzend Menschen folgen, alle mit einem ein bisschen gehetzten Blick in den Augen. Was soll's, denke ich, wenn man die Treppe nicht benutzen darf, dann muss sie auch unten abgesperrt werden. Außerdem hat das Gitter eine Rolle und man kann es ohne Mühe öffnen. Dahinter liegt dann sowieso kein Hindernis, nur die Straße Am Hauptbahnhof, die überquert werden muss. Kein Verkehr, also kein Problem.
"Ja, aber wo ist der Eingang?" fragt die Frau und die nachdrängende Menge murmelt ähnliches. Ich gehe weiter, auf gut Glück, und die Frau sagt zu den Folgenden: "Kommen sie mit, wir haben einen guten Führer, der kennt sich hier aus."
Hat die Frau da eben ein böses, böses Wort benutzt?!
Zum Glück hatte ich den richtigen Riecher und man sieht den Eingang vor dem schon andere Gäste stehen und rauchen.
"Vielen Dank!" ruft das Ehepaar und winkt.
"Hoffentlich finden Sie nachher ihren Weg zurück zum Auto!" rufe ich und mache mich davon in die stuttgarter Nacht. So etwas wie mit dem Mann im Rollstuhl soll mir nicht noch einmal passieren!

Der Weg zur U-Bahn Haltestelle am Planetarium ist Nachts nicht zu empfehlen, auch wenn es erst 21:45 Uhr ist!

Ein P.S.: Übrigens, das Paar frug mich nicht, warum ich Nachts eine Sonnenbrille tragte.


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