Montag, 27. Januar 2014

Blickkontakt

Es gibt Dinge, Augenblicke, die man sich vorstellt und von denen man auch wünscht, dass sie wenigstens einmal eintreffen würden. Fantasien der kleinen Sehnsucht. Nichts Spektakuläres, wie die brennenden Wünsche der Pubertät, in denen noch Zauberer und Feen eingreifen sollten, um den drögen Alltag mit einem einzigen Antippen der Zeit mit dem Zauberstab, die Welt verwandeln zu lassen in ein Wunschparadies. Ich bekenne mich zu solchen Fantasien, so wie ich mich zu Peter Pan bekannt habe. Ohne sie hätte ich diese schwere, mit Leere überfüllte Zeit nicht überlebt. Aber das ist vorbei. Nur andere Träume haben den Platz eingenommen, bescheidene, kleine Begehren, deren Ausbleiben nichts verändert, genau so wenig wie ihr Eintreffen das tut. Heute habe ich mich an einem solchen Ereignis erfreuen dürfen. Es war übersüß wie Karamel und ich empfinde den bitteren Wermutgeschmack, der jetzt irgendwo am Gaumen der Seele haftet, als recht angenehm.











Ich habe ja schon mehrmals mein Training im Kieser Studio erwähnt und gehe davon aus, dass ich hier nicht näher auf dieses eingehen muss. Irgendwann werde ich wieder ein Kapital darauf verwenden.
Nach dem Training gehe ich fast immer durch die Stuttgarter Innenstadt zum Bahnhof, um dort etwas zu essen, zu trinken, oder einfach nur zu entspannen. Mein Weg führt mich meistens durch die belebte Königstraße. Na gut, am Sonntagmorgen ist sie eher wenig belebt.


Seltener durch die Karlspassage, eigentlich eine öffentliche Straße, aber zu einem Indoor Kauf- und Erlebnisraum umfunktioniert. Siehe unten.





























Und dann über den etwas abseits gelegenen Karlsplatz, mit dem Denkmal, das an den Krieg von 1870/71 erinnern soll. Man kann den googeln, wenn man sich dafür interessiert. "Die Grünen" meinten ja vor etlichen Jahren, man solle dieses "Schandmal" abtragen und sich nicht mehr an diesen Krieg erinnern, weil den die Deutschen doch gewonnen haben und das die Franzosen sicher kränkt, wenn man sie daran erinnert. Es wurde nicht eingeebnet und außerdem gibt es in Frankreich noch einige Denkmale, die an diesen Krieg erinnern und die gepflegt werden. Von Deutschen übrigens, wenn man das glauben darf …?

Von dort ist es dann nicht mehr weit bis zu dem "Oberen Schlossgarten", den Grünanlagen mitten in der Stadt. Zwangsläufig komme ich da am Stuttgarter Opernhaus vorbei, das ich leider nur noch selten besuche. Die Eintrittspreise lassen das auch gar nicht zu! Demnächst werde ich allerdings den "Peter Pan" besuchen …

Von dort sind es dann nur noch ein paar Schritte zum Hauptbahnhof, den ich an anderen Tagen über den Schlossplatz und die Königstraße erreiche.


















































































Hier ein Blick vom Bahnhofsturm auf die Strecke die ich zurückgelegt habe. Meine Wohnung liegt weit da hinten, wo das dunkle Grün in den Talkessel fließt, oder so ähnlich. Allerdings nicht inmitten von Grün, eher umgeben von Grau. In der Stadt eben. Von meiner Wohnung zum Hauptbahnhof sind es ungefähr 35 Gehminuten. Von Kieser zum Bahnhof ca. 15. Ist ja auch Wurscht.
Apropos Wurst. Im Bahnhof habe ich mehrere Möglichkeiten, meine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen … sprich: zu Essen und zu Trinken! Wenn ich noch nichts gegessen habe, entscheide ich mich meistens für GOSCH und die unwiederstehlichen Angebote an Fisch und anderem Seafood. Also für die gebratenen Nudeln mit Shrimps oder Krebsfleisch würde ich vielleicht morden! Es sei denn, man bietet mir die Thai-Nudeln …


Entschuldigung. Jetzt habe ich mich so in eine Hungerextase geschrieben, dass ich erst einmal etwas essen muss, ehe ich wieder auf mein Thema zurück komme.
Keine Angst, ich habe es nicht aus dem Auge verloren. Schließlich geht es ja um Blickkontakt.
Bis später!

Und weiter gehts. Ich bin also im Hauptbahnhof ...















Manchmal setze ich mich einfach an ein Tischchen in der großen Halle und beobachte das Kommen und Gehen. Leider wird dieses Vergnügen wegfallen, wenn Stuttgart 21 (ich bin strikt dagegen!!!) erst einmal realisiert ist. Aber ich denke, dass ich in 10 oder noch mehr Jahren andere Sorgen haben werde, als dem Verlust des Stuttgarter Hauptbahnhofs nachzutrauern.


Hier ist Selbstbedienung angesagt und wenn man sich nichts an der Theke holt, kann man ungestört stundenlang sitzen bleiben. Meistens esse ich da aber eine der gigantischen!!!!! Butterbrezeln und trinke eine Apfelsaftschorle. Schließlich möchte ich ja nicht, dass die Tischchen eines Tages verschwinden, weil die Leute nichts konsumieren, sondern nur Abfall hinterlassen, den sie aus einem anderen Bereich mitgebracht haben!

Am liebsten setze ich mich aber in das Cafè unter den Arkaden, wie es früher hieß. Jetzt gehört es zu der italienischen Kette Segafredo … und gibt sich betont international!


Na ja, zugegeben, sehr "gemütlich" ist es nicht, aber man kann die Taxifahrer beobachten,  die hinter der schwarzen Trennwand auf die Toilette verschwinden … Oder einfach vor einer, nach einer Weile leeren, Kaffeetasse sitzen und Löcher in die Luft starren während die Gedanken ihre Windmühlenflügel kreisen lassen.
So wie gestern Nachmittag. (Die Schreibpause hat etwas länger gedauert.)
Bei Kieser war Hochbetrieb, ich hatte die falsche Stunde erwischt, und ich war jetzt einfach zu faul etwas zu essen. (Schließlich habe ich ja immer Joghurt und Knäckebrot zu Hause. Verhungern kann ich nicht.)
Also saß ich vor meiner Kaffeetasse und blickte ins Leere. Zumindest dachte ich, dass ich ins Leere blicke, bis dieser Mann mit Zylinder sich über meinen Tisch beugte und höflich fragte, ob der Platz mir gegenüber noch frei sei?

Er war frei. Ich sagte das dem jungen Mann, dessen "Kostümierung" mir zwar ein bisschen exotisch vor kam, aber ich hielt ihn einfach für einen Handwerksgesellen "auf der Walz", also auf Wanderschaft und dabei auf der Suche nach Arbeit. Wie ein Zimmermann sah er allerdings nicht aus. …
"Entschuldigen Sie, es ist ja sonst nicht meine Art fremde Menschen anzusprechen, aber Sie haben mich so lange intensiv angesehen, dass ich mir diese Freiheit jetzt einfach nehme." Sein Deutsch war auf literarischem Niveau! Ein Wanderpoet?
Ich hatte ihn angesehen? In keiner Weise! Durch ihn hindurch vielleicht, aber mir war ja gar nicht bewusst, dass da jemand in meinem Blickfeld saß. Anscheinend war das aber doch schon länger der Fall gewesen, wie ich, dem zu drei Vierteln leeren Bierglas nach zu schließen, das er vor sich auf den Tisch stellte, annahm. …

Es tut mir leid, aber ich  muss hier wieder unterbrechen. Heute ist Dienstag, Saunatag und den möchhte ich nicht ausfallen lassen, obwohl Werner Kieser ja der Meinung ist, dass Sauna dem Muskelaufbau eher schadet als nützt. Was solls, ich geh trotzdem!

Endlich "Blickkontakt".
"Und nachdem Sie mich sogar fotografiert haben, nehme ich an, dass Ihr Interesse an mir etwas weiter geht als einen flüchtigen Blickkontakt?" sagte er und: "Gestatten Sie, dass ich an Ihrem Tisch Platz nehme?"
Höflicher geht nun ja wirklich nicht. Ich machte eine einladende Handbewegung und sagte: "Bitte." Dass ich ihn fotografiert hatte fiel mir jetzt wieder ein. Aber das war schon kurz nachdem ich mich hinsetzte. Und dass ich ihn fotografiert habe, liegt daran, dass ich immer ein Foto mache, wenn ich in diesem Cafè bin. Eine Art Tagebuch in Bildern. 






























Was ich damit anfangen will ist mir zwar nicht klar, aber es ist interessant. Normalerweise frage ich ja, ob ich sie fotografieren darf, wenn Menschen im Bild sind, aber dieser junge Mann war so tief in Gedanken versunken, dass ich ihn nicht stören wollte.
"Es macht Ihnen doch hoffentlich nichts aus, dass ich ein Bild von Ihnen gemacht habe?" fragte ich ihn höflichkeitshalber. "Ich kann es auch gleich wieder löschen …"
"Nein, nicht nötig. Ich bin mir meiner erotischen Ausstrahlung durchaus bewusst und weiß, dass mich nicht nur Frauen anziehend finden." Er lächelte anzüglich und hob eine Augenbraue in komplizenhafter Geste.
`Donnerwetter! Ein Naturerotiker!´ dachte ich. `Oder ein Bekloppter!´
"Sie sind doch homosexuell?" fragte er unschuldig, wie man jemand nach der Zeit fragt. "Wissen Sie, ich hasse das Wort schwul. Es ist diskriminierend, ein Etikett das man jemand anheftet um ihn dementsprechend identifizieren zu können, wie den >Rosa Winkel< oder den >Davidstern<. Sie verstehen was ich meine?"
Ich sehe mich unauffällig um. Nach einem Fluchtweg? Heimlichen Lauschern an den Nebentischen? Einer versteckten Kamera? Nach Kafka? Nichts in Sicht. Das Lokal ist beinahe leer, bis auf die paar Taxifahrer, die an der Theke schnell einen Espresso hinunterkippen. Niemand beachtet uns. Ich räuspere mich. Irgendetwas muss ich sagen, denke ich.
Aber das ist nicht nötig, er ist voll in Fahrt und nicht zu bremsen.
"Selbstverständlich habe ich sexuelle Erfahrungen mit Männern, obwohl ich doch mehr Freude am weiblichen Geschlecht habe. Frauen sind fröhlicher beim Sex und weniger fordernd. Trotzdem muss ich zugeben, dass der Gedanke mit Ihnen zu schlafen mich sehr erregt."
Na und mich erst! Ich meine, er sieht ja nicht schlecht aus. ... Wenn er nur nicht so viel und so geschwollen daherreden würde!
"Es ist nämlich so: Ich hatte noch nie Sex mit einem alten Mann. … "
Ja. Das wars. Von da ab habe ich nicht mehr zugehört, obwohl mir die Beschreibung, wie er sich die Berührung mit runzeliger Haut vorstellt, durchaus im Gedächtnis haftet! Dass er mir dabei eine Hand auf den Oberschenkel legte, empfand ich zwar trotzdem als erotisch, aber so ganz im Allgemeinen hat es mich, um es neudeutsch zu formulieren, offgeturned!
Was dann passierte war so absurd, dass ich dachte, das glaubt Dir niemand.
Von der Tür her rief eine Frauenstimme: "Ach do bischt Du?! I wart seid a`ra halba Schtond do drussa en dr Kälde ond frier mir da Arsch ab ond Du saufsch do henna oi Halbe nach dr andera!"
("Ach da bist Du?! Ich warte seit einer halben Stunde da draußen in der Kälte auf Dich und hole mir eine Blasenentzündung, während Du Dir hier ein Bier nach dem anderen genehmigst!")
Der junge Mann nimmt seine Hand von meinem Oberschenkel, nicht ohne vorher noch einmal fest zugedrückt zu haben, tippt im Aufstehen an den Zylinder und ist im nächsten Augenblick, mit seiner Begleiterin zur Tür hinaus.
"Hey hey!" ruft der schwarzgelockte (Dauerwelle?) echt italienische Kellner: "Nix bezahlen?!"
"Der Herr übernimmt das!" ruft mein Verehrer  und ist endgültig weg.
Es war nur eine Halbe. Ich habe sie bezahlt.
Und dann erinnerte ich mich, dass ich vor beinahe 50 Jahren, an beinahe der gleichen Stelle, nur eine Tür weiter in der Weinstube, die heute nicht mehr existiert, in beinahe der selben Situation war. Auch damals setzte sich ein gutaussehender Herr, älter als ich, zu mir an den Tisch. Kurz zuvor hatte er sich von einer Frau mit vielen Küsschen und Händchen drücken und nochmal Küsschen verabschiedet. Sie musste zum Zug.
Ich hatte das, so ganz nebenbei beobachtet.
Deshalb kam er an meinen Tisch. Ohne zu fragen, ob ich das wissen wolle, erzählte er mir, welch tolle Erfolge er bei Frauen habe. Sein Redefluss war nicht zu stoppen. Wie einsam muss dieser Mensch sein, dachte ich, dass er sich Fremden so anvertraut.
Aus diesem Gedanken des Mitgefühls heraus sagte ich schließlich, als er Luft holen musste: "Sie tun mir leid."
Das fasste er als eine tiefe Beleidigung auf.
Er nannte mich einen "alten Nazi".
Dabei war er, altersmäßig, doch eher dafür geeignet.
Wutentbrannt stürmte er davon.
"Der hat noch gar nicht bezahlt." stellte die Kellnerin fest, allerdings ohne hysterisch zu werden.
Ich bezahlte.
Er hatte nur einen Kaffee getrunken, die Rechnung zuvor hat seine abreisende Begleiterin beglichen.
Aus dieser Geschichte soll ich etwas lernen, das ist mir klar. Aber was?

So. Jetzt wieder auf zum Training. Mal sehen, ob ich die alten Falten mit Muskeln glätten kann?





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