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Montag, 30. Mai 2016

Handy Handy - Zwei Gespräche

Die Freundin

Junge Frau in der Bahn. Neben ihr sitzt ein älterer Herr. Aus ihrer Tasche dringt Anthony Quinn's rauchige Stimme: "I love you ..." Die Frau kramt nach ihrem Handy und findet es als Quinn an der Stelle: "I love you I love you I love you!" angekommen ist. Sie schaut auf das Display, zieht die Augenbrauen hoch und nimmt das Gespräch an:
"Hi Mienie! Dass Du Dich auch wieder mal meldest!? Schön!!! ... Neeiiin! Du störst gaaar nicht! Ich bin in der Bahn ... (lacht gekünstelt) Neeeiiiin! Selbstverständlich alleine! (Sie streift den älteren Herr mit einem kritischen Blick, als wäre er ein abgelaufenes Lebensmittel.) Ja jaaa, klar kann ich reden ... Eine Überraschung? Da bin ich aber gespannt! ... ... Du wirst was?!! ... ... Aber warum denn um aller (Sie sucht nach einem starken Wort.) ... Himmelsmacht Willen?! ... (Ihr Blick hängt unpersönlich an dem Mann, eigentlich sieht sie ihn gar nicht mehr.) ... ... Ja ... und weeeen?? ... ... Waaaaaaas?! Den Langweiler!! Warum ausgerechnet den?! ... ... Ach so. ... Na ja ... Aber deshalb heiratet man doch nicht gleich. Wie retro ist das denn?" (Sie zieht die Augenbrauen hoch, bemerkt den Mann nebenan wieder und wendet sich ab.) ... Nein, selbstverständlich denke ich nicht an Abtreibung ... das ist schließlich Deine Entscheidung ... aber heiraten ...? ... ich weiß nicht ... ... Was? ... Natürlich freue ich mich für Dich! Das ist doch gar keine Frage!! (lacht gekünstelt) Ich würde ja auch heiraten wenn mich einer fragen würde. ... ... Ach so, er hat Dich nicht gefragt. ... ... Wirklich? Dein Vater?! Wie im wilden Westen!? ... ... Reg Dich nicht auf! Ich weiß dass Dein Vater keine Schusswaffe hat! Das war eine Metapher ... ein Scherz ... ! ... Jetzt hör aber auf! ... ... Na dann eben nicht!" Sie beendet das Gespräch. "Doofe Zicke. Hormone!" Zu dem älteren Herr, den sie nicht kennt und der für sie auch gar nicht existiert: "Seh ich aus als ob ich scharf darauf wäre eine Brautjungfer zu sein? Eine Brautjungfer!!!"
Der ältere Herr, trocken: "Wie retro ist das denn?"

Der Schwarzfahrer

Ein älterer Herr. Bahnbegleiter und ein Fahrgast mit arabischem Migrationshintergrund. Bahnbegleiter reicht dem Fahrgast sein Handy und sagt sehr deutlich: "Aber nur ein Gespräch, Inland, ganz kurz und auf Deutsch, ich will verstehen was sie sagen."
Fahrgast, ziemlich sauer: "Jaja, keine Broblem." nimmt das Handy und tippt eine Nummer ein. Wartet. Dann, sehr laut: "Allo Musta! Hier Hassan! ... Hassan!! ... Du weiß Hassan! Hassan! Vom Arbeit!!" Es folgt ein arabischer Wortschwall.
Der Zugbegleiter greift nach dem Handy: "Deutsch bitte!"
Hassan: "Jaja, Deutsch, deutsch." In das Gerät, sehr laut: "Zug fahren! ... ... Zuuuhug fahaaahren! ... ... I nix schreien! Telefoniere!1 ... ... Schdudegard! ... ... Schbreche mit Mann von Zug! ... ... Wolle Geld! ... ... I nix Fahrkart, wolle Geld! ... ... Weil Mann von Zug sage: Du schbreche Deutsch!!! ... ... Er sage: wann I nix Geld, in Schdudegard komm Bolisei! ... ... Du komme Bahnhof Schdudegard und bringe Geld!! ... ... Fumsig Heuro! ... ... Fumsig Heuro nix viel!!! Du meine Kollega, Du Freund, Du Lansmann!!! ... ... ... Scheiße! Du Scheiße!!!" Es folgt ein arabischer Wortschwall, er spuckt dreimal auf das Handy und wirft es dem Zugbegleiter zu, der es angewidert auffängt und auf den Platz neben dem älteren Herr wirft.
"Ihr Freund kommt also nicht an den Bahnhof in Stuttgart?"
"Was Freund? Scheiße! Merde! Scheiße, keine Freund, keine Kollega, nix Lansmann! Alle Scheiße!"
"Dann werde ich jetzt die Polizei verständigen. Die holt sie in Stuttgart vom Zug ab."
Der Fahrgast zieht resigniert die Schultern hoch und lässt sie fallen. "Kismet." sagt er.
Der ältere Herr fragt den Zugbegleiter: "Um wieviel Geld geht es denn?"
"Vierzig Euro."
Er bezahlt, der Fahrgast bekommt seinen temporären Fahrschein, bedankt sich überschwänglich mit Verbeugungen und Stirn berühren ehe er im Zug verschwindet. Auch der Zugbegleiter verabschiedet sich ohne weiteren Kommentar.
"Halt.", sagt der ältere Herr, "Vergessen sie nicht ihr Handy!"

Samstag, 27. Juni 2015

Der Mann der eventuell ein Epileptiker war


Gestern hatte ich ein interessantes Erlebnis. Als ich aus der Toilette in der Klett-Passage kam, lag vor einem leeren Schaukasten, in dem immer entsetzliche Damenmode auszustellen angedroht war und dann verwirklicht wurde, ein Mann, mit dem Gesicht nach unten, auf dem Boden und zappelte.
Um ihn, aber Abstand haltend, waren fünf Personen gruppiert. Ein großer, schlanker Mann mit sich deutlich offenbarender Glatze, obwohl er noch nicht das Alter dafür zu haben schien;
eine junge, blonde Frau, die Haare lang herunterfallend, wie das Heutzutage ja üblich ist, ob blond oder die Abstufung dazwischen bis schwarz; (der Mann und die Frau schienen zusammen zu gehören ... Das ist wohl eine andere Geschichte).
Dann war da noch ein junger Mann, der, wie sich zum Schluss herausstellte, zu der jungen Frau gehörte, die er irgendwie "betreute". (Ist das Wort Zuhälter noch politisch korrekt?)
Und zwei Männer, in mittlerem Alter, mit türkischem Migrationshintergrund, von denen ich einen, wie flüchtig oder auch nicht wie immer ich kannte, die alle wild gestikulierten und "Polizei"! riefen.
Wie gesagt, auf dem Boden, der ja nicht unbedingt sauber ist, lag ein Mann, mit dem Gesicht nach unten, zappelte und sabberte, was dem Boden, hygienisch gesehen, nicht fruchtete. Ich will damit sagen, dass ihm Speichel und Schleim aus dem weit aufgerissenen Mund troff. Der Mann hatte eine Glatze mir graumeliertem Haarkranz, ich schätze ihn so kurz vor 60, trug, oder vielmehr hatte eine lila Schirmmütze getragen, sie lag vor ihm auf dem Boden. Zudem lag dort, an den Fuß des leeren Schaukastens (siehe oben) gelehnt ein kleiner Rucksack in lila und schwarz, den er wohl selber abgeworfen hatte als er fiel.
Als der Türke, den ich flüchtig kenne, mich sah, machte er hilflose Gesten mit den Händen in Richtung Bodenliegendem und mich. Ich solle helfen, sollte das heißen.
Aber wie? Zuerst dachte ich an die Polizeiwache, in deren Schatten das ja alles ablief, aber der andere Mann mit türkischem Aussehen sagte: "Kein Bolisei! Alles su!"
Inzwischen telefonierte der Mann mit frühreifer Glatze mit dem Notdienst. `Gut´ dachte ich.
Die beiden Türken versuchten nun den am Boden Zappelnden zu fragen ob er "Zammam", oder so etwas ähnliches, habe.
Er schien es zu bejahen.
Ich tippte auf Epilepsie.
Langsam wurde er ruhiger, lag aber apathisch auf dem Boden, sein Gesicht im Schleim aus seinem Mund.
Ich sagte den beiden Türken gestensprachlich, dass wir den Mann aus seinem Schleim holen und hinsetzen sollten. Einer der beiden verstand, während der andere, mein Bekannter, weiterhin im Kreis herum lief, dramatisch die Arme in die Höhe warf und: "Bolisei! Bolisei!" rief.
Seltsamerweise formte sich kein Kreis Schaulustiger. Na ja, es war kurz nach 22:00 Uhr, da sind auch die schaulustigsten Stuttgarter zuhause vor dem Fernseher.
Die blonde Frau hatte ich auch aus den Augen verloren. Ihr "Betreuer" war verschwunden.
Der große Mann mit unvorhergeplanter Glatze stand da, sein Handy anstarrend und irgend einer Art Wachkoma nahe seiend.
Wir setzten den Mann auf. Es brachte ihn nicht um. Im Gegenteil, er versuchte auf zu stehen. Also halfen wir ihm. Menschen die tot oder kurz davor sind, sind unvorstellbar schwer! Wir bekamen ihn trotzdem auf die Beine.
Ich bewunderte meine Kraft!
Der Mann taumelte zwischen mir und dem Türken hin und her.
Die beiden Türken redeten sehr lautstark auf ihn ein. Sie wollten immer noch wissen, ob er "Zammam" habe.
Einer fragte mich, was Zammam auf Deutsch heiße.
Epilepsie? riet ich.
Er nickte.
Na bitte, sagte ich doch von Anfang an.
Langsam stabilisierte sich der "Patient" zwischen uns. Er drohte nicht mehr an dem Schaukasten hinunter in die Hocke zu gleiten.
Sein Blick wurde klarer und er sah mich an, als wäre ich Doktor Frankenstein, als ich versuchte ihm die lila Kappe in die Hand zu drücken. Er wollte sich deutlich davon distanzieren. Nur ein Psychologe wird erklären können warum.
Der Mann mit dem Handy beobachtete die Fortschritte der Rehabilitierung des "Unfallopfers", als das er ihn gemeldet hatte, mit Sorge und Bedenken. "Sollte er nicht sitzen bleiben?" fragte er scheu.
Ganz gegenteiliger Meinung war der Fallsüchtige und seine beiden Landsleute. "Ah, geht gutt." meinten sie und als der Mann sich dann auf den Weg die Klett-Passage hinunter machte, ich hatte ihm noch seinen Rucksack ausgehändigt, folgte ihm einer, nur um sicher zu gehen, dass er nicht wieder umkippt. Nationale Bande binden!
Ja. Da standen wir nun, 15 Minuten nachdem der Notruf hinaus gegangen war und warteten auf den Notarzt. Ich lief mal auf der Treppe nach oben, um vielleicht winken zu können. Es regnete.
Inzwischen war die blonde Frau wieder aufgetaucht und auch ihr gutaussehender Berater. Sie telefonierte und ging schließlich ab, mit einem Achselzucken für den Glatzenanfänger.
Der wurde immer verlegener. "Aber das kann der doch nicht machen." meinte er im Hinblick auf den entschwundenen vom Notarzt zu Versorgenden.
Der Türke, der den, ich nenne ihn jetzt einfach einmal: Epileptiker, verfolgt hatte, kam zurück und hob die Schultern und Arme in der Geste des, in diesem Fall, freudigen Bedauerns. `Nix passiert!´ sollte das heißen. Er ging und nahm seinen Landsmann mit.
"Aber was mache ich jetzt?" fragte der Mann mit dem Handy.
"Wir warten einfach." schlug ich vor. Eigentlich hätte ich ja auch gehen können.
Schließlich tauchten drei Männer auf, einer offensichtlich der Notarzt, sehr motiviert aussehend, einer mit schwarzem Koffer, und suchten die Umgebung nach einem Unfallopfer ab.
Ich sagte: "Da hatte ein Mann einen epileptischen Anfall, aber er ist inzwischen gegangen."
Man nahm meine Diagnose und den glücklichen Ausgang des Geschehens mit Wohlwollen, wenn nicht sogar mit Freude entgegen. Einer der Sanitäter ging noch einmal in Richtung des abgegangenen Patienten entlang, nur um sicher zu sein, dass der nicht wieder irgendwo läge ...
Ich fuhr heim.
Soll ich die Klett-Passage in Zukunft meiden?

Dienstag, 25. November 2014

"Love is in the air ..."


An diesen schnulzigen alten Schlager musste ich gestern Abend denken, als ich, nach dem, wieder einmal ergebnislosen, Besuch beim Augenarzt auf dem Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs stand. Es war zwar erst 17 Uhr, aber schon Kuhnacht, was auch an dem dichten Hochnebel lag, der am Nachmittag aufgezogen war. Der Himmel war "wie ein schwarzes Tuch" (Cal Orff, Der Mond) über die Stadt gebreitet.

Es gab keinen zwingenden Grund für mich, auf den Turm zu fahren, andererseits hatte ich auch nichts anderes vor ... Es war kalt. Ich wollte nur ein paar Fotos machen, wobei ich wusste, dass sie, bei den herrschenden Lichtverhältnissen mit dem iPad mini aufgenommen, nicht von bestechender Qualität sein würden. Siehe oben. Und unten.




























Hiermit habe ich geschickt ins Bild gebracht, worum es in diesem Kapitel geht. Nämlich um das Gitter, das den Turm suizidsicher macht. Seit einigen Wochen ist es nämlich Mode, daran, wie an ähnlichen Gittern in anderen Städten (Paris!), Vorhängeschlösser anzubringen, sofern man als liebendes Paar den Turm besucht. (Wenn das so weitergeht, wird man bald nur noch Schlösser sehen und keine Aussicht. Das Gitter ist sehr hoch!)
Auf der Plattform waren, außer mir, ein junger Mann und eine junge Frau, die sich auf Englisch unterhielten. Er hatte einen leichten Akzent, sie nicht. Ich stand daneben und fotografierte und konnte gar nicht anders als mitzuhören. Die Beiden hatten sich ganz offenhörig eben erst kennen gelernt. Er erklärte ihr nämlich gerade, was die Vorhängeschlösser symbolisieren. Ob seine Erklärung stimmt, kann ich nicht beurteilen, ich hielt das einfach für einen sinnlosen Gag.
Angeblich steht jedes Schloss für einen Treueschwur: Ewige Liebe - so lange das Schloss dort hängt! Folgerichtig fragte die junge Frau, sie war noch sehr jung, ob denn das Schloss entfernt werden müsse, wenn das mit der Treue nicht funktioniert habe. Eigentlich schon, antwortete er. 
Mir war aufgefallen, dass sie sich während des Gesprächs näher gekommen waren und vermutete, dass sie sich schon unten kennen lernten und er dann den Vorschlag machte, den Turm zu besuchen, um ihr die Schlösser zu zeigen. (Früher war es die Briefmarkensammlung. Jaja, die Zeiten ändern sich. Seufz.)
Plötzlich gab ein Handy Töne von sich. Ich habe keins. Es war seins. Automatisch trat er einen Schritt beiseite.
"Hallo Liebling!° rief er erfreut ... Deutsch war seine Mutterssprache.
Es folgte eine schäkernde Erklärung dass er noch "geschäftlich aufgehalten" worden sei, "ein sehr wichtiges Gespräch" und, ja, er habe daran gedacht den Fisch mitzubringen und es würde einfach ein bisschen später werden. "Küsschen ... Bis gleiheich!" Er hatte eine leichte Hinterkopfglatze, ganz so jung war er also nicht mehr.
Inzwischen war ich leicht in den Hintergrund getreten, zeigte keinerlei Interesse an den beiden und fotografierte die öde, neu entstehende Stadtlandschaft neben den durch Stuttgart 21 langsam ganz verschwindenden Gleisen. Siehe unten.


Die junge Frau verstand kein Deutsch, das wurde mir klar, als sie seine Entschuldigung und dass ein Kollege, der noch arbeite, eine Auskunft haben wollte, ohne Einwände hinnahm. Ich zog mich noch weiter in den Hintergrund zurück, der Turm bietet dazu genügend Platz und auch Winkel. Gut, ich gebe zu, das war indiskret, aber inzwischen zu interessant um einfach weg zu gehen.
Er wandte sich ihr wieder zu und, nachdem er sich unbeobachtet glaubte, trat er hinter sie. Es kam zu Körperkontakt, dem sie nicht auswich, sogar eher noch entgegenkam. Sein vorderer Unterleib rieb sich wiegend ... dann bin ich gegangen. Es war ja ganz offensichtlich, warum die zwei auf den Turm gefahren waren. Ein Schloss sah ich sie allerdings nicht anbringen.
Ich entschloss mich, nicht den Aufzug zu nehmen, sondern die lange, schmale Wendeltreppe nach unten zu gehen. Dabei dachte ich an die Kälte auf dem Turm und dass der November doch gar nicht die Zeit für Frühlingsgefühle ist, der oben erwähnte Schlager ging mir durch den Kopf und dann dachte ich, dass wahrscheinlich der Klimawandel an allem Schuld ist. 
Auf jeden Fall bestand für den Fisch in seinem Rucksack keine Gefahr!
Ich war heute noch einmal auf dem Turm und habe ein paar Bilder gemacht, nur dammit niemand glaubt ich würde das alles erfinden!























































Übrigens habe ich mich kurz mit einer sehr netten jungen Frau am Info-Desk des Turms unterhalten und sie klärte mich über den Zweck und Sinn des Gitters auf dem Turm auf. Von wegen Suizidverhinderung, das wäre das kleinere Übel, das käme so gut wie nie vor, nein: Es ist der Müll den manche Turmbesucher über die Brüstung zu entsorgen pflegten!
"Schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!" (Shakespeare, Der Sturm, wurde am 1. November 1611 uraufgeführt)

Bald hängt ein neues Schloss am Gitter! ...