Hamlet stellt eine rein rhetorische Frage, dazu noch an einen Toten, auf die es dann tausend und mehr Antworten gäbe, wenn man überhaupt eine haben möchte. Sein oder nicht sein. Das ist keine Frage, wer nicht ist, stellt keine Fragen. Shakespeare fragt ja auch nicht wirklich und Hamlet schäkert nur mit dem Tod, der ihn dann konsequenterweise auch ereilt. Der Rest ist Schweigen.
Wann ich angefangen habe über die Natur des Seins, über deren Möglichkeiten nachzudenken, weiß ich nicht mehr. Die Lektüre aller möglichen "Bildungsbücher", ich konnte früh lesen, noch ehe ich zur Schule ging, weckte Fantasien in mir, die mich zum unbezwingbaren Minotauros, zum fliegenden Daedalos, zum steinreichen Graf von Monte Christo machten. Bildung braucht Leitung. Ich hatte keine. Ich las und wurde zum Geschöpf der Autoren. Es war mir möglich unsichtbar durch Wände zu gehen und unermessliche Schätze anzusammeln. ... Schließlich entwendete ich, zwölfjährig, einer Schulkameradin 25 Pfennig um mir eine Schülerzeitschrift, "Der Sommergarten" zu kaufen. Es ist das einzig Kriminelle das ich in meinem Leben begangen habe und es verfolgt mich bis in meinen Tod. Sein oder nicht Sein. Das Gewissen ist eine schreckliche Macht. Was Ist Ist.
Vor einigen Tagen bekam ich eine neue Waschmaschine. Es war höchste Zeit. Die alte hatte 25 Jahre Dienstleistung hinter sich und aus ihrem rückwärtigen Inneren rann rostige Flüssigkeit, ganz abgesehen davon, dass die Geräusche die sie beim Schleudergang von sich gab die Wände vibrieren ließen und sich direkt auf meine Nerven übertrugen, vom Gehör ganz zu schweigen.
Die Anlieferung und Aufstellung, nebst Entsorgung des Altgerätes, war für den 13. 8. zwischen 9 und 12 Uhr vereinbart. Kurz vor 10 Uhr klingelte es ...
Ich erinnere mich an einen Film, den ich in meiner Kindheit, während der Schulzeit, gesehen habe: "Der kleine Muck", ein Film mit vielen Tricks, die meine Fantasie in Realität umzuwandeln versuchte. Magie und Zauberei sollten mein Leben verändern. Hat natürlich nicht funktioniert.
Dann sah ich Walt Disneys "Peter Pan" und ich war verloren. Ich wollte fliegen können.
"Der zweite Stern von rechts und dann immer gerade aus bis zum Morgen." Dort ist Nimmerland! Dort ist meine Vergangenheit. Dort ist meine Zukunft.
Wir alle leben in Märchen, anders ist das Leben ja gar nicht zu ertragen. Die Fantasie gibt uns die Fähigkeit zu fliegen und in den Träumen können wir es sogar. Die Welt wird so viel weiter, bunter, reicher, je mehr wir der Wirklichkeit gestatten hinter die Wahrscheinlichkeit zurück zu treten.
Der Mann der so gegen zehn Uhr klingelte war jung, noch nicht 30, schätzte ich. Groß, athletisch, gutaussehend. Ein Adonis wie es heutzutage unzählige gibt. Er trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt, das seinen Körper vorteilhaft betonte. Aus den Ärmeln des Hemds und über die sportliche Kragenlinie krochen die Farben, Linien und Figuren von Tatoos. Und plötzlich dachte ich an Peter Pan, an Nimmerland, den Traum vom Alles können und nicht erwachsen werden. An alles was uns das Leben vorenthält und das wir mit ein paar Arabesken auf der Haut, oder mit einem Kinobesuch herbeizuzaubern versuchen. Es bewahrt uns nicht vor dem Aufstellen von Waschmaschinen oder der Erkenntnis, dass uns nur der Tod fliegen lassen wird.
Sein ist wie nicht Sein, je nachdem auf welcher Seite man sich befindet.
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