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Freitag, 4. April 2014

Das Wandern ist … Lust.


Diese Lust nur den Müllern zuzuschreiben wäre, beim derzeitigen Stand der Dinge, zu bescheiden, um nicht zu sagen unrealistisch. (Außerdem hat der Dichter Wilhelm Müller wahrscheinlich an sich selbst gedacht, als er die Zeilen niederschrieb.) Da wäre die "Wanderhure" zu berücksichtigen, die durch die Bücherregale und Fernsehkanäle wandert, dichtauf gefolgt von der "Pilgerin", die ja auch wandert, in Gottes Namen eben, aber zu Fuß, und zum Glück ist da auch noch "Die Wanderapothekerin", die den körperlichen Beschädigungen, welche den beiden Wanderkolleginnen widerfahren könnten, mit den probaten Remedien begegnen kann. Übrigens gibt es "Die Wanderhure" und das in einer Zeit, in der Penicillin noch lange nicht entdeckt war, (ach so, Amerika ja auch noch nicht, na dann) in drei Teilen. "Der Wanderchirurg" ist ebenso unterwegs wie "Der Wanderschäfer". Die Wanderdüne, der Wanderfalke, und die Wanderratte sind bisher noch nicht in Romanform unterwegs, eben so wenig wie die Wanderniere. 
Womit ich beim Thema wäre. 
(Irgendwann, irgendwo in diesem Blog habe ich erwähnt, dass ich als als Siebenjähriger einen Aufsatz schrieb mit dem Titel "Der Wandersmann", der meine Lehrerin hell entzückte, darum verzichte ich an dieser Stelle näher darauf einzugehen.)
Ich habe eine Wanderniere
Irgendwie klingt das romantisch. Man stelle sich eine Niere vor, die im Körper, zwar auf begrenztem Raum aber immerhin, auf und ab und hin und her wandert. Allerdings  muss man sich dieses Wandern wohl mehr als ein Gleiten vorstellen, denke ich, da ihr ja keine Fortbewegungshilfsmittel, wie Beine oder Rollen, zur Verfügung stehen. Sie gleitet also im Nierenbecken, wie auf einem Fluss, nur ohne Boot, durch mein, oder entlang meinem Körpergewebe. Muss ich mir das bei totaler Dunkelheit vorstellen? Nachts wohl schon, und im Winter, unter all den Pullovern und Anoraks. Aber am Tag? Bei strahlendem Sonnenschein und nur mit einer Badehose bekleidet? Schimmert da ein rosiges Licht durch die Fettschicht auf meiner Hüfte und zeigt ihr Adern und Äderchen durch die mein Blut fließt in dem die Schadstoffe transportiert werden, die sie dann entsorgen soll? Wird man da nicht depressiv? Habe ich deshalb morgens auf der rechten Seite Rückenschmerzen, nur meine rechte Niere wandert, weil sie dem seelischen Stress nicht gewachsen ist? Darüber mache ich mir schon Gedanken! Und auch darüber, wieviele Kalorien die Niere beim Wandern verbrennt. Vielleicht wiege ich ja deshalb am Morgen immer 300 Gramm weniger als am Abend. Ich wiege mich regelmäßig, da fällt einem so etwas auf! Gibt es eine "Wandernieren-Diät" mit der man im Schlaf abnehmen kann?
Jetzt überlege ich, ob ich nicht doch noch versuchen sollte, das Meditieren zu beherrschen. Einfach im Bett zu liegen, die Gedanken langsam heraussickern zu lassen und dann meiner Niere zu lauschen und dem, was sie auf ihrer Wanderschaft alles erlebt und sieht, ihre Ängste vor Kälte, Nierensteinen oder gar einer Transplantation. Obwohl ich als Spender, wegen meines Alters, gar nicht mehr in Betracht komme. Aber weiß sie das? Sollte ich mehr mit ihr reden? Wie wird das aber auf die Passanten wirken, die mich jetzt schon besorgt ansehen wenn ich zu meinem rechten Bein sage: "Du musst den Fuss akzeptieren, ihm helfen wieder ins normale Leben zurück zu finden. Ich weiß, dass das schwierig ist nach 26 Jahren, und ich kann ja verstehen, dass Du Dich fragst ob sich das bei meinem Alter noch lohnt, aber sieh es doch einmal so ..." Und so weiter. Jetzt also auch noch Nierenmonologe? Ich könnte dann aber irgendwann einen 800seitigen Roman schreiben mit dem Titel: "Die Wanderniere". Und wenn es ein Bestseller wird, kann ich noch Teil 2 und Teil 3 folgen lassen und eventuell als ein Prequel: "Die Mutter der Wanderniere". Die Filmrechte würden einen schönen Batzen Geld bringen ... 
Entschuldigt mich bitte, ich lege mich eben mal auf mein Bett und leite die Meditation ein!

Samstag, 28. Dezember 2013

Ein Wunder?

Es heißt, dass Totgesagte länger leben und dass der Suchende findet. Beides kann man glauben oder bezweifeln. Aber eines ist sicher: Mein verschollener, von mir vernichtet geglaubter Roman ist tatsächlich wieder aufgetaucht! Abschied von Aschenbach lebt! Ein Wunder! … Na ja, er lag im Bettkasten, weiß Gott wie lange schon, und dort hatte ich ihn nicht vermutet und deshalb auch nicht gesucht. Gestern Abend hatte ich ein Glas Apfelschorle  auf den Nachttisch gestellt, für den Fall, dass ich nachts Durst bekommen sollte, weil der Schinken, den ich zum Abendbrot gegessen habe etwas versalzen war. Zumindest für meinen Geschmack. Ich mag moderat Gesalzenes. Auf jeden Fall  stand das Glas heute früh noch unberührt auf dem Nebenbettmöbel und als ich mich anzog, wischte ich es mit einem Armschlenker direkt ins Bett. Man kann noch so schnell sein, ein Glas lässt seinen Inhalt sofort und total los, wenn man es irgendwohin wirft, absichtlich oder nicht. Natürlich habe ich "Scheiße!" gebrüllt und auf dem Weg in die Küche, um Küchenrolle zum Aufsaugen zu holen, kräftig geflucht, allerdings ohne den Namen Gottes zu erwähnen. Ich saugte also so viel Flüssigkeit auf wie oberflächlich noch möglich war und klappte dann die Matratze hoch, es ist so ein Bett wo das geht, um zu sehen, ob Nässe in den Bettkasten gedrungen war. Der Bettkasten dient eigentlich dazu, die Bettmöblierung, also Kissen und Decken und Schlafanzug, tagsüber verschwinden zu lassen, wenn man in einer 1-Zimmer Wohnung wohnt. Ich wohne aber nicht in einer solchen und nutze den Bettkasten als Stauraum für meine Plakate … pardon, Poster Sammlung. Das sieht dann so aus:





























Ja, und da liegt er und tut so als hätte ich nicht die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt um ihn zu finden. Es ist der Papierpacken mit dem braunen Deckel.





























395 Seiten. Auf einer Uraltschreibmaschine mühsam im Zweifingersystem von unendlich vielen Seiten handgeschriebenem Manuskript, deshalb heißt es ja Manuskript, abgetippt, gelocht und abgeheftet. Ein Meisterwerk! der Geduld. 
























































Mein Opus 1! Die Kurzgeschichten zählen ja nicht. Manch einem wären vor Rührung die Tränen gekommen. Ich versicherte mich erst einmal, dass keine Nässe durch die Bettaufklappe gedrungen war. Alles trocken. Na gut, dann freue ich mich jetzt eben, dass ich ihn gefunden habe. Aber tue ich das wirklich? Als Verschollener hatte er etwas geheimnisvolles, unbeschreibliches angenommen. Er  wurde zur Legende. Jetzt ist er da. 1,9 kg schwer, 395 Seiten, am 13. Juni 1981 vollendet. Reines Herzblut! Selbstverständlich habe ich sofort angefangen zu lesen. Na ja, dachte ich dann, ich war jung und zum Glück habe ich das Geld nicht gebraucht!






































Fängt so ein Bestseller an? Ich glaube nicht. Aber lesen werde ich ihn trotzdem ganz, schon um zu sehen ob mein Venedigbild, an das ich mich ja genau zu erinnern glaube, wirklich einmal so war. Vergleiche habe ich jetzt ja genügend … obwohl, auch hier, oder gerade hier gilt: Genug ist nie genug.




























Habe ich schon erwähnt, dass der Roman aus drei Teilen besteht? Jedem Teil ist ein "Motto" voran gestellt, ein literarisches Zitat. Der erste Teil hat A. Schnitzler zum Paten. Da kann es ja nur dramatisch werden!


Irgendwann werde ich das alles scannen müssen ...
















Sonntag, 6. Oktober 2013

War das damals wirklich so?


Ich blättere in meinen Notizbüchlein und bin entsetzt! Und fasziniert. War das wirklich so, oder habe ich es für meinen Roman zusammenfantasiert? Hoffentlich Letzteres!
Als ich in die Bahnhofshalle hochfahre (Rolltreppe), sehe ich Aki unten vorbei gehen. Er sieht mich nicht. Gottseidank!, denke ich. Was haben mich die beiden, Aki und sein eineiiger Zwillingsbruder Joisi doch Nerven und Geld gekostet. Sie haben die größten primären Geschlechtsteile, männlich, die ich je gesehen habe! (Daran hat sich nichts geändert!) Er geht in die untere Spielhalle ... Ich habe viel Zeit ... Soll ich, oder soll ich nicht? Er hat ja wirklich ein beachtliches Ding und wird von diesem beherrscht, so dass er, auf eine gewisse Art interessant ist. 
(Wie gesagt, ich arbeitete an einem `Roman´, der eine gewisse Fortschreibung von "Tod in Venedig" werden sollte. Während bei Thomas Mann aber Homosexualität nur ein verschleiertes Bedürfnis ist, seiner Zeit entsprechend, sollte es in meinem Roman eine in der Wirklichkeit angekommene `Menschlichkeit´ sein. Das war so um 1970 herum, ich war über 30, also nach dem Alter, in dem man Karriere gemacht haben muss. Allerdings ging mir Karriere glatt am nackten Arsch vorbei, interessierte mich nicht, wollte ich nicht ... Dabei ist es geblieben. ...) 
Ich gehe langsam durch die große Schalterhalle und erinnere mich genau an die Stelle wo der große Weihnachtsbaum stand, unter dem ich Aki zum ersten Mal ansprach. ... Hier oben ist nichts los, außer dem Üblichen, also Nichts. ... Durch die Scheibe der Spielsalontür sehe ich Aki an einem der Automaten spielen. Soll ich hineingehen und ihn ansprechen? Oder soll ich froh sein, dass ich ihn los bin. Ich spreche ihn nicht an, bin aber auch nicht froh ihn los zu sein. - Ich gehe in den Park. ... Die Klappe am Busbahnhof ist zu. Wird gereinigt. ... Unterwegs zur nächsten Klappe begegne ich Fred. ...
(Ihn hat es wirklich gegeben. Er war, wie ich, Buchdrucker, allerdings einige Jahre älter. Nach dem Krieg, vor dem Wirtschaftswunder, fälschte er Lebensmittelkarten und kam dafür ins Gefängnis. Ob er dort schwul wurde, oder es schon vorher war, weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht danach gefragt, mich interessierte nur, dass er `schwul´ war und damit relevante Details zu meinem Roman liefern konnte. Hat er allerdings nicht. Seine Geschichte war ein Roman für sich. Er verliebte sich schlussendlich in einen wesentlich jüngeren Mann, ließ diesen ans Steuer seines Autos und wurde zum körperlichen und geistigen Krüppel gefahren. Das war allerdings nach dem von mir geschilderten Abend vor meiner Venedigreise.)
Er sieht verloren aus und wird außerdem fett. - Müsste man über ihn eine Geschichte schreiben, oder sollte man ihn einfach vergessen? Der Gedanke bewegt mich unterbewusst. - Auf der anderen Klappe ist auch nur die eigene Gegenwart zu bedauern. -
Ich habe das so später im Zug aufgeschrieben, also in der Absicht, oder in dem Bewusstsein, dass das nur Fiktion ist, ein Szenarium für einen Roman. Aber heute muss ich zugeben, dass es wirklich so war, oder zumindest, dass meiner Fantasie Grenzen gesetzt sind. Fred hat gelebt, ist mir begegnet, hat mir seine Geschichte erzählt und sein junger Freund, den ich nach Freds Tod, er starb jung für sein Alter, sagte banal, als ich ihn fragte, wie es zu dem Unfall kommen konnte, dass Fred "das ja so haben wollte". Was immer das bedeutet. Aber war das mit Aschenbach denn anders? Wollte er es nicht auch "so haben"? Meine Fantasie schlug damals Purzelbäume und ich stellte mir vor, dass er, Aschenbach, gar nicht in Venedig starb, wie in der Novelle, sondern dass er aus Venedig abreiste, nachdem er den Knaben Tadzio `berührt´ hatte, sittlich oder unsittlich sei dahingestellt. ... Ich war angefüllt mit Bildern, die sich Bahn brachen, wie Erbrochenes nach einer Alkoholnacht.
Im Bahnhof bin ich plötzlich ratlos und fast verzweifelt. Was will ich eigentlich in Venedig? Was will ich hier? Die totale Desorientierung, die mich seit zwei Jahren verfolgt, stellt wieder einmal ihre bösen, blutenden Fragen. -
Und so weiter. Ich spiele mit Selbstmordgedanken, die natürlich die eines Anderen sind, ich versteige mich in Surrealitäten und lande schließlich bei einem banalen ... könnte mich nur noch auf mich selbst konzentrieren und dann gäbe es nichts mehr zu berichten, weil ich mich in Erinnerungen verirren würde und sie sind keine Gedanken. -
Ich habe dann noch in einem Bahnhofrestaurant Kässpätzle gegessen und ein Viertel Rotwein getrunken ... aber das habe ich ja schon in einem anderen Kapitel berichtet. 
Wir kommen immer wieder auf uns selbst zurück, egal wie weit wir uns von uns entfernen. 
Auch darum reise ich noch einmal nach Venedig.