Ich blättere in meinen Notizbüchlein und bin entsetzt! Und fasziniert. War das wirklich so, oder habe ich es für meinen Roman zusammenfantasiert? Hoffentlich Letzteres!
Als ich in die Bahnhofshalle hochfahre (Rolltreppe), sehe ich Aki unten vorbei gehen. Er sieht mich nicht. Gottseidank!, denke ich. Was haben mich die beiden, Aki und sein eineiiger Zwillingsbruder Joisi doch Nerven und Geld gekostet. Sie haben die größten primären Geschlechtsteile, männlich, die ich je gesehen habe! (Daran hat sich nichts geändert!) Er geht in die untere Spielhalle ... Ich habe viel Zeit ... Soll ich, oder soll ich nicht? Er hat ja wirklich ein beachtliches Ding und wird von diesem beherrscht, so dass er, auf eine gewisse Art interessant ist.
(Wie gesagt, ich arbeitete an einem `Roman´, der eine gewisse Fortschreibung von "Tod in Venedig" werden sollte. Während bei Thomas Mann aber Homosexualität nur ein verschleiertes Bedürfnis ist, seiner Zeit entsprechend, sollte es in meinem Roman eine in der Wirklichkeit angekommene `Menschlichkeit´ sein. Das war so um 1970 herum, ich war über 30, also nach dem Alter, in dem man Karriere gemacht haben muss. Allerdings ging mir Karriere glatt am nackten Arsch vorbei, interessierte mich nicht, wollte ich nicht ... Dabei ist es geblieben. ...)
Ich gehe langsam durch die große Schalterhalle und erinnere mich genau an die Stelle wo der große Weihnachtsbaum stand, unter dem ich Aki zum ersten Mal ansprach. ... Hier oben ist nichts los, außer dem Üblichen, also Nichts. ... Durch die Scheibe der Spielsalontür sehe ich Aki an einem der Automaten spielen. Soll ich hineingehen und ihn ansprechen? Oder soll ich froh sein, dass ich ihn los bin. Ich spreche ihn nicht an, bin aber auch nicht froh ihn los zu sein. - Ich gehe in den Park. ... Die Klappe am Busbahnhof ist zu. Wird gereinigt. ... Unterwegs zur nächsten Klappe begegne ich Fred. ...
(Wie gesagt, ich arbeitete an einem `Roman´, der eine gewisse Fortschreibung von "Tod in Venedig" werden sollte. Während bei Thomas Mann aber Homosexualität nur ein verschleiertes Bedürfnis ist, seiner Zeit entsprechend, sollte es in meinem Roman eine in der Wirklichkeit angekommene `Menschlichkeit´ sein. Das war so um 1970 herum, ich war über 30, also nach dem Alter, in dem man Karriere gemacht haben muss. Allerdings ging mir Karriere glatt am nackten Arsch vorbei, interessierte mich nicht, wollte ich nicht ... Dabei ist es geblieben. ...)
Ich gehe langsam durch die große Schalterhalle und erinnere mich genau an die Stelle wo der große Weihnachtsbaum stand, unter dem ich Aki zum ersten Mal ansprach. ... Hier oben ist nichts los, außer dem Üblichen, also Nichts. ... Durch die Scheibe der Spielsalontür sehe ich Aki an einem der Automaten spielen. Soll ich hineingehen und ihn ansprechen? Oder soll ich froh sein, dass ich ihn los bin. Ich spreche ihn nicht an, bin aber auch nicht froh ihn los zu sein. - Ich gehe in den Park. ... Die Klappe am Busbahnhof ist zu. Wird gereinigt. ... Unterwegs zur nächsten Klappe begegne ich Fred. ...
(Ihn hat es wirklich gegeben. Er war, wie ich, Buchdrucker, allerdings einige Jahre älter. Nach dem Krieg, vor dem Wirtschaftswunder, fälschte er Lebensmittelkarten und kam dafür ins Gefängnis. Ob er dort schwul wurde, oder es schon vorher war, weiß ich nicht. Ich habe ihn nicht danach gefragt, mich interessierte nur, dass er `schwul´ war und damit relevante Details zu meinem Roman liefern konnte. Hat er allerdings nicht. Seine Geschichte war ein Roman für sich. Er verliebte sich schlussendlich in einen wesentlich jüngeren Mann, ließ diesen ans Steuer seines Autos und wurde zum körperlichen und geistigen Krüppel gefahren. Das war allerdings nach dem von mir geschilderten Abend vor meiner Venedigreise.)
Er sieht verloren aus und wird außerdem fett. - Müsste man über ihn eine Geschichte schreiben, oder sollte man ihn einfach vergessen? Der Gedanke bewegt mich unterbewusst. - Auf der anderen Klappe ist auch nur die eigene Gegenwart zu bedauern. -
Ich habe das so später im Zug aufgeschrieben, also in der Absicht, oder in dem Bewusstsein, dass das nur Fiktion ist, ein Szenarium für einen Roman. Aber heute muss ich zugeben, dass es wirklich so war, oder zumindest, dass meiner Fantasie Grenzen gesetzt sind. Fred hat gelebt, ist mir begegnet, hat mir seine Geschichte erzählt und sein junger Freund, den ich nach Freds Tod, er starb jung für sein Alter, sagte banal, als ich ihn fragte, wie es zu dem Unfall kommen konnte, dass Fred "das ja so haben wollte". Was immer das bedeutet. Aber war das mit Aschenbach denn anders? Wollte er es nicht auch "so haben"? Meine Fantasie schlug damals Purzelbäume und ich stellte mir vor, dass er, Aschenbach, gar nicht in Venedig starb, wie in der Novelle, sondern dass er aus Venedig abreiste, nachdem er den Knaben Tadzio `berührt´ hatte, sittlich oder unsittlich sei dahingestellt. ... Ich war angefüllt mit Bildern, die sich Bahn brachen, wie Erbrochenes nach einer Alkoholnacht.
Im Bahnhof bin ich plötzlich ratlos und fast verzweifelt. Was will ich eigentlich in Venedig? Was will ich hier? Die totale Desorientierung, die mich seit zwei Jahren verfolgt, stellt wieder einmal ihre bösen, blutenden Fragen. -
Und so weiter. Ich spiele mit Selbstmordgedanken, die natürlich die eines Anderen sind, ich versteige mich in Surrealitäten und lande schließlich bei einem banalen ... könnte mich nur noch auf mich selbst konzentrieren und dann gäbe es nichts mehr zu berichten, weil ich mich in Erinnerungen verirren würde und sie sind keine Gedanken. -
Ich habe dann noch in einem Bahnhofrestaurant Kässpätzle gegessen und ein Viertel Rotwein getrunken ... aber das habe ich ja schon in einem anderen Kapitel berichtet.
Wir kommen immer wieder auf uns selbst zurück, egal wie weit wir uns von uns entfernen.
Auch darum reise ich noch einmal nach Venedig.
Ich habe das so später im Zug aufgeschrieben, also in der Absicht, oder in dem Bewusstsein, dass das nur Fiktion ist, ein Szenarium für einen Roman. Aber heute muss ich zugeben, dass es wirklich so war, oder zumindest, dass meiner Fantasie Grenzen gesetzt sind. Fred hat gelebt, ist mir begegnet, hat mir seine Geschichte erzählt und sein junger Freund, den ich nach Freds Tod, er starb jung für sein Alter, sagte banal, als ich ihn fragte, wie es zu dem Unfall kommen konnte, dass Fred "das ja so haben wollte". Was immer das bedeutet. Aber war das mit Aschenbach denn anders? Wollte er es nicht auch "so haben"? Meine Fantasie schlug damals Purzelbäume und ich stellte mir vor, dass er, Aschenbach, gar nicht in Venedig starb, wie in der Novelle, sondern dass er aus Venedig abreiste, nachdem er den Knaben Tadzio `berührt´ hatte, sittlich oder unsittlich sei dahingestellt. ... Ich war angefüllt mit Bildern, die sich Bahn brachen, wie Erbrochenes nach einer Alkoholnacht.
Im Bahnhof bin ich plötzlich ratlos und fast verzweifelt. Was will ich eigentlich in Venedig? Was will ich hier? Die totale Desorientierung, die mich seit zwei Jahren verfolgt, stellt wieder einmal ihre bösen, blutenden Fragen. -
Und so weiter. Ich spiele mit Selbstmordgedanken, die natürlich die eines Anderen sind, ich versteige mich in Surrealitäten und lande schließlich bei einem banalen ... könnte mich nur noch auf mich selbst konzentrieren und dann gäbe es nichts mehr zu berichten, weil ich mich in Erinnerungen verirren würde und sie sind keine Gedanken. -
Ich habe dann noch in einem Bahnhofrestaurant Kässpätzle gegessen und ein Viertel Rotwein getrunken ... aber das habe ich ja schon in einem anderen Kapitel berichtet.
Wir kommen immer wieder auf uns selbst zurück, egal wie weit wir uns von uns entfernen.
Auch darum reise ich noch einmal nach Venedig.
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