Sonntag, 8. Februar 2015

Uhren aufziehen




















Dazu bedarf es eines Schlüssels. Und wenn man viele Uhren hat, braucht man auch viele Schlüssel, weil "Norm" den Uhrenbauern wohl ein Fremdwort war. Sie kreierten Individuen, nicht Lebewesen, aber lebendige Dinge. Und jedes individuelle Ding braucht einen persönlichen Zugang. Den Schlüssel.
Ich werde hier keine Geschichte der Uhren schreiben, dazu weiß ich viel zu wenig über sie. Aber werde versuchen zu schildern, was ich beim Aufziehen der Uhrwerke empfinde. Wenn ich eine Uhr aufziehe, ihr also wieder die Frist gebe, die sie braucht um mir die Zeit zu zeigen, dann gebe ich auch mir wieder eine Frist und zeige mir die Zeit. Es ist, genau betrachtet, ein philosophischer Austausch zwischen mir und einem Ding.


Uhren sind schöne Dinge. Zumindest waren sie es, als man die Zeit noch lebte, nicht maß. Zeit leben ist Ewigkeit, Zeit messen ist Tod. Das ist meine Meinung.
Der Mensch schuf die Uhr, (Sanduhren, Wasseruhren) nachdem er ZEIT als Phänomen erkannt hatte, um das Erlebte zuordnen zu können, nicht um es zu zerstückeln. Er betrachtete Zeit als eine Spirale, nicht als Kreis. 
Unsere Uhren sind ein Misskonstrukt, ein Versuch die Zeit zu "bändigen", sie zu fesseln. Aber ihre Schönheit entschuldigt diese Diskrepanz. Als Ästhet kann der Mensch die Zeit nur als "schön" empfinden, sonst wäre sie unertragbar. 
Jede Zeit erschafft sich ihre Uhren. Die Vergangenheit zeigte noch ihren ewigen U(h)rsprung, die Gegenwart erkennt noch ihre minimalisierte Existenz. Wie sieht die Uhr der Zukunft aus? Einen Zeiger der permanent auf Null steht ... Steigerung ist nur möglich wo Zeit nicht existiert! Das ist meine Meinung.
Manche meiner Uhren haben sogenannte 8-Tage-Werke, das heißt, dass die, mit einmal Aufziehen, acht Tage lang laufen. Danach bleiben sie nicht stehen, sie geben mir noch eine Chance, sie weiterhin am Laufen zu halten ... Manchmal denke ich, wenn ich sie aufziehe, dass Gott am achten Tag den Tod erschuf und dass alles danach nur eine Frage der Zeit ist.


Eine Anekdote am Rande: Einmal fuhr ich in der Straßenbahn von Stuttgart Süd nach Stuttgart Vaihingen. Die Bahn war voll, es war Rush-hour. Mir gegenüber saß ein Mann, sichtbar mit Migrationshintergrund, (ich erkannte ihn sofort als Italiener, wobei ich Italiener eher nicht als Migranten, sondern als uns besuchende Nachbarn betrachte. Das ist meine Meinung.) der ein Paket auf den Knien balancierte. Ich betrachtete beiläufig das Paket und als ich meinen Blick hob, sah ich, dass der Mann mich dabei beobachtete. Ich lächelte und er sagte: "Ist Hure. Hure für Wand." Ich wusste sofort was er meinte.


"Hure für Wand" z. B.


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