Was macht Mann, wenn er ab 4 Uhr wach liegt? Er wälzt sich von Seite zu Seite, verharrt in der Rückenlage und probiert die Bauchlage und wirft das Handtuch, wenn die Uhren Fünfe schlagen. Das Waschritual erschöpft sich in zwei handvoll Wasser die ich mir locker in's Gesicht schmeiße, VORSICHT AUGE!, Kaffee machen, ein Blick durchs Fenster: Nein, die Wespen sind noch nicht aktiv. (Normalerweise werfe ich den ersten Blick frühestens um halb Acht hinaus und da sind sie schon sehr fleißig bei der Arbeit, und das bis spät abends, wenn es schon richtig dunkel ist. Kein Job für Faulpelze, das steht fest. Um 10 vor 7, als ich zur Toilette ging, war Mathilda schon da!)
Gestern habe ich den Arbeitsbereich weg vom Fenster an die Uhrenwand verlegt und endlich einen Platz für das kleine Sofa geschaffen, das seit dem Erwerb des Stressless Sessels ein unwürdiges Wanderdasein durch die Wohnung fristete.
Selbstverständlich ging das nicht ohne andere Umstellungen ab. Die Standuhr wollte partout nicht mehr an ihren Platz passen und ich stellte sie dann neben den Durchgang zum "Fernseh- und Lesezimmer", obwohl sie sich dort nicht wohl fühlt.
So hatte ich aber endlich genügend Freiraum für meinen "Creative Corner", wie wir Schwaben sagen, siehe unten. An der freien Wandfläche stand die Uhr (siehe oben) und dafür habe ich ein Bild gefunden "Der Distelfink", das zur Zeit gerahmt wird.
Ich setzte mich also vor den PC, umrauscht vom Ticken und Tacken der Uhren und ihrem lauten Zeitverkünden zu jeder viertel Stunde und überlegte, welchen Einstieg ich zu diesem Kapitel finden könnte.
So viel zur Einleitung.
Ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und schreiben: die Augenoperation geriet zu einem Höllentrip. Wobei ich aber beim Thema bin.
Anmelden in der Augenklinik ist für mich ja langsam zur Routine geworden und das Warten bin ich inzwischen auch gewohnt. Mit mir wartete eine etwas ältere Frau, also älter als ich, die eine Dolmetscherin dabei hatte, Die beiden unterhielten sich in einer Fremdsprache, die ich als Russisch klassifizierte. Später erwies sich das als richtig.
Sie lebt zwar seit über zwanzig Jahren in Deutschland, spricht aber ein Kauderwelsch (darf man das Wort noch benutzen?) aus Russisch, Deutsch und etwas das die Pflegerin als "Alemanisch" einschätzte, (da sie aber türkischen Hintergrund hat, hielt ich das nicht für überzeugend) ich aber eher Wolgadeutsch nennen würde. Wenn sich die Frau aufregte, und sie war fast immer aufgeregt, purzelten die Wörter so hastig und bunt gemischt aus ihrem Mund, dass nichts zu verstehen war außer "Bahnhof". (Sie wurde zur selben Zeit wie ich operiert und bei ihr ging alles glatt, ohne Komplikationen und wir wurden auch am selben Tag entlassen. Ich fühle mich beinahe verwandt mit ihr.)
Diesmal wurde ich in Zimmer 102 einquartiert. (Das Zimmer, in das ich beim ersten Termin gelegt werden sollte, das aber von Frauen belegt war.) Hier erlebte ich eine Überraschung: ein 4-Bett-Zimmer, in dem nur zwei Betten standen! Sogar nagelneue Betten, wie mich die einweisende Person stolz wissen ließ. Donnerwetter! Und ein eigenes Bad hatte ich auch!! Denken die etwa ich wäre privat Versichert? Aber nein, ich hatte ja mein AOK-Kärtchen vorgelegt. Wohl nur ein vorübergehender Zustand, dachte ich, vielleicht ist der Bettenhersteller mit der Lieferung im Verzug. Kein Grund zum Meckern, zumindest für mich! Siehe unten.
Da schon fest stand, dass ich für (oder gegen?) Glaukom und Katarakt operiert werden sollte, dauerte die Voruntersuchung keine fünf Minuten. Befund wie gehabt, Augendruck rechts 17 (das ist OK), links 23 (nicht so gut) und ab in die Warteschleife.
Gefrühstückt hatte ich nur eine Tasse Kaffee und deshalb war ich froh, dass um 11:30 Uhr das Mittagessen gebracht wurde. Um 11:33 Uhr hieß es: "Herr Lang, bitte zur Operation." Ich steckte noch schnell ein Stück Salzkartoffel in den Mund und bat meinen Mitbewohner, mein Essen nicht abräumen zu lassen. Er versprach es. (Das Essen war auch noch da als ich zurück kam, mehr als eine Stunde später, zwar kalt, aber ich aß alles: panierte Putenbrust, gedämpfte Möhrchen und Salzkartoffeln mit brauner Soße, zum Nachtisch Fruchtcreme, obwohl ich während der Operation dachte: Das überlebe ich nicht!)
Die nette Pflegerin, die ich beim ersten Besuch als osteuropäisch eingeordnet hatte, die aber, wie mich die Stationsschwester später aufklärte, aus Griechenland stammt, begleitete die in ein kompliziertes Selbstgespräch verwickelte Wolgarussin und mich in das Vorzimmer zum OP.
"Die Menschen sind so wenig hilfsbereit," sagte die Pflegerin ohne eine erklärende Einleitung, "dabei ist Helfen doch so einfach."
"Ja ja." antwortete ich, ein wenig ratlos und fügte hinzu: "Ich helfe immer, wenn ich kann."
Ach, was soll's: das mulmige Gefühl vom Vortag hatte mich nie verlassen! Zwar redete ich mir ein, dass es nicht mehr vorhanden sei, aber es rumorte in meinem Unterbewusstsein bis es schließlich mit: "... ich hab ein Unglück ahnend Herz" konkrete Gestalt annahm.
Das Prozedere der Vorbereitung verlief wie gehabt. Diesmal spürte ich aber den leichten Stich seitlich im Augenwinkel als die örtliche Betäubung gespritzt wurde. Die grünen Tücher wurden über mich gebreitet und das "Fenster" herausgeschnitten, in dem der Eingriff stattfinden würde. Das alles hatte ich bei der Operation am rechten Auge nicht mitbekommen. Auch nicht dass der Chirurg, mit Mundschutz und Haarhaube und dem Skalpell in der Hand direkt über mir stand. Ich sah wie die Hand sich senkte und ... "Un chien andalou", der Schnitt durch den Augapfel. Ich sah ihn von innen! Schmerz spürte ich nicht, die Betäubung wirkte. Dann hörte das `Sehen´ auf, nur noch Hell und Dunkel verschwimmend.
Und ich hörte den Chirurg sagen: "Was ist das denn?"
Übrigens hielt diesmal die Anästhesistin nicht meine Hand, was ich sehr vermisste. Das Gefühl der Sicherheit war nicht vorhanden. Und es wäre dringend nötig gewesen, denn die Operation drohte zur Katastrophe zu werden. Zumindest sagte der Chirurg: "Das ist eine Katastrophe."
Die Regenbogenhaut, die Iris, hatte sich sofort beim Schnitt gelöst und `flatterte´ nun über der zu entfernenden Linse, die zerschnitten und abgesaugt werden muss. Beim Absaugen geriet immer wieder die Iris dazwischen. Der Chirurg machte verzweifelte Bemerkungen und bat schließlich den Chefarzt, oder Oberarzt oder wen auch immer zu rufen, weil er mit seinem Latein am Ende war. All das trug nicht zu meinem Wohlbefinden bei. Außerdem wurde die Atemluft unter der Abdeckung immer knapper. Ich atmete flach und der Arzt sagte: "Entspannen Sie sich, Sie sind zu verkrampft." Jetzt wäre Meditieren angesagt gewesen, aber das kann ich ja nicht (sie das Kapitel über Meditation) also betete ich mit der Stimme meiner Seele: "Vater unser, der Du bist in dem Himmel ...", die alte Version, die ich als Kind lernte und auch beim "Gegrüßet seist Du, Maria ..." sagte ich: "Du bist gebenedeit unter den Weibern ...". Es half zumindest mich zu entspannen, ich spürte wie meine Schultern wieder Kontakt zum Operationsstuhl aufnahmen.
Der Oberarzt kam und erteilte Ratschläge: "Ja so."
Manchmal färbte sich das Licht rot, wenn Blut austrat. Ich spürte ziehen und schieben im Auge. Einmal durchwanderte es ein so starker Schmerz, dass ich einen Miau-ton von mir gab, der in meiner Kehle erstickte.
Ich wusste, dass ich das nicht mehr lange durchstehen konnte. Die Frage: "Ist alles in Ordnung bei Ihnen Herr Lang?", beantwortete ich zuerst gar nicht und das Nachfragen nur mit einem Laut der nicht zu interpretieren war, weil der Chirurg fragte: "War das ein ja?"
Schließlich sagte er: "Es ist bald fertig."
Allerdings konnte er nur die Linse einsetzen, den Schnitt zur Entlastung des Augeninnendrucks wagte er nicht, wegen der ramponierten Iris. Diese wieder zu befestigen, war das Schwierigste. (Später wurde das von allen Ärzten der Klinik bestätigt, die die Folgeuntersuchungen machten. Auch mein Augenarzt sagte, dass das nicht oft vorkomme und den Chirurg genau so frustriere wie den Patienten.)
Es gibt nach diesem `einfachen Eingriff´ keine Erholungspause. Man wird aus dem OP gerollt, zieht seine Schuhe an und geht zurück auf die Station.
"Sie waren sehr tapfer." sagte die Anästhesistin zum Abschied.
"Danke."
Dann aß ich mein Mittagessen.
In der Folge bekam ich extrem starke Schmerzen um das Auge. Ich formuliere das so, weil ich das Gefühl hatte, dass eine Hand in meinem Kopf das Auge zu zerquetschen versucht. (Diejenigen Leser die welche haben, müssen sich das wie einen Tritt in die Hoden vorstellen.) Der Augendruck war extrem hoch (war ja beim rechten Auge auch der Fall, das wurde dann punktiert) aber der herbeigerufene Chirurg sagte: "Alles, nur keine Punktion. Das würde die Iris instabil machen." Man merkte ihm an, dass er heilfroh war, dass sie überhaupt noch im Auge war. Also bekam ich Tabletten zur schnellen Senkung des Augeninnendrucks, die wiederum den Urinfluss stark erhöhten, so dass ich mehr Zeit in meinem Bad als im Zimmer verbrachte. Gegen die Schmerzen, die Anfangs unerträglich waren, bekam ich eine Spritze. Eine Infusion wurde auch angeschlossen. Und der Erfolg blieb nicht aus. Der Druck verminderte sich und den Schmerz nahm ich auf mich.
Mit `Sehen´ war natürlich nichts. Alles was ich mit dem linken Auge sah war in Nebel und Watte verpackt. Aber das kannte ich vom rechten Auge her, also: keine Panik.
"Die Pupille im linken Auge wird nicht mehr kleiner." sagte die Chefärztin. "Aber das ist nicht schlimm." Muss ich wohl glauben.
Das war am Mittwoch Nachmittag.
Donnerstag Nachmittag hatte sich die Pupille, sehr zur Freude der Ärztin, doch noch verkleinert. "Wenn das so bleibt, können wir Sie morgen entlassen."
Am Freitag stand ich dann an der Omnibus Haltestelle, mit Augentropfen, Tropfplan, halbblind, aber mit der Versicherung, dass sich "das alles gibt." Muss ich wohl glauben.
Freitag Nachmittag lernte ich dann die Wespe Mathilda kennen und seither halte ich mich an meinen Tropfplan, sehe ganz geringe Fortschritte im Sehvermögen und hoffe das Beste.
Jetzt muss ich aber Zucker nachlegen! ...


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