Dienstag, 9. September 2014

Intermezzo mit Wespe, oder Am Fenster zum Hof. - Eine Studie


Nicht alle leben auf dem Land. Ich, zum Beispiel, wohne in Stuttgart und das nicht in "bester Lage", wie das Foto suggerieren könnte, nicht am Killesberg, oder Auf dem Haigst, nein, unten in Heslach, wo der Talkessel eng wird und es rechts und links hügelauf geht. Die Straße ist schmal, aber verkehrsberuhigt und manchmal kommt man sich vor wie in einem kleinen Dorf.

Meine Wohnung (Hochparterre, 3 Zimmer a 12 qm und kleine Küche, in die eine Duschkabine später integriert wurde) ist in einem Altbau (Nachkriegszeit 1945, bröselnde Bausubstanz auf alter, stabiler Grundmauer, Risse in Wänden und Zimmerdecken). Ich finde sie sehr gemütlich.
Das ist die Kulisse für dieses Kapitel.
Die Bühne ist der "Katzenbalkon" vor dem Küchenfenster, dem Fenster zum Hof, auf dem im Sommer meine Zimmerpflanzen die frische Luft genießen.

Inzwischen hat sich die Botanik auf eine Spezies reduziert, einen beinahe 50 Jahre alten, von mir zum Quasi-Bonsai gestutzten Hibiskus, in dessen Schatten zwei Kakteen ein paradiesisches Dasein führen. Sie heißen Pepe und Angelina. Sie ist ein Blattkaktus in den Körper eines Terracota-Engels gepflanzt, dem irgendwann der Kopf abhanden kam. Der Hibiskus heißt was er ist.

An einem freundlichen Abend, die Sonne scheint um diese Jahreszeit prall in den schmalen Hinterhof und bringt die Blüten des Bäumchens zum Leuchten, bemerkte ich eine Wespe, die auf den Zweigen und Blättern herumturnte und in die Blüten kroch. Hibiskusblüten sind kurzlebig, sie haben gerade mal einen Tag zum Er- und Verblühen.



























In solch einen Blütenkelch sah ich die Wespe abtauchen und fragte mich: "Was hofft sie da unten zu finden?" Mir ist nie auch nur die Spur eines Nektartropfens aufgefallen und ich habe oft in den Blütengrund geschaut, weil mich das Purpurrot fasziniert und der grüne Schein, der durch die Lücken  des Sterns der Blütenblätter bricht.




























































"Was suchst Du da unten?" fragte ich die Wespe Mathilda. Keine Ahnung wie sie zu diesem Namen kam, aber er war da und ich fand ihn ganz hübsch. Antwort bekam ich natürlich keine, schließlich ist das hier nicht Science Fiction oder Fantasy sondern eine Art wissenschaftliche Dokumentation.
Mein Interesse an Wespen war geweckt und ich ... googelte erst einmal "Wespen" in Wikipedia.




























So erfuhr ich, dass Wespen einjährig leben. Im Frühjahr baut die Königin, die den Winter in Diapause (Winterstarre) überlebt hat, ein Nest und legt jeweils ein Ei in eine Wabenzelle. Diese Eier befruchtet sie mit Spermien vom vergangenen Herbst, die sie in einer Samentasche bei sich trägt. 
Es gibt wohl nichts, das die Natur nicht kann!
Die Königin pflegt dann die Brut und füttert die Larven mit einem Insektenbrei. Nach der Fütterung geben die Larven einen zuckerhaltigen Tropfen ab, von dem sich die Königin ernährt. Toll, einfach toll! Oder? Durch Pheromone, die die Königin verströmt, wird verhindert, dass sich aus den Larven weitere befruchtungsfähige Weibchen bilden. Nach der Verpuppung übernehmen die so entstandenen Arbeiterinnen die Brutpflege. Die Königin fliegt immer seltener aus, bis sie schließlich nur noch Eier legt. Die Arbeiterinnen halten das Nest sauber, bauen Zellen, Füttern die Larven und versorgen die Königin. Ein lupenreines Matriarchat, organisiert wie bei den Bienen. Allerdings führen die Wespen keinen "Schwänzeltanz" auf, um den Kolleginnen anzuzeigen, wo sich eine Futterquelle befindet. Ganz im Gegenteil: ich habe beobachtet, wie sie über einander her fallen und verknäuelt durch die Zweige des Hibiskus purzeln, im Bestreben den Stachel einzusetzen. Allerdings gehen diese Kämpfe immer unentschieden aus.
Im Spätsommer, also um diese Jahreszeit in der ich Mathilda beobachte, verströmt die Königin weniger Pheromone, so dass sich aus manchen Larven wieder befruchtungsfähige Weibchen bilden, die Königinnen des kommenden Jahres, die sofort Eier legen. Aus diesen unbefruchteten Eiern entwickeln sich dann befruchtungsfähige Männchen, die Drohnen, die nach erfolgter Paarung sterben. Ein Leben für die Liebe, so quasi! (Um totale Inzucht zu vermeiden, verlassen einige Drohnen das Nest und suchen bei anderen Staaten befruchtungsfähige Weibchen. Das erinnert an die Sabinierinnen im antiken Rom.)
Im Herbst stirbt die alte Königin und ihr Staat löst sich auf. Die Wespen, die sich dann auf Pflaumen- und Apfelkuchen der im Freien Kaffe trinkenden Menschen stürzen und sich und ihre Gattung dadurch so unbeliebt machen, sind heimatlose Arbeiterinnen, die bei Kälteeinbruch tot umfallen. Keine Rente. Die befruchteten Königinnen suchen sich ein frostgeschütztes Versteck und gehen in die Diapause (siehe oben). 
Der Kreislauf beginnt von Neuem. Faszinierend! finde ich.



Mit solchem Wissen angereichert, löste ich einen Würfelzucker in etwas Wasser auf und füllte den Kelch der Hibiskusblüte und siehe da, Mathilda nahm das Futterangebot freudig und dankbar an. Wenigstens gehe ich davon aus, dass sie Freude und Dankbarkeit empfand. Sie kam immer wieder. Ich hatte ein befriedigendes Glücksgefühl!
Das war am vergangenen Freitag, dem Tag an dem ich aus der Augenklinik kam. Die Operation verlief ja nicht so glatt wie ich, und der Chirurg, das erwartet hatten. Mein "mulmiges Gefühl" vom Tag vor dem Eingriff hatte mich nicht getrogen. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich im nächsten Kapitel schildere, ehe ich mich wieder der Wespe Mathilda zuwende. Dranbleiben! Es wird spannend wie bei Hitchcocks´ "Fenster zum Hof".

Darf man eigentlich noch "Weibchen" schreiben oder sagen? Leider fand ich kein anderes Wort für Wespenfrauen. Sorry!

Keine Kommentare: