Donnerstag, 20. Februar 2014

Gideon, Barbara und ich


Das wird ein weiter Bogen, den ich hier schlagen möchte, von Gideon im Buch der Richter in der Bibel, über die Ehefrau Barbara in der Werner Bergengruen Novelle "Die Feuerprobe" bis zu meinem Glauben an Gott. Es ist eine längere Geschichte, die nicht Jede/n interessieren wird. Aber wen interessiert schon alles, was andere zu erzählen haben und es wird trotzdem erzählt?
Anfangen will ich mit einem Zitat aus Strindbergs "Traumspiel". Die Mutter sagt zum Offizier, ihrem Sohn: "Hadere nicht mit Gott."
Hätte sich die Situation ergeben, könnte das meine Mutter zu mir gesagt haben, aber das war nicht der Fall. Ich haderte zwar mit Gott im Stillen während meiner ganzen Jugend, wegen der "Sünden des Fleisches", die man sogar nur in Gedanken begehen konnte und die man sogar nach Häufigkeit beichten musste. "Wie oft?" Sollte ich lügen? Das war ja auch eine zu beichtende Sünde. Den Trick, dass ich erst die fleischlichen Verfehlungen beichtete und danach erst, dass ich gelogen habe, hat der Priester wahrscheinlich durchschaut. Aber der war nur an jungen Männern interessiert, nicht an zarten Knaben. Er engagierte sich sehr für die Zusammenführung von Flüchtlingsfamilien, deren Söhne als Soldaten irgendwo in fremden Ländern festsaßen und zu jung waren um eingefleischte Nazis zu sein. Es gelang ihm auch mehrfach. Trotzdem musste er bei Nacht und Nebel in die Schweiz fliehen, als seine "Neigung" bekannt wurde und sein Bemühen nicht nur altruistischer Natur war. Das geschah so um 1946/47/48 herum. Ich war zirka zehn Jahre alt. Mein "Gottesbild" war also von Anfang an eher negativ besetzt. Aber IHN anzuzweifeln, SEINE Gerechtigkeit und alles Drum und Dran, oder gar SEINE Existenz, hätte ich nie gewagt. Da wäre ich doch gleich vom Blitz getroffen worden und tot umgefallen!
Als ich dann mit meiner Homosexualität konfrontiert und allein gelassen wurde, konnte ich mich auch nicht an IHN wenden, weil das doch IHM ein Greuel war/ist. So überliefern das unsere Religionen in den Büchern, die angeblich von IHM, oder SEINEN Engeln diktiert wurden. Wer's glaubt wird selig. Das meine ich heute ironisch. Damals glaubte ich es und lebte, mehr schlecht als recht, "in Sünde". IHM etwas Positives abzugewinnen gelang mir nicht. Um mein Leben etwas aus diesem Schatten heraus zu rücken, fing ich an, ganz leicht und heimlich, an IHM zu zweifeln. Nicht an der Existenz, Gott bewahre!, aber an der Gerechtigkeit. Und natürlich hatte ich Angst, dass das bestraft würde mit Lepra, oder Blindheit oder anderen Schrecken. 
Das Leben erleichtert hat es nicht, eher im Gegenteil.
Wegen meiner Homosexualität wurde ich 1961 aus der US Navy als "Undesirable" entlassen und ihretwegen wurde mir 1963 die Wiedereinreise in die USA verweigert. Nicht dass ich "auffällig" gewesen wäre, aber ich wurde von einem anderen Matrosen denunziert, den ich abgewiesen hatte und   hatte nicht den Mut meine "Schuld" vor einem Militär Gericht zu bekennen, was natürlich auch den Ausschluss aus der Navy bedeutet hätte, aber es wäre mir möglich gewesen vor ungefähr fünfzehn Jahren die Entlassung in eine ehrenhafte revidieren zu lassen. So wurde mir lediglich mitgeteilt, ich hätte ja auf das Court Martial verzichtet und deshalb kein Anrecht auf Revision. In Anbetracht meiner wirklich inbrünstigen Bitten um göttliche Intervention und deren Nichterfüllung in all diesen Jahren und Angesichts des Krebsleidens meiner Mutter, die felsenfest daran festgehalten hatte, dass ihr Glaube sie vor Krebserkrankung bewahren würde, beschloss ich schließlich, dass es IHN nicht gibt. Basta!
Die Mutter starb zwar trotzdem und mein Leben wurde durch meinen Nichtglauben nicht plötzlich besser. Auch nicht verständlicher. Die ewige Frage: Warum? stand weiterhin im Raum und blieb unbeantwortet. Wer hätte sie jetzt aber auch noch beantworten können? (Inzwischen ist es ja Mode geworden diese Frage öffentlich mit Lichtern und Pappschildern darzustellen, wennimmer etwas Unfassbares geschehen ist. Die Antwort wird dann in der Presse veröffentlicht, sobald man eine/n Schuldige/n festnageln konnte.) Aber mein Leben wurde leichter. Die Last der "Sünde" drückte mich nicht mehr ... na ja, nur noch ein bisschen, mehr aus Aberglaube.
Konsequenterweise trat ich aus der Kirche aus. Da ahnte ich noch nicht, dass man zwar aus der Kirche, aber nicht aus IHM austreten kann.

Ich mache mal eine Pause.


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