Freitag, 24. Mai 2013

Im neunten Kapitel wird FITNESS groß geschrieben




"Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!" "Lass alle Hoffnung fahren, wenn Du hier eintrittst." 
(Dante, Die Göttliche Komödie)


Also ganz so schlimm ist es nicht, dass alle Eintretenden die Hoffnung fahren lassen sollen. Eher im Gegenteil, man hegt ja die Hoffnung, dass man neu geboren aus der Hölle körperlicher Ertüchtigung hervor geht. Aber es ist der erste Schritt hinein, der am schwierigsten ist.
Zumindest war er das für mich. Von natürlicher Schüchternheit gehemmt, fällt es mir immer schwer etwas Neues zu wagen, wenn ich dazu mit Menschen Kontakt aufnehmen muss. Meistens muss man das und wenn man einen Personal Trainer braucht, der sich um den Aufbau von Kraft und Muskeln in einem nie trainierten Körper kümmern soll, kommt man schlicht und ergreifend nicht darum herum. Also nahm ich eines Abends, als ich den Fitness Trainer in der Hotelhalle sah, meinen Mut zusammen und sprach ihn an.
Im vorhergehenden Kapitel habe ich ja schon erwähnt, dass er mir nicht ganz fremd war, zumindest nicht vom Sehen. Es war auch schon zum Austausch von "Guten Tag" und von die Anwesenheit des Anderen registrierendem Kopfnicken gekommen. Aber das war es dann auch schon. Erwähnt habe ich auch, dass er, in meinen Augen, eine sehr bemerkenswerte Erscheinung hat. Beim ersten Sehen im Vorjahr, assoziierte ich sofort ägyptische Pharaonen mit seinem Kopf und seiner ganzen Körperhaltung, oder mit der Darstellung frühgeschichtlicher assyrischer Könige auf den Toren von Babylon und Ninive. Einfach umwerfend gutaussehend!


Er heißt Ali G., von mir auch "Meister Ali" genannt. Ich schilderte ihm kurz mein Tremor-Problem und dass ich versuchen wolle, meinen ganzen Körper zu kräftigen, um eventuell weniger zu zittern. Da er sehr gut Deutsch versteht und spricht, gab es keine Verständigungsprobleme und ich versprach, am nächsten Morgen ins Fitness Center zu kommen, wo man alles Weitere besprechen würde. Ich schreibe hier nicht ohne Hintergedanken "versprach", weil es durchaus möglich gewesen wäre, dass mich am nächsten Tag der Mut verlässt und ich einfach nicht hingehe.
Aber da machte noch etwas anderes Druck, den Termin einzuhalten. Nämlich mein Freund. Mit der selben insistierenden Penetranz, mit er er mir Flugangst und Spinathass unterstellte, vertrat er die Meinung, dass ich etwas "für den Körper" tun müsse. Jemand der Sport gleich nach Folter einordnet, ist nicht leicht davon zu überzeugen, dass er sich "körperlich ertüchtigen" sollte. 
Für mich kommt Sport noch vor Folter! 
Andererseits muss ich zugeben, dass in den Jahren seit meinem Eintritt in die Rente mein Gewicht zu- und meine Beweglichkeit abgenommen hatten. Eine Zeitlang machte ich rigorose Spaziergänge, bei denen ich immer schnell außer Atem und ins Schwitzen geriet, aber so richtig mit ganzem Herzen war ich nicht dabei. So steigerte sich mein vieljähriges Normalgewicht von um die 72 Kilo pendelnd, auf 88 Kilo, Tendenz nach oben pendelnd. Dass ich immer dicker wurde versuchte ich dadurch zu kaschieren, dass ich meine Hemden außerhalb der Hose trug. Wenn ich mich aber nackt sah, dachte ich schon manchmal: `Du lieber Himmel!´ und vermied es mich nackt zu sehen.
Dann schritt das Schicksal ein. Ich bekam so massiven Beziehungsstress, dass mir der Appetit verging. Die Pfunde purzelten, die Kilo schmolzen dahin. Nur die vorher straffe Haut wusste nichts mit sich anzufangen und legte sich in elefantenmäßige Falten und Fältchen. Ich vermied es weiterhin mich nackt zu sehen. Na ja, und dass ich plötzlich nichts Passendes mehr anzuziehen hatte, habe ich ja schon beschrieben. So war mein prinzipieller Widerstand gegen Sport ins Abbröckeln geraten. Und nachdem mein Freund am übernächsten Tag für eine Woche zu Besuch kommen wollte, gedachte ich ihn damit zu überraschen, dass ich wahrhaftig "etwas für meinen Körper tun" würde. So konnte ich zwei Fliegen mit eine Klappe schlagen: Das Zittern und meinen Freund. Motiviert war ich also.
So durchschritt ich am nächsten Morgen hoffnungsvoll die oben abgebildete Tür und war beeindruckt von der Vielfalt der Folterapparate, Entschuldigung, der Sportgeräte und des Eifers und Ehrgeizes der diese Bedienenden.


Meine Chance mich unauffällig wieder zurückzuziehen, die ich kurz aber intensiv in Erwägung zog, war von geringer Dauer. Ali G. kam auf mich zu, schüttelte mir die Hand, und von diesem Augenblick an war ich Krafttraining Fan. Was ich da noch nicht wusste.
Wer Krafttraining macht, sollte seinen Körper kennen. Wer kennt seinen Körper? Ich weiß welche Gliedmaße gebraucht werden um mich richtig funktionieren zu lassen. Das ist auch schon alles. Dass Krafttraining eine Wissenschaft für sich ist, begriff ich langsam während Ali mir die Geräte zeigte, ihre Funktion demonstrierte und die Auswirkung der Übungen auf die entsprechenden Muskeln. Ich wurde sehr skeptisch. Konnte ich das bewältigen? Meinen Körper in ein Versuchslaboratorium umwandeln? Wollte ich das wirklich?
Wenn Ali G. nicht gewesen wäre, hätte ich es nicht gemacht. Er verstand es mich zu motivieren, indem er Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte. Keine überzogene Energiedemonstration seinerseits, kein pseudo-kameradschaftliches Schulterklopfen.
Er sagte nur abschließend: "Wenn sie wollen, können sie morgen früh anfangen."
Das habe ich dann gemacht.


Es war der Beginn einer faszinierenden Beziehung ... zwischen meinem Körper und mir. Dass ich nicht stark bin wusste ich ja, dass ich soooo schwach bin hätte ich nicht gedacht. Ali stöpselte die Gewichte an den Geräten dort ein, wo er dachte, dass ich sie schaffen würde. Manchmal klappte es auch, meistens musste er eins weniger auflegen. Es war mir richtiggehend peinlich! Zum Glück beobachtete mich niemand, alle waren mit sich selbst beschäftigt und auch Ali trat diskret beiseite, nachdem er gesehen hatte, dass ich die Übung richtig ausführe.
"Nicht schwer muss es sein, sondern richtig." sagte Ali. Nicht auf die Höhe des Gewichts kommt es an, sondern auf die korrekte Ausführung. Die Bewegung muss "fließen", nicht verkrampft sein, sonst wird der zu trainierende Muskel falsch belastet und man erreicht gar nichts, bekommt höchstens gewaltigen Muskelkater. Ich bekam keinen.
Die restlichen fünf Wochen meines Aufenthalts trainierte ich regelmäßig, anfangs nur morgens eine Stunde, vor dem Frühstück, später auch noch Nachmittags eine Stunde. Allerdings machte ich das zum "Aufteilen" der Übungen, nicht um schneller Mr. Universum werden zu können. Eins war mir ja klar, schnell wird das nicht gehen: Geduld! Schließlich hat mein Körper beinahe 75 Jahre darauf gewartet, dass ich ihn bemerke, also werde ich ihm jetzt mit Respekt und Aufmerksamkeit begegnen. Nach 33 Tagen sagte Ali, als er mich bei einer Übung fotografierte, ich wollte das ja dokumentieren, dass man meinen Bizeps sehen würde. Bizeps? Ich? Soll das ein Witz sein? Er zeigte mir das Foto. Tatsächlich! Da sah man eine Wölbung am Oberarm, die vorher nicht dort war!!
Ich war stolz auf mich!
Danke, Meister Ali!


PS. "Wenn sie Krafttraining angefangen haben, können sie nicht mehr aufhören." sagte Ali schon am zweiten Tag zu mir. Ich dachte, er meint das im Sinne von süchtig werden nach Training, nach dem Gefühl der Ganzkörpereuphorie, das sich danach einstellt. (Ich hatte erwartet, dass ich mich schwer fühlen würde, die Glieder wie mit Blei belastet. Aber das Gegenteil war der Fall, ich hatte das Gefühl des Schwebens, der Schwerelosigkeit.) Aber Ali hatte sagen wollen: Es genügt nicht, mal eben Muskeln aufzubauen und danach wieder nichts zu tun, in der Meinung, dass ich jetzt Kraft für den Rest meines Lebens habe. Er sagte, dass ich mich auf etwas sehr Langfristiges einlasse, wenn ich es wirklich ernst meine. 
Die Konsequenz war, dass ich mich nach der Rückkehr aus der Türkei, hier in Stuttgart sofort nach einer Trainingsmöglichkeit umsah. Schließlich entschied ich mich für das "Kieser Training", ohne Bumsmusik, ohne Laufbänder, ohne Lounge, Bar, Sauna und Energiedrinks. Muskeltraining pur. 
Ich bin begeistert!





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