Das heißt nicht, dass ich Venedig untreu werde, aber ich werde meine Seele Venedig schenken, mein Herz aber Istanbul! Diese Stadt lebt, trotz des überall sichtbaren Verfalls, während die Serenissima dem Tod entgegenzufiebern scheint. Was hier im Regen an Glanz gewinnt, wird dort zum Trauerschleier. Das klingt vielleicht ein bisschen übertrieben, bringt aber die Gefühle, die ich bisher "erlebt" habe, auf den Punkt. Das mag der Reiz des noch Neuen, Unbekannten sein, aber es wird nicht aus momentaner Stimmung gesagt, sondern aus inzwischen erlangter Überzeugung. Eigentlich hätte mich die endlose, fruchtlose Suche nach meiner Herberge depressiv und daher negativ stimmen müssen. Hat es nicht. In den drei Stunden suchend Umherwanderns, immer und immer wieder die selben Straßen entlang zu gehen, die gleichen alten Pflastersteine spürend, den geborstenen Gehwegrändern ausweichend, gab mir ein Gefühl des Kennenlernens und Vertrautwerdens. Als ich dann in meiner Wohnung für drei Wochen aus den Fenstern sah, Hinterhof und Straßenseite, kam mir das alles sehr bekannt vor. Venedig lässt grüßen! Bröckelnde Fassaden, abgeplatzter Verputz, geborstene Fensterscheiben, verblassende Farben, das ist das Istanbul in dem die Menschen leben, nicht in herausgeputzten Vorzeigegebäuden und Hotels. Dies ist "Altstadt", "Mittendrin", kein mit langweiligen, uniformen Bauten verschandelter Vorort, wie ich sie beim Landeanflug sah. Aber jetzt sollen Bilder sprechen, denn das "Erlebnis" beginnt in den Augen und sucht sich von dort seinen Weg in die Nischen der Erinnerung.
Den Blick nach vorne habe ich ja schon in der Sandgeschichte gezeigt. Hier hinten sieht alles nach vielen Funden für zukünftige Archäologen aus! Auch der von Stacheldraht bewehrte Wall, der den "Garten" unter meinem "french balcony" ziert, fällt in diese Kategorie. Die Abendstimmung und die Nacht tauchen dann aber alles in romantische Verklärung.
Am Tag beginnt dann das nächste Abenteuer: Dinge entdecken, von denen ich nichts im Reiseführer gelesen habe. Die meisten sind nicht spektakulär und haben es wahrscheinlich deshalb nicht geschafft überhaupt einen Eintrag zu bekommen. Mich faszinieren sie alle. Vielleicht müsste ich aber auch einfach ausführlichere Literatur schmökern, um darauf zu stoßen. Der riesige Aquädukt, zum Beispiel, der langsam am Horizont auftauchte, als ich einen Hügel hinaufging, und durch dessen Bögen Tag und Nacht der Verkehr flutet, ist sicher bekannt. Details darüber mag sich jeder selbst googeln, der Interesse daran hat. Ich verfasse ja keinen Reiseführer, sondern führe ein Bilder-Tagebuch. Also, folgt mir in das wunderbare Kaleidoskop Istanbul! Überraschungen warten an jeder Ecke. Man muss nur aufpassen, dass man nicht über sie stolpert! Und manchmal steht man vor einem kleinen Rest Byzanz.
Die Tücken des Wi-Fi haben mich daran gehindert, hier einen weiteren Eintrag zu posten. In der ersten Woche funktionierte es so einwandfrei, wie man das in diesem Land gewohnt ist, wenn man schon mehrmals damit zu tun hatte. Das ist ja jetzt schon mein vierter Besuch in der Türkei. Ja, und dann auf einmal funktionierte es überhaupt nicht mehr! Kein bisschen. Ich hätte es ja gern dem netten Besitzer gesagt, aber der war nie anzutreffen. Inzwischen weiß ich, dass er jeden Tag im Krankenhaus mehrere Stunden am Bett seiner Nichte wacht, die vor einer Woche operiert wurde, Brustkrebs, und aus der Narkose nicht aufwachte. Sie liegt im Koma und soll heute nach Deutschland ausgeflogen werden, wo man auf solche Fälle besser eingehen kann, sagt er. Wie schon erwähnt, habe ich kein Handy und konnte also auch den Geschäftspartner des Besitzers nicht anrufen. Dann kam ein fb Freund aus Erzurum angereist, um mich zu besuchen und nach zwei Tagen fiel mir plötzlich ein, dass ich ja sein Telefon benutzen könnte, er war ja an einer Tour darauf am herumtippen und führte Gespräche, die nicht immer nach Freude klangen und ziemlich laut wurden. "Tamam, tamam, tamam!" brüllte er ein über das andere Mal, was zu "Deutsch" OK heißt. Also rief ich an, Herr Ögün, das ist der Vorname, kam auch prompt am nächsten Morgen, wahrscheinlich auch angespornt durch den Umstand, dass ich ihn wissen ließ, dass ich meine Rechnung bezahlen wolle. Am Anreisetag sagte er, das könnte ich tun, wann mir danach sei. So ergab eben das Eine das Andere und er zeigte mir im Treppenhaus eine etwas unprofessionell wirkende Kabelverbindung, bei der ich nur den Stecker herausziehen müsse, ein paar Sekunden warten, wieder verbinden und: Voila!, Internet läuft wie geschmiert … na ja, so wie "wie geschmiert" hier eben läuft.
Jetzt werde ich diesen Teil veröffentlichen, nicht dass noch alles im Äther verschwindet, so wie neulich die Aufnahmen von der Bosporus Rundfahrt, die aber, o Wunder Digitales, plötzlich im Fotostream erschienen. Sie haben wohl einen Umweg über den Mars genommen. Dass es auch "Schönes" in Istanbul zu sehen gibt, illustriere ich mit einem Bild der "Blauen Moschee". Bis zum nächsten Mal.
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