Man kann das mit der Vorfreude natürlich auch übertreiben. Einmal, vor sehr vielen Jahren, buchte ich meine Bahntickets schon mehrere Monate im Voraus, obwohl das gar nicht nötig war, aber ich war eben schon sehr früh auf Venedig eingestimmt. Es war alles geregelt, inklusive die Platzreservierungen für die Rückreise. Ich gönnte mir drei Wochen Venedig pur, mit allen erdenklichen Ausflügen zu den nahen und fernen Laguneninseln, San Giorgio, die Giudecca, den Lido, San Michele (die Toteninsel), Murano, Burano, Torcello, sogar bis zur Punta Sabioni, der Vaporettoanlegestelle auf dem Festland, für Ausflügler aus den Adria Badeorten wie Jesolo und Caorle, um für meinen Venedigroman, der immer noch nicht aufgetaucht ist, zu recherchieren. So intensiv hatte ich Venedig noch nicht erlebt und habe ich auch nie wieder danach. Sonnenaufgänge über der Lagune und Untergänge an dem schmutzigen Himmel über dem Festland hinter Marghera-Mestre ("Die Sonne war nur braune Schmiere am Himmel über Mestre" schrieb ich damals in den Roman), perlmuttfarbene Regentage, nächtliche Irrgänge in menschenleeren Gassen die ausweglos an schmalen Kanälen endeten. Alles floss in die Romanseiten als käme es aus meinen Adern ... eigentlich schade, wenn ich das Manuskript wirklich vernichtet haben sollte. Wo soll ich aber noch suchen?
Aber zurück zur Vorfreude. Für die Rückreise nahm ich, wie auch für die Hinfahrt, den Nachtzug. Am Vortag hatte ich mir noch schnell einen Platz reserviert ... ja ich weiß! Die Reservierungen hatte ich doch schon drei Monate vorher gemacht ... das hatte ich aber vergessen und meine Fahrkarte schaute ich sowieso nicht an ... egal, hätte ich sie genau gelesen, wäre mir aufgefallen, dass ich erster Klasse reserviert hatte ... so reservierte ich eben zweiter Klasse und erlebte etwas, das eigentlich wie der Einfall eines Komödiendichters klingt und nicht wie das langweilige Leben.
Das Abteil mit meinem reservierten Platz (2. Klasse) war schon von einem italienischen Ehepaar mittleren Alters und stark ländlicher Ausstrahlung, sprich KNOBLAUCH in ganz fetten Großbuchstaben, so quasi `eingenommen´ worden, wie feindliches Territorium in einem Kleinkrieg. Es gab böse Blicke und unfreundlich klingendes Italienisch als ich meinen Fensterplatz reklamierte. Ich verzichtete schließlich darauf und streckte mich auf dem Mittelsitz quer durch das Abteil aus, was recht bequem war. Den Eckplatz schräg gegenüber an der Tür nahm eine junge, blasse Frau ein, die nur scheu "Guten Abend" sagte und sich gleich in ihren Mantel hüllte um zu schlafen. Nicht lange nach der Abfahrt, der Zug war noch auf dem Damm der zum Festland führt, wurde die Tür aufgezogen und ein junger, typischer Italiener, also schmal, nicht sehr groß, schwarze Naturlocken und dunkle Augen, fragte, ob der Platz gegenüber der jungen Frau noch libero wäre. Die junge Frau schälte sich aus ihrem Mantel und sagte, nicht ohne Freude, ja, der Platz sei noch libero, was frei heißt. Sie war eindeutig Schweizerin und sprach, wie ich feststellen konnte, außer `libero´ kein Wort italienisch.
Sie, ungefähr 20 Jahre jung, machte, nach dem Eindringen des jungen Mannes, keinen Versuch mehr sich in ihren Mantel zu verkriechen und warf dem Italiener, ungefähr 20 Jahre jung, heiße, mir hingegen eher kühle Blicke zu. Ich hüllte mich also diskret in meinen `Lumberjack´, nicht ohne einen Sichtspalt frei zu lassen, und mimte den Schlafenden. Das Ehepaar zu meiner Rechten schlief hörbar auf den zu Unrecht von ihm besetzten Fensterplätzen.
Und zu meiner Linken wurde nun gefummelt, wie ich das einige Jahre später im Sexkino kennenlernte.
Zuerst berührten sich nur die Knie des jungen Paares, das ja keines war, dann rutschte sein Gesäß auf dem Sitz ein bisschen nach vorn, dann das ihre. Mann kam Frau näher. Mann brachte seine Hände zum Einsatz, zuerst die Beine von Frau hoch, dann die Oberschenkel entlang, ... ja und noch höher und er beugte sich vor und streichelte ihren Busen und küsste sie und langsam beschlugen die Fensterscheiben und
... habe ich erwähnt, dass die junge Frau ihre Handtasche zwischen ihre Hüfte und die Abteilwand geklemmt hatte? Ehrlich gesagt fiel mir das erst im Nachhinein auf ...
Aber schön der Reihe nach.
Erster Halt nach vollbrachtem Liebesspiel war Como.
Hier stieg der junge Mann aus. Ich tat so, als würde ich eben aus tiefem Schlaf erwachen, als die junge Frau sich zum Fenster hinbeugte, das ländliche Ehepaar schlief ungestört weiter, es öffnete, was damals noch möglich war, und dem jungen Mann noch ein paar heiße Blicke und Handküsse hinterher warf.
"Das war mein Freund", meinte sie mir erklären zu müssen, "er arbeitet hier, in Como."
Ich lächelte verständnisvoll und verhüllte wieder mein Haupt.
Irgendwann bin ich dann wirklich eingeschlafen und wurde nicht einmal am Grenzübergang richtig wach. In Zürich verabschiedete sich die junge Frau scheu und flüchtig. Das Ehepaar, das nach Düsseldorf unterwegs war, wie ich nun redselig erfuhr, frühstückte Salami, Oliven, Ziegenkäse und anderes Wohlriechendes bis kurz vor Schaffhausen, wo der Schaffner die Tür öffnete und fragte, ob wir einen Geldbeutel gefunden hätten, den die junge Frau, die bis Zürich angeblich in diesem Abteil gesessen habe, vermissen würde. Da fiel es mir wie Schuppen vom Fisch: die eine der wandernden Hände des "Freundes" hatten wohl weniger den, eher unbeträchtlichen, Busen der jungen Frau zum Ziel, sondern die an ihre Hüfte geschmiegte Handtasche. Mit Erfolg. Gesehen habe ich es allerdings nicht. Na ja, die erotische Action hat mich abgelenkt, genau wie das Mädchen.
O Amor, was bist du doch für ein Schelm!
Sie, ungefähr 20 Jahre jung, machte, nach dem Eindringen des jungen Mannes, keinen Versuch mehr sich in ihren Mantel zu verkriechen und warf dem Italiener, ungefähr 20 Jahre jung, heiße, mir hingegen eher kühle Blicke zu. Ich hüllte mich also diskret in meinen `Lumberjack´, nicht ohne einen Sichtspalt frei zu lassen, und mimte den Schlafenden. Das Ehepaar zu meiner Rechten schlief hörbar auf den zu Unrecht von ihm besetzten Fensterplätzen.
Und zu meiner Linken wurde nun gefummelt, wie ich das einige Jahre später im Sexkino kennenlernte.
Zuerst berührten sich nur die Knie des jungen Paares, das ja keines war, dann rutschte sein Gesäß auf dem Sitz ein bisschen nach vorn, dann das ihre. Mann kam Frau näher. Mann brachte seine Hände zum Einsatz, zuerst die Beine von Frau hoch, dann die Oberschenkel entlang, ... ja und noch höher und er beugte sich vor und streichelte ihren Busen und küsste sie und langsam beschlugen die Fensterscheiben und
... habe ich erwähnt, dass die junge Frau ihre Handtasche zwischen ihre Hüfte und die Abteilwand geklemmt hatte? Ehrlich gesagt fiel mir das erst im Nachhinein auf ...
Aber schön der Reihe nach.
Erster Halt nach vollbrachtem Liebesspiel war Como.
Hier stieg der junge Mann aus. Ich tat so, als würde ich eben aus tiefem Schlaf erwachen, als die junge Frau sich zum Fenster hinbeugte, das ländliche Ehepaar schlief ungestört weiter, es öffnete, was damals noch möglich war, und dem jungen Mann noch ein paar heiße Blicke und Handküsse hinterher warf.
"Das war mein Freund", meinte sie mir erklären zu müssen, "er arbeitet hier, in Como."
Ich lächelte verständnisvoll und verhüllte wieder mein Haupt.
Irgendwann bin ich dann wirklich eingeschlafen und wurde nicht einmal am Grenzübergang richtig wach. In Zürich verabschiedete sich die junge Frau scheu und flüchtig. Das Ehepaar, das nach Düsseldorf unterwegs war, wie ich nun redselig erfuhr, frühstückte Salami, Oliven, Ziegenkäse und anderes Wohlriechendes bis kurz vor Schaffhausen, wo der Schaffner die Tür öffnete und fragte, ob wir einen Geldbeutel gefunden hätten, den die junge Frau, die bis Zürich angeblich in diesem Abteil gesessen habe, vermissen würde. Da fiel es mir wie Schuppen vom Fisch: die eine der wandernden Hände des "Freundes" hatten wohl weniger den, eher unbeträchtlichen, Busen der jungen Frau zum Ziel, sondern die an ihre Hüfte geschmiegte Handtasche. Mit Erfolg. Gesehen habe ich es allerdings nicht. Na ja, die erotische Action hat mich abgelenkt, genau wie das Mädchen.
O Amor, was bist du doch für ein Schelm!
Nachdem der Schaffner unsere Fahrkarten kontrolliert hatte, fragte er mich freundlich: "Warum kommen Sie nicht zu uns vor, in die erste Klasse. Sie haben doch eine Fahrkarte dafür. Da ist auch die Luft besser ..." Ich konnte die Pünktchen förmlich sehen, die er ans Ende dieses Satzes und auf das Frühstück des Ehepaares setzte.
Ja, so viel nachträglich zum Thema Vorfreude.
Ganz bereut habe ich mein Versehen nicht, weder damals noch heute, wo mich die Erinnerung an diese Reise wieder überwältigt hat. Allerdings bedauere ich immer noch die junge Frau, die für ein bisschen Küssen und Pussikraulen eine ganze Menge Behördenkram aufgebürdet bekam.
Ganz bereut habe ich mein Versehen nicht, weder damals noch heute, wo mich die Erinnerung an diese Reise wieder überwältigt hat. Allerdings bedauere ich immer noch die junge Frau, die für ein bisschen Küssen und Pussikraulen eine ganze Menge Behördenkram aufgebürdet bekam.
Übrigens habe ich diese Begebenheit in den Roman eingebaut und wäre er nicht unauffindbar, hätte ich mich vielleicht gar nicht daran erinnert?
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