Wenn ich sage, dass ich dieses Kapitel dem Essen widme, dann heißt das nicht, dass ich die Speisen beschreiben werde, sondern den Genuss des im Restaurant, oder in einer der anderen kulinarischen Anlaufstellen im Hotel Royal Wings, dem lüsternen Gaumen dargebotenen. Ich sage bewusst "dem lüsternen Gaumen" und nicht "dem hungrigen Magen", denn diesen gibt es da nicht. Wer dort Hunger hat, ist selber Schuld, denn Essen gibt es irgendwo immer, rund um die Uhr. Ganz egal um welche Zeit ein Gast ankommt, er wird weder Hunger noch Durst leiden müssen. Es ist selbstverständlich, dass in der Wintersaison das Angebot nicht ganz so groß ist wie im Sommer, so dass die ganz hohen Ansprüche nicht befriedigt werden können, aber wer wirklich Hunger hat, richtet seine Bedürfnisse eher nach dem Magen als nach dem Verlangen des Gaumens. Das ältere Ehepaar, das Anfang Dezember aus Berlin anreiste ("Weesde, wir sind von Berlin erst nach Dreesdn und von dort nach hier und jetzt hättn wir gern eene Suppe.") konnte um 22:30Uhr in der Patisserie keine Suppe bekommen und war bitter enttäuscht. Es musste bis 23:00 Uhr warten, bis das Bistro öffnete. . . .
Süleyman im Hauptrestaurant, freundlich, aufmerksam und mit Sinn für Humor.*
*Als ich im Dezember, es war kalt, stürmisch, regenreich, einmal, entgegen meinen "normalen" Bedürfnissen, ein alkoholisches Getränk bestellte ...
"I would like to have Sex on the beach." orderte ich in perfektem Englisch.
"But Sir, it is cold an raining outside." antwortete der Kellner. So lernte ich Süleyman kennen.
Ich blieb dann bei meinem gewohnten türkischen Tee.
Eigentlich müsste über der Tür zum Restaurant groß angeschrieben stehen:
Willkommen im Schlemmerparadies!
Die Vielfalt des Angebots ist kaum überschaubar, angefangen beim Brot bis bis hin zum Nachtisch. Dazwischen wird jeder Anspruch befriedigt, ob "Normalesser" oder "Vegetarier". Wollte ich alle Speisen beschreiben, was ja nicht meine Absicht ist, würde dieses Kapitel ein ganzer Roman. In sieben Wochen ist es mir nicht gelungen alles zu probieren, was allerdings auch daran lag, dass ich schnell "Favoriten" erwählte und bei ihnen blieb. Zum Beispiel die "Eintöpfe", jeder für sich ein Gedicht, aber speziell, meinem Geschmack am meisten entsprechend, die Kichererbsen! Es gab sie, leider, nicht jeden Mittag, sonst hätte sie mir Mehmet automatisch servieren können, ohne mich an die Theke begleiten zu müssen. Müssen musste er das nicht, aber es ergab sich so, wegen meines Tremors. Er sah einmal, wie gefährlich der Teller in meiner Hand schwankte und der Inhalt, obwohl von mir immer minimalst gehalten, überzuschwappen drohte. Er nahm ihn mir ab und trug ihn an meinen Platz. Von da an begleitete er mich schon gleich beim Eintreten ins Restaurant zu den Eintöpfen, schöpfte das von mir gewünschte und gab mir Tipps, wenn ich ihn nach Geschmack oder Bekömmlichkeit fragte. Bei den Kichererbsen sagte er nur: "Man bekommt davon Gas." (Beim recherchieren nach dem Wort "Furz", das ich selbstverständlich nicht verwenden wollte, stellte ich fest, dass es das im Türkischen nicht gibt. Der "Übersetzter" förderte nur das englische "Fart" zu Tage. Sollte jemand etwas anderes wissen, wäre ich für Aufklärung dankbar.) Ich konnte die Flatulenzen leicht verkraften und da ich ja nicht die Aufzüge benutzte, belästigten sie auch niemand, es sei den, man folgte mir dicht auf den Fersen. Zum Geschmack des Brennnesselgemüses befragt, meinte Mehmet: "Schmeckt gut, aber ich mag es nicht." Das ist schon beinahe Diplomatie, dachte ich und nannte in fortan den "perfekten Butler".
Mehmet, der perfekte Butler.
Leider wird er bei meinem nächsten Besuch im Royal Wings nicht mehr dort beschäftigt sein. Er geht mit seiner Frau, die Russin ist, nach Moskau. Ich wünsche ihm alles Gute für die Zukunft, ihm, seiner Frau und der Tochter, die erst vor Kurzem zur Welt gekommen war und ihm schlaflose Nächte bereitete. ... Er schenkte mir übrigens zum Abschied eine Tüte voll frischer Pistazien, im eigenen Garten geerntet. Sie waren köstlich! Spasibo Mehmet!
Wie gesagt, ich wollte nicht zunehmen in den sieben Wochen "all inclusive" und machte deshalb immer einen großen Bogen um die Patisserie und um die Nachtischtheke, die wie die Verführung in Person in der Mitte der Speisenangebote thronte. Es wäre mir auch gelungen daran vorbei zu kommen, gäbe es da nicht die beste aller süßen Backwaren:
Baklava
Diese teuflischste aller Verführungen muss direkt vom Himmel gefallen sein! Oder sie wird im Hotel Royal Wings von Engeln gebacken!! Das zarte Gespinnst aus Blätterteig, gefüllt mit feinst gemahlenen Pistazien, Walnüssen oder Mandeln und gleich nach dem Backen in Zuckersirup getränkt, schmilzt auf der Zunge und beglückt den Gaumen auf unbeschreibliche Art. Hier erlebt man, was Geschmack wirklich ist: nämlich Extase! Im Royal Wings gibt es die verschiedensten Varianten: jede ist ihre Kaloriensünde wert! Lauwarm schmeckt sie am besten und dazu einen starken Mokka ... Meister Ali sagte, ein Baklava pro Tag dürfe ich mir gönnen. Es wurden immer zwei. Zum Glück sind sie zu süß, um mehr als drei wirklich genießen zu können ...
Damit wäre das Thema Essen für mich eigentlich abgehandelt, gäbe es auf dem Gelände des Royal Wings Hotels nicht noch das "Türkische Zelt".
Nicht nur wegen seiner "Architektur ist es den, mehrfachen, Besuch wert, sondern, und das selbstverständlich hauptsächlich, wegen der türkischen Spezialitäten aus dem Backofen, die dort serviert werden. Nicht zu vergessen die "Gözleme", auf der traditionellen, wenn auch mit Gas beheizten, Platte gebacken werden. Pikant gefüllt oder süß, immer möchte man mehr essen, als der "Linie" gut tut! Übrigens ist das ein Fest für die ganze Familie. Man sitzt auf niedrigen Stühlen, quasi auf Kinderhöhe und kann sich der Illusion hingeben, ein Hirte in der weiten Steppe zu sein. ...
Guten Appetit!


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