Samstag, 1. Juni 2013

Im dreizehnten Kapitel geht es mir nicht so gut






Habe ich schon erwähnt, dass mich gleich am ersten Tag ein Kratzen im rechten Auge irritierte? `Von der verwirbelten Luft im Flieger´, dachte ich und träufelte Berberil hinein, das schon seit Jahren in meinem Kulturbeutel herum lag, weil ich einmal in Venedig eine Bindehautentzündung bekam als ... aber das ist eine andere Baustellle. 
Es soll hier auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass ich mir Pornofilme anschaue, aber in irgend einem solchen, den ich, wahrscheinlich ganz aus Versehen, im Net geöffnet hatte, sagte eine der Darstellerinnen, dass Berberil ein wahres Wundermittel gegen Bindehautentzündung sei, wenn man einmal versehentlich Sperma in die Augen bekommen habe. Auch hier möchte ich nicht hinterfragen, siehe Analverkehr, wie man das oben klein gedruckte in die Augen bekommt. Die Akteurin sprach von "Betriebsunfall" und das war nicht das eigentliche Thema des Films, es ging da mehr um Technik beim ... Mir scheint, ich schweife schon wieder ab.
Da mein Auge am nächsten Morgen noch mehr schmerzte, ging ich nach dem Frühstück in die, was ich für die nächstgelegene hielt, Apotheke ungefähr 300 Meter die Straße hinunter. Ich weiß ja nicht, wie das in anderen türkischen Städten aussieht, aber in Antalya kann man nicht umfallen, ohne vor einer Eczane, also Apotheke, zu liegen. Es ist unvorstellbar, dass die alle Umsätze machen, die ihre Betreiber ernähren können. Aber als ich AliAli fragte, was er machen würde, wenn er genügend Geld hätte, ich dachte da an Taxi besitzen, eigenes Restaurant oder Ähnliches, sagte er nur: "Apotheke". Auf meine Frage: "Warum das denn?", antwortete er: "Da kann man viel Geld verdienen." Auf jeden Fall hat  man es nie weit in die nächste Apotheke, wenn man in Antalya lebt oder Urlaub macht.
Aus der Werbung für die "Apotheker Zeitung" im Deutschen Fernsehen, weiß man, dass Apotheker und Apothekerinnen jung, groß, meist blond und immer lächelnd sind. Der Mann der mich mit kritisch düsterer Miene empfing war keines von alle dem. Er war nicht groß, nicht blond und nicht lächelnd, nur jung. Er hatte dichtes, schwarzes Haar, das auch aus seinem Hemd quoll, ein Goatee, man kann auch Spitzbart sagen wenn man nicht Ziegenbart sagen möchte, und olivbraune Haut. (Als ich ihn bei einem anderen Besuch fragte, welches Sonnenschutzprodukt er mir empfehlen würde, sagte er nur: "So etwas brauche ich nicht.") Er sah verdammt gut aus, nur nicht wie ein Apotheker, und sprach ausgezeichnet Deutsch. Nur mit dem Wort "Bindehautentzündung" konnte er nichts anfangen. Auch "Konjunktivitis" sagte ihm nichts. Also rief er etwas in den Nebenraum und ein anderer Mann erschien, der Yul Brynner ähnelte, zumindest die Frisur betreffend, auch ein Goatee hatte und ebensowenig meiner fernsehverwöhnten Vorstellung von einer in Pharmazie geschulten  Person entsprach. In Filmen spielen diese Art Typen immer die Bösen, zwar nicht die ganz großen Bösen, eher die, die nur im Hintergrund herumstehen und ziemlich bald erschossen werden. Anders als seinem Partner war ihm aber Bindehautentzündung (ich zeigte ihm mein Auge) ein Begriff und er angelte aus einem Nebenregal ein kleines Plastikfläschen. Zwar konnte ich die Aufschrift nicht lesen, aber das Wort "Antibiotikum" kam vor und das konnte ja nicht falsch sein. (Später erfuhr ich zu Hause, dass diese Bindehautentzündung gerade sehr verbreitet sei und von einem Virus verursacht werde. Antibiotikum ist da ganz falsch.)
Ich überspringe jetzt ein paar Tage in denen mein Auge bald aussah als wäre es in Blut gebadet, die Schmerzen immer unerträglicher wurden, ich die ganzen Tropfen aufbrauchte und wieder Nachschub holen musste, immer noch denkend, dass ich eine bakteriell verursachte Bindehautentzündung hätte. Inzwischen hatte ich entdeckt, dass sich direkt gegenüber vom Hotel eine Eczane befand. Dort ging ich hin. Von meinem iTranslate App hatte ich mir vorsichtshalber das Wort Bindehautentzündung (beim Schreiben dieses Wortes fühle ich jetzt schon wieder ein sandiges Kratzen hinter meinen Lidern!) übersetzen lassen und auf dem iPad gespeichert. Die Apothekerperson entsprach schon eher meinem Ideal einer solchen, als er groß war und eine Brille trug. Ohne Goatee kam auch er nicht aus und natürlich war er nicht blond, aber jung. Sein Deutsch war sehr akademisch, präzise, und seine Aussprache gesteltzt, einstudiert. Ich mochte ihn sofort, obwohl ihm der Schuss sexyness fehlte, der Männer zu solchen macht.
Ich sagte ihm, dass ich Bindehautentzündung habe und zeigte ihm das Wort, das mein App dafür bereitgestellt hatte. 
"Das heißt `rosa Augen´." sagte er. "Das stimmt zwar, ist aber nicht richtig."
Er wurde mir immer sympathischer. Er hätte ja auch einfach "Aha" sagen können und innerlich den Kopf schütteln über die dummen Touristen.
Auch er gab mir Tropfen mit antibakterieller Wirkung und für die Nacht noch eine Salbe. Ich benutzte beide wie von ihm auf der Verpackung angegeben (hatten die "Ganovenapotheker" nicht gemacht) mit wenig Erfolg. Nach ungefähr einer Woche, das linke Auge war auch noch betroffen worden, klang alles ab, die Schwellung, die Schmerzen, die Rötung. (Zu Hause erfuhr ich, dass sich das bis zu vierzehn Tage hinziehen kann. Da hatte ich ja direkt noch Glück gehabt mit meiner Miniversion!)
Später holte ich mir im Dolmusch (siehe das entsprechende Kapitel) eine saftige Erkältung, all inclusive: Schnupfen, Husten, Laryngitis, Fieber und eine Nierenbeckenentzündung. Wieder ging ich zu meinem "Hausapotheker" und erfreute mich an seiner Sprache und dem Enthusiasmus mit dem er mir Schmerztabletten, Hustenbonbons, etwas zum Gurgeln und eine Zahnpaste mit pilzabtötendem Effekt verkaufte. Letztere brauchte ich, weil ich kleine, schmerzende offene Stellen im Mund hatte, die ich ihm gegenüber nur am Rande erwähnte. Sie kostete 12 Euro. Möglicherweise verkaufte er sie mir überteuert, er entnahm den Preis dem Internet, aber sie war es Wert! Schließlich machte er mich auf die Sonderangebote von Viagra, Cialis und anderen Potenzmitteln aufmerksam, auf die er mir sogar noch Spezialrabatte gewähren könne.
Plötzlich war mir klar womit die Apotheken ihren Umsatz machen! Und auch die düsteren Blicke der anderen Apotheker konnte ich verstehen, nachdem ich einmal Zeuge wurde, wie ein Kunde sich dem Tresen nahte, scheue Blicke um sich werfend und sein Anliegen im Flüsterton vorbringend. In der Hochsaison ist diese Situation so alltäglich, dass man als seriöser Apotheker schon einen düsteren Blick bekommen kann angesichts der Geilheit der Kundschaft einerseits und ihrer Verklemmtheit andererseits. Zumindest leuchtete mir das ein. Und auch der noch offene Enthusiasmus meines Hausapothekers hatte seinen Grund: Er hatte die Apotheke erst vor ein paar Wochen eröffnet. Leider musste ich ihn enttäuschen. Ich sagte ihm, dass ich nicht unter Erektiler Dysfunktion sondern unter Impotenz leide. Dagegen hatte er, noch, nichts im Angebot.

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