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Donnerstag, 22. Januar 2015

Im Schwarzwald 3


Abend und Nacht

:

Die Schatten drehen sich und treten aus dem Grün der Bäume:
der helle Stamm blickt in sein dunkles Spiegelbild,
in dem er sich erinnert und erkennt.
Um ihn verschieben und formieren sich die Räume
während der Tag verlischt mit roten Feuerbränden,
ein Feuer das am Horizont noch lange brennt ...
Darüber kommt die Nacht und wirft mit vollen Händen,
ihr Lichtverlangen ist noch nicht gestillt,
den Sternenbrand hinauf ins Firmament.

Um Mitternacht vollzieht sich dann die täglich große Wende:
aus einer Stille, die kein Vogelruf mehr bricht,
tritt Tag zu Tag. Von Mondlicht ganz umflossen
steht Baum bei Baum - hier Anfang und hier Ende.
Die kleine Ewigkeit vergeht, die Bruchsekunde -
Der Wald, cameengleich auf dunkelsten Smaragd gegossen,
beginnt den neuen Tag, die neue Stunde
in Selbstvergessenheit, von Angesicht zu Angesicht -
und tausend Jahresringe haben sich geschlossen.


gelang 1965


Im Schwarzwald 2


Mittag

:

Grau schließt der Wald die Lichtungsrunde. 
Vom Himmel weht, vom Tal herströmt es grau
und wir betreten stumm dies Farbenschweigen ...
es hängt wie Dämmern in den Zweigen,
als gäbe es nicht Rot und Gelb und Blau,
nicht Jahreszeit, nicht Tag noch Stunde.

Dann bricht, in irgendeiner Himmelsrichtung,
ein Stückchen Grau in Silberscherben ab
und löst sich auf in kurzen, klaren Bildern -
der Augenblick vermag sie nur zu schildern:
Licht fließt, und Farbe, schnell bergab
und bringt ein leichtes Glühen in die Lichtung.

Wir stehen da, es drängt das Wort zum Munde,
ein Ruf der Freude, ein verwirrtes Stammeln ...
Da wendet sich der Himmel und erlischt -
Vom Tal heraufschäumt Nebelgischt
und während wir noch letzte Funken sammeln,
schließt Grau in Grau sich wiederum die Runde.

gelang 1965

Im Schwarzwald 1


Morgen

:

Die Luft ist Balsam, milde Wonne,
im Baumgewirr die Morgensonne
schlägt Funken aus dem Tau der Nacht. 

Dunstverhüllt ist noch das Tal,
die Farben wirken flach und fahl,
sie sind noch nicht vom Schlaf erwacht.

Doch mit entferntem Glockenklingen
beginnt die ganze Welt zu singen
und strahlt in neuer Pracht.


gelang 1965