"Aus des Schicksals dunkler Quelle
rinnt das wechselvolle Los,
heute stehst du fest und groß,
morgen wankst du auf der Welle."
Dieses Motto des "Schicksalsbrunnen" hatte sich im wahrsten Wortsinn bestätigt: ich wankte wie ein Betrunkener so bald ich auf den Beinen stand, die in den Knien aus Pudding zu sein schienen. Das linke sowie das rechte.
Nach der CT Untersuchung am Vorabend hatte die Stationsärztin, die mich gleich in der Notaufnahme "übernommen" hatte, gesagt, dass auf dem Bild nicht klar zu erkennen wäre, ob ich einen Schlaganfall hatte. "Es besteht der Verdacht. Das lässt sich aber erst definitiv durch die Kernspintomographie (Magnetfeldtomographie) klären."
Es war Samstag. Ich weiß aus Erfahrung, dass samstags in Krankenhäusern alles auf Sparflamme simmert und sonntags der Betrieb praktisch eingestellt ist. Ich hatte also Zeit zu duschen, (bemerkte dass ich keine Badesandalen dabei hatte) und sah im Spiegel, dass mein ganzer Oberkörper und auch die Oberschenkel von kleinen scharlachroten Pünktchen bedeckt war. Sie juckten nicht und taten nicht weh, sie waren einfach da. Ich schob sie auf das Kontrastmittel, das für die CT Untersuchung gespritzt wurde. Man hatte mich vorher darauf aufmerksam gemacht, dass sich nach dem Spritzen im ganzen Körper ein "Wärmegefühl" spürbar mache, das aber bald wieder verschwinde. Ich war also darauf vorbereitet. Aber nicht auf das Feuer das für wenige Sekunden in meinem Körper ausbrach. Es war als würde meine Seele und ich für einen Augenblick vor der Tür zum Fegefeuer stehen. So etwas hatte ich noch nie erlebt! Dabei war es durchaus nicht unangenehm, also nicht zum Erschrecken und Davonlaufen.
`Eine allergische Reaktion.´ dachte ich. Dass es solche geben könnte, war mir gesagt worden. Nachdem ich aber, laut Messung am Morgen, keine erhöhte Temperatur und einigermaßen normalen Blutdruck hatte, ließ ich es dabei bewenden. Die Pünktchen verblassten dann im Lauf des Tages. Na also, keine unnötige Panik verbreiten.
Mein Zimmergenosse war ein junger (29) Deutsch-Italiener mit, deutlich schwäbischem Sprachhintergrund, (und einer frühen Glatzenbildung) der ständig auf seinem Phone spielte. Als das Frühstück kam, das ich am Bett einnahm, klärte ich ihn über meinen Tremor und dessen Auswirkungen auf meine Motorik auf. Er war fasziniert und wollte gar nicht glauben, dass es so etwas gibt. Von da an verstanden wir uns blendend.
Er war wegen unerträglichen Rückenschmerzen in die Notaufnahme gegangen, weil am Freitagmorgen und kurzfristig kein Orthopäde zu erreichen war. Auch er verbrachte drei Stunden bei den Voruntersuchungen, bekam aber für das CT kein Kontrastmittel gespritzt. Dann bekam er eine Schmerzmittel Infusion und als ich am Freitag Abend ankam, ging es ihm schon viel besser. Er bekam aber weiterhin alle drei bis vier Stunden eine Infusion.
Am Samstag, man glaubt es kaum, war er schmerzfrei und wurde prompt entlassen, nachdem man ihm mitgeteilt hatte, das die Wirbelsäule keine Veränderungen aufweise. "Viel Bewegung und die Rückenmuskulatur stärken." gab man ihm als guten Rat mit auf den Weg.
Er hatte wohl mitbekommen, dass ich das Pflegepersonal fragte, ob zufällig Badeschlappen zu haben wären, was dieses negativ beantwortete. Jetzt rief er seine Frau an, die ihn abholen würde, und bat sie Badesandalen mitzubringen. Was sie prompt tat. Nagelneu direkt aus dem Laden, zum Glück war ja Samstag, übergab sie sie mir ... und weigerte sich mich dafür bezahlen zu lassen!
Sie ist übrigens eine wahre Schönheit mit tizianrotem Haar, das sie ihrem Sohn Marius, ungefähr drei Jahre klein, in üppigen Naturlocken vererbt hat. Er sieht aus wie von Botticelli oder Raphael gemalt: ein Engel! Es tat mir Leid die drei gehen zu sehen.
Inzwischen war im Nebenzimmer, das nur durch eine halbe Trennwand von meinem abgeteilt war, man konnte also durch jeweils eine Tür in beide Zimmer gelangen, wobei das Nebenzimmer für Schwerbehinderte angelegt war, zumindest was die Toilette betraf, ein junger Mann eingezogen. Er war schwerbehindert und ging an Krücken.
"Mustafa, o Mustafa! Allah! Allah!" hörte ich ihn rufen und: "Alles ist Schicksal." fügte der hinzu. ... aber das ist eine andere Geschichte.
(Wird fortgesetzt)
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