Wie schon im letzten Kapitel meines Krankenhausaufenthalts geschildert, (Schlaganfall - Ende der Geschichte?) musste ich die Langzeitmessungen von Herz und Blutdruck ambulant machen lassen. Zum Glück fand ich auf Anhieb eine Kardiologen-Praxis, die mich relativ zeitnah zur Entlassung aus der Klinik, 29 Tage danach, "verkabeln" konnte. Zwar waren mehrere EKGs schon im Marienhospital gemacht worden, ohne Befund, aber es wurde für notwendig erachtet die 24 Stunden Messungen vorzunehmen um ganz sicher zu gehen, dass der Schlaganfall nicht auf einen Herzfehler zurück zu führen ist, desgleichen auf zu hohen Blutdruck. (An dem Freitag, an dem ich zum Arzt ging und meine Symptome schilderte und er einen Schlaganfall für wahrscheinlich hielt, stellte dieser fest, dass mein Blutdruck "ziemlich hoch" sei. Auch im Krankenhaus war er immer eher zu hoch als normal oder zu niedrig, aber ich bekam keine Medikamente um dagegen zu steuern.)
Das änderte sich in der Reha ziemlich schnell. Morgens misst man sich immer selbst den Blutdruck, (montags wird auch das Gewicht notiert) das Gerät ist einfach zu bedienen, man notiert den Namen, die Zeit und die Werte auf einem Zettel und deponiert diesen in einem Kasten. Dieser wird dann noch Vormittags geleert und die Eintragungen ausgewertet. Nachdem die Krankenschwester meinen Zettel gesehen hatte, kontrollierte sie mit einer Nachmessung meine Werte und ging damit zur Ärztin. Mein Blutdruck war so hoch, dass sofort mit einem schnell wirkenden flüssigen Medikament entgegengesteuert werden musste. Die Medizin wirkte und ich bekam Tabletten, von denen ich Anfangs abends und morgens eine halbe nehmen musste. Inzwischen bin ich bei jeweils einer ganzen.
Um 8:40 Uhr war ich in der Kardiologen Praxis. Das Wartezimmer ist elegant und war nur wenig besetzt. Das ließ mich auf eine kurze Wartezeit hoffen.
Diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Schon nach 10 Minuten wurde ich aufgerufen. Ich hatte ja eine ärztliche Untersuchung im Vorfeld erwartet, diese entfiel aber, da ich ja speziell zur Anbringung der diversen Kabel des EKG und des Schlauches der Blutdruckmessung gekommen war.
Die Frau die dies erledigte war sehr competent und da sie eine weitere Person einweisen musste, bekam ich genau mit, wie das Ganze funktioniert. Eigentlich sind es nur einige Patienten-Computer-Eintragungen und dann genau platzierte Kontakte am Oberkörper, an die die Kabel angeschlossen werden, zum Schluss bekommt man dann die Batterie umgehängt, in deren Gehäuse auch die elektronischen Aufzeichnungen vorgenommen werden.
(Als ich aufgefordert wurde meinen Oberkörper frei zu machen, fragte mich die Helferin beinahe besorgt: "Sie tragen doch ein Unterhemd?"
`Hat sie Schwierigkeiten mit einer nackten Männerbrust?´ fragte ich mich. Ich konnte sie beruhigen mit einem schlichten: "Ja."
Sie wandte sich an ihre Neu-Assistentin, die anscheinend auch im Anmeldungsbereich tätig ist und erklärte ihr: "Wenn jemand beide Geräte angelegt bekommt, sollte man der Person immer sagen, schon bei der Erstanmeldung, dass sie ein Unterhemd tragen soll, weil sonst nachher alles auf der nackten Haut liegt und sich leicht ineinander verheddern kann."
Angesichts der Kabel die bald darauf meinen Oberkörper bedeckten, so dass ich mir wie der mit Schlangen ringende Lakonoon vorkam, konnte ich diese Anweisung gut verstehen.)
Ich zog also mein Unterhemd an. Jetzt kam das Blutdruck-Messgerät an die Reihe. Eigentlich hatte ich erwartet, dass auch hier nur ein Steckkontakt auf die Haut am Arm oder sonstwo geklebt und ein kleines Kästchen in meiner Hosentasche verstaut würde. Aber nein. Man bekommt dazu wirklich eine Manschette um den linken Oberarm gelegt, von der aus der Schlauch zu dem nicht so kleinen Kästchen führt in dem sich die Luftpumpe, die Batterien und die Aufzeichnungselektronik befinden. Die genaue Uhrzeit wurde eingestellt und ich bekam gesagt, dass von nun an alle viertel Stunde die Manschette aufgepumpt würde und eine Messung stattfände. Nachts nur jede halbe Stunde. `Das kann ja heiter werden.´ dachte ich.
Da es bei diesem Gerät zu Ausfällen und Fehlfunktionen aller möglichen Variationen kommen kann, bekam ich genau erklärt was ich in welchem Ausnahmezustand zu tun hätte, welche Tasten zu drücken seien, wenn es, zum Beispiel zu einem Dauer-piep piep piep piep käme. `Das kann ja heiter werden.´ dachte ich abermals. (Es kam aber zu keinem Ausfall irgendwelcher Art.) Auch dieser Apparat hing schließlich an meinem Hals und baumelte an meiner rechten Seite.
"Am besten stecken Sie das Hemd nicht in die Hose." wurde mir geraten. "Kommen sie morgen um viertel vor Neun wieder, dann wird das abgenommen."
Es war noch nicht einmal halb Zehn, als ich wieder auf dem Heimweg war.
Zuhause zog ich mich erst einmal aus, um mich im Spiegel zu betrachten, wobei es sich als problematisch erwies aus dem Unterhemd zu schlüpfen, da dieses ja mit dem Träger über dem Schlauch lag und erst an meinem Hals entlang an die Oberfläche kam. Es war extrem kompliziert und ich kam beträchtlich ins Schwitzen, zumal ich immer wieder innehalten musste, wenn das Gerät pumpte. Es ist kein Wunder, dass das Foto das ich schließlich machen konnte extrem unscharf wurde.
Nachdem man mich auch instruiert hatte, dass ich, wenn das Gerät pumpe und ich in dem Moment stehen würde, ich einfach stehen bleiben und mich nicht bewegen solle. "Nicht einmal mit den Fingern wackeln." Das gleiche gelte im Sitzen. Kaum befand ich mich auf der Straße, pumpte die Pumpe zum ersten Mal. Ich erstarrte zur Salzsäule und verharrte so bis der Druck auf dem Oberarm wieder nachließ. (Dieser Druck war manchmal so stark, dass der Arm abgeschnürt wurde und das Blut sich staute. Angenehm war es nicht!) `Das kann's ja nicht sein.´ dachte ich und beim nächsten Pumpen blieb ich nicht stehen sondern ging einfach weiter.
Nachmittags ging ich zur Reha, man hatte mir keinen ganzen Tag "frei" gegeben, kam mir aber einigermaßen behindert vor bei den physio-therapeutischen Übungen.
Entgegen meinen Befürchtungen störte mich das Pumpen nicht im Schlaf. Ich hatte die Manschette allerdings ein klein wenig gelockert, so dass sie den Arm nicht mehr permanent abschnürte.
Heute war ich schon um halb Neun in der Praxis. Die Anlegefrau fing mich gleich am Eingang ab und ich war die Geräte so schnell los, dass ich gar nicht dazu kam: "AUA!" zu sagen, als sie mir die Pflaster vom Leib riss, die die EKG Kontakte fixierten.
`Sadistin!´ dachte ich.
Die Blutdruckwerte wurden sofort ausgedruckt, in einen Briefumschlag gesteckt und mir überreicht. "Für ihren Hausarzt. Was der damit macht ist mir einerlei. Er kann sie ans Krankenhaus weiterleiten oder auch nicht. Das ist nicht unsere Aufgabe. Eigentlich hätte die Klinik diese Messungen durchführen müssen."
Ich unterdrückte den Impuls mich für die Umstände zu entschuldigen die ich ihr bereitet hatte.
Dann rückte sie noch mit der Mitteilung heraus, dass sie einen Termin bei einem der beiden Kardiologen arrangieren konnte. "Am 28. April. Sie haben Glück, wir sind belegt bis in den Juli! Wir haben Sie da hineingeschoben."
Ich bedankte mich und überlegte, was denn so dringend sein könnte, dass ich den Herr Doktor sehen muss? Schließlich sind die Ergebnisse des Dauer-EKG noch gar nicht ausgewertet. Egal, er wird halt auch Geld verdienen wollen.
Nachmittags war ich wieder in der Reha. Aber diesmal waren die Anstrengungen zu groß und schließlich legte mich der Tremor völlig lahm. Mein ganzer Körper, Beine inklusive, flatterte als würde er im nächsten Augenblick auseinander fallen. Das hatte ich noch nie erlebt!
Mein letzte Termin an diesem Tag war bei der Neuropsychologin. Sie ermittelt die Therapie-Einheiten, die den "Geist" wieder anregen sollen. Das sind Spielereien am PC. Eine Autofahrt mit Hindernissen, Bilderzuordnungen, so ähnlich wie `Memory´ und Reaktionsschnelligkeit. Ich machte ihr klar, dass mich keine dieser Spielereien interessieren und ich sie deshalb auch nicht mehr machen werde. Notfalls würde ich die Reha abbrechen. Mein Ziel sei es, das war ja von Anfang an klar und mit ihr ach so abgesprochen, meine Mobilität wieder herzustellen, sonst nichts. Ich fühle mich durch den Schlaganfall in keinem "geistigen" Bereich eingeschränkt oder behindert. Jetzt sucht sie neue Spiele für mich.
Morgen ist Visite bei der Ärztin. Da werde ich das noch einmal zur Sprache bringen. Ich bin gespannt was dabei herauskommt.
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