Samstag, 22. November 2014

Im traurigen Monat November wars ...

Warum ist der November traurig? Es kann nicht nur an Heinrich Heine liegen. Oder doch? Seit wann fallen die Totengedenktage in diesen Monat? Ich google mal. ...

Einerseits war es sehr ergiebig, was die "Toten-Feiertage" betrifft, aber eine schlüssigere als diese Antwort auf meine Frage habe ich nicht gefunden.
Wichtig ist die Frage nicht, nur interessant, und ich kam auf sie wieder einmal im Bett, als ich ein Bild an der Wand vor mir betrachtete, ohne es wirklich anzuschauen. Es ist eine meiner ersten Collagen, eine Illustration des ersten Gesangs der Göttlichen Komödie ... Schwamm drüber!



Dabei fielen mir die drei Bilder ein, die mir vor über 30 Jahren Antonia R. schenkte und die seither immer in einer dunklen Ecke verstaut sind. Zur Zeit liegen sie, wahrscheinlich dick verstaubt, auf dem Kleiderschhrank in meinem Schlafzimmer. Und dann dachte ich an Antonia und dadurch an den Tod. Aber ich muss da eine Rückblende einschalten ...

Antonia Maria R.
war "Bedienung" im Kö 38, einer Bierkneipe auf der Königstraße in Stuttgart, die ich in meinen mehr oder weniger wilden und schon weniger jungen Jahren sehr oft aufsuchte. Genau gesagt: Es war 1980/81. Das Lokal befand sich in einer der aus dem Stadtbild mehr und mehr verschwindenden "Nachkriegsruine". (Das waren hastig hochgezogene Bauten auf Überresten zerstörten Gemäuers.) Es gab nur Getränke. Dementsprechend waren die Gäste. 99% kamen gerade wieder aus dem Knast oder standen kurz vor dem Einrücken in selbigen. Selbst der Besitzer war dort, nicht in seiner Kneipe, mehrmals Gast. Das verbleibende 1% war ich. Wie ich die Kneipe fand, weiß ich nicht mehr. Es war die Zeit nach dem Tod meiner Mutter und ich war ziellos. Arbeit hatte ich und einen "festen Wohnsitz" bei meinem Freund W., was wollte ich mehr.
Ich hatte immer ein Buch dabei, setzte mich an einen Tisch, bestellte mein Bier und las. Antonia war auch eine "Leseratte", wie sie sich selbst bezeichnete. So kamen wir ins Gespräch und so kam es dann, dass ich Stammgast und wir Freunde wurden.
Sie war Berlinerin und vor 5 Jahren, nach Stuttgart gekommen weil es Stress in der Familie gab. Ja, diese Familie: Mutter, Vater und zwei Brüder, einer älter, der andere jünger als sie. Die Brüder hatten auch "Knasterfahrung". ...
Ich werde hier nicht die ganze Familiengeschichte aufrollen, um die geht es nicht. Nur um den Vater.
Hannes R. wird, nachdem die drei Kinder alle schulpflichtig geworden sind, plötzlich von den Musen geküsst und zum Künstler berufen. Autodidaktischer Maler. Um diese Kunst ausüben zu können braucht er Ruhe und mietet sich ein "Atelier" an, weit, weit weg von zuhause. Besucher sind nicht erwünscht. Er malt viel. Seine Bilder, alle im selben Format, signiert er mit haro. Die Jahre vergehen. haro wird krank und stirbt. Das ist im Herbst 1981.
Zurück in die Zukunft. Der Besitzer des Kö ist einmal wieder in Schwierigkeiten und das Lokal wird zum Jahresende geschlossen. (Bald darauf wird das Gebäude abgerissen.) Antonia beschließt, obwohl ihr Verlobter Günther in Stuttgart Stammheim "Urlaub" macht, nach Berlin zu ihrer Mutter zurück zu kehren. Zum Abschied schenkt sie mir drei Bilder von haro aus seiner letzten Schaffensperiode. Sie wurden nicht ganz fertig, man sieht es an den Haaren des dargestellten jungen Mannes.
Antonia wusste selbstverständlich dass ich nicht heterosexuell veranlagt bin. Das beeinflusste wohl die Wahl der Motive nicht zufällig. Ich habe die Bilder vom Schrank geholt und stelle sie hier, ohne Kommentar, vor. (Übrigens ist kaum Staub auf dem Schrank, das wundert mich!)





Man könnte sich jetzt, beim Betrachten dieser Gemälde, natürlich fragen, was haro, außer malen, in seinem Atelier so trieb. Aber: Honi soit qui mal y pense, "Ein Schuft/Schelm der/wer Böses dabei denkt". (Übrigens das alte Motto des Hauses Württemberg.)

 So sieht es dort jetzt aus. Die Nummer 38 ist mit 36 verschmolzen.


Wie dem auch sei, Antonia ging im Februar 1982 nach Berlin und es folgte ein schöner, ergiebiger Briefwechsel. Ich habe ihre Briefe vorgestern herausgekramt und einige wieder gelesen. Es ist erstaunlich, wieviel ich aus dieser Zeit, die ja nicht sooooo lange zurück liegt, vergessen habe. Der Grund warum ich die Briefe hervor holte war aber der, dass ich im Zusammenhang mit den Bildern (siehe ganz am Anfang dieses Kapitels) an den Tod dachte und dabei an zwei Dinge Antonia betreffend.
Das erste ist der letzte ihrer Briefe, in dem sie schrieb, dass sie sich plötzlich, nach der Lektüre eines Groschenromans, wieder sehr für das Okkulte interessiere. (Der Brief ist vom 26. 4. 1983, zwei Tage später war ihr 25ster Geburtstag!)


"Zauberei und Teufelsaustreibung". (Wer denkt heute noch an Kujau und die Hitler Tagebücher? 60 Bände hatte der gefälscht!)
Dieser Brief war, wie gesagt, der letzte den ich von ihr erhielt, obwohl ich ihr noch mehrmals schrieb und auch einige Bücher schickte. Der zweite Zusammenhang ist eine Zeitungsnotiz, die ich zufällig einige Zeitspäter las. (Zufälle gibt es nicht!) Es war nur eine Kurzmeldung in den Überregionalen Nachrichten, dass man in einer Gartenlaube in Berlin die Leiche einer jungen Frau entdeckt habe, "die wahrscheinlich das Opfer einer Schwarzen Messe oder ähnlichem wurde,".
Da war mir alles klar. Hätte ich mit dem Brief zur Polizei gehen sollen? Überlegt habe ich es mir, aber nicht getan.
Die Bilder liegen wieder auf dem Schrank und dort bleiben sie, es sei denn ein Interessent meldet sich und möchte sie haben, für einen Hobbykeller, oder eine Bar für Nichtheterosexuelle. (Die Maße sind jeweils 52x70cm.) Ich gebe sie kostenlos an Selbstabholer ab.



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