Mittwoch, 8. Oktober 2014

Geheimnisse einer Uhr






























Es fing damit an, dass diese schöne Standuhr, deren Entstehungszeit ich in den frühen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vermute, sich immer wieder weigerte zu schlagen. Dann musste ich ihre Tür aufschließen und leicht öffnen, damit der Schlagwerkmechanismus in Gang gesetzt wurde. Schon als ich sie vor 25 Jahren bei "Emmaus" kaufte, warnte man mich, dass "der Schlag Mucken hat". Wenn schon, dachte ich und begnügte mich 25 Jahre lang damit, entweder auf ihr Schlagen zu verzichten, oder eben Tür auf/Tür zu anzuwenden. Während all dieser Jahre vermutete ich, dass es am Gewicht liegen müsse. Allerdings brachte das Tauschen der Gewichte keinen Erfolg. Es hätte ja sein können, dass das eine einen Muckenseckel (das Geschlechtsteil einer männlichen Mücke, schwäbisch für ein ganz kleines bisschen) schwerer als das andere ist. Ist es nicht. Im Gegegenteil, das andere wiegt nur 3,1 Kilo, während das eine mit 4,2 Kilo punktet. Mir war klar, dass die Messinghülsen eine Füllung aus schwerem Metall haben. Bei einer anderen Uhr waren es Bleikügelchen. Also dachte ich, ich füge einfach ein bisschen mehr Metall hinzu und man wird sehen ob das die Fehlfunktion behebt. Zum Glück ist das Öffnen der Hülsen problemlos. Ein durch den Kern der Füllung geführter Metallstab mit Schraube hält die Einzelteile zusammen. Also schraubte ich auf und siehe da, um den Metallstab zu stabilisieren, hatte der Hersteller einfach altes Zeitungspapier in den oberen Teil der Hülse gestopft.


Sofort erwachte der wahrscheinlich jedem Mann eigene Archäologen-Instinkt in mir. Vorsichtig entknüllte ich eines der stark vergilbten Papierknäuel. (Oder heißt es der Knäuel? Die deutsche Sprache ist ja so beängstigend geschlechtsspezifisch, da muss man vorsichtig sein. Allerdings hörte ich neulich wie eine Gruppe von Schulmädchen sagte: "Gehn wir Breuninger?" "O ja, lass uns Breuninger gehn, da könn wir ...") Das Papier war zwar sehr trocken, aber doch nicht so mürb, dass es zerfiel, auch wenn es an manchen Stellen ein bisschen bröselte.


Zum Glück waren die Fragmente gerade so groß, dass sie in den Scanner passten und das Resultat kann sie lesen lassen. Mir gefällt die Unterscheidung zwischen "Herren" und "Burschen" Garderobe. auf Seite 2, und die Art wie der Aufmacher der Anzeige auf Seite 3 dieses "Der Teckbote" getextet ist. 



"... und deshalb mit großer Freude kaufen." ist das Sahnehäubchen! Leider entdeckte ich nirgendwo eine Jahreszahl, die mir das Baujahr meiner Uhr verraten würde, und auch den Standort der Inserenten konnte ich nicht ausfindig machen. Allerdings habe ich inzwischen gegoogelt, dass es die Zeitung immer noch gibt, vielleicht kann mich ja dort geholfen werden ...
Das englische Sprichwort sagt zwar "Curiosity killed the cat", was so viel heißt wie "Rauchen kann tödlich sein", aber jetzt wollte ich natürlich wissen, ob das andere Uhrengewicht nicht auch einen Schatz enthält. Ich wurde nicht enttäuscht!

Zwei ganze Seiten Anzeigen "fielen mir in die Hände". Treffender kann man das nicht beschreiben!
Auch hier wieder durchaus Kurioses und seltsam Anmutendes, aber, auf den ersten Blick, kein Hinweis auf das Jahr des Erscheinens der Zeitung. Nicht einmal ob es sich um die gleiche Zeitung, die selbe Nummer eben dieser handelt, ist zu erkennen, weil keine identifizierenden Kopfzeilen darüber Auskunft geben.
Es ist nicht meine Art, aber vorläufig gab ich mich damit zufrieden. Bis ich zu dieser Stelle "Ich wurde nicht enttäuscht!" in diesem Post kam und ich mir sagte: "Das ist doch nicht Deine Art, etwas einfach so stehen zu lassen, das durch Nachforschung eventuell geklärt werden könnte."
Deshalb kann ich jetzt stolz sein!
Ich bediente mich einer Lupe und durchforstete jede Seite Zeile für Zeile. Irgend einen Hinweis muss es geben! (Ich bin Krimi-Leser!) Als gelernter Buchdrucker wusste ich natürlich, dass die Anzeigen aus einer Zeit stammen müssen, in der es schon "moderne" Schriften gab. Zwar waren viele Anzeigen noch in "Gothik" gesetzt, aber es standen denen auch solche gegenüber, die nicht nur eine nicht "gebrochene" Schrift zeigten, sondern sogar solche ohne Serife, sogenannte Sans Serif oder "Grotesk" Schriften. 
(Als Serife bezeichnet man die (mehr oder weniger) feinen Linien, die einen Buchstabenstrich am Ende,(siehe diese Courier Schrift) quer zu seiner Grundrichtung, abschließen. Wikipedia
Grotesk Schriften gibt es zwar schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts, sie wurden hauptsächlich für Plakate und andere Werbung eingesetzt, aber das doch mehr in England, wo sie entwickelt wurden. 
Um 1920 entstanden in Deutschland auf der Suche nach "der Schrift unserer Zeit" (...)dagegen geometrische Serifenlose wie 1927 die Futura.(Wikipedia)
So weit so gut. Aber ich hatte die Uhr ja schon so um 1920 eingeschätzt, ging das nicht genauer? Und dann sah ich durch die Lupe diese Zeile:
DLG, dachte ich, das gibt's doch immer noch, die sind, wenn mich nicht alles täuscht, auch am Stuttgarter Volksfest beteiligt. Also googelte ich und, auf gut Glück, inklusive Dortmund und Datum und: BINGO! Die Ausstellung fand in Dortmund vom 24. - 29. Mai 1927 statt!
Also wurden zumindest die Gewichte meiner Uhr nach dem 29. 05. 1927 irgendwo in der Nähe von Kircheim/Teck zusammengebaut. Moderne Archäologie in Vollendung!
Jetzt hatte ich aber ein schlechtes Gewissen, weil ich die Zeitungsfragmente einfach wieder in die Hülsen, wahre Zeitkapseln!, zurück gestopft hatte. Geht man so mit der Vergangenheit um? Habe ich nicht eben erst über "Universelles Wissen ", über den Zusammenhang aller Erinnerung, gepostet?
Also nahm ich die Gewichte wieder auseinander. Siehe unten.


Jetzt liegen die Zeugen ihrer Zeit bei mir und ich frage mich: "Was mache ich damit?" Ach so, ja, ich habe eine Handvoll Kupfermünzen in die Hülse des Schlagwerk-Gewichts getan. Jetzt wiegt es 4,4 Kilo und die Uhr schlägt einwandfrei, wann immer es angebracht ist!


Übrigens war diese Ausgabe des "Der Teckbote" überregional und auch, in bescheidenem Umfang, International verbreitet, wie sich an den Anzeigen leicht ablesen lässt. Von Berlin bis München ist alles vertreten und eine Anzeige aus dem damaligen Böhmen gefällt mir ganz besonders gut!


Für nur 4, 5, 6 (Reichs)M(ark): "feinste geschlissene Halbflaum=Herrschaftsfedern", wenn das kein Schnäppchen war,?! 
Oder das Angebot von diesem Buchversand (Amazon war schon gestern!).


Ich habe zwar keine Ahnung was "Bierschwaben" sind (Google weiß es auch nicht!), aber alles andere in diesem Paket verspricht doch Riesenspaß! Und das für 3.- Mark, portofrei ... 
Ach ja, die gute alte Zeit. 
Am 1. Juli 1927 wurde, laut "Der Teckbote", die von Preußen beantragte Erhöhung des Kartoffelzolls, und des Zuckerzolls abgelehnt. Dagegen wurde der Ermäßigung der Zuckersteuer auf 10,50 Mark pro Doppelzentner zugestimmt.  
Ebenfalls am 1. Juli veranstaltete das Reichspatentamt eine Festsitzung anlässlich seines 50jährigen Bestehens, auf der Reichsjustizminister Dr. Hergt die Glückwünsche der Reichsregierung und der Preußischen Staatsregierung überbrachte "und feierte der Deutschen Tüchtigkeit, deutschen Fleiß und deutsche Gewissenhaftigkeit".
Jetzt gibt es deutsche Technologie made in China. So vergeht die Zeit ...
Danke, liebe Uhr!

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