Nein, das wird kein "Istanbul von hinten" Bericht, zu dem Thema hätte ich zu wenig beizutragen, um auch nur eine halbe Seite zu füllen. Ich meine, etwas darüber sagen könnte ich schon und ich wüsste auch mindestens ein Lokal das angeblich ... aber wie gesagt, oder wie ich jetzt sage, ich war nicht dort und kann es deshalb nicht bestätigen.
Mit der "anderen" Seite der Münze meint man wohl die "ohne Wert". Was nützt mir das Bildnis eines Kaisers, wenn ich nicht weiß wieviel es wert ist? Wie der Wert heißt ist gleichgültig, Mark oder Pfennig, aber die Zahl, auf die kommt es an. Das ist also die eine Seite der Münze. Und die andere? Wie gesagt, darauf ist nur etwas abgebildet, nichts wichtiges, nur Beiwerk. Man hätte ja den Wert einfach wiederholen können, aber dann hätten Neunmalkluge sicher gesagt, dass das den doppelten Wert bedeutet. Das wäre kein gutes Geschäft geworden.
Genug der Einleitung, auch mein Istanbulbesuch hat zwei Seiten, eine positive und eine weniger positive. Ich meine, selbst wenn der Wert der Münze nicht mehr ablesbar ist, sie hat immer noch den Metallwert. Also ganz wertlos ist sie nie. Und ganz hundertprozentig makellos, also prägefrisch und Spiegelglanz, sind gebrauchte Münzen nie. So viel zum zweiten Teil der Einleitung.
Also fange ich mit dem Meckern bei der Unterkunft an. Sie war schmutzig, nicht richtig dreckig aber auch nicht sauber. Dabei meine ich nicht einmal den Staub auf der "Hutablage" im Eingangsbereich. Die ist so hoch oben, dass sogar ich auf Zehenspitzen stehen musste, um mit dem Finger darüber zu wischen. Ehrlich gesagt tat ich das auch erst am letzten Tag, um zu prüfen, ob ich nicht doch etwas dort abgelegt hatte. Man macht das manchmal, etwas dort hin legen, wo es keiner/keine vermutet, und wo man überzeugt ist, dass man selber sich daran erinnert und, was immer es ist, dort findet. Funktioniert übrigens ganz selten. Ich fand jedenfalls Staub, viel Staub. Ob es der Staub von drei Jahren ist, kann ich nicht sagen, aber das Gebäude ist gerade mal drei Jahre alt und so könnte das schon hinkommen. Jeder weiß doch, aus diesem englische Dokumentarfilm über diesen, wie soll ich sagen: Vorzeigeschwulen ... Wie dem auch sei, der behauptete, dass, wenn man Staub drei Jahre lang einfach akkumulieren lasse, nicht mehr mehr dazu käme. Nicht in hundert Jahren. Na schön, so weit ging er nicht und außerdem, wer wohnt schon irgendwo hundert Jahre lang um das zu beweisen. Andererseits ist die Reinemacheperson dort im Apartment eine sehr kleine Frau, höchstens einssechzig, mit Absätzen, die wahrscheinlich noch nicht einmal bemerkt hat, dass dieses hoch oben Hutablagebrett existiert.
Der Rest der Wohnung war der Lage entsprechend staubarm. Ich meine, da ist eine Baustelle gleich nebenan und eine Bäckerei hat im Hinterhof so eine Art Reinigungsstelle für ihre Gerätschaften, was auch Staub macht und auf jeden Fall jede Menge Lärm.
Womit ich bei einem weiteren Mangelpunkt angekommen bin. Nicht etwa dem Lärm von außerhalb, der spätestens um Mitternacht vorbei ist, sondern das Türenschlagen im Haus! Mann Mann Mann. Das sind Metalltüren in Metallrahmen und jeder denkt wohl, Türen gehen nur zu, wenn man kräftig daran zieht, oder sie von außen mit Kraft zuschiebt. Dann hat jede Tür noch zwei Schlösser, sicher fühlt man sich in Aksaray wohl nicht, die beim Zu- und Aufschließen den Eindruck erwecken, dass man sich in einem Hochsicherheits-Gefängnis befindet. Die Vorstellung mag ja für Masochisten attraktiv sein, aber wenn es dann allein beim Krach bleibt ...
Die Dusche, zumindest in Apartment 8, müsste "renoviert", sprich erneuert werden. Man wundert sich, dass in nur drei Jahren solche Verfärbungen entlang der Silikon-Nahtstellen entstehen können. Sie "rinnt" auch, ist also irgendwo undicht, glaube ich ... Benutzen kann man sie bedenkenlos ... Ich habe das Gefühl, dass ich mich nach ihr zurück sehne.
Die Bettdecke, na ja, so eine Art Patchwork-Ding ohne Wärmfunktion, hatte zwei Löcher. Wahrscheinlich Brandlöcher von Zigaretten, die dann mit einer Schere einfach "geglättet" wurden. Man sah also keine Brandspuren. Ein Loch war Männerfaustgroß, das andere nicht zu klein, um sich mit zwei Zehen darin zu verheddern. Diesen Mangel fand ich am erstaunlichsten und dass er dem Besitzer bekannt sein muss nahm ich stark an. Andererseits, wenn der alles der Reinemachefrau anvertraut und ... mein Gott, wer kennt schon die Mentalität aller Erdenmenschen?
Alles in allem ist die Unterkunft urig-einheimisch, denke ich. Es hat keine drei Tage gedauert bis ich mich an alle Geräusche gewöhnt hatte. Die rolligen Katzen mitten in der Nacht und die Lachmöwen, die ja nun wirklich jedes Gelächter vorführen können und die Türkentauben, die sich in dem großen Feigenbaum aufhielten und die Sperlinge die mit der dicken Katze schimpften ... Und dabei hat es während dieser Zeit pausenlos geregnet. Ich bin selten aus dem Haus gegangen, Vielleicht habe ich das alles deshalb so intensiv erlebt?
Noch etwas fand ich nicht gerade angenehm. Die Beleuchtung im Apartment. Nur Deckenlampen mit Sparbirnen die eine Art Höhensonne-Unterwasser-Stimmung erzeugen. Eigentlich gruselig. Keine Leselampe, nichts über oder neben dem Bett, das eine Lichtinsel schafft.
Und kein deutschsprachiger Fernsehsender. Der Besitzer sagte zwar, er würde sich darum kümmern, aber dann hatte er einen schweren Krankheitsfall in der Verwandtschaft ...
Und als das Wi-Fi nicht mehr funktionierte, dauerte es vier Tage, vielleicht auch nur drei, bis mir erklärt wurde, dass ich nur ... Ach so, das habe ich schon berichtet.
Dass es zu viele Touristen gibt, habe ich schon in Venedig bemängelt. Ich nehme an, dass es in Istanbul noch mehr gibt, aber da verlaufen sie sich mehr. "Besichtigen" ist nur morgens und gegen Abend sinnvoll, das habe ich schon mehrfach gesagt. Zwischen Menschenmassen aufgerieben werden und dann noch Schönheit zu erleben ist mir nicht möglich und ich ziehe jede andere Moschee der "Blauen" vor.
In ihrer, der "anderen", Stille und Licht wurde mir bewusst, dass der Weg zu Gott auch durch ein für seine Anbetung gebautes Haus führen kann. Dieses Gefühl hatte ich in einer Kirche noch nicht. Ich werde trotzdem nicht konvertieren.
Tram fahren ist ... Man muss es zu jeder Zeit einmal erleben und man muss auf die Füße achten. Denn dort wo oben die Hände in den Schlaufen oder auf dem Gestänge Platz finden, ist unten oft keiner. Und niemand erwarte die Höflichkeit des für "Ältere" Aufstehens, es sei denn man ist ein gramgebeugtes Mütterlein.
Ja, das sind so die Mängel, die ich jederzeit wieder akzeptieren und auf mich nehmen würde, wenn ich wieder nach Istanbul kommen dürfte. Die Stadt ist eine Faszination, ein Wunder an Licht und Schatten. Ich habe mich in sie verliebt.
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