Donnerstag, 10. Oktober 2013

Noch 7 Tage bis zur Abreise ...


Habe ich "Reisefieber"? Nicht so richtig, aber ein gewisses Kribbeln ist schon vorhanden. Gestern habe ich endlich das neue Gepäckstück gekauft. Von 65.95€ auf 45.95€ reduziert, ein Schnäppchen also. Na ja, die Reisesaison ist beendet, wer kauft da schon noch Koffer.
(Übrigens funktionierte der Ausziehe-Griff schon bald nach der Ankunft in Venedig nicht mehr. War wohl ein Montagsmodell.)

Reißverschlüsse und Taschen und Täschchen hat er ja genug, hoffentlich finde ich da alles wieder was ich einpacke. Apropos finden: Diese Postkarte von 1973 fiel mir heute in die Finger, ohne dass ich irgend etwas gesucht hätte. Was will sie mir sagen?

Ich werde wohl wieder in meine Notizbücher schauen müssen. Es kann allerdings nichts mit `Nachtleben´ zu tun haben, weil ich ein solches bei keinem meiner vielen Besuche entdeckt habe. Nicht dass ich es nicht gesucht hätte. Außer kulturellen Veranstaltungen wie Oper und Konzert und spätem Dinner wurde ich aber nicht fündig. Natürlich kann man an lauen Abenden, sofern es nicht schon sehr spät im Jahr ist, bis nach Mitternacht durch die Gassen streifen, sich von den dunklen Spiegelbildern in den Kanälen verzaubern lassen, oder den diversen Müll beobachten, der durch die Lichtinseln der Laternen auf dem Wasser schwankt und wabert als wäre er Teil einer Choreografie. Ein Kondom, zum Beispiel, das zu unglaublichem Ausmaß geweitet ist und sanft auf den nachtschwarzen Grund sinkt, ehe man seinen Augen richtig trauen konnte.
Übrigens habe ich nur selten eine Ratte gesehen, obwohl das ja ein gängiges Venedig-Vorurteil ist. In Stuttgart hingegen begegnen sie einem am helllichten Tag auf belebten Straßen und Stufen. Sie finden ja auch überall reichlich weggeworfenes Essen in Mc Donalds Tüten. Also: keine Angst vor Ratten in Venedig, aber Augen auf in Stuttgart!

Bei Rowland ein Bier getrunken. Er erzählt mir eine Geschichte über ein schwules Freundespaar, das sich am Vorabend an seiner Theke verkrachte. Das fand er sehr amüsant. ... 
(Rowland, ein junger Amerikaner, in den USA geboren, auf Besuch nach Good Old Germany gekommen und auf eine seltsam ambivalente Art sesshaft geworden, ist ein Roman für sich. Er ist 20 und weiß mit seinem Leben nicht so richtig etwas anzufangen. Den Job als Bierzapfer hat ihm eine Tante verschafft, bei einem Cousin dem das Lokal gehört, nachdem sie es satt hatte, dass er nur in ihrer Wohnung  herumhing. Er hatte das zwar auch satt, brachte aber nicht genug Antrieb auf, um etwas dagegen zu unternehmen. Er sprach übrigens fehlerloses Deutsch, ohne Akzent. Ständig war er auf der Suche nach einer Freundin, fand aber keine die, wie er meinte, zu ihm passte. Sein Job in der Kneipe war natürlich auch nicht gerade das gesellschaftliche Parkett, auf dem sich Mädchen wie er sie sich wünschte bewegten. Sex hatte er mit Katie, einer schon etwas (!!!) älteren Kellnerin aus dem Speiselokal über der Kellerkneipe, das über eine Treppe mit dieser verbunden war. (...) Eines Tages war Rowland verschwunden, ohne sich bei irgend jemand abgemeldet zu haben. Zwei Tage später stand er wieder hinter dem Tresen und Rudi, ein Stammgast mit Alkoholikeraugen und graumeliertem Schnauzbart a là Günther Grass, berichtete mir, dass er "den bescheuerten Ami" in letzter Minute aus dem Rekrutierungsbüro der Fremdenlegion geholt habe. "Der hatte sogar schon unterschrieben!" Es gab anscheinend ein großes Theater dort. Erst als man herausfand, dass er amerikanischer Staatsbürger ist, ließ man ihn gehen.)
Ich bin immer noch depressiv, versuche aber es als Reisenervosität abzutun. - Als ich wieder mit der Rolltreppe in die kleine Schalterhalle hochfahre, steht Aki oben und unterhält sich mit jemand, Kundschaft nehme ich an. Er sieht mich und sieht mich nicht, typisch wenn er `geraucht´ hat. Erst als ich mich noch einmal zu ihm umwende und grüßend die Hand hebe, nimmt er mich wahr. Er lässt den Freier stehen und folgt  mir. Wir unterhalten uns. Sicher ist er wieder einmal blank und kein zahlungswilliger Typ unterwegs. Er schlägt vor, dass wir in den Park gehen, und knetet dabei in seiner Hosentasche herum, aber ich mache ihm klar, dass ich immer noch nicht "so ein" Typ bin und außerdem keine Zeit  habe, weil mein Zug bald fährt. Also begleitet er mich in die Milch-Bar wo ich zwei belegte Brötchen und drei Softdrinks als Reiseproviant kaufe, 9.20 DM. Wir gehen noch in die Bali-Bar und trinken ein Bier. Dann trägt er meinen Koffer vom Schließfach bis ins Zugabteil. Ich gebe im 20 DM und er nennt mich "meine gute Fee" und meint das als Kompliment. "Wir könnten noch schnell hier aufs WC gehen." meint er. Es ist immer das Gleiche, er denkt, dass alle Sex wollen. Zum Glück fährt der Zug an und er kann gerade noch abspringen. ...
Automatische Türverriegelungen gab es zu der Zeit noch nicht. Aber damals war der Hauptbahnhof ja auch noch keine Baustelle, sondern ein Treffpunkt aller Nationen ...

Ich geh mal zu Kieser ... schon wieder zwei Tage vergangen!

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