Mittwoch, 24. Juli 2013

Das 18 1/2. Kapitel setzt das 18. fort

Dank Alis Freude am Fotografieren habe ich sehr viele Bilder von diesem Ausflug, wofür ich ihm sehr dankbar bin! Er verstand es sogar aus der lehmigen Böschung ein Kunstwerk zu machen, siehe unten.

Schließlich gelangten wir wieder auf den Parkplatz. Ich glaube wir waren eine Stunde auf unserem Rundweg unterwegs. Man sollte auf jeden Fall Zeit haben, wenn man die Kurşunlu Şelalesi besucht. Allerdings wird hier im Sommer Hochbetrieb herrschen, weil es auch ein sehr beliebtes Ausflugsziel der Bevölkerung ist und dann viele Besucher aus Kemer bis Side in den Zauberwald kommen.


Zurück im Auto telefonierte Ali mit seiner Frau, die wir, mitsamt Töchterchen versteht sich, eventuell zum Mittagessen abholen sollten, sofern das Wetter hielte. Das Wetter hielt zwar, aber Alis Frau hatte nicht so recht Lust auf einen gemeinsamen Lunch. Inzwischen war es schon nach Mittag. Also fuhren wir zurück nach Antalya und zu den oberen Düden Wasserfällen, oder Yukarı Düden Şelalesi, die ungefähr 11 km nordöstlich des Zentrums zu finden sind. Auch hier wurde ein großer Park angelegt, allerdings ganz auf Tourismus ausgerichtet. Er heißt Düdenbaşi Piknik Alanı. Man kann auch hierher für 1,70 TL mit dem Dolmusch fahren. Angeblich werden hier Taschen kontrolliert, damit niemand Sonnenblumenkerne und/oder Pistazien mitbringt und mit den Schalen den Park verunreinigt. Gesehen habe ich das allerdings nicht.
Der Fluss Düden wird von zwei Quellflüsschen im Taurusgebirge gebildet, dem Kirkgozler und dem Pinarbası. Er versickert dann im karstigen Boden, wird sogar unterirdisch zu einem Kraftwerk umgeleitet, und stürzt dann hier als breite `Vorhänge´ ca. 10 Meter in die Tiefe, wo er ein großes Becken ausgewaschen hat. (Die antiken Griechen, die ja bekanntlich Antalya gründeten (?), nannten den Fluss `Katharraktes´, was so viel wie `herabstürzen´ bedeutet. Warum die Dinge nicht beim Namen nennen, werden sie sich gedacht haben.) Im Sommer soll es vorkommen, dass nur ein spärliches Rinnsal zu Tage tritt und heruntertröpfelt, weil das Wasser des Flusses für die Bewässerung der Felder abgezweigt wird.
An diesem Tag herrschte aber kein Wassermangel.


Ein wenig abenteuerlich wird es, wenn man die schmale Wendeltreppe hinunter steigt, Vorsicht Gegenverkehr!, um unter dem Hauptstrom, der mächtig durch die Decke tropft, hinter den Wasserfall zu gelangen. Es ist sehr dunkel in diesen Höhlen, die Felsdecke manchmal extrem niedrig und der Boden nass, glatt und glitschig. Es ist gut, wenn man eine kleine Kamera hat, die man einfach in die Tasche stecken kann. Fotografiert haben wir selbstverständlich trotzdem.



Über eine Treppe, nicht ganz so schmal und nicht gewendelt, erreicht man die Plattform am Fuß des Wasserfalls. Es ist kühl hier und das herabstürzende Wasser erzeugt eine leichte Brise, die an heißen Tagen sicher sehr angenehm ist. Vorausgesetzt, wie gesagt, dass es stürzendes Wasser gibt!

Über eine kleine Brücke erreicht man die andere Seite und kann zurück zum Parkplatz gehen, was wir getan haben.

Als nächstes fuhren wir zu dem Fisch-Restaurant am Fluss, wo wir eigentlich alle zusammen essen wollten, aber Alis Frau meinte, dass es schon spät wäre fürs Mittagessen und außerdem Wolken aufkämen. Beides stimmte. Ich sagte ihm, dass es in Ordnung wäre, wenn er mich jetzt zum Hotel zurück fahren würde. Aber was Ali sich vorgenommen hat, das führt er auch aus. Zu meinem Glück, denn das Restaurant war einfach, umwerfend, urig, in der Reihenfolge! Wir bekamen einen Tisch so nah an der `Wasserkante´, dass ich mich mit den jungen Forellen unterhalten konnte, die zahlreich in dem glasklaren, grünblauen Wasser wimmelten. Fischen darf man im Düden auch nicht.


Und das Essen so frisch, dass die Forelle mir noch zublinzelte. Das ist natürlich übertrieben, aber der Fisch kam aus der eigenen Zucht und das Brot aus dem Holzbackofen heiß auf den Tisch. Dazu gab es Gurken/Tomatensalat, geschnitzt, gewürfelt, nicht gerädelt und Käse. Ali würzte den Salat und entgrätete die Forellen. (Fisch heißt Balık, Forelle Alabalık. Ali mag es gar nicht, wenn man das ı als i ausspricht. Es ist eine Art verschlucktes i, eben ein ı ohne Punkt, wie ein Mensch ohne Kopf.) Ich kam mir vor wie ein Pascha!


Der Fluss rauschte unter uns vorbei, keine Touristen weit und breit. Ich erlebte Türkei pur und war glücklich! Für diesen einen Tag haben sich die sieben Wochen gelohnt. Danke Ali!!!
Um das Ganze abzurunden, durfte allerdings, laut Ali, der Untere Düden Wasserfall, Aşağı Düden Şelalesi, nicht fehlen. Auch mein schüchterner Einwurf, dass ich den schon gesehen habe, fruchtete nichts. Selbst die Tatsache, dass seine Frau inzwischen sauer war, weil er so lange weg blieb, an dem einzigen freien Tag der Woche, und außerdem das Wetter radikal umgeschlagen hatte, bleischwerer Himmel und beginnender Regen, brachten ihn nicht davon ab, dass er mir alles zeigen müsse, was es an Wasserfällen um und in Antalya zu sehen gibt. Ich nehme mal an, dass türkische Männer so sein müssen?!
Wir fuhren also quer durch die Stadt, die ich sehr unpersönlich, beinahe abweisend fand, ohne den Charme des von der menschlichen Seite her denkenden Stadtplaners. Nur Wohn-, kein wirklicher Lebensraum. Desolat ist das einzige Wort das mir einfällt. Aber die Stadt hatte ja keine Zeit sich langsam zu einer Millionenmetropole zu entwickeln. Die Millionen waren zu schnell da und brauchten Unterkünfte. Das ist Antalya, auch im Hinblick auf die Touristen: Unterkunft. Als solche funktioniert die Stadt und das ist wohl die Hauptsache.
Als wir am Meer ankommen, ist dessen Farbe beinahe schwarz. Alles Licht ist ihm entzogen. Der Wind ist kalt und wirft die fallenden Wassermassen in eiskalten Gischtnadeln zu uns herauf. Ich mache ein Foto, dann ist der Akku leer. Schicksal. Als wir zum Auto zurück gehen regnet es schon stärker.
Genau genommen hat sich hier für mich ein Ring geschlossen, der sich vom Mai 2012 bis zum April 2013 "über die Dinge zieht" (Rilke: "Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn.")

Am nächsten Tag frage ich Ali, ob zuhause alles Tamam ist. 
"Ach, Frau bisschen schimpfen weil so spät kommen, aber egal. Her şey tamam." sagt er.
Na, denke ich, ob da wirklich alles in Ordnung ist? Wie sagte doch der Mann aus Trabzon, der nach Heilbronn auswanderte: "Türkische Frauen immer schreien, immer schreien."
Wie dem auch sei: Ich sage ein herzliches "Maşallah!" für Deine Familie und Dich, mein Freund AliAli.

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