Als ich neulich wieder einmal auf meiner Lieblingsbank im Wald saß, an der viele Menschen auf dem Weg zum Fernsehturm vorbei gehen, hörte ich einen ungefähr zehnjährigen Jungen, Brillenträger, seinen Vater fragen: "Einmal angenommen dass sich jemand nackt in die Brennnesseln wirft und darin wälzt, was würde dem passieren?"
"Aber das macht doch niemand." antwortete der Vater, so Mitte 30, etwas gelangweilt. Er nahm die Frage nicht ernst, denke ich.
"Aber trotzdem, nur einmal angenommen das würde jemand machen ..." insistierte der neugierige Sohn. Dann waren sie außer Hörweite.
Spontan wollte ich ihnen nachrufen: "Der heilige Benedikt hat es getan!"
Aber ich unterdrückte den Impuls. Was hätte ich dem Knaben gesagt, wenn er gefragt hätte: "Warum hat er das gemacht?" ?
Der Weg ist übrigens rechts und links dicht mit Brennnesseln überwuchert, daher wahrscheinlich die Unterhaltung über Brennnesseln und die Frage des Kindes, deren Inhalt allerdings einen Psychologen stutzen, und hellhörig werden, lassen würde.
Dann überlegte ich mir, woher ich wusste, dass der heilige Benedikt von Nursia sich nackt in Brennnesseln und Brombeergestrüpp gewälzt hatte. Das Naheliegendste ist, dass ich katholisch bin, wenn auch nicht gerade sehr fromm, und zumindest mit einigen Heiligenlegenden vertraut, die ich aus einem dicken Wälzer kenne. Das Buch ist 6 cm dick, wiegt 1,5 Kilo und hat über 800 Seiten. Also keine leichte Lektüre!
Da steht es, schwarz auf vergilbt: von Gott erleuchtet riss er sich die Klamotten vom Leib und "warf sich nackend in die spitzigen Dornen" woraufhin ihm die Lust an Sex auf immer verging.
Hätte ich das dem Zehjährigen erzählen können, ohne mir Prügel von seinem Vater einzuhandeln? Wohl kaum.
Ich saß also auf meiner Lieblingsbank, dachte über Wissen nach, das man nicht ohne Furcht weitergeben kann und wie sich der Vater wohl aus der Schlinge zog die sein Sohn um ihn gelegt hatte. Der Knabe wirkte mit seiner Brille recht gescheit und der Ton in dem er nachgehakt hatte: "Aber trotzdem, nur einmal angenommen ...", ließ mich hoffen, dass der Vater starke Nerven hat! Oder er googelt: Sich in Brennnesseln werfen, wer ... Ich fand da allerdings nichts.
Der heilige Benedikt, der ja als eine Art Vater des organisierten Mönchtums gilt, hatte eine Zwillingsschwester, Scholastika, die er sehr liebte und mit der er sich Zeit seines Lebens eng verbunden fühlte, was bei Zwillingen ja ganz normal ist. Als Schluss hänge ich die Abbildung aus meinem Buch an. Es zeigt Benedikt und Scholastika beim Einnehmen einer kargen Mahlzeit. Mir gefällt die Verschmitzheit, mit der die Frau den Betrachter so quasi aus den Augenwinkeln mit dem Blick verführt. Kuckt ihr Bruder deshalb so säuerlich?

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