Mittwoch, 27. April 2016

Jetzt noch ein Hörsturz? Das hat mir gerade noch in meiner Sammlung gefehlt!


So dachte ich am vergangenen Freitag, als von jetzt auf gleich mein rechtes Ohr den Dienst aufgab. Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich, kommt der Hörsturz im Schlepptau des Schlaganfalls? So quasi als ein Nachbeben? Irgendwie resignierte ich und dachte, es kommt wie es kommt und dann ist es eben so, finde Dich ab damit. Aber so ganz wollte ich das natürlich auch nicht und ich erinnerte mich an Tropfen die mir mein Hausarzt einmal, vor vielen, vielen Jahren, verschrieben hatte, als mein Ohr mit Ohrenschmalz verstopft war.

Man träufelt 10 Tropfen (unmöglich abzuzählen, weil das Fläschchen ja im Ohr steckt), also mehr oder weniger, in das betroffene Ohr, oder auch beide, lässt das 10 - 15 Minuten einwirken und spült dann mittels der Ohrenspritze mit warmem Wasser aus. Wenn es so funktioniert wie es soll, dann ist danach wieder alles in Ordnung.
Es funktionierte nicht. Da ich am Freitag aber Termine für Physio- und Ergotherapie hatte, die ich auf keinen Fall verschieben wollte, dachte ich, dass es schon nicht so schlimm sein würde und ich am nächsten Morgen wahrscheinlich wieder normal hören könnte.
Dem war nicht so und außerdem war Samstag und kein Arzt anzutreffen. Ich tropfte als nochmals mein Ohr, aber es blieb taub. Es war so absolut taub, dass ich, wenn ich mein linkes Ohr zuhielt in einem Akustikvacuum stand. Das war schon ein bisschen unheimlich. Da ich auf  meinem linken Ohr sowieso schlechter höre seit das Trommelfell durch eine eitrige Mittelohrentzündung perforiert wurde (zum Glück aber wieder heilte!), dachte ich, na gut, dann bist Du eben jetzt im Hörgerätalter angekommen. Sich über das Unabwendbare aufregen bringt nichts.
Am Wochenende las ich dann alles mögliche auf Google über Hörsturz und erfuhr, dass das was man bisher darüber zu wissen glaubte, Makulatur ist. Noch nicht einmal die Ursache ist bekannt. Davon, dass Stress einen Hörsturz herbeiführen kann, ist man abgekommen und auf Infusionen zur besseren Durchblutung verzichtet man inzwischen auch wieder. Kortison wird eingesetzt in der Hoffnung dass es hilft. Genau genommen ist es wie mit dem essentiellen Tremor: außer dass es ihn gibt ist nichts darüber bekannt. Ich tröstete mich damit, dass es in dem Fall auch nichts ausmache, wenn ich nicht gleich einen Arzt aufsuchen würde.
Zwar spülte ich mein Ohr noch mehrmals (die Tropfen sind übrigens seit 2013 abgelaufen) und wohnte jedes Mal dem Tod meiner Hoffnung bei. So wurde mir schlagartig klar, dass die Hoffnung nicht nur einmal sterben kann, sondern praktisch in einer Endlosschleife an uns Hoffenden vorüber zieht. Mit dieser Erkenntnis endete das Wochenende.
Am Montag stand ich dann schon um viertel vor Acht Uhr auf dem Gehweg for der Praxis meines Hausarztes, die erst um 8 Uhr geöffnet wird. Es war saukalt! Ich sagte ihm meine Befürchtung, dass ich wahrscheinlich einen Hörsturz erlitten hätte, er leuchtete in meine Ohren und meinte: "Die sind beide völlig zu. Ein Wunder dass Sie überhaupt noch etwas hören. Ehe die Ohren nicht offen sind, kann man nicht feststellen ob ein Hörsturz vorliegt." und gab mir eine Überweisung zum HNO-Arzt.
Zum Glück ist einer gleich hier in nächster Umgebung, am Montag streikten nämlich Busse und Bahnen, und ich bekam sogar einen Termin um 9 Uhr. Glück muss man haben, sonst steckt man endlos im Wartezimmerstau!
Er war der gleichen Meinung wie mein Hausarzt und ging daran meine Ohren zu säubern. Das war aber gar nicht so einfach, auch weil ich, wie der Arzt sagte, extrem enge Gehörgänge habe. Nach einiger vergeblicher Mühe, nicht gerade schmerzlos für mich, gab er am rechten Ohr auf, das linke hatte er frei bekommen, und gab mir ein Rezept für eben jene Tropfen von denen ich eine große, abgelaufene Menge zuhause hatte. Zwei Tage lang solle ich die immer wieder anwenden, damit das Ohrenwachs aufgeweicht würde und dann am Mittwoch, also heute, wiederkommen.
Meine Bemühungen um Erfolg wurden erst gestern Abend belohnt, als ich plötzlich erhebliche Mengen des Verstopfungsmaterials herausspülte. Allerdings hörte ich danach auf dem Ohr immer noch nichts! Also doch Hörsturz, dachte ich.
Heute reinigte der Herr Doktor dann das Ohr vollends, saugte das Wasser ab und BINGO! Ich hörte wieder. Nachdem mein Hörvermögen wieder hergestellt war, fiel mir aber doch auf, wie sehr sich das linke vom rechten Ohr akustisch unterscheidet und ich war froh dass der Arzt einen Hörtest vorschlug. Das Resultat war dann wie erwartet: mein linkes Ohr ist reif für ein Hörgerät. "Altersschwerhörigkeit." sagte der Herr Doktor, der übrigens sehr gut aussieht, auch wenn er selber nicht mehr der Jüngste ist, und sah mich dabei an als wolle er ganz lässig hinzufügen: "Was erwarten Sie denn anderes?" Allerdings schlug er vor, dass ich erst einmal die ganzen Folgetherapien des Schlaganfalls hinter mich bringen solle, ehe man sich dann um mein Gehör kümmert. Damit war ich einverstanden und ich sagte zum Abschied, dass ich mit seiner Behandlung und dem Resultat sehr zufrieden sei.
"Das freut mich." sagte er und meinte es wirklich.

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